Die ägyptische Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ihre Verbindungen zu internationalen Frauenorganisationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
34 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen
2.1 Der Begriff „Feminismus“ in der ägyptischen Frauenbewegung
2.2 Probleme der Historiographie in der Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung
2.3 Das Problem säkularer Bewegungen in einer islamischen Gesellschaft

3. Die Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
3.1 Die ägyptische Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts
3.2 Der Auslöser für weiblichen Aktivismus bei Tucker und Badran
3.2.1 Judith Tucker: Die Frauen der Unterschicht als erste politische Aktivistinnen im frühen 19. Jahrhundert
3.2.1.1 Ägyptische Frauen und die Industrialisierung der Wirtschaft unter Muhammad Ali
3.2.1.2 Informelle Politik als Ausdruck weiblichen Aktivismus
3.2.1.3 Probleme in der Theorie von Judith Tucker
3.2.2 Margot Badran: Die „moderne“ Frau der Ober- und Mittelschicht als Führerin der ägyptischen Frauenbewegung
3.2.2.1 Europäischer Einfluss auf die ägyptische Oberschicht
3.2.2.2 Frauen der ägyptischen Mittelschicht als Begründerinnen der Frauenpresse
3.2.2.3 Die Theoretisierung der ägyptischen Frauenbewegung
3.2.2.4 Der Schleier
3.2.2.5 Probleme in der Theorie Margot Badrans
3.3 Die „unsichtbaren“ Frauen in der ägyptischen Bevölkerung
3.4 Der ägyptische Nationalismus
3.5 Der geistige Ursprung der ägyptischen Frauenbewegung
3.5.1 Die „indigene“ Frauenbewegung
3.5.2 Die ägyptische Frauenbewegung als „westlicher Import“
3.5.3 Die ägyptische Frauenbewegung als Erbe eines männlichen Reformdiskurses

4. Die Verbindung zwischen ägyptischen und internationalen Frauenorganisationen
4.1 Der Versuch einer internationalen Identitätskonstruktion in internationalen Frauenorganisationen
4.2 Der erste Kontakt internationaler Frauenrechtlerinnen mit ägyptischen Aktivistinnen
4.3 Konflikte zwischen nationalen Bestrebungen und internationaler Ausrichtung
4.4 Das Palästina-Problem
4.5 Rückzug in den pan-arabischen Feminismus

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand der Arbeit ist die ägyptische Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Neben einem geschichtlichen Abriss über die Entstehung dieser Bewegung soll betrachtet werden, in welcher Beziehung sie zu internationalen Frauenorganisationen stand.

Der historische Zeitrahmen dieser Arbeit umschließt das 19. Jahrhundert und endet nach dem zweiten Weltkrieg in den 40er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe mich für diese Eingrenzung aus den folgenden Gründen entschlossen.

Im 19. Jahrhundert kam es zu umfangreichen politischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen in der ägyptischen Gesellschaft, in deren Folge ägyptische Frauen in die Öffentlichkeit drängten, um für eine Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position einzutreten. Vor allem zur Jahrhundertwende und in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand aus informellen Gruppen und unter Führung einiger besonders einflussreicher Aktivistinnen eine organisierte Frauenbewegung, die in der ägyptischen Politik, vor allem im Zuge der nationalen Bestrebungen, eine wichtige Rolle spielte. Die Bewegung orientierte sich auch nach außen und suchte Anschluss an große internationale Frauenorganisationen. Beide Seiten waren vor allem in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in ihren Diskursen stark durch diesen Austausch geprägt.

Nach dem zweiten Weltkrieg veränderten sich die Bedingungen sowohl auf nationaler ägyptischer als auch auf internationaler Ebene.

Die internationalen Frauenorganisationen erlebten Spaltungen, Bedeutungsverlust und wurden zum Teil durch andere Organisationen abgelöst. Die ägyptische Frauenbewegung hatte den Tod führender Aktivistinnen zu verkraften, infolge dessen es ebenfalls zu organisatorischen Veränderungen kam. Außerdem vollzog sie, aufgrund von politischen Konflikten, zum Beispiel bezüglich der Gründung Israels, eine bewusste Abgrenzung zu den internationalen Frauenorganisationen und orientierte sich am aufkommenden pan-arabischen Feminismus.

Für die Betrachtung der Verbindung der ägyptischen Frauenbewegung zu internationalen Organisationen erscheint mir diese Eingrenzung daher sinnvoll. Ich nehme sie aber auch aufgrund der geringen Anzahl von Studien zur ägyptischen Frauenbewegung außerhalb dieses Zeitraumes vor.

Ich beziehe mich in dieser Arbeit zum Großteil auf Publikationen von Judith Tucker und Margot Badran, auch wenn beide Autorinnen zum Teil konträre Standpunkte vertreten. Judith Tucker hat sich vor allem mit der Entwicklung einer ägyptischen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert befasst und Margot Badran konzentriert sich auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der sich Organisationen, Theorien und politische Programme herausbildeten. Um die Verbindung der ägyptischen Frauenbewegung zu internationalen Frauenorganisa-tionen zu betrachten, ziehe ich außerdem Texte von Leila Rupp hinzu, die sich unter anderem mit der Problematik von Exklusion und Inklusion nicht-westlicher Aktivistinnen in diesen Gruppen befasst hat.

Die kleine Anzahl von Studien zum Thema der ägyptischen Frauenbewegung lässt sich in Verbindung bringen mit grundsätzlichen Problemen der westasiatischen Historiographie, auf die ich in den Punkten 2.2 und 2.3 noch näher eingehen werde.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden kurz einige Vorüberlegungen bezüglich der Begrifflichkeit und der schwierigen Forschungslage angesprochen. Im zweiten Teil wird die Entwicklung der ägyptischen Frauenbewegung seit dem 19. Jahrhundert dargelegt und unter anderem auf die Ursachen für die gesellschaftlichen Veränderungen und die Frage nach dem geistigen Ursprung der Bewegung eingegangen. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Organisationen, Ziele und Theorien, sowie die Beteiligung der Frauenbewegung an den nationalen Bestrebungen Ägyptens betrachtet. Der letzte Teil der Arbeit widmet sich dem Thema der Verbindung zwischen ägyptischen und internationalen Frauenorganisationen und den daraus resultierenden Identitätskonstruktionen, Problemen und Krisen.

2. Vorüberlegungen

2.1 Der Begriff „Feminismus“ in der ägyptischen Frauenbewegung

Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der ägyptischen Frauenbewegung offenbaren sich gleich zu Beginn grundlegende Probleme mit dem Terminus „Feminismus“ und der problematischen Übersetzung des Wortes in die arabische Sprache. Doch auch in der westlichen Frauenbewegung existiert keine einheitliche oder verbindliche Definition des Begriffs. Es wird zwischen verschiedenen theoretischen Ausprägungen, unter anderem Differenz- und Gleichheitsfeminismus, unterschieden. Eine Kontextualisierung ist daher in jedem Fall notwendig, wen von Feminismus die Rede ist. Die Geschichte von Frauenbewegungen wird dennoch häufig in Verbindung zu diesem Begriff gesetzt, selbst wenn nicht alle Mitglieder zugehöriger Organisationen sich selbst als Feministinnen verstehen oder sich auf eine Definition einigen können. Bei der Betrachtung der ägyptischen Frauenbewegung wirft diese Problematik noch weitere Fragen auf, da der Begriff im 19. Jahrhundert aus Europa in eine Gesellschaft und eine Sprache transportiert wurde, die keine indigene Entsprechung hatte und eine Übersetzung erst konstruieren musste.[1] Die arabische Entsprechung zum Wort „Feminismus“ ist al-nisa’iyya. Der Begriff wird vom Pluralwort „Frauen“- nisa - abgeleitet und in nisa’i oder nisa’iyya transformiert. Dieses Wort umschreibt damit alle Sachverhalte, die mit Frauen als Gruppe oder dem weiblichen Geschlecht in seiner Gesamtheit in Verbindung gebracht werden. Eine genaue Übersetzung lässt sich meist nur aus dem Kontext herleiten.[2]

Die arabische Entsprechung zu „Feministin“ ist nisa’iyah, aber auch dieses Wort hat keine eindeutige Bedeutung, da es gleichzeitig auch mit dem Adjektiv „feminin“ zu übersetzen ist.[3]

Aufgrund dieser problematischen Übersetzungslage ist es noch schwieriger eine Definition des Wortes in Bezug zur ägyptischen Frauenbewegung festzulegen und diese mit einer Definition in Verbindung zu bringen, die in anderen Frauenbewegungen existierte. Ein Großteil der Aktivistinnen, vor allem zur Zeit der britischen Besatzung, lehnte den Begriff darüber hinaus als „westliches“ Konstrukt ab und zog eine theoretische Parallele zwischen dem patriarchalischen Element einer männlich dominierten Gesellschaft und dem patriarchalischen Element des Kolonialismus.[4]

Ich werde versuchen den Begriff zu vermeiden, wenn nicht die besprochenen Personen sich explizit selbst als Feministinnen oder Feministen definiert haben oder ich mich auf Argumente bestimmter Forscherinnen beziehe, die den Begriff verwenden.

2.2 Probleme der Historiographie in der Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung

Versucht man die Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung darzustellen, so fällt auf, dass sich die Quellenlage, vor allem für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, äußerst schwierig gestaltet. Historische Quellen sind fast ausschließlich von Männern verfasst, da nur sie Zugang zu Bildungseinrichtungen hatten. Eine weibliche Perspektive ist daher kaum zu finden. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es einzelne Tagebuchaufzeichnungen und erste Zeitungsartikel, die von Frauen unter männlichem Synonym verfasst wurden.[5] Existierende Untersuchungen westlicher Forscher zur ägyptischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts konzentrieren sich meist auf politische Institutionen und Ereignisse, bei denen es zu interkulturellem Kontakt kam. Darüber hinaus veröffentlichten Forscher aus Europa und Nordamerika bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts Arbeiten, die sehr ethnozentristisch und orientalistisch geprägt waren und eine verzerrte Perspektive auf die Frage des westlichen Einfluss auf die Entstehung einer ägyptischen Frauenbewegung aufwiesen.[6]

Ägyptische Forschungen sind theoretisch von verschiedensten Einflüssen geprägt (empirische Methoden moderner Sozialwissenschaften, die französische Annales-Schule oder theoretische Rahmen wie der Marxismus) aber leider zum Teil methodisch von sehr unterschiedlicher Qualität.[7] Auch sie zeigen meist nur sehr begrenzte historische Ausschnitte.

Gleichzeitig sind Arbeiten, die sich mit der Frage kultureller Verknüpfung zwischen Ägypten und Europa befassen, immer mit dem Bewusstsein für eine fundamentale Ost-West-Dichotomie zu lesen, die sich aus dem Problem herleitet, dass alle ägyptischen Überlegungen zur Frage des interkulturellen Einflusses seit der Zeit des Kolonialismus Krisendiskurse sind.

2.3 Das Problem säkularer Bewegungen in einer islamischen Gesellschaft

Zu beachten ist außerdem die islamische Prägung arabischer Gesellschaften, die sich auch in der Geschichtsschreibung wiederfindet, selbst wenn das besprochene Thema nicht zwangsläufig einen religiösen Bezug aufweist.

In der Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung finden sich kaum Beispiele explizit säkularer Gruppierungen, die versucht hätten außerhalb eines islamischen Kontextes zu argumentieren. Hinter diesem begrenzten diskursiven Horizont verschwinden Gruppierungen, deren Agenda den Kampf gegen alle Formen sozialer Ungerechtigkeit umfasste. Dazu zählen im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem Gruppen mit marxistischer Ausrichtung, die sich unter der Bezeichnung al- nisa’iyya Marxiyat /„marxistischer Feminismus“ definierten und sich mit den Themen der nationalen Befreiung und internationaler Klassenkonflikte auseinander setzten. Eine Debatte über diese Themen aus einer säkularen Perspektive heraus war in der ägyptischen Gesellschaft aber fast unmöglich, da die gesellschaftlichen Traditionen und vor allem die Idee einer ägyptischen Nation untrennbar mit religiösen Aspekten verbunden waren. Die Aktivistinnen, die sich in ihren Argumentationen nicht dem diskursiven Rahmen des Islam bedienten, sahen sich fast unmittelbar Vorwürfen ausgesetzt, die sie als anti-religiös und anti-nationalistisch brandmarkten und ihnen die Kollaboration mit dem westlichen Imperialismus unterstellten.[8] Bis heute ist der Bezug zur Religion im Kontext gesellschafts-relevanter Themen fast unumgänglich, weshalb säkulare Bewegungen in der Geschichtsschreibung nach wie vor kaum eine Rolle spielen.

Zum Entwicklung der Frauenbewegung in Ägypten seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert gibt es keinen gesamtheitlichen geschichtlichen Überblick, der alle wichtigen Elemente einschließt, statt nur ein einseitiges Bild zu zeichnen. Wie bereits erwähnt, ist dies zum einen auf die schlechte Quellenlage zurück zuführen, die viele Forscher dazu bringt, sich auf die viel-publizierten Frauen der Egyptian Feminist Union (EFU/ al-Ittihad al-Nisa’i al-Misri), allen voran auf die Präsidentin der Union Huda Sha’rawi[9], zu konzentrieren.

Damit entsteht der Eindruck, dass sich die ägyptische Frauenbewegung nur aus muslimischen Frauen der Oberschicht rekrutierte und aus einer einzigen Organisation, der EFU, bestand. Andere Gesellschaftsschichten oder Minderheiten in der Bevölkerung werden so zum großen Teil ausgeblendet.

Noch unklarer und zum Teil widersprüchlich sind die Einschätzungen zum geistigen Ursprung der Bewegung bezüglich westlicher oder religiöser Einflüsse und der Verbindung zu männlichen Reformdiskursen, die sich in der selben Zeitperiode entwickelten, wie die feministischen Diskurse der Aktivistinnen. (Dazu siehe Punkt 3.5.3)

Ohne alle diese Probleme lösen zu können, soll in der Arbeit kurz auf einige Punkte eingegangen werden, in dem Versuch möglichst viele Elemente der ägyptischen Frauenbewegung darzustellen.

3. Die Geschichte der ägyptischen Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

3.1 Die ägyptische Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Viele Studien zur ägyptischen Frauenbewegung beginnen mit ihrer Analyse im Jahr 1919, als ägyptische Frauen zum ersten Mal in organisierter Form Einfluss auf die offizielle Politik nahmen, indem sie sich an den Demonstrationen für die ägyptische Unabhängigkeit beteiligten. Ein Bewusstsein für die Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft und daraus resultierende Aktivitäten gab es aber schon während des 19. Jahrhunderts.

Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der ägyptischen Frauenbewegung liegt daher in den gesellschaftlichen Zuständen während der osmanischen Herrschaft. Ein entscheidender Einflussfaktor ist die islamische Religion, der sich in Rechtsprechung und Wissenschaften widerspiegelt. Seit der Eingliederung in das Osmanische Reich mussten alle Bewohner Ägyptens Steuern an den Sultan in Konstantinopel zahlen. Dies hatte die Herausbildung sozialer Klassen aus einer vormals feudalen Gesellschaft zur Folge. Der direkte Einfluss der Hohen Pforte auf Ägypten war jedoch nicht besonders stark.

Stattdessen wurden alle stellvertretenden Regierungsaufgaben, darunter die Steuereintreibung, von den Mamluken, einer militärischen Kaste ehemaliger Sklaven türkischer, kaukasischer oder slawischer Herkunft, ausgeführt.[10]

Obwohl man die Gesamtheit der ägyptischen Gesellschaft als patriarchalisch geprägt bezeichnen kann, so war das System von männlicher Kontrolle über die weibliche Sexualität in den einzelnen sozialen Klassen unterschiedlich ausgeprägt. Am stärksten waren patriarchalische Strukturen in der Oberschicht zu finden. Dort herrschte bis ins 19. Jahrhundert die sogenannte Harem-Kultur, die sich auf die Geschlechtertrennung in der Familie und die Isolation der Frauen in einem abgegrenzten Bereich des Hauses bezieht. In der öffentlichen Sphäre führte dies zu einer männlichen Dominanz, während Frauen, häufig ohne jeglichen Zugang zu Bildung, auf ihre Funktion in der Reproduktion und Kindererziehung reduziert wurden. Die Familienplanung, basierend auf bewusster Verheiratung und dem Ziel einer großen Nachkommenschaft, beruhte auf der Notwendigkeit für Oberschicht-Familien, möglichst große Haushalte und gute Beziehungen zu anderen Familien aufrecht zu erhalten, um ihren Einfluss zu sichern.[11] Diese Praxis wurde häufig fälschlicherweise mit religiösen Argumenten in Verbindung geprägt. Stattdessen basierte sie nach wie vor auf dem System einer prä-islamischen Stammesgesellschaft, in der die Geschlechtertrennung als notwendige Form der Stammesorganisation im sich gerade vollziehenden Prozess der Sesshaftwerdung auftrat.[12]

Statt auf islamischen Prinzipien, beruhten die häusliche Isolation von Frauen, aber auch die Verschleierung auf fundamentalen Anschauungen über Sexualität und Moral, und wurden daher nicht nur in islamischen, sondern auch in jüdischen und christlichen Oberschicht-Familien praktiziert. Diese Anschauungen beinhalteten, dass Männer nur zum Teil als sexuelle Wesen verstanden wurden, während Frauen ausschließlich über ihre Sexualität wahrgenommen wurden. Ihre sexuelle Reinheit war mit der Ehre der gesamten Familie verknüpft. Das durchschnittliche Hochzeitsalter lag bei 13 Jahren in den städtischen Oberschicht-Familien (hauptsächlich althergebrachte Stammesfamilien praktizierten auch die Verheiratung von jüngeren Mädchen)[13], wobei das Mädchen sich nach der Hochzeit in das hierarchische Gefüge der weiblichen Familienmitglieder ihres Ehemannes einordnen musste.

Dieses hierarchische Gefüge von Unterordnung und Konkurrenz im abgegrenzten weiblichen Teil des Haushalts, welches auf den Faktoren Alter und Status (Ehefrau, Konkubine, Sklavin) beruhte, unterstützte die unangefochtene Macht der männlichen Familienmitglieder.[14]

Frauen aus Familien der gesellschaftlichen Mittelschicht waren zum Teil auch isoliert und unterlagen der identitären Bestimmung durch männliche Moralvorstellungen, aber hier war das patriarchalische System nicht so stark ausgeprägt. Sie waren daher auch die ersten, denen von ihren Familien der Besuch von neu gegründeten Mädchenschulen gestattet wurde. Im Unterschied zu den Frauen der Oberschicht übten diese Frauen zum Teil auch Berufe aus.

Auch Mittelschicht-Familien waren hauptsächlich in städtischen Zentren zu finden, die für die Frauen genügend Möglichkeiten boten, in spezifischen „Frauenberufen“ aktiv zu sein. Zu diesen Tätigkeiten zählten, neben der Textilverarbeitung auch Esoterik- und Naturheilkunde, sowie Hebamme, Händlerin, Kosmetikerin, Kupplerin, Sängerin und Prostituierte. Durch ihre Arbeit hatten diese Frauen Zugang zu einem großen sozialen Netzwerk und stellten für Frauen der Oberschicht häufig die einzige Möglichkeit dar, mit Frauen außerhalb der eigenen Familie zu kommunizieren.[15]

In den unteren Klassen der Gesellschaft, die in den ländlichen Gebieten zu finden war, ließ es die ökonomische Situation nicht zu, Frauen auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau zu reduzieren. Wie die Männer arbeiten Frauen in der Landwirtschaft. Praktiken wie die Geschlechtertrennung im Haus und die Verschleierung der Frauen waren kaum verbreitet.[16]

3.2 Der Auslöser für weiblichen Aktivismus bei Tucker und Badran

Judith Tucker und Margot Badran bestimmen den Eintritt ägyptischer Frauen in die öffentlichen und politischen Bereiche der Gesellschaft an unterschiedlichen Punkten und führen ihn auch auf unterschiedliche Einflussfaktoren zurück. Beide Theorien schließen sich nicht zwangsläufig aus und sind wichtig für die Untersuchung, um einen Überblick über das gesamte Spektrum weiblicher Aktivitäten im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Ägypten zu erhalten, auch wenn beide Theorien nicht unkritisch zu betrachten sind, da sie einige Probleme aufweisen.

[...]


[1] Vgl. Rupp II, 1997:130.

[2] Vgl. Bräckelmann, 2004:13.

[3] Vgl. Badran II, 1994: 19.

[4] Vgl. Rupp II, 1997:134.

[5] Vgl. Tucker II, 1983:323.

[6] Vgl. ebd.:324.

[7] Tucker II, 1983:321f.

[8] Vgl. Al-Ali, 2000:1f, 5.

[9] Huda Sha’rawi: 1879-1947; entstammt einem wohlhabenden Kairoer Haushalt und gehört zur letzten Generation ägyptischer Frauen, die noch in einem Harem aufwächst; Präsidentin des Wafdist Women’s Central Commitee und Anführerin der nationalen Proteste 1919; Gründerin und Präsidentin der Egyptian Feminist Union 1923-1947; Gründerin der Zeitschriften L’Egyptienne 1925 und al-Misriyya 1937; Mitglied der International Alliance of Women for Suffrage and Equal Citizenship, Vizepräsidentin 1935; verheiratet mit ihrem Cousin Ali Sha’rawi, der führendes Mitglied der Wafd-Partei war und 1923 verstarb (Vgl. Badran/Cooke, 1990:41.)

[10] Vgl. Hatem, 1986:254.

[11] Vgl. Tucker II, 1983:330.

[12] Vgl. Hatem, 1986:253f.

[13] Vgl. Badran II, 1994:5.

[14] Vgl. Hatem, 1986:251, 258.

[15] Vgl. ebd.:263.

[16] Vgl. Tucker II, 1983:330.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die ägyptische Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ihre Verbindungen zu internationalen Frauenorganisationen
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
34
Katalognummer
V84326
ISBN (eBook)
9783638005203
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbewegung, Jahrhunderts, Verbindungen, Frauenorganisationen
Arbeit zitieren
Alexandra Samoleit (Autor), 2007, Die ägyptische Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ihre Verbindungen zu internationalen Frauenorganisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84326

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