1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Stand der Forschung
Die deutsche Arbeiterschaft in der Industrialisierung ist seit Mitte der 1970er Jahre verstärkt Untersuchungsgegenstand der sog. Bielefelder Schule. Maßgeblich widmeten sich Hans- Ulrich Wehler und Jürgen Kocka der Untersuchung der Industriearbeiterschaft unter einem neuen Blickwinkel. Ihr Ansatz betrachtet vor allem die Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Arbeiterschicht. Diese Gegenbewegung zum Historismus verzichtet weitgehend auf eine Geschichtsbetrachtung politischer Ereignisse und betont stattdessen die Bedeutung sozialstruktureller Phänomene. Ihre Vertreter lehnen die tragende Rolle von Einzelpersonen weitgehend ab oder definieren sie als gesellschaftlich bedingt. Für die Vertreter dieser Schule ist die Bergarbeiterschaft aber nur eine Gruppe unter vielen.
Herausragender Forscher auf dem Gebiet der Bergarbeiterschaft ist Klaus Tenfelde. Mit zahlreichen Publikationen zum Thema Bergarbeiter ist er tiefer als andere Historiker auf Herkunft, Lebenswandel, Mentalität und Selbstverständnis der Bergleute, insbesondere an der Ruhr, eingegangen. Bei Tenfelde ist zu beachten, dass er selbst Bergmann war, bevor er Historiker wurde. Das lässt zwar einerseits vermuten, dass er hohen bergmännischen Sachverstand besitzt und Selbstverständnis und Mentalität der Bergleute durch eigene Erfahrung nachvollziehen kann. Andererseits sind seine Äußerungen zu Unternehmern und Arbeitern, möglicherweise durch eine hohe Verbundenheit zur Bergarbeiterschaft, oft tendenziös. Bei Kocka ist durch die häufige Nennung von wertenden Begriffen wie „Kapitalismus“, „Bourgeoisie“, „liberalkapitalistische Phase des Bergbaus“ und der Verurteilung von Militarismus und Wirtschaftsliberalismus auch eine eher ablehnende Haltung gegenüber der Unternehmerschicht zu vermuten. Andere hier zitierte Werke, wie „Lohn der Mühen“1 und „Hibernia-Affäre“2, sind in ihrer Aussagekraft ebenfalls kritisch zu hinterfragen, da beide Schriften im Auftrag der IG Bergbau Chemie verfasst wurden, und somit für die organisierte Arbeitnehmerschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Stand der Forschung
2. Überblick: Bergbau im Deutschland des 19. Jahrhunderts
2.1 Vorabend der Industrialisierung – 1800 bis 1850
2.2 „Take-off“-Phase des Bergbaus – 1850 bis 1875
3. Wandel des Bergbaus und Veränderung der Rolle des Staates
3.1 Das Direktionsprinzip
3.2 Bergrechtsreform und Inspektionsprinzip
4. Soziale Absicherung der Bergarbeiter – die Knappschaften
4.1 Die Knappschaften in vorindustrieller Zeit
4.2 Verstaatlichung der Knappschaften unter dem Direktionsprinzip
4.3 Knappschaften auf dem Weg zur gesetzlichen Sozialversicherung – Reform ab 1854
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziale Lage und das Selbstverständnis der Bergarbeiter während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die Rolle staatlicher Interventionen und die Entwicklung der Knappschaften als Vorläufer sozialer Sicherungssysteme.
- Strukturwandel im Bergbau im 19. Jahrhundert
- Wandel der Rolle des Staates (Direktionsprinzip vs. Liberalisierung)
- Geschichte und Entwicklung der Knappschaften
- Sonderstellung der Bergleute in der Arbeiterschaft
- Einfluss der Bergrechtsreformen auf die soziale Absicherung
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Direktionsprinzip
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts galt in Preußen das sog. Direktionsprinzip. Es leitet sich aus dem königlichen Bergregal ab. Basis dessen ist, dass dem Eigentümer eines Grundstücks nicht die Erträge aus Bodenschätzen zu stehen, sondern dass dieses „Schürfrecht“ allein in den Händen des Staates bzw. des Monarchen liegt. Das Direktionsprinzip besagt, dass den Gewerken, den Eigentümern der Bergwerke, lediglich das „Recht der wirtschaftlichen Ausbeute [zusteht].“ Alle anderen, mit Aufsicht und Leitung der Grubenbetriebe verbundenen Zuständigkeiten, sind Aufgabe der staatlichen Bergadministration. Darunter fielen insbesondere „der Grubenbetrieb, die Haushalts- und Steuerabrechnungen, die An- und Ablegung [Einstellung und Entlassung, Anm. d. Verf.] der Bergleute und die Gestaltung der Löhne und Preise.“ Schnell setzte sich das preußische Prinzip der staatlichen Leitung auch in anderen deutschen Ländern durch. Zunächst erwies es sich als nützlich, da es den unkontrollierten Raubbau in geordnete Bahnen lenkte. Sowohl die königlichen Beamten, wie Obersteiger und Oberschichtmeister der Bergämter, als auch die von den Gewerken gestellten Steiger waren verbeamtet und somit allein dem Staat verantwortlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den aktuellen Forschungsstand zur deutschen Arbeiterschaft und legt den Fokus der Arbeit auf die soziale Lage der Bergleute und die Bedeutung der Knappschaften.
2. Überblick: Bergbau im Deutschland des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung des Bergbaus von der vorindustriellen Phase bis zur rasanten „Take-off“-Phase ab 1850 nach.
3. Wandel des Bergbaus und Veränderung der Rolle des Staates: Hier wird der Übergang vom staatlich gelenkten Direktionsprinzip hin zur Liberalisierung durch die Bergrechtsreformen analysiert.
4. Soziale Absicherung der Bergarbeiter – die Knappschaften: Dieses Kapitel untersucht die historische Entwicklung der Knappschaften von religiösen Bruderschaften zu modernen staatlich regulierten Versicherungen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die weitreichende Absicherung der Bergleute ein Resultat der strategischen Bedeutung der Kohle und der Notwendigkeit staatlicher Loyalitätssicherung war.
Schlüsselwörter
Bergbau, Industrialisierung, Knappschaften, Direktionsprinzip, Sozialgeschichte, Kohle, Preußen, Bergrechtsreform, Bergarbeiter, Sozialversicherung, Montanindustrie, Staatsintervention, Arbeiterexistenzen, Selbstverständnis, Schürfrecht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung des Bergbaus und der sozialen Absicherung der Bergarbeiter in Deutschland während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der staatlichen Lenkung des Bergbaus (Direktionsprinzip), der Liberalisierung durch Bergrechtsreformen und der Rolle der Knappschaften als soziale Sicherungseinrichtungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss staatlicher Interventionen auf die soziale Lage der Bergleute zu analysieren und zu hinterfragen, welche Motive hinter der gewährten sozialen Absicherung standen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozial- und wirtschaftshistorische Analyse, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur und historischer Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den allgemeinen Überblick des Bergbaus, die Analyse der staatlichen Rolle durch das Direktionsprinzip und die detaillierte Betrachtung der Knappschaften bis hin zur gesetzlichen Sozialversicherung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Bergbau, Industrialisierung, Knappschaften, Direktionsprinzip, Sozialgeschichte sowie die Bergrechtsreformen im 19. Jahrhundert.
Warum war der Bergbau im 19. Jahrhundert so stark staatlich reguliert?
Aufgrund der strategischen Bedeutung der Kohle als Schlüsselrohstoff für die Industrialisierung und militärische Güter wollte der Staat durch das Direktionsprinzip die volle Kontrolle über die Ressourcen behalten.
Welche Rolle spielte das Knappschaftsgesetz von 1854?
Es gilt als einer der Grundsteine der modernen deutschen Sozialversicherung, da es erstmals eine Zwangsmitgliedschaft vorsah und Arbeitgeber verpflichtete, sich an der sozialen Absicherung der Arbeiter zu beteiligen.
- Quote paper
- Thorsten Breitkopf (Author), 2006, Berbau und Bergarbeiter in der Industrialisierung - Rolle des Staates und soziale Absicherung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84420