Gestaltendes Interpretieren: J. W. v. Goethe, „Die Leiden des jungen Werthers“

Unterrichtsentwurf und Verlaufsplanung der Stunde in einem Grundkurs Deutsch


Unterrichtsentwurf, 2006

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Thema

2. Einordnung der Stunde

3. Unterrichtsziele

4. Unterrichtsvoraussetzungen

5. Didaktische Entscheidungen

6. Antizipation möglicher Schwierigkeiten

7. Geplanter Unterrichtsverlauf

8. Tafelbild

9. Verwendete Literatur

1. Thema

1.1 Thema der Unterrichtsreihe: Erzählte Welt und erzählendes Ich im Roman am Beispiel von J. W. v. Goethe: „Die Leiden des jungen Werthers“
1.2 Thema der Stunde: Gestaltendes Interpretieren am Beispiel von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers[1]

2. Einordnung der Stunde

2.1 Themen der vorangegangenen und der folgenden Stunden:

1. Erste Leseeindrücke – exemplarische Wissensabfrage – Erstellen erster Arbeitshypothesen
2. Die Kommunikationsstruktur von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ am Beispiel des Romananfangs
3. Die Handlungsstruktur des „Werther“
4. Das Beziehungsdreieck: Werther-Lotte-Albert
5. Werthers Absolutheit der Gefühle: Liebe und Selbstmord
6. Gesellschaftskritik im „Werther“
7. Der Briefroman als Neuerung: „Werther“ im Vergleich
8. Gestaltendes Interpretieren am Beispiel des Briefs vom 20. Januar 1772
9. Die Natur als Spiegel der Seele
10. Einordnung des „Werthers“ in die Epoche des Sturm und Drang mit Blick auf die Aufklärung und die Klassik
11. Rezension des „Werthers“ damals und heute
12. Vergleich mit Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“
13. Vergleich mit Hanns-Josef Ortheils „Faustinas Küsse“
14. Wirkung des „Werthers“ bis in die heutige Zeit

2.2 Funktion der Stunde innerhalb der Unterrichtsreihe

Begonnen wurde die Unterrichtsreihe im Januar, gipfelt am 22. März in einer Klausur und endet aller Voraussicht nach vor den Osterferien. Bisher wurden die Kommunikations- und die Handlungsstruktur, das Beziehungsdreieck der drei Hauptpersonen Werther, Lotte und Albert inklusive der Charakterisierungen, sowie Werthers Absolutheit der Gefühle behandelt. In letztgenannten Themenblock wurde bereits ein erster Versuch des Gestaltenden Interpretierens vorgenommen. In den letzten Stunden wurde die im Briefroman angelegte Gesellschaftskritik sowie sein Verhältnis zu den drei Ständen herausgearbeitet sowie die Neuerung des „Werthers“ im Vergleich zu anderen Briefromanen seiner Zeit herausgearbeitet. Die heutige Stunde hat zum Ziel, eine im Zentralabitur relevante Aufsatzform einzuüben: die des Gestaltenden Interpretierens. Hierbei soll die Anwendung bestimmter literarischer Formen bzw. Textsorten (in diesem Fall die des Briefes!) eingeübt und obendrein die Kreativität der Schüler gefördert werden. Dies setzt nicht nur eine klare Aufgabenstellung, sondern auch eine genaue Kenntnis der Textvorlage, das Wissen charakteristischer Eigenschaften der Romanfiguren, die Berücksichtigung der Merkmale der unterschiedlichen Textsorten sowie einen stilistisch und inhaltlich angemessenen Schreibstil voraus. Die weiteren Stunden beschäftigen sich mit Werthers Einstellung zur Natur, die Einordnung des Briefromans in die literarische Epoche des Sturm und Drangs, der Rezension des „Werthers“ damals wie heute sowie weiteren Aspekten (siehe Punkt 2.1). Insgesamt soll der Briefroman in seine literarische Epoche eingebettet und die literarhistorische und kulturelle Bedeutung des Textes herausgearbeitet werden. Die Schüler sollen die sprachliche und die künstlerische Qualität sowie den Gattungsbezug des Briefromans erfassen und die damaligen und heutigen Reaktionen auf den Roman diskutieren.

3. Unterrichtsziele

3.1 Groblernziel:

Die Schüler verstehen die sprachlich-formalen, gattungsbedingten, epochentypischen und inhaltlichen Besonderheiten des im Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ abgedruckten Briefs vom 20. Januar 1772 durch die kreative Gestaltung einer Antwort Lottes nach den erforderlichen Regeln der Aufsatzform „Gestaltendes Interpretieren“.

Die Schüler…

- kennen die Beziehung zwischen Werther, Lotte und Albert, indem sie sich mit einer Textstelle (Brief vom 20. Januar 1772) intensiv auseinander setzen und diese in den Gesamtkontext des Briefromans einbetten.
- erfassen die Komplexität der Aufgabenstellung des „Gestaltenden Interpretierens“, indem sie ihren Schreibprozess erläutern und die aufgetretenen Probleme aufzeigen.
- analysieren den Erfüllungsgrad der Aufgabenstellung, indem sie auf gezielte Fragen begründete Überlegungen darlegen.
- verknüpfen die neuen Erkenntnisse mit ihren bisherigen Arbeiten, indem sie ihre Antwortbriefe überarbeiten bzw. eine ideale Version skizzieren.
-wägen die für die im Zentralabitur vorausgesetzte Aufsatzform des „Gestaltenden Interpretierens“ relevanten Bewertungskriterien ab, indem sie Schlussfolgerungen aus der vorherigen Diskussion ziehen und diese kritisch kommentieren.

4. Unterrichtsvoraussetzungen

4.1 Allgemeine Unterrichtsvoraussetzungen

Seit Anfang des Schuljahres 2005/2006 unterrichte ich den Grundkurs Deutsch (12. Jahrgang) der XY-Oberschule eigenverantwortlich drei Stunden in der Woche. Mein Kurs setzt sich aus acht Schülerinnen und zwölf Schülern aus sieben Tutorengruppen zusammen. Schüler C ist dieses Semester neu in den Kurs gekommen, da er nicht zum Abitur zugelassen wurde und nun die Klasse wiederholen muss.

Insgesamt erlebe ich die Schüler als zumeist interessiert und motiviert.

Die Schüler arbeiten sehr gern in Gruppen- oder Partnerarbeit und sind in der Lage, gute Schülervorträge zu halten. Als eine Schwäche betrachte ich die mangelnden Rechtschreibkenntnisse, die sich vor allem in Klassenarbeiten – nachteilig als Notenpunktabzug! - sowie bei Folienpräsentationen manifestieren. Zudem befindet sich eine Legasthenikerin in der Gruppe. Mein Verhältnis zu den Schülern würde ich als gut bezeichnen.

4.2 Spezielle Unterrichtsvoraussetzungen

Da viele Schüler ihre Werther-Ausgaben von ihren Geschwistern übernommen haben, kursieren nicht nur unterschiedliche Verlagsausgaben (Schöningh, Reclam und andere), sondern auch unterschiedliche Fassungen (Erstfassung von 1774 und Zweitfassung von 1787), was gelegentlich zu Verwirrungen hinsichtlich der Seitenangaben bzw. bestimmter Formulierungen führen kann. Da es in dieser Stunde jedoch speziell um den Brief vom 20. Januar 1772 geht, dürfte dies von keiner großen Relevanz sein.

Die im Zentralabitur verlangte dritte Aufsatzform des „Gestaltenden Interpretierens“ ist in den vorherigen Jahrgangsstufen aufgrund ihrer aktuellen Neueinführung noch nicht behandelt worden. Vor ca. zwei Wochen haben wir diese Aufsatzform bereits ausprobiert. Aufgabe war es, aus Lottes Perspektive einen Brief an Werther zu schreiben. Dieser Brief sollte eine direkte Antwort auf seinen an sie gerichteten, aber noch nicht abgeschickten Brief vom 21. Dezember 1772 (Schöningh-Ausgabe, Seite 108) sein. Voraussetzung war die Annahme, dass Lotte diesen Brief – durch welche Umstände auch immer! –in die Hände bekommt und nun versucht, Werther durch eine passende Antwort vom Selbstmord abzuhalten. Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich, doch alles in allem als recht positiv zu bewerten. Einige Schüler verfassten zwei bis drei Seiten lange Briefe, andere nur wenige Zeilen. Am schwierigsten fiel es den Schülern, sich in die Tonalität Lottes hineinzuversetzen, also die entsprechende sprachlich-stilistische Ebene zu finden. Eines der häufigsten Probleme erscheint mir, ihren Stil nicht mit dem Werthers gleichzusetzen. Aus diesem Grund haben wir uns - nach der Reflektion und Auswertung der selbst geschriebenen Antwortbriefe - in den vergangenen Stunden mit der Charakterisierung Lottes auseinander gesetzt. Und wir haben, vorbereitend auf den heute zu behandelnden Brief vom 2. Januar, über den Wendepunkt zwischen den beiden Teilen des Briefromans gesprochen, die Entwicklung von Werthers Stimmung, seine Beziehung zu Lotte sowie die im Anfang des zweiten Teils vertiefte Gesellschaftskritik behandelt. Somit müsste garantiert sein, dass sich die Schüler ein Bild von Lottes Charakter machen, Werthers Beziehung zu Lotte zu diesem Zeitpunkt einschätzen können sowie mit der Aufgabenstellung des Gestaltenden Interpretierens ansatzweise vertraut sind. Die Sozialform der Gruppenarbeit ist den Schülern vertraut und in dieser Klasse sehr beliebt.

5. Didaktische Entscheidungen

5.1 Abstimmung mit dem Rahmenplan

Die Bestimmungen des Zentralabiturs sehen für diesen Jahrgang vor, dass sich die Schüler intensiv mit epischen Texten beschäftigen, wobei der thematische Schwerpunkt auf der Erzählten Welt und dem erzählenden Ich im Roman liegt. In der Übersicht über die Prüfungsvorgaben im Fach Deutsch (Anlage zum Rundschreiben I Nr. 46/2005) wird für den Grundkurs ein Briefroman von J.W. v. Goethe als zu behandelnder Autor angegeben. Aus dem vorgegebenen Zeitraum von 1770 bis 1800 ist eindeutig abzuleiten, dass es sich hierbei nur um „Die Leiden des jungen Werthers“ handeln kann.

Die curricularen Vorgaben für die gymnasiale Oberstufe (Seite 9) betonen in den Abschlussstandards, dass die Absolventen der gymnasialen Oberstufe über eine „(…) Analyse- und Interpretationskompetenz in Bezug auf literarische und pragmatische Texte (…)“ verfügen sollen. Sie sollen in der Lage sein, Texte durch Textinterpretation und Gestaltende Interpretation zu erschließen sowie einen Wechsel von Perspektiven und die Öffnung für unterschiedliche Betrachtungsweisen zu vollziehen, was wiederum laut Kerncurriculum Deutsch (Anhörungsfassung, Seite 6) vernetztes Denken fördert. Durch das Nachvollziehen von Werthers Gefühlsregungen sowie seiner Weltsicht können den Schülern neue Perspektiven für den Aufbau ihrer eigenen Persönlichkeit eröffnet werden. Diese Fähigkeit wird gerade in der heutigen Zeit als eine der Schlüsselqualifikationen angesehen, weshalb ja auch das Gestaltende Interpretieren, das zu einem Hauptteil aus dem Einnehmen einer bisher unbekannten Perspektive eben diesen Aspekt einführt, als prüfungsrelevant angesehen wird.

5.2 Sachanalyse

„Die Leiden des jungen Werthers“ gelten heute als ein bedeutendes Werk der Weltliteratur und als der größte Prosaerfolg des bekanntesten deutschen Autors, Johann Wolfgang von Goethe. Zudem ist der 1774 verfasste, und 1787 überarbeitete Roman aus der literarischen Epoche des Sturm und Drang[2] (1770-1785) ein repräsentatives Werk seiner Entstehungszeit.[3]

[...]


[1] Zum Titel: Die Erstfassung des Briefromans von 1774 erschien unter diesem Titel. Die überarbeitete Zweitfassung von 1787 trug bereits dem geänderten Sprachgebrauch Rechnung und wurde zu „Die Leiden des jungen Werther“ abgewandelt. Der Text – und Titel! - der von mir verwendeten Schöningh- Ausgabe aus dem Jahre 2005 folgt der ersten Fassung.

[2] Der Titel des Dramas „Sturm und Drang“ von Maximilian Klinger diente dieser Art Jugendbewegung als Titel. Zielsetzung war eine neue Freiheit im Denken, Empfinden und Leben.

[3] Weitere Informationen zum Inhalt, Aufbau sowie den Besonderheiten des Briefromans sind dem von mir verfassten Unterrichtsentwurf vom 09. Januar 2006 zu entnehmen.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gestaltendes Interpretieren: J. W. v. Goethe, „Die Leiden des jungen Werthers“
Untertitel
Unterrichtsentwurf und Verlaufsplanung der Stunde in einem Grundkurs Deutsch
Veranstaltung
Referendariat
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V84309
ISBN (eBook)
9783638002646
ISBN (Buch)
9783638912594
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestaltendes, Interpretieren, Goethe, Leiden, Werthers“, Referendariat
Arbeit zitieren
Kristina Fischer (Autor), 2006, Gestaltendes Interpretieren: J. W. v. Goethe, „Die Leiden des jungen Werthers“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84309

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