Bakunins anarchistischer Begriff der Freiheit und das Freiheitsverständnis in Deutschland heute: unvereinbare Gegensätze?


Hausarbeit, 2007
17 Seiten, Note: 1,3

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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bakunins Anarchismus
2.1 Zwei Parteien: Idealismus und Materialismus
2.2 Bakunins Menschenbild
2.3 Bakunins Freiheitsbegriff

3. Das Freiheitsverständnis in Deutschland
3.1 Die unterschiedlichen Verständnisse von Freiheit in Deutschland
3.2 Freiheit und Gleichheit als Gegenspieler?
3.3 Freiheit – nur eine Theorie?
3.4 Gleichheit und Sicherheit – im Zweifel doch wichtiger als die Freiheit?
3.5 Prognose: Wie entwickelt sich der Freiheitsbegriff der Deutschen?

4. Fazit: Bakunins anarchistischer Begriff der Freiheit und das Freiheitsverständnis in Deutschland heute: unvereinbare Gegensätze?

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

"Freiheit! Ein schönes Wort wer’s recht verstünde."[1]

Schon als Goethe 1775 begann sein Trauerspiel ‚Egmont‘ zu schreiben, war ihm klar, dass der Begriff der Freiheit für ein größtenteils als positiv angesehenes, aber auch in jedem Fall sehr verworrenes und vieldeutiges Konzept steht. Und auch heute lässt sich keine wirkliche Klärung dieser Verwirrung erkennen, eher eine noch größere Komplexität: von der Freiheit tun und lassen zu können was man will, über ökonomische Freiheiten im marktwirtschaftlichen Sinne der bis hin zur Freiheit von Armut – das und mehr kann als „Freiheit“ verstanden werden, und es wird sowohl im Alltag als auch in politischen Diskussionen selten spezifiziert was der sich Äußernde tatsächlich damit gemeint hat.

Trotzdem spielt der Begriff der Freiheit vor allem in der westlichen Welt eine große Rolle und wird durchweg als etwas positives angesehen. Schon die Französische Revolution, die als eines der bedeutendsten Ereignisse auf dem Weg zu den heutigen westlichen Demokratien angesehen wird, stand unter der Losung „Liberté, Egalité et Fraternité“, Freiheit war also schon hier eines der Hauptziele, zu dem viele Menschen strebten – hier vor allem verstanden als politische Freiheit. Zumindest der Begriff „Freiheit“ scheint sich spätestens seit 1791 wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte der westlichen Staaten zu ziehen. Gerade Politiker bedienen und bedienten sich in ihren Reden immer wieder des Wortes.

Das macht es – auch für eine Analyse politischer Systeme – sehr wichtig und aussagekräftig, zu verstehen wie „Freiheit“ mit seinen vielen verschiedenen Dimensionen von der Bevölkerung eines Landes aufgenommen wird. Aus diesem Grund möchte ich mich im folgenden einer Analyse des Freiheitsbegriffs der Deutschen zuwenden, die auf den Daten einer Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie (IfD) basiert. Die Erkenntnisse, die diese Studie von 2003 über den Begriff der Freiheit in Deutschland bringt, möchte ich gerne in Relation setzen zum Freiheitsbegriff eines radikalen politischen Theoretikers der Zeit der Deutschen Revolution 1848: Michail Bakunin. Dieser vertrat eine sehr starke Version eines politischen Freiheitsbegriffs, mit dem er seine anarchistische politische Philosophie begründete. Da er sich nicht vorrangig theoretisch sondern sehr praktisch mit politischen Systemen und dem Kampf zur Freiheit auseinandersetzte und sich in der Zeit der politischen Umbrüche in Europa zwischen 1840 und 1870 in unterschiedlichsten Ländern (u.a. eben auch Deutschland) stark für Bewegungen zur Freiheit eingesetzt hat, erscheint er mir sehr geeignet, um seine Ansichten über die Freiheiten mit denen der deutschen Bevölkerung zu vergleichen.

Dabei möchte ich zunächst in groben Zügen Bakunins grundlegende Ansichten über Philosophie und Politik beschreiben, um diese anschließend in Verbindung mit den Ergebnissen der Studie des IfD zu setzen. Abschließend möchte ich die Frage beantworten, ob Bakunins anarchistischer Freiheitsbegriff und das Verständnis von Freiheit im heutigen Deutschland unvereinbare Gegensätze sind oder nicht.

2. Bakunins Anarchismus

Wie bereits eingangs erwähnt, sind Bakunins Schriften weniger theoretische Philosophie als vielmehr die Begründung eines konkreten Handelns, von politischer Aktion zu lesen. Daher ist es auch schwierig aus seinen Beiträgen in unterschiedlichen Medien (Bücher, Zeitschriften, Flugblätter) eine konsistente Theorie abzuleiten. Dies liegt vor allem daran, dass Bakunins Ausgangspunkt (wie bei jeder anarchistischen Lehre) die Empörung des Menschen gegen jedwede Unterdrückung ist, und daher eine Reaktion auf bestimmte Umweltbedingungen und keine theoretische Erkenntnis ist. Daraus ergeben sich zwei, für jegliche Form des Anarchismus, zentrale Aufgaben: zum einen die Zerstörung des bestehenden Gesellschaftssystems und zum anderen das Erreichen eines neuen Zustands, der ohne Herrschaft von Menschen über Menschen auskommt.[2] Im folgenden möchte ich nun einige basale Elemente des Bakuninschen Denkens aufgreifen, um dieses verständlicher zu machen, bevor ich schließlich auf den zentralen Begriff der Freiheit eingehen werde.

2.1 Zwei Parteien: Idealismus und Materialismus

Bakunin unternimmt den Versuch der Einteilung von Weltanschauungen in zwei Kategorien: die des Idealismus und die des Materialismus, auch wenn er diese Trennung nicht konsequent aufrecht erhalten kann. Er selbst bekennt sich am Anfang seines Wirkens zum Idealismus, genauer zur Philosophie Hegels. Später kennzeichnet er ihn allerdings als zu abstrakt, weil sie zum einen von empirisch nicht erfassbaren Erkenntnissen ausgeht und sich nicht auf das praktische Leben auswirkt. Zum Idealismus zählt Bakunin etwa Metaphysik und Religion, und diese stellen geschlossene Denksysteme dar, die dogmatisch und doktrinär wirkten. Da für ihn jede Form von Autorität problematisch erscheint, lehnt Bakunin den Idealismus entschieden ab. Das einzig positive was er einigen Autoren des Idealismus, allen voran Hegel, abgewinnen kann, ist die Betonung der Macht der Negation: Bakunin geht ebenso wie dieser davon aus, dass nur durch Negatives, also durch Zerstörung, Kampf, etc., tatsächliche Entwicklung passieren kann. Deshalb nutzt Bakunin auch später, als er sich zur „Partei“ der Materialisten bekennt, die Hegelsche Dialektik und auch ihr Vokabular; dennoch lehnt er den Idealismus im Ganzen ab.[3] Stattdessen rechnet er sich zu den Materialisten, vor allem weil diese empirisch arbeiten, also ihre Erkenntnisse rein auf der Erfahrung aufbauen. Bakunin lässt sich vom Trend der neuen Wissenschaften, vor allem der Soziologie mitreißen, geht davon aus, dass unsere ganze Welt deterministisch durch Naturgesetze bestimmt wird, auch die menschliche Gesellschaft, und dass es uns möglich ist, diese Gesetze zu erforschen und sie im Alltag gewinnbringend einzusetzen. Gerade die Tatsache, dass sich die Erkenntnisse der Wissenschaft im realen Leben einbringen lassen, lässt Bakunin sich dieser Richtung anschließen. Außerdem findet er im Materialismus, wie auch bei Hegel systematische Züge, jedoch mit dem Unterschied dass die Materialisten nicht davon ausgehen, bereits ein bestehendes System gefunden zu haben, und deshalb immer weiter forschen. Das ist besonders wichtig, weil Bakunin auch bei den Materialisten die Gefahr sieht, dass sie zu weit in ein systemisches und metaphysisches Spektrum abdriften, und somit selber zu einer geistigen Autorität werden. Außerdem fehlt ihm bei den Materialisten die Betonung der negativen Kräfte. Da er diese aber aus der Hegelschen Dialektik gewinnt ist das für ihn kein Problem, zeigt jedoch, wie unscharf die Unterteilung in Materialismus und Idealismus doch ist.[4]

2.2 Bakunins Menschenbild

Noch weitaus wichtiger für das Verständnis von Bakunins Idee von Freiheit scheint neben seiner Einordnung in denkerische Traditionen das Menschenbild, auf dem er seinen Anarchismus aufbaut. Dieses möchte ich im folgenden kurz umreißen.

Bakunin charakterisiert den Menschen zunächst als ein materielles Wesen im Sinne seiner Unterworfenheit unter die ihn deterministisch beeinflussenden Naturgesetze. Er unterscheidet sich damit nicht von anderen Wesen auf der Welt und für Bakunin ist auch das menschliche Wesen grundsätzlich fassbar für eine wissenschaftliche Erklärung.[5] Das drückt sich auch darin aus, dass Bakunin immer wieder die menschliche „Animalität“ als eine wesentliche Eigenschaft des Menschen beschreibt, und damit meint, dass der Mensch sich zunächst nicht sehr vom Tier unterscheidet, außer, dass er alles, was das Tier auch macht, in menschlicher Weise tut. Damit ist der Mensch einerseits als ein Teil der Natur, welches sich nicht von anderen unterscheidet, charakterisiert; Bakunin erkennt aber auch, dass er sich ihr widersetzt. Deshalb zeigt er auf, dass der Mensch nur zunächst in absoluter Abhängigkeit zur Natur steht, sich seine Freiheit und sein Mensch sein erst erkämpfen muss. Hierin kann man deutliche Anleihen zur Darwinschen Evolutionstheorie sehen, deren Anhänger Bakunin war.[6] Illustriert wird dies noch durch den Vergleich des Arbeitsbegriffes beim Menschen und beim Tier: während das Tier eine immer gleiche Arbeit verrichtet, ist die Arbeit des Menschen „progressiv“, d.h. er entwickelt sich in ihr und durch die Ergebnisse, die er durch sie erzielt. So modifiziert er etwa durch die Konstruktion von Werkzeugen die Welt wie auch seinen eigenen Geist, und durch die Nutzung dieser Werkzeuge werden wiederum er selbst und die Welt verändert (z.B. kann der Mensch im Gegensatz zum Tier die Fähigkeit der Abstraktion erwerben). Nur durch diese Art der Gestaltung der Welt und des eigenen Selbst, kann der Mensch eine Evolution hin zu wirklicher Menschlichkeit vollziehen.[7]

Jeglicher individuellen und gesellschaftlichen menschlichen Entwicklung liegen nach Bakunin drei grundlegende menschliche Eigenschaften zugrunde: zum einen die oben beschriebene Animalität, von der er sich immer weiter entfernt, die aber trotzdem einen großen Teil seines Wesens ausmachen, außerdem den Gedanken, den er durch die Entwicklung hin zur Menschlichkeit erwirbt und weiterhin den Trieb der Empörung.[8] Bakunin betont in seinem Werk in besonderem Maße das erste und das dritte Prinzip, was ihn deutlich von der denkerischen Tradition des Westens abhebt.

Abschließend möchte ich nun noch das dritte Grundprinzip, das notwendig für eine menschliche Entwicklung ist, beschreiben: die Empörung. Sie ist zusammen mit dem Befehlsinstinkt einer der beiden für den Menschen wesentlichen Instinkte. Während der Befehlsinstinkt, d.h. der Instinkt entweder selbst Autorität ausüben zu wollen oder sich dem Mächtigeren zu unterwerfen (verblieben aus der Zeit des Kampfes um das Überleben), von Bakunin als das größte Übel der Menschheit bezeichnet wird, baut er seine revolutionären Ideen hauptsächlich auf dem Instinkt der Empörung auf. Dieser basiert auf dem (bewussten oder unbewussten) Streben nach Gerechtigkeit, was für Bakunin gleichzusetzen ist mit einem Streben nach einer vollständigen menschlichen Existenz, die nur in Freiheit und Gleichheit vollzogen werden kann – dem Ziel jeder menschlichen Entwicklung. Diesen Instinkt habe jeder, aber nur wenige entwickeln dieses vage, unbewusste Gefühl hin zu einem klaren Gedanken. Wenn ein Mensch dies allerdings erreicht hat, dann empört er sich in durch Herrschaftlichkeit gekennzeichneten Zuständen und beginnt aktiv gegen sie zu kämpfen, sie zu zerstören und zu revolutionieren. Nur durch diese Negation der herrschenden Gesellschaft, zu der potentiell jeder Mensch fähig ist[9], kann nach Bakunin tatsächliche politische und gesellschaftliche und damit menschliche Entwicklung erreicht werden und eine anarchistische, d.h. herrschaftslose Gesellschaft etabliert werden, in der Freiheit und Gleichheit herrscht.

2.3 Bakunins Freiheitsbegriff

Aus der vorgehenden Beschreibung von Bakunins Freiheitsbegriff und seiner Unterteilung in zwei fundamentale denkerische Richtungen wird klar, welch hohen Status der Begriff der Freiheit in Bakunins Denken einnimmt – was natürlich bei einem anarchistischen Denker auch nicht anders zu erwarten ist. Da es in dieser Arbeit aber hauptsächlich um die Analyse des Freiheitsbegriffs an sich gehen soll, möchte ich diesen im folgenden detailiert darlegen. Dazu muss zunächst noch einmal die Trennung zwischen Idealismus und Materialismus bemüht werden, denn Bakunin beschreibt in seinem Werk zwei Begriffe der Freiheit: einen metaphysisch-theologischen, den er dem idealistischen Denken zurechnet (libre arbitre) und strikt ablehnt, und den von ihm tatsächlich verfolgten, materialistischen Freiheitsbegriff (liberté).

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Egmont, IV. Aufzug

[2] Vgl. Lawen, Irene: 1996, S. 171

[3] Vgl. van Dooren, Wim: 1985, S.23ff.

[4] Vgl. ebd. S.25ff.

[5] Vgl. van Dooren, Wim: 1985. S.32

[6] Vgl. Lawen, Irene: 1996. S.175

[7] Vgl. Maximoff, G.P.: 1964. S.88

[8] Vgl. Bakunin, Michail A.: 1871. S.98,101

[9] Bakunins Vertrauen auf die Empörung der Masse, d.h. aller Menschen, die zu einem revolutionären Umsturz führt führte auch zu einem tiefgehenden Streit mit Marx, seinem direkten Gegenspieler in der sozialrevolutionären Bewegung seiner Zeit, der die Revolution nur durch die Arbeiterklasse ausführen lassen wollte (vgl. van Dooren, Wim: 1985. S.62-70. (Bakunins Verhältnis zu Marx)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bakunins anarchistischer Begriff der Freiheit und das Freiheitsverständnis in Deutschland heute: unvereinbare Gegensätze?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft (IfPol))
Veranstaltung
Einführung in die politische Ideengeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V84350
ISBN (eBook)
9783638005326
ISBN (Buch)
9783638913591
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertung des Dozenten: Die Arbeit ist klar strukturiert, die Beantwortung der Frage wird zielstrebig abgearbeitet. Die Vorgehensweise ist einleuchtend, der rote Faden der Arbeit grundsätzlich nachvollziehbar. An der äußeren Form der Arbeit ist grundsätzlich ebenso wenig etwas auszusetzen wie an der Argumentation der Arbeit. Kritisch anzumerken sind allenfalls Kleinigkeiten (Behandlung Bakunins haupts. an Sekundärlit.), die aber nichts daran ändern, dass Herr Löhe eine überdurchschnittlich gute Arbeit vorgelegt hat. Alles in allem bewerte ich diese Arbeit mit einer 1,3 (eins Komma drei).
Schlagworte
Bakunins, Begriff, Freiheit, Freiheitsverständnis, Deutschland, Gegensätze, Einführung, Ideengeschichte
Arbeit zitieren
Marc Löhe (Autor), 2007, Bakunins anarchistischer Begriff der Freiheit und das Freiheitsverständnis in Deutschland heute: unvereinbare Gegensätze?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84350

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