Dimensionen der "triuwe" in Wolframs von Eschenbach "Willehalm"


Seminararbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verwandtschaft im „Willehalm“

3. Begriff der triuwe

4. Triuwe bei Heiden und Christen

5. Religiöse Motivierung der christlichen triuwe

6. Christliche triuwe am Beispiel der Hofszene in Laon

7. Ergebnisse

8. Bibliographie

1. Einleitung

Im Zentrum des „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach steht das problematische Verhältnis von Religion, Verwandtschaft und Minne. Inhaltlich fällt das sofort ins Auge, da zwei Familien einen Glaubenskrieg führen, der zusätzlich einzelne Personen zwischen die Fronten bringt. Im „Willehalm“ wird „ausgelotet, wie weit die familiäre Bindung in den Schrecken des Heidenkrieges noch reicht.“[1] Fester Bestandteil des christlichen Glaubens sowie der beiderseitigen verwandtschaftlichen Werte - und damit zentraler Ausdruck des Konflikts - ist die triuwe. Denn sie hat sowohl eine weltliche, also zwischenmenschliche und staatliche Dimension als auch eine religiöse. Die Herausgestaltung der triuwe wird als eine der wesentlichen Leistungen und Eigenarten der Wolframschen Dichtung angesehen.[2]

Ich beginne meine Arbeit mit der Darstellung der Verwandtschaftskonstellation von Heiden und Christen im „Willehalm“, wie sie etwa von Martin Przybilski und Ursula Peters als eine Gegenüberstellung von agnatischem geslehte und kognatischer s ippe aufgefasst wird. Ich weise dabei vor allem auf die auf beiden Seiten fragilen familiären Bindungen hin. Denn es ist zu zeigen, dass auch im exklusiven Entwurf des christlichen geslehte (,‚Geschlecht“, „Stamm“, „Familie“) Risse entstehen.

Danach untersuche ich den Begriff der triuwe, also die Etymologie und Bedeutung dieses Wortes, welches nicht allein mit „Treue“ übersetzt werden kann.

Im Anschluss wird gezeigt, dass im „Willehalm“ die Heiden und Christen zwar ähnliche

verwandtschaftliche Werte wie Solidarität oder Verteidigung der Sippenehre kennen, die Christen aber eine besondere, religiöse Vorstellung von der triuwe haben. Der Familienzusammenhalt bedarf eines höheren Ideals, vor allem, wenn es darum geht in einen Glaubenskrieg zu ziehen, bei dem die familiäre Bindung unerlässlich für die militärische Unterstützung ist. Ebenso bedarf die triuwe einer zusätzlichen Motivation, nämlich der religiösen Ausrichtung, um ihre überzeugende Kraft zu bekommen.

Am Ende meiner Arbeit wird anhand der Szene am Königshof in Laon die Notwendigkeit und Wirkung der Mahnung Willehalms zu religiöser triuwe gezeigt, unter der gleichsam alle weltlichen Bedeutungen von Treue zusammenkommen.

2. Verwandtschaft im „Willehalm“

Die familiären Bindungen sind im „Willehalm“ von grundlegender Bedeutung.[3] Ebenso wie die religiösen und zwischengeschlechtlichen Bindungen werden sie jedoch durch Krieg und Feindschaft tiefgreifend erschüttert. Im „WillehaIm“ werden zwei unterschiedliche Formen von Sippen dargestellt, die im Krieg gegeneinander antreten: einerseits die Heidenfamilie um Terramer und andererseits die Christenfamilie um Willehalm und seinen Vater Heimrich.

Im „Willehalm“ finden sich sowohl ausladende kognatische, die Verschwägerten und die weibliche Verwandtschaftslinie miteinbeziehende Sippenbindungen, als auch agnatische Bindungen, d.h. vom Stammvater in ausschließlich männlicher Linie abstammende Bindungen. In „Dynastengeschichte und Verwandtschaftsbilder» ordnet Ursula Peters der muslimischen Sippe Terramers das weiter verzweigte kognatische und dem christlichen Geschlecht Heimrichs das übersichtlichere agnatische Verwandtschaftsgeflecht zu.[4]

Auch Martin Przybilski geht in „Sippe und geslehte“ von einer Zweiteilung der Verwandtschaftskonzeption aus: „Im „Willehalm“ stehen sich die beiden Konzepte der inklusiven sippe [...] und des exklusiven geslehte gegenüber.‘[5] Damit teilt er Ursula Peters Auffassung von der Teilung in agnatische und kognatische Verwandtschaftsstruktur. Przybilski verweist darauf, dass Wolfram selber die beiden Familien nicht durch feststehende Termini differenziert, also nicht ausschließlich das Lexem Sippe für die Familie Terramers verwendet, sondern durch die Art ihrer narrativen Darstellung.

Przybilski zufolge besteht die Sippe Terramers aus mindestens fünf unterschiedlich großen Familien, die um das zentrale Geschlecht Terramers gruppiert sind.[6] Darunter fallen unter anderem der Zweig Baligans, Terramers Onkel und Widersacher Karls des Großen im „Rolandslied“, und der Zweig Tybalts, Gyburgs erstem Ehemann, von dem vor allem Tybalts und Gyburgs Sohn Ehmereiz und Tybalts Onkel Marsilje namentlich genannt werden. Die Mitglieder dieser Sippe umfassen vier Generationen und sie übertrifft das Geschlecht Heimrichs auch bezüglich des Auftretens namentlich genannter Figuren. Bei den Heiden werden 49 namentlich benannt, bei den Christen nur 21. Das geslehte Heimrichs besteht demgegenüber aus nur drei Generationen und ist auf die Söhne des Fürstenpaares Heimnch und lrmschart und deren Söhne, Willehalms Neffen, beschränkt.

Ob sich Wolfram mit der christlichen Besetzung des agnatischen Prinzips des geslehte zum Befürworter einer exklusiven, dynastischen Ordnung rechnen lässt, kann hier nicht diskutiert werden, ist aber wahrscheinlich. Przybilski muss jedoch dann kritisch gelesen werden, wenn er die allzu positive Wertung des agnatischen Prinzips durch seine Einteilung in „Verwandtschaftsblöcke“ ins Extrem treibt.[7] Denn die Stabilität des christlichen geslehte wird von Wolfram durchaus in Frage gestellt. In erster Linie verschärft Wolfram die familiären Konflikte durch die Gegenüberstellung der beiden Sippenformen und ihre Verknüpfung durch Gyburg, die sich durch ihre Heirat mit Willehalm und ihren Übertritt zum Christentum beiden Familien verpflichtet fühlt. Entscheidend ist damit nicht zu allererst die Zugehörigkeit zu einer Sippe und damit die Blutsverwandtschaft, sondern die Frage, ob und wie sich weltliche Verwandtschaftsstrukturen in Kriegszeiten mit religiös-ethischen Werten vereinbaren lassen. Im Falle Gyburgs besteht der Konflikt nicht nur darin, dass sich Krieg und christliches Tötungsverbot und das Prinzip der Gnade generell widersprechen, sondern dass die Feinde des Reiches gleichzeitig ihre Verwandten sind.

Gemeinsam ist dem geslehte und der sippe, dass bei beiden die familiären Bindungen zerrüttet sind. Terramers Kinder Gyburg und Rennewart sind bzw. werden zu Christen und wechseln damit auch die Familienzugehörigkeit. Und auch durch den christlichen Familienzusammenhalt ziehen sich Risse: Beispielsweise durch Heimrichs Enterbung seiner Söhne und seine Taufpatenschaft zum Sohn eines getöteten Vasallen, also die Auflösung der traditionellen Primogenitur, und die damit verbundene Entfremdung der Familienmitglieder voneinander. Das zeigt sich beispielsweise an dem Treffen von Willehalm und seinem Bruder Ernalt, bei dem sich beide zunächst nicht erkennen und beinahe töten. Damit versprechen weder der Sippenverband der Heiden, noch der der Christen von sich aus Heil bzw. eine Lösung für Konflikte. Wolfram arbeitet laut Stevens die Spannungen zwischen Vätern und Kindern deutlicher als in der Vorlage „Chanson d´Aliscans“ heraus, wodurch er die Instabilität der familiären Bindungen noch betont.[8]

Heimrichs Enterbung seiner Söhne um der Taufpatenschaft willen ist der Handlungskatalysator und so wird gleich zu Beginn die Problematik auch der christlichen Verwandtschaft und der sowohl weltlichen als auch religiösen Dimension der christlichen triuwe gezeigt, um die es im Weiteren gehen soll.

3. Begriff der triuwe

Das heutige Wort „Treue“ geht auf das mittelhochdeutsche Wort triuwe zurück.[9] Im Laufe der Sprach- und Lautentwicklung änderte sich die Schreibweise von triuwe. Durch die am Ende des Mittelalters folgende Diphtongieruflg von /iu/ zu /eu/ gelangte es letztlich in unseren Sprachgebrauch. Bereits im frühen Mittelalter existierte das Wort neben dem zugehörigen Adjektiv getriuwe. Im Laufe der mittelalterlichen Epoche von 750 n. Chr. bis ins 16. Jhd. gewann es im Sprachgebrauch zunehmend an Stellenwert und Bedeutungsvielfalt.

Dem Grimm‘schen Wörterbuch zufolge, geht der mittelhochdeutsche Begriff tnuwe auf das althochdeutsche Wort triuwa und das Adjektiv getriuwi zurück.[10] Bereits das allgemeingermanische, bzw. gotische, Wort triggwa und das mittellateinische Lehnwort treuga (Waffenstillstand, Landfriede) können als mit ihm verwandt identifiziert werden.[11] Die Bedeutungsgeschichte reicht aber noch weiter. Die Wortgruppe, zu der ahd. triuwa zählt, wird in Verbindung mit der indogermanischen Wurzel deru bzw. dreu gebracht.[12] Aus ihr entstanden u.a. die Wörter “Baum“ und “Eich&‘ und die Bedeutung “innere Festigkeit“. Das Adjektiv „treu“ bedeutet demnach eigentlich “stark, fest wie ein Baum“. Triuwe wurde also als das Tugendmerkmal verstanden, das die Menschen, und damit auch die Familie, zusammenhält. Diese Bedeutung vor allem kommt ihr im „Willehalm“ zu.

Wie oben bereits erwähnt, ist die Semantik des Begriffs der triuwe facettenreich. Wie bei vielen anderen mittelhochdeutschen Wörtern ist die Übersetzung vom weiteren Kontext abhängig. Ihre Bedeutung beinhaltet und überschreitet beispielsweise die Tugenden staete (Verlässlichkeit) und êre (Ehre) noch, da sie sowohl charakterliche Werte, wie die staete, als auch die Bedingungen der christlichen Feudalgesellschaft, wie die der êr e, spiegelt.[13] Man kann also das mittelalterliche Wort triuwe nicht ausschließlich mit „Treue“ übersetzen: vielmehr fasst sie Vertrauen, Loyalität, Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Freundschaft, Liebe, Ehre, Obhut, Beistand, Glauben etc. zusammen.[14] Im Wörterbuch von Matthias Lexer kommen noch die Bedeutungen Aufrichtigkeit, Versprechen und Waffenstillstand hinzu.[15]

Das Grimm‘sche Wörterbuch unterscheidet drei Bedeutungs-Bereiche von triuwe:[16]

1. Nachwirkung der alten konkreten Bedeutung „Vertrag“:

In vorliterarischer Zeit bedeutete sie eine „gegenseitige, feste Abmachung oder Vertrag auf grund eines Treueversprechens, vielleicht geradezu ‘Bündnis‘ oder ‘Friede‘.“

2. Treue im geistlichen Bereich: Verhältnis zwischen Gott und den Menschen:

„Schon das gotische triggwa hat den entsprechenden religiösen Einschlag“, „im Althochdeutschen ist das Wort ganz in den geistlichen Bereich gerückt, manchmal bis zu scheinbarer Synonymität mit galauba [Glaube] [...j“. Triuwa bedeutet in etwa „Bund zwischen Gott und Menschen“.

„In mittelhochdeutscher Zeit erfährt das Wort die größte Fülle und Ausweitung an

Bedeutungen [..]“. Triuwe bewahrt etwas von dem ihr zugewachsenen religiösen

Gehalt, ist aber in erster Linie ein - hier durchaus im Zusammenhang mit Recht und

Religion stehend - ritterlicher Tugendbegriff.

3. Treue als ethisch bestimmte Handlung oder Eigenschaft des Menschen:

Hier machen die Grimms vorwiegend die Unterscheidung in einen relativen und einen absoluten Gebrauch des Wortes. Der relative umfasst u.a. den politisch-staatlichen Bereich wie die Lehnstreue und das Treueverhältnis zwischen Fürsten, König, Kaiser und Untertanen. Auch der Minnedienst fällt unter „Treue im engeren gesellschaftlichen Sinne“. Der absolute Gebrauch umfasst die allgemeinen Werte wie Vertrauen und die Verbindung von Treue und Liebe in der Ehe, Freundschaft etc.

„Die Bedeutungsentwicklung hat sich also, grob gesehen, von dem Begriff einer konkreten Handlung zu dem abstrakten des Verhaltens, schließlich des Wesens eines Menschen entwickelt, und neben den relativen Gebrauch tritt, zumal im mhd., als immer entscheidender die Veiwendung des Wortes als eines allgemeinen wie speziellen Tugendbegriff.“[17]

Otfrid Ehrismann drückt es in seiner Höfischen Wortgeschichte so aus, dass „die triuwe zu den höchsten Tugenden zählte und die Identität des ethisch definierten Menschen stiftete.“[18]

Die Etymologie von triuwe ist ausufernd. Inhaltlich ist ihr Bedeutungsfeld bei Wolfram von Eschenbach auf drei wesentliche Bereiche abzustecken: die Minne, die Sippe und den Glauben bzw. Gott, wie im Folgenden zu sehen sein wird.

John Greenfield sieht in seinem Aufsatz „The Role of triuwe in Wolfram‘s Willehaim“ die triuwe in eben diesen drei Bereichen vorherrschen, was für die Konflikte im „Willehalm“ von entscheidender Bedeutung ist.[19]

Auch Hildegard Emmel zufolge sind im „Willehalm“ die Sippe und die Minne die eigentlichen Bereiche der triuwe.[20] Gleichzeitig seien triuwe und Minne bei den Christen im „Willehalm“ eng aneinander, aber auch an den Glauben geknüpft, was sich vor allem im Kreuzrittertum zeige.[21] Willehalm kämpft als Kreuzritter gleichzeitig für Gott und für Gyburg, also für die Minne. Das Ziel der Kreuzritter wird beschrieben als ein Kämpfen.

[...]


[1] Bumke, S. 226

[2] Emmel, S. 64

[3] Bumke, S. 226

[4] Peters, S. 310 ff.

[5] Przybilski, S. 14

[6] Ebd., S. 137

[7] Vgl. dazu S. 141

[8] Stevens, SS. 31-59

[9] Grimm, Bd. XI 1.2, S.283

[10] Ebd., S. 283

[11] Ebd., 8. 286, vgl. auch das Langenscheidt-Wörterbuch Latein unter treuga

[12] Ebd., S. 243

[13] Ehrismann, S. 212 ff.

[14] Hennig, s. triuwe

[15] Lexer, s . triuwe

[16] Grimm, 5. 287 ff.

[17] Ebd., S. 286

[18] Ehrismann, 8. 212

[19] Greenfield, S. 76

[20] Emmel, 8. 63

[21] Emmel, S. 62

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Dimensionen der "triuwe" in Wolframs von Eschenbach "Willehalm"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V84395
ISBN (eBook)
9783638047081
ISBN (Buch)
9783638943871
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dimensionen, Wolframs, Eschenbach, Willehalm
Arbeit zitieren
Silja Maehl (Autor), 2003, Dimensionen der "triuwe" in Wolframs von Eschenbach "Willehalm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84395

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