Seit über dreißig Jahren wird die in Deutschland größtenteils noch vorherrschende Sonderbeschulung von Behinderten durch die Integrationsbewegung, die statt Separation gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten propagiert, grundsätzlich in Frage gestellt. Die Idee allein scheint breiten Anklang zu finden. Dennoch ist die Umsetzung gemeinsamen Lernens in der Öffentlichkeit und in pädagogischen Fachkreisen nicht unumstritten. Der Begriff „integrieren“ (lat. integrare) bedeutet „etwas zusammenfügen, das vorher getrennt war, die Wiederherstellung eines Ganzen“. In der Sonderpädagogik bezeichnet „Integration“ die Eingliederung von behinderten Menschen in „normale Umfelder. Ein Ziel der Integrationsbewegung ist somit, das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten in der Gesellschaft zur Normalität werden zu lassen, beginnend in der Schule. Zu Fragen ist, ob die schulische Integration wirklich zur Eingliederung Behinderter in die Gesellschaft beiträgt. Weiterhin steht die Forderung nach behindertenspezifischer Förderung in allgemeinen Schulen im Spannungsverhältnis zu den individuellen Bedürfnissen von behinderten Kindern. Kann die Regelschule diesen besonderen Bedürfnissen gerecht werden und wie kann sie es am besten realisieren? Wo sind der Integration Grenzen gesetzt? Auch der Anspruch eines behinderten Kindes auf Miteinander und Gemeinsamkeit mit Nichtbehinderten steht dem Bedürfnis nach Identifikation mit der Gruppe von Gleichbehinderten gegenüber.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Entwicklung des Behinderungsbegriffs
2. Die Entwicklung des gemeinsamen Unterrichts
3. Begründungen für integrativen Unterricht
3.1 Begründungen nach Jakob Muth
3.2 Begründungen nach Georg Feuser
3.3 Kritik an den Begründungen
4. Praxis
4.1 Rahmenbedingungen der schulischen Integration
4.2 Empirische Befunde
4.3 Grenzen der Integration
5. Schluss
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung der Integration von behinderten Menschen in den schulischen Unterricht in Deutschland, um kritisch zu hinterfragen, inwieweit das Konzept des gemeinsamen Lernens den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht wird und wo die Grenzen der schulischen Integration liegen.
- Historische Entwicklung des Behinderungsbegriffs und der Integrationsbewegung
- Theoretische Begründungsansätze nach Jakob Muth und Georg Feuser
- Strukturelle Rahmenbedingungen und Modelle integrativer Grundschulbildung
- Empirische Erkenntnisse zur Leistungsentwicklung und sozialen Integration
- Kritische Analyse der Grenzen und Herausforderungen des gemeinsamen Unterrichts
Auszug aus dem Buch
3.1 Begründungen nach Jakob Muth
Nach Jakob Muth ist Integration ein politisches Phänomen, das in der Verwirklichung der Demokratie begründet ist. Seine Argumentation ist angelehnt an die Begründung, die der Deutsche Bildungsrat 1973 in seiner Empfehlung formulierte. Hier wurde politisch begründet, dass die Integration Behinderter in die Gesellschaft Aufgabe eines demokratischen Staates sei und bereits im Schulwesen beginnen müsse.
Jakob Muth bezieht sich in seiner Begründung auf die wie zurückliegende geschichtliche Entwicklung der Demokratie und beginnt in der Antike. Schon Aristoteles hatte die Gemeinsamkeit aller Menschen als humane Selbstverständlichkeit angesehen. Seit der Französischen Revolution (1789) wurde dann in Europa das Zusammenleben der Menschen thematisiert. Im Kontext der Revolution entstanden die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wobei letztere die humane Gemeinsamkeit aller implizierte.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Problematik der Sonderbeschulung und stellt die Forschungsfrage nach der tatsächlichen Wirksamkeit der schulischen Integration unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse.
1. Die Entwicklung des Behinderungsbegriffs: Dieses Kapitel erläutert den historischen Wandel des Behinderungsbegriffs von einer defektorientierten Sichtweise hin zu einem systemischen Ansatz, der Umfeldfaktoren stärker einbezieht.
2. Die Entwicklung des gemeinsamen Unterrichts: Hier wird der historische Weg der Integrationsbewegung in Deutschland nachgezeichnet, von den ersten Anfängen im 20. Jahrhundert bis hin zur aktuellen rechtlichen Situation.
3. Begründungen für integrativen Unterricht: Dieses Kapitel stellt die maßgeblichen theoretischen Positionen von Jakob Muth und Georg Feuser vor und unterzieht diese einer kritischen Prüfung.
4. Praxis: Der Praxisteil analysiert die Rahmenbedingungen, empirischen Ergebnisse und die spezifischen Grenzen der schulischen Integration im deutschen Bildungssystem.
5. Schluss: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und fordert eine differenzierte Betrachtung, bei der Integration nicht um jeden Preis, sondern ressourcenorientiert und zum Wohle des Kindes stattfinden sollte.
Schlüsselwörter
Integration, gemeinsamer Unterricht, Sonderpädagogik, Behinderungsbegriff, Schule, Grundschule, Inklusion, Demokratie, soziale Teilhabe, zieldifferenter Unterricht, Schulentwicklung, Förderbedarf, Regelschule, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Integration von Menschen mit Behinderung in den deutschen Schulalltag, wobei sie die historische Entwicklung sowie theoretische Begründungen und praktische Umsetzungsmöglichkeiten beleuchtet.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Begründungen für einen integrativen Unterricht, die Analyse von Integrationsmodellen, die Darstellung empirischer Befunde sowie die kritische Reflexion der Grenzen der schulischen Integration.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf gemeinsames Lernen und der Notwendigkeit individueller Förderung behinderter Kinder kritisch zu untersuchen und zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit ist als theoretische Hausarbeit angelegt, die auf der Analyse bestehender Literatur, historischer Dokumente und der Rezeption fachwissenschaftlicher Positionen zur Integrationspädagogik basiert.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Muth und Feuser sowie die praktische Betrachtung von Rahmenbedingungen, empirischen Studienergebnissen und den Grenzen, auf die schulische Integration stößt.
Welche Schlagworte charakterisieren den Inhalt?
Die Arbeit lässt sich am besten mit den Begriffen Integration, gemeinsamer Unterricht, sonderpädagogische Förderung, inklusive Bildung und systemische Schulentwicklung beschreiben.
Warum wird die Integration von Autisten und Schwerstmehrfachbehinderten kritisch gesehen?
Die Arbeit hinterfragt, ob eine Regelschule die nötigen Ressourcen und Rahmenbedingungen bieten kann, um dem individuellen Förderbedarf dieser Kinder gerecht zu werden, ohne die Betroffenen oder das soziale Umfeld zu überfordern.
Was ist das zentrale Fazit zur Zukunft der Integration?
Die Autorin plädiert dafür, Integration nicht als ein starres Dogma zu verstehen, sondern als Prozess, der von den verfügbaren Ressourcen abhängen muss und für bestimmte Personengruppen spezialisierte Betreuungsformen nicht ausschließen sollte.
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- Maraike Sittartz (Author), 2005, Integration von Menschen mit Behinderung in den schulischen Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84477