In ihrer politikhistorischen Fallstudie arbeitet die Autorin in Form eines Forschungsberichts unter Verwendung einiger bisher unveröffentlichter Archivalien, insbesondere aus dem Bereich Nordrhein-Westfalen, die Stellung der Freien Demokratischen Partei (FPD) zur Entnazifizierung Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre auf. Dabei erinnert die Autorin auch an in dieser politischen Partei aktiv tätige und verdeckt wirkende ehemalige höhere Wehrmachts-, NSDAP und HJ-Funktionäre und skizziert deren – teilweise erfolgreiche – Versuche organisierter Einflußnahmen, auch als strategisch wirksame konspirative Maßnahmen, insbesondere im Bereich der niedersächsischen, westfälischen und nordrheinischen FPD.
Wilma Ruth Albrecht (geboren 1947 in Ludwigshafen am Rhein) ist eine deutsche Sozial- und Sprachwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Literatur-, Politik- und Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Wilma Ruth Albrecht ist seit 1972 beruflich als Wissenschaftlerin, Stadt- und Regionalplanerin und Lehrerin tätig. Sie publizierte unter anderem Unterrichtseinheiten zur produktiven Rezeption im schulischen Deutschunterricht (in Diskussion Deutsch 1977 und Deutschunterricht 1978), zur Kritik der Entnazifizierung in Deutschland nach 1945 (u.a. in Blätter für deutsche und internationale Politik 1978 und Neue Politische Literatur 1979), zu Bildungsreform und Sozialindikatoren (u.a. in die horen 1981 und Blätter für deutsche und internationale Politik 1981), zur Textverständnis- und Textverständlichkeitsforschung (in deutsche sprache 1986) und zur politiksoziologischen Regional-, Regions- und Stadtgeschichte (u.a. in Österreichische Zeitschrift für Soziologie 1983; Landschaft und Stadt 1983;
Inhaltsverzeichnis
0. Vorbemerkung
1. Ziele der alliierten Entnazifizierungspolitik
2. Differenzen in den Methoden der alliierten Entnazifizierungspolitik
2.1. Die Hauptmethode der Durchführung der Entnazifizierung in der SBZ und den westlichen Besatzungszonen
2.2. Entnazifizierungskonzepte in der US-amerikanischen und britischen Zone
2.2.1. Entnazifizierungskonzept in der US-amerikanischen Zone
2.2.2. Entnazifizierung in der britischen Zone
2.2.3. Zusammenfassung
3. Die Haltung der Liberalen zur Entnazifizierung und Versuche der Einflussnahme
3.1. Die Neuformierung des politischen Liberalismus in den Westzonen nach dem Zweiten Weltkrieg
3.2. Die programmatischen Forderungen der Liberalen zur Entnazifizierung
3.3. Politische Stellungnahmen liberaler Parteimitglieder in den Landtagen zur Entnazifizierung
3.4. Versuche der Einflussnahme von FDP/DVP/LDP-Politikern auf die inhaltliche Umsetzung der Entnazifizierung
3.5. Initiativen und Vorstellungen der FDP für eine bundeseinheitliche Abschlussgesetzgebung der Entnazifizierung
4. Nationalsozialistische Unterwanderung und Kooperation mit der FDP- Bruderschaft und Naumannkreis
4.1. „Die Bruderschaft“
4.2. Der „Naumannkreis“
4.3. Die Abwiegelungsversuche der FDP-Führung
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themenfelder
Diese Arbeit untersucht kritisch die Haltung der FDP/DVP/LDP zur Entnazifizierung in Westdeutschland nach 1945. Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem liberalen Selbstverständnis und der tatsächlichen politischen Praxis aufzudecken, die darauf abzielte, den Prozess der Entnazifizierung zu paralysieren und personelle sowie strukturelle Kontinuitäten zur NS-Zeit zu wahren.
- Die Ziele und methodischen Differenzen der alliierten Entnazifizierungspolitik.
- Die Rolle der FDP als Akteur der ökonomischen und politischen Restauration.
- Strategien zur Unterwanderung durch ehemalige Nationalsozialisten (z.B. Bruderschaft, Naumannkreis).
- Einflussnahme auf die Entnazifizierungsgesetzgebung und die politische Rehabilitierung belasteter Kreise.
- Die ideologische Funktion des Liberalismus bei der Integration ehemaliger Eliten in die BRD.
Auszug aus dem Buch
3.4. Versuche der Einflussnahme von FDP/DVP/LDP-Politikern auf die inhaltliche Umsetzung der Entnazifizierung
Möglichkeiten der Einflussnahme auf die politische Gestaltung, z.B. der Entnazifizierung, durch deutsche Politiker bestanden dann, wenn diese Personen sich gegenüber der alliierten Besatzungsmacht loyal verhielten und wenn sie es verstandenen, deren politische Vorstellungen in Richtlinien festzuschreiben, die ihnen selbst Spielraum eröffnete ihr eigenes Konzept umzusetzen.
Am Beispiel zweier Initiativen liberaler Politiker soll das Vorgehen veranschaulicht werden.
Der von den Amerikanern im September 1945 ernannte württembergisch-badische Ministerpräsident Rheinhold Maier, Jurist und Anwalt, der 1933 zusammen mit Theodor Heuss (1884-1963), Gründungsmitglied der DDP, Mitglied der Deutschen Staatspartei, später erster Bundespräsidenten der BRD, und 3 weiteren Reichstagsabgeordneten der Staatspartei Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmte und eng mit P. Reusch, Vorstandsmitglied der Gutehoffnungshütte, der während des Nationalsozialismus an der Ausplünderung des jugoslawischen, griechischen und bulgarischen Bergbaus beteiligt war, in Beziehung stand, lehnte die Kontrollratsdirektive Nr. 24, die die Grundlage des Militärgesetzes Nr. 104 der US-Besatzungszone abgab ab, weil er der Ansicht war, „daß ein Verfahren im Sinne der Kategorisierung einer raschen Säuberung im Weg stünde und dass die Beweiskraft dem Betroffenen aufgebürdet würde. In der viel zu umfassenden Bestimmung des Personenkreises läge auch eine moralische Gefahr für das Gesetz, denn indem man fast das ganze Volk in Anklagezustand versetze, würde das Vertrauen des deutschen Volkes zu seiner Regierung und zu Militärregierung erschüttert und der Sache der Demokratie nicht gedient.“
Als sich jedoch zeigte, dass seine Frontalkritik nichts bewirkte, stimmte er dennoch dem Gesetz zu, glaubte er doch zu wissen, dass sich sein „revolutionärer“ Impetus umgehen ließe, wenn die Spruchkammern pragmatisch arbeiteten:
„Wir von der Regierung Württemberg-Baden haben einen ganz entschiedenen Widerstand geleistet, und es sind verschiedene Herren hier im Hause, welche es miterlebt haben. Wir waren diejenigen, welche in ein schweres Rededuell mit den amerikanischen Offizieren verwickelt und als diejenigen hingestellt wurden, welche in Deutschland die Denazifizierung aufhalten wollten. (...) Das waren sehr, sehr schwierige Auseinandersetzungen. Wir waren vor die Frage gestellt: Wollen wir den totalen Kollaps der deutschen Wirtschaft und der Beamtungen weiter in dieser Weise sich vollziehen lassen, oder sollen wir den Versuch machen, nun die Sache in unsere Hand zu bekommen? In diesem Zusammenhang kam es zur Unterschrift vom 5. März 1946.“
Zusammenfassung der Kapitel
0. Vorbemerkung: Einführung in die Thematik der Restauration durch die FDP und deren Abhängigkeit von den Alliierten.
1. Ziele der alliierten Entnazifizierungspolitik: Erläuterung der alliierten Vorgaben zur Entnazifizierung als Reaktion auf das faschistische System.
2. Differenzen in den Methoden der alliierten Entnazifizierungspolitik: Analyse der unterschiedlichen Ansätze zwischen der UdSSR und den Westalliierten sowie deren Auswirkungen.
3. Die Haltung der Liberalen zur Entnazifizierung und Versuche der Einflussnahme: Untersuchung der liberalen Strategien zur Paralysierung der Entnazifizierung und zur personellen Restauration.
4. Nationalsozialistische Unterwanderung und Kooperation mit der FDP- Bruderschaft und Naumannkreis: Dokumentation der Infiltration liberaler Parteistrukturen durch ehemalige Nationalsozialisten.
5. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Rolle der FDP als Interessenvertreterin alter Eliten unter dem Deckmantel des Liberalismus.
Schlüsselwörter
Entnazifizierung, FDP, Nationalsozialismus, Restauration, Liberale, Bruderschaft, Naumannkreis, Westintegration, Politische Säuberung, Ideologie, Kapitalismus, Faschismus, Besatzungsmacht, Spruchkammern, Amnestie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Forschungsarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Haltung der FDP in der Nachkriegszeit gegenüber der Entnazifizierung und zeigt auf, wie diese Partei aktiv zur Rehabilitierung ehemaliger Nationalsozialisten beitrug.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Einflussnahme liberaler Politiker auf die Umsetzung der Entnazifizierung, die Infiltration von Parteistrukturen durch den sogenannten Naumannkreis und die ideologische Rechtfertigung dieser Politik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem offiziellen demokratischen Anspruch der FDP und ihrer realen Politik zu konfrontieren, die eine Rückkehr alter Machteliten begünstigte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Analyse zeitgenössischer Dokumente, Parteiprogramme, Protokolle und bestehender Studien, um die politische Praxis der Liberalen zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Neuformierung des Liberalismus, den konkreten programmatischen Forderungen gegen die Entnazifizierung und der detaillierten Dokumentation der Unterwanderung durch ehemalige NS-Funktionäre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Entnazifizierung, FDP-Restauration, Naumannkreis, NS-Infiltration und politische Säuberung charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Reinhold Maier und Franz Blücher?
Sie werden als Beispiele für liberale Politiker angeführt, die durch Frontalkritik und später durch pragmatische Einflussnahme versuchten, die Entnazifizierungsvorgaben der Alliierten zu unterlaufen.
Welchen Stellenwert nimmt der Naumannkreis in der Arbeit ein?
Der Naumannkreis wird als Beispiel für eine gezielte personelle Unterwanderung bürgerlicher Parteien (insbesondere der FDP in NRW und Niedersachsen) durch ehemalige NS-Eliten dargestellt.
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- Dr. Wilma Ruth Albrecht (Author), 2007, Liberalismus und Entnazifizierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84490