Im Zentrum des „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach steht das problematische Verhältnis von Religion, Verwandtschaft und Minne. Inhaltlich fällt das sofort ins Auge, da zwei Familien einen Glaubenskrieg führen, der zusätzlich einzelne Personen zwischen die Fronten bringt. Im „Willehalm“ wird „ausgelotet, wie weit die familiäre Bindung in den Schrecken des Heidenkrieges noch reicht.“ Fester Bestandteil des christlichen Glaubens sowie der beiderseitigen verwandtschaftlichen Werte - und damit zentraler Ausdruck des Konflikts - ist die triuwe. Denn sie hat sowohl eine weltliche, also zwischenmenschliche und staatliche Dimension als auch eine religiöse. Die Herausgestaltung der triuwe wird als eine der wesentlichen Leistungen und Eigenarten der Wolframschen Dichtung angesehen.
Ich beginne meine Arbeit mit der Darstellung der Verwandtschaftskonstellation von Heiden und Christen im „Willehalm“, wie sie etwa von Martin Przybilski und Ursula Peters als eine Gegenüberstellung von agnatischem geslehte und kognatischer sippe aufgefasst wird. Ich weise dabei vor allem auf die auf beiden Seiten fragilen familiären Bindungen hin. Denn es ist zu zeigen, dass auch im exklusiven Entwurf des christlichen geslehte (,‚Geschlecht“, „Stamm“, „Familie“) Risse entstehen.
Danach untersuche ich den Begriff der triuwe, also die Etymologie und Bedeutung dieses Wortes, welches nicht allein mit „Treue“ übersetzt werden kann.
Im Anschluss wird gezeigt, dass im „Willehalm“ die Heiden und Christen zwar ähnliche
verwandtschaftliche Werte wie Solidarität oder Verteidigung der Sippenehre kennen, die Christen aber eine besondere, religiöse Vorstellung von der triuwe haben. Der Familienzusammenhalt bedarf eines höheren Ideals, vor allem, wenn es darum geht in einen Glaubenskrieg zu ziehen, bei dem die familiäre Bindung unerlässlich für die militärische Unterstützung ist. Ebenso bedarf die triuwe einer zusätzlichen Motivation, nämlich der religiösen Ausrichtung, um ihre überzeugende Kraft zu bekommen.
Am Ende meiner Arbeit wird anhand der Szene am Königshof in Laon die Notwendigkeit und Wirkung der Mahnung Willehalms zu religiöser triuwe gezeigt, unter der gleichsam alle weltlichen Bedeutungen von Treue zusammenkommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verwandtschaft im „Willehalm“
4. Triuwe bei Heiden und Christen
5. Religiöse Motivierung der christlichen triuwe
6. Christliche triuwe am Beispiel der Hofszene in Laon
7. Ergebnisse
8. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Begriffs der „triuwe“ in Wolfram von Eschenbachs Epos „Willehalm“, wobei insbesondere das Spannungsfeld zwischen weltlichen, verwandtschaftlichen Bindungen und dem religiösen Anspruch des christlichen Glaubens analysiert wird.
- Analyse der Verwandtschaftskonstellationen (agnatische und kognatische Sippenstrukturen) bei Heiden und Christen.
- Etymologische und semantische Erschließung des Tugendbegriffs „triuwe“ im mittelalterlichen Kontext.
- Untersuchung der religiösen Motivierung der christlichen „triuwe“ als notwendiges Bindeglied in kriegerischen Konflikten.
- Interpretation der Hofszene in Laon als Ausdruck der Krise und Neufestigung des Sippengefühls.
- Diskussion der Unvereinbarkeit von weltlichen Werten und christlicher Ethik im Epos.
Auszug aus dem Buch
Begriff der triuwe
Das heutige Wort „Treue“ geht auf das mittelhochdeutsche Wort triuwe zurück. Im Laufe der Sprach- und Lautentwicklung änderte sich die Schreibweise von triuwe. Durch die am Ende des Mittelalters folgende Diphtongieruflg von /iu/ zu /eu/ gelangte es letztlich in unseren Sprachgebrauch. Bereits im frühen Mittelalter existierte das Wort neben dem zugehörigen Adjektiv getriuwe. Im Laufe der mittelalterlichen Epoche von 750 n. Chr. bis ins 16. Jhd. gewann es im Sprachgebrauch zunehmend an Stellenwert und Bedeutungsvielfalt.
Dem Grimm‘schen Wörterbuch zufolge, geht der mittelhochdeutsche Begriff tnuwe auf das althochdeutsche Wort triuwa und das Adjektiv getriuwi zurück. Bereits das allgemeingermanische, bzw. gotische, Wort triggwa und das mittellateinische Lehnwort treuga (Waffenstillstand, Landfriede) können als mit ihm verwandt identifiziert werden. Die Bedeutungsgeschichte reicht aber noch weiter. Die Wortgruppe, zu der ahd. triuwa zählt, wird in Verbindung mit der indogermanischen Wurzel deru bzw. dreu gebracht. Aus ihr entstanden u.a. die Wörter „Baum“ und „Eich“ und die Bedeutung „innere Festigkeit“. Das Adjektiv „treu“ bedeutet demnach eigentlich „stark, fest wie ein Baum“. Triuwe wurde also als das Tugendmerkmal verstanden, das die Menschen, und damit auch die Familie, zusammenhält. Diese Bedeutung vor allem kommt ihr im „Willehalm“ zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Verhältnisses von Religion, Verwandtschaft und Minne im „Willehalm“ ein und definiert die „triuwe“ als zentrales, konfliktgeladenes Element.
2. Verwandtschaft im „Willehalm“: Dieses Kapitel analysiert die unterschiedlichen Sippenstrukturen der Heiden und Christen und thematisiert die Erschütterung familiärer Bindungen durch Krieg.
4. Triuwe bei Heiden und Christen: Es wird untersucht, inwiefern sich die „triuwe“-Vorstellungen von Heiden und Christen unterscheiden, wobei die Taufe als entscheidendes Differenzkriterium fungiert.
5. Religiöse Motivierung der christlichen triuwe: Hier wird dargelegt, wie die christliche „triuwe“ über die Vater-Kind-Beziehung zu Gott begründet und zur notwendigen moralischen Instanz erhoben wird.
6. Christliche triuwe am Beispiel der Hofszene in Laon: Das Kapitel behandelt die Vertrauenskrise am Hofe und Willehalms Versuch, die Familie durch religiöse Mahnung und den Trinitätsgedanken neu zu einen.
7. Ergebnisse: Die Ergebnisse fassen das Paradoxon der „triuwe“ zusammen, die als ethischer Wert in Konflikt mit den unmoralischen Konsequenzen des Krieges gerät.
8. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
triuwe, Willehalm, Wolfram von Eschenbach, Verwandtschaft, Sippe, Geslehte, Glaubenskrieg, Minne, Religion, Mittelalter, christliche Ethik, Trinität, Loyalität, Tugendbegriff, Familienzusammenhalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Bedeutung des mittelalterlichen Begriffs „triuwe“ in Wolfram von Eschenbachs Epos „Willehalm“ innerhalb des Spannungsfeldes von Familie und Religion.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Untersuchung konzentriert sich auf verwandtschaftliche Strukturen, die semantische Vielschichtigkeit von Treue und die religiöse Komponente innerhalb des christlichen Glaubensverständnisses.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie „triuwe“ als ethisches Korrektiv und verbindendes Element fungiert, um die familiären Spannungen in einem Glaubenskrieg zu überbrücken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten im Abgleich mit einschlägiger mediävistischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Verwandtschaftsmodellen, die Bedeutung von „triuwe“ im interkulturellen Vergleich sowie die religiöse Motivierung dieses Begriffs anhand konkreter Textstellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind „triuwe“, „Sippe“, „Geslehte“, „Religion“, „Minne“ und der „Trinitätsgedanke“ im Kontext des „Willehalm“.
Warum ist die Szene am Hof von Laon für die Arbeit besonders wichtig?
Sie illustriert die zentrale „Vertrauenskrise des Sippengefühls“ und zeigt, wie Willehalm versucht, die familiäre Einheit durch den Rückgriff auf göttliche Werte neu zu legitimieren.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich der „triuwe“?
Wolfram von Eschenbach nutzt die „triuwe“ als notwendiges Ideal, das jedoch das durch den Krieg verursachte Leid nicht vollständig auflösen kann, was zur Zerrissenheit der Figuren führt.
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- Silja Maehl (Author), 2003, Dimensionen der "triuwe" in Wolframs von Eschenbach "Willehalm", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84395