Der Hof Karls des Großen und die Antike


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Bildungs- und Kirchenreform Karls

3. Die Gelehrten
3.1. Alkuin
3.2. Theodulph von Orleans
3.3. Einhard
3.4. Paulus Diaconus
3.5. weitere

4. Die Rezeption der Antike

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Zeit der Völkerwanderung ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. veränderte die Ordnung der europäischen Welt. Mit ihr einher ging der Untergang des römischen Reiches, mit welchem auch dessen Kultur, Zivilisationsform und Wissen stark zurückging. Diese Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter kann als „dark ages“ der Bildung angesehen werden. In den Wirrungen zwischen alten und neuen europäischen Reichen, Stammestraditionen und Machtverhältnissen gab es kaum noch Gelehrte, die sich mit dem Fortgang des Weisheit beschäftigten, ja selbst die bereits erreichten Erkenntnisse fielen dem Verfall zum Opfer.[1] Allein das Christentum, welches im 4. Jahrhundert Staatsreligion im römischen Reich wurde und sich rasch im gesamten Europa verbreitete, brachte weiterhin Gebildete hervor, die wissenschaftlich arbeiteten, um ihr Wissen und ihr Verständnis zu erweitern. Das Interesse galt dabei fast ausschließlich der christlichen Religion selbst, weiter greifende Wissbegierde war nicht Thema, nicht einmal ein Gedanke. „Nach der Verwüstung Italiens durch Goten und Langobarden waren nur Irland und Britannien in ihrer friedlichen Abgeschiedenheit Pflegestätten der alten Literatur.“[2]

Die althistorische Forschung kann heute auf hohem Niveau ein umfassendes Wissen der griechischen und römischen Welt als kulturelle Basis Europas ihr eigen nennen. Dabei stützt sie sich vor allem auf authentische Quellen als Grundlage ihrer Arbeit. Deren Übertragung in die heutige Zeit stellt dabei ein beträchtliches Problem dar. Die meisten der frühen, heute erhaltenen Abschriften stammen aus der Zeit des Mittelalters, wo sie durch die Verwendung von Büchern statt Schriftrollen sicherer und dauerhafter aufbewahrt werden konnten.

Um den schwierigen Übergang in die moderne Zeit zu schaffen, bedurfte es einer Macht, die es sich zur Aufgabe machte, auch nach den „Dunklen Jahrhunderten“ Wissen weiter zu tragen. „Die Bedeutung des Mittelalters auf literarhistorischem Gebiete besteht in der Vermittlung der antiken Bildung für die moderne Zeit.“[3] Während die Meinung der breiten Öffentlichkeit dieses Interesse erst in der Zeit der Aufklärung sieht und das Mittelalter selbst als düster und ungebildet betrachtet, liegt tatsächlich bereits im Beginn dieser Zeit die Grundlage für die geistige Bildung unserer Zeit.[4]

Karl der Große, der „Vater Europas“, erkannte im 8. Jahrhundert die Bedeutung von Bildung und Wissen.[5] Er war es, der mit seinem Kaisertitel und dem fränkischen Großreich den Nachfolger des römischen Reiches in Europa erschuf. Seine Leistung besteht auch darin, durch seine Bildungsreform zahlreiche antike Werke vor der Vergessenheit gerettet und damit der Nachwelt erhalten zu haben.[6] Jedoch nur zusammen mit seinen Gelehrten konnte er dies verwirklichen. Auf die Arbeit Karls soll nur am Rande eingegangen zu werden, er war der Initiator, jedoch gibt es von ihm selbst keinerlei schriftliche Überlieferung, aber zahlreiche Arbeiten, die sich mit ihm und seinem Werk auseinandersetzen.

Aus diesem Grund widmet sich diese Arbeit den Gelehrten und ihrem Verhältnis zur Antike, um ihnen aus der Sicht des (künftigen) Althistorikers ein Denkmal zusetzten und Danke zu sagen.

2. Die Bildungs- und Kirchenreform Karls

Das Christentum bildete für Karl die Grundlage seiner Herrschaft. Als von Gott berufener König verstand er es als seine Aufgabe, seine Religion weiter zu verbreiten und somit all seinen Untertanen nahe zu bringen.[7] Durch den schlechten Stand der Bildung in seinem Reich war es jedoch kaum möglich, diese Aufgabe zu erfüllen. Die einzigen Schriftkundigen waren zumeist Geistliche und Mönche, die dieses Vermögen während ihrer Ausbildung in den Klöstern gelernt hatten.[8] Doch nach Ansicht des Herrschers war es für die korrekte Durchführung der christlichen Riten unabdingbar, dass auch das gemeine Volk Predigten, Formeln und die Heilige Schrift selbst verstand. Denn nur unter diesen Bedingungen konnten sie das ewige Seelenheil erreichen, welches für jeden wahrhaft Gläubigen das höchste Ziel sein sollte.[9]

Dazu kam, dass auch viele der Geistlichen kein korrektes Latein beherrschten, welches für das Verständnis des Glaubens und auch für die Position als Überbringer an das Volk absolut notwendig war. Karl sah es als seine Pflicht, diese Probleme zu beheben, um das Christentum in seinem Reich zu stärken.

Diesem kam neben der Bestimmung als geistige Stütze und Erlösung der Menschen auch die Aufgabe zu, dass Reich selbst zu festigen. Während der Zeit seiner Herrschaft von 768 bis zum Jahr 814 hatte er die Grenzen des Reiches beträchtlich erweitert und zahlreiche neue Stämme darin integriert. So umschloss es zum Beginn des 9. Jahrhunderts die Gebiete Frankreichs und der germanischen Völker, inklusive Thüringer, Sachsen, Alemannen und Bayern. Dazu kam das nördliche Italien, das ehemalige Reich der Langobarden, Teile Spaniens und im Osten eine Ausdehnung bis zur Ungarischen Tiefebene. Alle Bewohner dieses riesigen Gebietes hatten verschiedene Kulturen, Geschichten und Eigenheiten, die schwerlich einander anzugleichen waren.[10] Während der Zweck der Eroberungen auch die Christianisierung war, diente das Christentum als gemeinsame Religion dazu, sie alle einander näher zu bringen und damit das Reich zu einen.[11] Zudem war es die Stütze des Feudalismus, der in dieser Zeit entstand. Der gebildete Klerus hatte die Hauptaufgaben der Verwaltung inne und wurde dafür vom König mit Land ausgezeichnet, dem so genannten Lehen. Dieses konnte an weitere Lehensnehmer weitergegeben werden, wodurch sich zahlreiche Abhängigkeitsverhältnisse bildeten.[12] Auf dieser Struktur basierte das Reich Karls, denn auch die Adligen bekamen Land vom König, meist als Referenz für Treue und Gehorsam.

In diesem Zusammenhang tritt die Bedeutung der Bildung und mit ihr zusammenhängend die Verbreitung und Festigung des christlichen Glaubens deutlich zutage. Der König erließ seine Kapitularien und Briefe, in denen er die Geistlichkeit aufforderte, ihren Wissenstand zu verbessern, um ihre Aufgaben zufrieden stellend erfüllen zu können.[13] Dazu gehören die admonitio generalis, ein Generalerlass, sowie die epistulae de litteris colendis. In ihnen geht es um drei hauptsächliche Punkte: das Fehlerhafte zu berichtigen (errata corrigere), das Unnütze zu beseitigen (superflua abscindere) und das Richtige zu bekräftigen (recta cohartere)[14] Karl gründete zahlreiche neue Klöster, etwa 50 pro Regierungsjahr, um seine Erfolge auf diesem Gebiet vorantreiben zu können. Hier gab es Schulen, die Geistliche und Mönche ausbilden konnten, um sie auf ihren Platz im Verwaltungsapparat des Reiches vorzubereiten.[15] Auch Pfarrer wurden hier ausgebildet, die nicht nur direkt beim Volk arbeiten, sondern ebenfalls die Bildung weitertragen sollten. Denn ihnen kam die bedeutende Aufgabe zu, in ihren Predigten und Gottesdiensten das Wort Gottes zu lehren und das Vermögen zu besitzen, es auch erklären und nahe bringen zu können. Zudem sollten sie Messdiener und alle Gehilfen der kirchlichen Arbeit einweisen und durften auch den Kindern des Volkes eine Ausbildung nicht verwehren, selbst wenn deren Eltern nicht in der Lage waren, dafür zu zahlen.[16]

Gelehrt wurde an all diesen Schulen jedoch nicht nur das Wissen um die Bibel als Wort Gottes selbst, sondern auch alles Nötige, um dieses zu verstehen. Dazu gehörte vor allem ein korrektes Latein. Dieses wurde im westlichen, ehemals römischen, Teil des Reiches zwar noch gesprochen, war jedoch, wie jede gesprochene Sprache, einem dauernden Wandel unterworfen. So entstand eine lateinische Vulgärsprache, die mit dem klassischen Latein nichts mehr gemeinsam hatte. Unter anderem wurden die Kasusendungen verkürzt und der Satzbau vereinfacht.[17] Im Osten des Reiches hingegen war Latein nie die gesprochene Sprache und dadurch dem Volk so gut wie unbekannt. Eine Korrektur war also nötig, um die Bibel zu verstehen und auch in Predigten, Gottesdiensten und Gebeten richtig anwenden zu können.[18] Nur so, glaubte Karl, war der Weg in den Himmel gesichert. Denn Fehler „stellen sich, genauso wie die Sünden, zwischen den Menschen und Gott und verhindern, dass der Mensch Gott in der rechten Weise gegenübersteht.“[19]

Zu den Studienfächern gehörten auch die sieben freien Künste. Sie bildeten die Stufen zur Theologie als höchste Weisheit und waren als Grundlage unabdingbar. Zu ihnen zählten Grammatik, Rhetorik und Dialektik als Trivium, sowie Geometrie, Musik, Arithmetik und Astronomie als Quadrivium. Während das Trivium die Grundlage für das neue Latein und dessen korrekte Anwendung war, stellte das Quadrivium das weiter greifende Wissen zum Verständnis der Bibel dar. Mit der Astronomie konnten die verschiebbaren Festtage des kirchlichen Kalenders berechnet werden, welche die Konstruktion des kirchlichen Jahres bildeten.[20] Unterricht in Musik diente dem Zweck, Kirchenlieder richtig zu beherrschen und zur Geometrie gehörte auch die Geographie. Im Weltbild der Zeit bildete Jerusalem den Mittelpunkt. Die Ausmaße des fränkischen Reiches konnten anhand geographischer Grundlagen ebenso ermittelt werden.[21]

Karl war nicht der Erste in der Welt des Frühmittelalters, dem diese Missstände auffielen und auch war er nicht der Erste, der in ihrer Behebung eine Mission zu Gunsten des Glaubens sah. Angelsächsischen und irischen Missionare waren bereits im 6. Jahrhundert auf das europäische Festland gereist waren, um das Christentum dort zu verbreiten. Zu diesen gehören Columban, welcher auf dem Gebiet des heutigen Frankreich wirkte, und Bonifatius in Nord- und Mitteldeutschland.[22] Durch ihre Arbeit wurde die Unzulänglichkeit in diesem Bereich erst deutlich.[23] Sie verfügten über einen außerordentlichen Bildungsstand und durch den Kontakt zum fränkischen Königshaus wurde diesem sein Mangel vor Augen geführt.[24] Bereits vor Karl gab es erste Maßnahmen zur Besserung dieser Situation, jedoch waren sie nie so durchdacht und umgreifend wie die seinen. Pippin traf als erster Franke mit den Missionaren zusammen und ließ sie in einigen Klöstern arbeiten. Zudem gründete er eine Hofschule, deren Aufgabe jedoch nur die Ausbildung in Verwaltungsaspekten war. Eine Ausstrahlung auf das Reich gab es nicht.[25] Erst Karl konnte unter Zusammenarbeit mit den Missionaren ab 777 eine Reform voranbringen und in ihnen ein leuchtendes Beispiel sehen, wie er eines für sein Reich war.[26]

[...]


[1] Vgl. Josef Fleckenstein, Die Bildungsreform Karls des Großen als Verwirklichung der norma rectitudinis, Bigge – Ruhr 1953, S. 93; folgend als: Fleckenstein, Bildungsreform

[2] Vgl. Eduard Norden, Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance, Darmstadt 61971, S. 660; folgend als: Norden, Kunstprosa.

[3] Vgl. ebenda, S. 659

[4] Vgl. Eva Irblich, Karl der Grosse und die Wissenschaft. Ausstellung karolingischer Handschriften der österreichischen Nationalbibliothek zum Europa – Jahr 1993, Wien 1993, S. 11; folgend als: Irblich, Karl

[5] Vgl. Siegfried Epperlein, Karl der Große. Eine Biographie, Berlin 197, S. 126; folgend als: Epperlein, Karl.

[6] Vgl. ebenda, S. 143;

[7] Vgl. ebenda, S. 141

[8] Vgl. ebenda, S. 134

[9] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 43

[10] Vgl. Irblich, Karl, S. 17

[11] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 66

[12] Vgl. Epperlein, Karl, S. 141

[13] Vgl. Josef Fleckenstein, Karl der Große, Zürich – Göttingen 31990, S. 74; folgend als: Fleckenstein, Karl.

[14] Vgl. ebenda, S. 77

[15] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 16

[16] Vgl. ebenda, S. 44 – 45

[17] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 75

[18] Vgl. Fleckenstein, Karl, S. 80

[19] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 51

[20] Vgl. Siegfried Epperlein, Leben am Hofe Karls des Großen, Regensburg 2000, S. 77; folgend als: Epperlein, Leben

[21] Vgl. ebenda, S. 112

[22] Vgl. Irblich, Karl, S. 13

[23] Vgl. Fleckenstein, Karl, S. 77

[24] Vgl. Fleckenstein, Bildungsreform, S. 9

[25] Vgl. ebenda, S. 22

[26] Vgl. Fleckenstein, Karl, S. 78

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Hof Karls des Großen und die Antike
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die annales regni francorum und das Umfeld Karls des Großen
Note
2,3
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V84496
ISBN (eBook)
9783638008556
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karls, Großen, Antike, Umfeld, Karls, Großen
Arbeit zitieren
Anonym, 2007, Der Hof Karls des Großen und die Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84496

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