Verwurzelt fliegen - Leitfaden für eine stärkenorientierte Kindererziehung


Fachbuch, 2007

260 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Buebs Missbrauch der Disziplin
Plädoyer für eine personale Erziehung
Störungen und Stärken
Was sind Kinderstärken?
Goethes Erziehungsempfehlung
Stärkenentwicklung durch Grundbedürfnisbefriedigung
Vier grundlegende Erziehungsaufgaben
Ein übergeordnetes Erziehungsziel
Das Grundmodell einer stärkenorientierten Erziehung

1 Erziehungsaufgabe: Das Bedürfnis des Kindes nach Bindung befriedigen
Drei wichtige Grundbegriffe der Bindungstheorie
Zur Bedeutung elterlicher Feinfühligkeit
Weitere Elternfähigkeiten, die Bindungssicherheit fördern
Vier unterschiedliche Bindungsstile
Eine gefühlsbezogene Gesprächskultur aufbauen und pflegen
Verbindliche Regeln aushandeln
Die Selbstbestimmungsmöglichkeiten des Jugendlichen fördern
Zur „privaten Bindungstheorie“ von Kindern und Jugendlichen
Stärken von sicher gebundenen Kindern und Jugendlichen
Zusammenfassung

2 Erziehungsaufgabe: Das Bedürfnis des Kindes nach Kontrolle und Orientierung befriedigen
Das Kontrollbedürfnis des Kindes befriedigen
Kinder zur Selbständigkeit erziehen
Selbstbestimmtes Lernen unterstützen
Interessen fördern
Das Orientierungsbedürfnis des Kindes befriedigen
Grenzen setzen
Orientierungsfähigkeiten aufbauen
Zusammenfassung

3 Erziehungsaufgabe: Das Bedürfnis des Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz befriedigen
Kinder selbstwertdienlich erziehen
Dem Kind uneingeschränkte Wertschätzung zeigen
Selbstwertbedrohliche Situationen gemeinsam meistern
Das Selbstwertgefühl des Kindes stärken
Mit kindlicher Selbstüberschätzung richtig umgehen
Kinder zur angemessenen Selbstwerterhöhung erziehen
Wie Kinder und Jugendliche zu guten Selbstwertschützern
werden können
Zusammenfassung

4 Erziehungsaufgabe: Das Bedürfnis des Kindes nach Lustgewinn und Unlustvermeidung befriedigen
Wie Kinder nach Unlustvermeidung und Lustgewinn streben
Gründe für die Vernachlässigung von positiven Gefühlen
Das „Gute“ an positiven Emotionen
Lustgewinn, Unlustabbau und Stärkenentwicklung beim Spiel und anderen kreativen Tätigkeiten
Wie können Eltern zur Entwicklung einer positiven Emotionalität ihrer Kinder beitragen?
Der Lustgewinn kann nicht grenzenlos sein
Zusammenfassung

5 Entwurf eines neuen Erziehungsmodells
Grundpfeiler des neuen Erziehungsmodells
Hierarchischer Modellaufbau
Stärkenorientierte Erziehungsplanung

6 Zur Praxis einer stärkenorientierten Erziehung
Stärkennutzung und Stärkenentwicklung
Aktivierung verfügbarer Stärken
Zur besseren Nutzung nicht optimal genutzter Stärken
Nutzbarmachung nicht wahrgenommener Stärken
Nutzbarmachung anderer nicht wahrgenommener Stärken
Stärkenentwicklung
Stärkende Umweltmöglichkeiten nutzen
Stärkung durch Eltern
Stärkung durch Geschwister
Stärkung von Geschwisterbeziehungen durch Rivalitätsabbau
Stärkung durch (Ur-)Großeltern
Stärkung durch Gleichaltrige
Stärkung durch Freunde
Stärkungsmöglichkeiten des erweiterten sozialen Netzwerks
Stärkung durch Haustiere
Stärkung durch „Konsumentenerziehung“
Was Kinder außerdem stärkt
Die Stärkungschancen für Kinder sind gesellschaftlich höchst ungleich verteilt

7 Ausblick

Literaturhinweise

Einführung

Kindererziehung im 21. Jahrhundert ist im Vergleich zu früheren Zeiten zu einer anspruchsvolleren und dadurch schwierigeren Aufgabe geworden, weil sie deutlich erhöhte Anforderungen an Eltern und Kinder stellt. Diese erhöhten Anforderungen an Erzieher und zu Erziehende hängen wesentlich mit den Folgen von grundlegenden gesellschaftlichen und familienbezogenen Strukturveränderungen in unserer Leistungsgesellschaft zusammen:

Die technologische Entwicklung vollzieht sich in rasantem Tempo, nationale Wirtschaften orientieren sich an Globalisierungsmaßstäben, die Mobilität in der Berufswelt wird erhöht und die Sorge um den Arbeitsplatz wächst. Zurückgehende Kinderzahlen und hohe Scheidungsquoten verändern familiäre Strukturen; es zeigen sich eine zunehmende Trennung von Arbeits-, Freizeit- und Familienwelt, eine Vielgestaltigkeit und Offenheit der persönlichen Lebensentwürfe, eine rasche Wissensveralterung, eine ungeheure Schnelllebigkeit sowie erhebliche Ungewissheiten und Zukunftsängste hinsichtlich der Lebensgrundlagen und der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung (vgl. Fuhrer 2007).

Eltern stehen als Folge dieser strukturellen Entwicklungen vor der komplizierten Aufgabe, ihre Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, die schwerer vorhersagbar ist denn je und ihnen dadurch die Einschätzung erschwert, was ihre Kinder wirklich brauchen, um mit späteren derzeit noch nicht bestimmbaren Herausforderungen fertig werden zu können. Eine solche Lage führt verständlicherweise zu Verunsicherungen und dem verstärkten Wunsch nach erziehungsbezogenen Orientierungshilfen.

Auf der Suche nach Orientierungen zur Erziehung ihrer Kinder machen Eltern unter anderem starken Gebrauch von Ratgeberliteratur, von der es auf dem Büchermarkt ein breites und vielfältiges Angebot gibt. Doch die Meinungen von Erziehungsratgebern darüber, wie eine zeitgemäße bzw. »richtige Erziehung« aussehen sollte, liegen in zentralen Punkten aufgrund der Ungewissheit erwartungsgemäß weit auseinander und werden überdies untereinander auch noch sehr kontrovers diskutiert. Eltern gelingt es dadurch kaum noch, sich einen hinreichenden Überblick über die vielfältigen Theorien, Konzepte und Praktiken zu verschaffen, die von anerkannten oder selbst ernannten Erziehungsfachleuten empfohlen bzw. propagiert werden. Als Folge dieser Uneinigkeit über die derzeit »richtige Erziehung« sind Herausgeber von Erziehungsratgebern zunehmend dazu übergegangen, sich nur noch speziellen Teilgebieten von Erziehung zu widmen, so dass interessierte Eltern zwar keine Gesamtorientierung mehr erhalten, dafür aber wenigstens die Möglichkeit haben, ein bestimmtes Buch zu einem für sie gerade bedeutsamen Thema auszuwählen, um sich dann durchaus grundlegend informieren zu können.

Buebs Missbrauch der Disziplin

Hin und wieder wagen es einzelne Autoren aber dennoch, das »ultimative Erziehungskonzept« auf den Markt zu bringen, weil sie mit dem »Gestus des Volkserziehers« genau zu wissen glauben und deshalb dogmatisch verkünden, was Eltern heutzutage unbedingt tun müssen, um ihre Kinder zukunftsorientiert und erfolgreich erziehen zu können. Das besondere Kennzeichen derartiger Schriften besteht allerdings vielfach darin, dass die Autoren Eltern für schwierige erzieherische Aufgabenstellungen allzu einfache Lösungsrezepte anbieten, was leider oftmals ihren Verkaufserfolg ausmacht, aber den Eltern im Erziehungsalltag nicht wirklich weiterhilft.

Eines dieser Bücher ist die jüngst von Bernhard Bueb (2006) veröffentlichte Streitschrift zum Thema »Lob der Disziplin«, die 2006/2007 monatelang zu den Bestsellern im Sachbuchbereich gehörte und bundesweit höchst strittig diskutiert wurde. Der große Verkaufserfolg dieses in verschiedener Hinsicht »schmalen» Textes ist insofern überraschend als der Autor, der bis 2005 als langjähriger Leiter des Eliteinternats Schloss Salem tätig war, Eltern und anderen Erziehern unverhohlen die Rückkehr zu einer autoritären Erziehung nahe legt, bei der unter anderem der Aufbau einer Gehorsamsmentalität bei Kindern und Jugendlichen zu den zentralen elterlichen Erziehungsaufgaben gehören soll. Das Buch liest sich demzufolge über weite Passagen wie eine Anleitung zur Dressur von Schäferhunden oder wie ein (ungeeignetes) Konzept zur Vorbereitung von jungen Menschen auf eine erfolgreiche Karriere bei der Bundeswehr. Es widerspricht nahezu allen demokratisch orientierten Vorstellungen von Kindererziehung, befindet sich stellenweise in gefährlicher Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut über die Erziehung von Kindern (vgl. Koch 2007) und ignoriert überdies grundlegende erziehungsbezogene Erkenntnisse von Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Pädagogischer Psychologie sowie gegenwärtige Positionen der Erziehungswissenschaften zu diesem Thema.

So kann zum Beispiel die neuere erziehungspsychologische Forschung nachweisen (vgl. Fuhrer 2005), dass autoritär erzogene Kinder in den Bereichen soziale Kompetenz, Reaktionsbereitschaft und intellektuelle Leistungsfähigkeit wesentlich schlechter abschneiden als Kinder, deren Eltern darauf achten, sie in ihrer Selbständigkeitsentwicklung zu fördern und ihnen unbedingte Wertschätzung entgegenzubringen ohne dabei auf angemessene Grenzsetzungen verzichten zu müssen (sog. autoritativer Erziehungsstil). Autoritär erzogene Kinder haben nach diesen Befunden also in wichtigen Schlüsselkompetenzen einen »Wettbewerbsnachteil« hinzunehmen, so dass Eltern schon aus diesem Grund dringend davon abgeraten werden muss, sich an Buebs nicht mehr zeitgemäßen Erziehungsempfehlungen zu orientieren.

Plädoyer für eine personale Erziehung

Das vorliegende Buch stellt einen Gegenentwurf zu dieser äußerst problematischen und höchst überflüssigen Streitschrift von Bueb dar, obwohl es nicht in dieser Absicht geschrieben wurde. Es handelt nicht von kindlicher Unterwerfung, Zucht und Ordnung, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit den psychischen Grundbedürfnissen von Kindern, wie diese durch Erziehung angemessen zu befriedigen sind und wie Kinder und Jugendliche durch deren angemessene Befriedigung außerordentlich gestärkt auf eine ungewisse Zukunft vorbereitet werden können. Eine solche stärkenorientierte Erziehung richtet sich unter anderem strikt gegen eine starre und strenge Disziplinierung von Kindern, obwohl angemessene Grenzsetzungen in der Kindererziehung durchaus für sinnvoll und notwendig erachtet werden (vgl. Kapitel 2). Diese dienen jedoch nicht (wie bei Bueb) dem Aufbau einer einschüchternden Gehorsamsmentalität, sondern sollen Kindern und Jugendlichen einen hilfreichen Orientierungsrahmen bieten, der allerdings in Abhängigkeit von den Möglichkeiten und Grenzen des jeweiligen Kindes flexibel zu gestalten ist und überdies Kindern mit zunehmendem Alter erlauben soll, ihre Selbstbestimmungsfähigkeiten zu entwickeln und zu stärken bzw. sich vernünftig selbst disziplinieren oder besser selbst kontrollieren zu können.

Ein solches Verständnis von Grenzsetzung und zahlreichen anderen Erziehungsmaßnahmen geht von der Individualität des Kindes aus und lässt sich auch als personale Erziehung kennzeichnen. Eine personale Erziehung ist ganz auf das jeweils zu erziehende Kind zugeschnitten was bedeutet, dass es unangemessen wäre, alle Kinder in der gleichen Art und Weise erziehen zu wollen. Kinder verfügen über unterschiedliche Anlagen (seltene Ausnahme: eineiige Zwillinge) und sind verschiedenen Umwelteinflüssen ausgesetzt. Altersgleiche Kinder können sich abgesehen von ihrem Geschlecht mitunter erheblich in ihren Gestaltmerkmalen, ihrem Temperament, ihren Fähigkeiten sowie ihren Erlebens- oder Handlungseigenschaften unterscheiden. Eine personale Erziehung muss sich auf solche Persönlichkeitsunterschiede einstellen und entsprechend individualisierte Erziehungsangebote machen. So ist es z.B. gut vorstellbar, dass zwei gleichaltrigen Kindern bestimmte Grenzen auf unterschiedliche Art und Weise zu setzen sind, weil das eine die diesbezüglichen elterlichen Erwartungen bereits aus der Beobachtung des Elternverhaltens erschließen kann oder nur gelegentlich einen kurzen Hinweis benötigt, um den elterlichen Vorgaben zu folgen, während ein anders Kind zum Einhalten und der Verinnerlichung von Grenzen wiederholt elterliche Steuerungs- und Lernhilfen benötigt, weil es anders oder langsamer lernt.

Ein stark hyperaktives und aufmerksamkeitsgestörtes Kind benötigt mehr und stärkere Grenzsetzungen als ein eher ängstliches Kind, dass sehr behutsam gelenkt werden sollte. Eltern müssen demnach über ein hohes Maß an erzieherischer Feinfühligkeit verfügen, um ihrem Kind das jeweils passende Grenzsetzungsangebot zu machen.

Im nachfolgenden Text wird im Übrigen deutlich werden, dass es in der Erziehung nicht genügt, sich vorrangig mit Fragen der Grenzsetzung von Kindern auseinanderzusetzen. Es gibt zahlreiche andere Erziehungsaspekte, die mindestens ebenso wenn nicht weit aus wichtiger sind, weil deren Berücksichtigung und Umsetzung zumindest in einer personalen und stärkenorientierten Erziehung z.B. erst die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kinder nicht aufgrund von beinharter Strenge, durch starre Disziplinierung und somit aus Angst vor Strafe sondern durchaus freiwillig bereit sind, elterliche Grenzsetzungen zu akzeptieren und diese auch zu verinnerlichen. Insofern handelt es sich in der von Bueb vorgelegten Streitschrift nicht nur um eine rigide Überbetonung, sondern geradezu um einen Missbrauch von Disziplin, wie auch in der gleichnamigen und von Brumlik (2007) herausgegebenen Stellungnahme zu Buebs reaktionären Erziehungsvorstellungen von verschiedenen wissenschaftlich arbeitenden Autoren verdeutlicht wird.

Störungen und Stärken

Wenn ein ehemaliger Internatspädagoge wie Bueb als selbsternannter Volkserzieher geradezu unerbittlich die Mission verfolgt, uns erklären zu wollen, wie aus vermeintlich quengeligen, störenden, unzuverlässigen und regelüberschreitenden Kindern durch strenge Disziplinierung ordentliche und gehorsame Menschen werden, dann stehen ausschließlich die Probleme im Vordergrund, die Kinder im Familienalltag durchaus haben bzw. machen können. Kinder und Jugendliche werden aber bei einer solchen einseitig störungsorientierten Betrachtungsweise zu Mängelwesen reduziert. Dabei wird leider oft übersehen, dass eine derartige Überbetonung von kindlichen Unzulänglichkeiten eine stigmatisierende Etikettierung darstellt, die dem jungen Menschen nicht nur schadet, sondern ihm auch als Person keineswegs gerecht wird, denn jedes noch so auffällige und problematische Kind verfügt über Fähigkeiten und weitere positive Möglichkeiten, die es von ihren Eltern zu entdecken und zu stärken gilt.

Erweiterung des erzieherischen Blickwinkels. Die zusätzliche Auseinandersetzung mit den Stärken ihrer Kinder kann Eltern dazu verhelfen, ihren erzieherischen Blickwinkel wesentlich zu erweitern. Sie sind dann bestrebt, neben den Problemen vermehrt auch die Stärken ihrer Kinder zu erkennen und zu beachten und sie können sich dadurch ein umfassenderes Bild von ihrem Sohn oder ihrer Tochter machen. Diese vollständigere Personwahrnehmung erleichtert es den Eltern, ihren Kindern sowie deren Möglichkeiten und Grenzen besser gerecht zu werden, sie auch bei Unzulänglichkeiten und Misserfolgen weiterhin wertzuschätzen und ihnen bei der Überwindung von Problemen mit aller Kraft zu helfen bzw. ihre Selbsthilfefähigkeiten zu stärken.

Was sind Kinderstärken?

Wenn Eltern mit diesem Buch dafür gewonnen werden sollen, sich in der Erziehung vorrangig am Stärkenaufbau und an der Stärkenförderung ihrer Kinder zu orientieren ohne dabei ihre Störungen »unter den Teppich zu kehren«, dann müssen sie zunächst wissen, was genau unter Kinderstärken zu verstehen ist. In meinen Befragungen zu diesem Thema sind von Eltern immer wieder die folgenden Stärken unterschieden worden:

Was sind Kinderstärken?

- Körperliche Stärken
- Psychische Stärken
- Stärken des Sozialverhaltens

Körperliche Stärken. Einige Eltern meinen zu Recht, dass es sich bei einer stärkenorientierten Erziehung um die Entwicklung der körperlichen Stärken ihrer Kinder handeln soll, wie zum Beispiel um die Förderung der körperlichen Gesundheit durch gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und genügend Bewegung. Das kindliche Immunsystem und die körperliche Belastbarkeit sollen gestärkt werden. Eltern versuchen überdies, ihre Kinder auch bei der optimalen Entwicklung ihrer Körperkräfte und ihrer motorischen Fertigkeiten wie Schnelligkeit oder Geschicklichkeit etwa durch sportliche Betätigung zu unterstützen. Jemand ergänzt unter Umständen noch, dass auch die körperliche Attraktivität als Stärke anzusehen ist, also das gute Aussehen oder das positive äußere Erscheinungsbild eines Kindes oder Jugendlichen, das zur Erhöhung des Selbstwertes und seiner Beliebtheit bei anderen wesentlich beitragen kann.

Psychische Stärken. Andere Eltern denken dagegen eher an die Förderung von psychischen Stärken wie Intelligenz und andere Begabungen wie z.B. Kreativität, Musikalität und andere künstlerische Fähigkeiten oder an die Stärkung der Denk-, Lern- und Leistungsfähigkeit, der psychischen Belastbarkeit, Konzentrationsfähigkeit, Selbstregulation oder Willensstärke. Ihre Kinder sollen Erfolg in der Schule haben, Misserfolge im Leistungsbereich bewältigen, angemessen mit Kritik umgehen, ihre psychischen Talente entfalten, sich sinnvolle Ziele setzen und diese beharrlich verfolgen, sich eigenständig Wissen aneignen oder selbstbestimmt ihren Interessen nachgehen können.

Stärken des Sozialverhaltens. Wieder andere Eltern sind der Meinung, dass es wohl um die Entwicklung und Förderung von bestimmten Stärken des Sozialverhaltens wie Durchsetzungsfähigkeit und Beziehungsfähigkeit gehen könnte. Ihre Kinder sollen in Gleichaltrigengruppen und mit Erwachsenen gut zurechtkommen, sowohl konkurrenz- als auch kooperationsfähig werden, sich in andere Personen einfühlen und dabei ihre emotionale und soziale Intelligenz entwickeln, sich prosozial verhalten, sich als Personen behaupten und belastbare enge Freundschaftsbeziehungen aufbauen und sichern können.

Sicherlich wird es auch Eltern geben, die, wie der Verfasser dieses Buches, die Auffassung vertreten, dass durch Erziehung körperliche und psychische Stärken sowie Stärken des Sozialverhaltens von Kindern und Jugendlichen gleichermaßen aufgebaut und gefördert werden sollten, sich dann aber sogleich die Frage stellen, wie eine solche doch sehr umfassende stärkenorientierte Erziehung von ihnen eigentlich praktisch umgesetzt werden kann oder durch welche Erziehungsangebote Kinder und Jugendliche im oben genannten Sinne vielfältig und nachhaltig gestärkt werden können.

Goethes Erziehungsempfehlung

Eine erste weiterführende Antwort auf diese Fragen findet sich bei Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), der sich schon zu seiner Zeit grundlegend mit dem elterlichen Erziehungsauftrag und den Zielen von Erziehung auseinandergesetzt hat. Er ist dabei zu folgender tiefergehenden Erkenntnis gekommen, die auch heute noch näherer Betrachtung lohnt, weil sie unser Thema einer stärkenorientierten Erziehung ganz unmittelbar betrifft:

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.

Goethe verweist mit diesem Aphorismus auf zwei sehr unterschiedliche elterliche Erziehungsaufgaben, sagt aber nicht, wie diese Aufgaben zu bewältigen sind bzw. über welche erzieherischen Fähigkeiten Eltern zu ihrer Verwirklichung verfügen müssten. Bei einer Analyse der verwendeten Begriffe wird jedoch nicht nur deutlich, dass sich die notwendigen Fähigkeiten leicht erschließen lassen, sondern dass Goethes Erziehungsempfehlungen auch nach dem heutigen Erkenntnisstand immer noch

von herausragender Bedeutung sind, insbesondere mit dem Blick auf eine stärkenorientierte Erziehung von Kindern und Jugendlichen.

Wurzeln. Wenn bei Goethe von Wurzeln die Rede ist, die Kinder von ihren Eltern bekommen sollen, so sind damit - unter Verwendung eines Begriffs der Entwicklungspsychologie - die Bindungen zwischen Eltern und Kindern gemeint. Diese Bindungen sollten stark und belastbar sein, dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und elterlicher Verlässlichkeit vermitteln und ihm vor allem einen sicheren Halt geben, denn je kräftiger diese Wurzeln ausgebildet sind, desto besser geben sie dem Kind Halt. Das Bekommen von Wurzeln deutet im Übrigen darauf hin, dass diese nicht von selbst wachsen, sondern die Eltern über bestimmte Fähigkeiten verfügen müssten, um durch deren Aktivierung eine kräftige Wurzelentwicklung bei ihren Kindern zu fördern.

Flügel. Kinder brauchen Flügel, um später das elterliche Nest verlassen und die Welt eigenständig erkunden zu können. Doch bis ihre Flügel dazu tragfähig und kräftig genug sind, müssen Menschenkinder im Vergleich zu Vogelkindern einen besonders langen und elterngestützten Entwicklungsprozess durchlaufen. Sie machen dabei vielfältige Erfahrungen mit sich, ihren engsten Bezugspersonen und anderen Menschen, eignen sich (über-)lebens­wichtige Fähigkeiten und Fertigkeiten an, lernen sich in ihrer Umwelt immer besser zu orientieren, werden dadurch zunehmend anpassungsfähiger, selbständiger und damit unabhängiger von ihren Eltern, bis sie schließlich in der Lage sind, eigene Wege gehen zu können. Gut verwurzelte Kinder mit tragfähigen Flügeln suchen als Erwachsene ihre Eltern aber immer wieder gern auf oder lassen sich von ihnen besuchen, weil sie sich stark mit ihnen verbunden fühlen und ihre Nähe mögen.

Stark entwickelte Wurzeln. Eines Tages flügge zu werden, hängt eng mit dem Verwurzeltsein zusammen. Wer schon als kleines Kind das ungemein stärkende Gefühl einer sicheren Bindung an seine Eltern empfindet, wird mit großer Neugier Neues entdecken wollen, Spaß an Anregungen haben, ganz in seinem Spiel aufgehen, ziemlich unternehmungslustig sein und bald erste Flugversuche starten. Ein solches Kind ist sich seiner sicheren Basis bewusst und kann sich, durch den gefühlten elterlichen Rückhalt gestärkt, unbeschwert und mutig ein Stück weit von den Eltern entfernen, weil es weiß, dass es bei ihnen zuverlässig Nähe, Unterstützung oder Trost finden wird, wenn es ihre hilfreiche Fürsorge braucht.

Schwach entwickelte Wurzeln. Ganz anders ergeht es einem kleinen Kind, dass sich der Bindung an seine Eltern nicht sicher sein kann. Es hat vielleicht häufiger erlebt, dass seine Mutter in unberechenbarer Weise mit ihm umgegangen ist, indem es manchmal von ihr mit Zuneigung und Liebe überschüttet, in anderen Situation dagegen aber gar nicht beachtet oder sogar sträflich vernachlässigt wurde. Dieses Kind musste dabei wiederholt die Erfahrung machen, dass seine Mutter sich nicht um es kümmerte oder gar nicht anwesend war, wenn es gerade ihre Nähe und ihren Zuspruch ganz dringend gebraucht hätte. Es weiß deshalb überhaupt nicht, wann und ob es mit der Zuwendung und Fürsorge seiner Mutter rechnen kann. Bei diesem Kind sind die Wurzeln deshalb nur schwach ausgeprägt und geben wenig Halt, weil sein Bedürfnis nach stärkender Nähe bzw. Bindung von seiner Mutter wiederholt missachtet oder sogar dauerhaft verletzt worden ist.

Erste Flugversuche ohne Netz und drohende Absturzgefahr. Derart unsicher gebundene Kinder und besonders solche, die von ihren Eltern häufig Geringschätzung erfahren, stark vernachlässigt oder unterdrückt werden, sind aus Mangel an elterlicher Unterstützung und Fürsorge oft gezwungen, sich das Fliegen selbst beizubringen, obwohl ihnen ein tragfähiges Netz fehlt, das sie bei Abstürzen sicher auffangen könnte. Solche Kinder überschätzen später auch vielfach ihre fliegerischen Fähigkeiten, verlassen das Nest deshalb häufig viel zu früh und entfernen sich dabei erschreckend weit von ihren Eltern. Außenstehenden erscheinen sie dadurch mitunter schon ungewöhnlich selbständig, doch der Schein trügt. Denn diese Kinder sind durch das Fehlen einer sicheren Basis, zu der sie bei auftretenden Problemen zurückkehren können, erheblichen Risiken und Gefährdungen ausgesetzt. Sie geraten später nicht selten in beträchtliche Schwierigkeiten, wenn sie sich nicht an andere Menschen sicher binden können, die ihnen in misslichen Lagen zuverlässig beistehen.

Keine Lust, das Fliegen zu lernen oder Flugangst. Andere Kinder könnten das Fliegen zwar mühelos lernen, sie haben aber überhaupt keine Lust dazu, es sich anzueignen, weil sie sich nur ungern anstrengen. Und wieder anderen bereitet das Fliegenlernen erhebliche Mühe, weil sie etwa befürchten, sich bei ihren Flugversuchen ernsthaft zu verletzen oder dabei ihre Eltern aus den Augen zu verlieren. Sie haben deshalb große Angst vor dem Fliegen. Es handelt sich im ersten Fall um Kinder, die von ihren Eltern sehr verwöhnt worden sind und im zweiten Fall um stark überbehütete Kinder.

- Verwöhnte Kinder machen zu Hause die Erfahrung, dass die meisten ihrer Wünsche in Erfüllung gehen, Hindernisse aus dem Weg geräumt und eigene Anstrengungen kaum nötig sind, weil ihnen Vieles abgenommen wird, was sie eigentlich längst schon selbst tun könnten. Sie bekommen nach Ansicht des Zürcher Pädagogen und Psychologen Jürg Frick (2005) von ihren Eltern ein Zuviel an Zärtlichkeit, Besorgnis, Hilfe, Entlastung oder Geschenken und ein Zuwenig an Zutrauen, Ermutigung, Forderung oder Grenzsetzung. Verwöhnte Kinder haben es sich nach einigen durchaus erfolgreichen Flugversuchen schließlich im Nest bequem gemacht, weil sie beobachten konnten, dass ihre Eltern bereit sind, statt ihrer zu fliegen, sobald es von ihnen gewünscht oder mit Nachdruck verlangt wird.
- Überbehütete Kinder werden von ihren oft überängstlichen Eltern in übertriebener Weise beschützt und dabei weder gefordert noch losgelassen. Sie bleiben deshalb fremdbestimmt sowie unselbständig und sind dadurch übermäßig an ihre Eltern gebunden. Überbehütete Kinder entwickeln sich wie anstrengungsverwöhnte Kinder, aber aus anderen Gründen, zu Nesthockern, weil sie sich nur wenig zutrauen und Ihre Flügel durch seltene Flugversuche nur schwach entwickelt sind. Sie haben deshalb verständlicherweise große Angst vor dem Fliegen.

Stärkenentwicklung durch Grundbedürfnisbefriedigung

Die Beispiele von bindungsunsicheren Kindern, übermäßig gebundenen, flugunwilligen oder flugängstlichen Nesthockern zeigen, dass ihre Stärkenentwicklung teilweise gehemmt oder in einigen Bereichen sogar blockiert wird, weil ganz bestimmte ihrer psychischen Grundbedürfnisse nicht angemessen, nur unvollständig oder gar nicht befriedigt werden:

- Bindungsunsichere Kinder können keine haltgebenden Wurzeln bzw.

kein stärkendes Gefühl von Bindungssicherheit ausbilden.

- Flugunwillige Kinder verpassen aufgrund fehlender elterlicher Grenz-

setzungen oder Forderungen die Weiterentwicklung ihrer fliegerischen

Fähigkeiten bzw. den Aufbau von Selbsthilfefähigkeiten.

- Flugängstliche Kinder haben mit ihren schwachen oder verkümmerten

Flügeln große Probleme, sich überhaupt aus dem elterlichen Nest zu

entfernen und sind dadurch in ihrer Selbständigkeitsentwicklung stark

beeinträchtigt.

Ohne eine zuverlässige und angemessene Befriedigung ihrer psychischen Grundbedürfnisse können Kinder und Jugendliche jedoch nur in geringem Maße entwicklungsfördernde Stärken aufbauen oder weiterentwickeln, die sie später wiederum befähigen, ihre psychischen Grundbedürfnisse zunehmend auch eigenständig zu befriedigen.

Im Verlauf des Buches wird auf diese Wechselwirkungen noch sehr ausführlich eingegangen. Zunächst soll aber erst einmal eine kurze Vorschau auf die nächsten Kapitel genügen, um aufzuzeigen, was unter psychischen Grundbedürfnissen überhaupt verstanden wird und warum deren Befriedigung für die Stärkenentwicklung von Kindern und Jugendlichen so außerordentlich wichtig ist.

Was sind psychische Grundbedürfnisse?

Neben der Befriedigung von physiologischen Grundbedürfnissen wie z.B. von Nahrungsaufnahme, Atmung, Sexualität, Schlaf und Bewegung muss der Mensch auch seine psychischen Grundbedürfnisse befriedigen, um ein zufrieden stellendes Leben führen zu können. In der bedürfnispsychologischen Forschung herrscht allerdings Uneinigkeit darüber, um welche psychischen Grundbedürfnisse es sich dabei genau handeln soll. Beim Studium der verschiedenen Ansätze wird deutlich, dass die Autoren sich bei der Bestimmung von psychischen Grundbedürfnissen durchaus unterscheiden, es aber bei manchen auch zu übereinstimmenden Festlegungen kommt.

In diesem Buch wird auf das Grundbedürfnismodell des US-amerikanischen Psychologen Seymour Epstein (1991) Bezug genommen, der vier psychische Grundbedürfnisse unterscheidet, die als »Einzelbedürfnisse« auch in anderen bekannten Bedürfnismodellen vorkommen, aber in seinem Konzept als die zentralen psychischen Grundbedürfnisse des Menschen integriert werden und gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Epsteins Modell psychischer Grundbedürfnisse

- Das Bedürfnis nach Bindung
- Das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung
- Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
- Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

Nach Epsteins Auffassung fördert die angemessene Befriedigung dieser vier Grundbedürfnisse die physische und psychische Gesundheit des Menschen, während ihre nachhaltige Nichtbefriedigung als Ursache vielfältiger psychischer Störungen angesehen werden kann.

Aus diesem Bedürfnismodell lässt sich nunmehr ableiten, was Kinder und Jugendliche brauchen, um nicht nur verwurzelt zu fliegen und sondern auch in Erweiterung von Goethes Erziehungsempfehlungen selbstbewusst und zufrieden durch das Leben zu gehen.

Befriedigung des Bindungsbedürfnisses

Damit Kinder möglichst kräftige Wurzeln ausbilden können ist es erforderlich, dass Eltern das Bindungsbedürfnis ihrer Kinder hinreichend und angemessen befriedigen. Um dieser wichtigen Erziehungsaufgabe gerecht zu werden, müssen Eltern über verschiedene Fähigkeiten verfügen, deren Aneignung und Aktivierung den Aufbau sicherer Bindungen oder haltgebender Wurzeln zuverlässig bewirkt. Im ersten Kapitel dieses Buches wird gezeigt, um welche elterlichen Erziehungsfähigkeiten es sich dabei im Einzelnen handelt und welche positiven Wirkungen durch deren Einsatz noch zusätzlich zur Entwicklung von sicheren Bindungen bei Kindern und Jugendlichen erzielt werden.

Befriedigung des Orientierungs- und Kontrollbedürfnisses

Um ohne Absturzgefahr eines Tages sicher allein fliegen und navigieren zu können, benötigen Kinder zunächst langjährige Orientierungshilfen, damit sie sich in ihrer Umwelt immer besser zurechtfinden und überdies ein ausreichendes Verständnis von sich als Person und anderen Menschen gewinnen. Außerdem brauchen sie vielfältige Unterstützung darin, wie sie lernen, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass sie zum Beispiel in der Lage sind, selbst gesetzte Flugziele später auch ohne Begleitung oder Hilfestellung der Eltern sicher zu erreichen.

Eine weitere elterliche Erziehungsaufgabe besteht demzufolge darin, das Orientierungs- und Kontrollbedürfnis ihrer Kinder zuverlässig zu befriedigen, indem sie ihnen klare Grenzen setzen, brauchbare Strukturierungshilfen geben und ihre Selbständigkeit dadurch fördern, dass sie ihnen ausreichend Möglichkeiten bieten, selbst etwas im Sinne ihrer Zielsetzungen bewirken zu können. Darüber, wie Eltern diese

erzieherischen Anforderungen am besten bewältigen und welchen stärkenden Nutzen ihre Kinder aus der Befriedigung dieses Grundbedürfnisses ziehen, informiert das zweite Kapitel.

Befriedigung des Bedürfnisses nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz

Neben den Bedürfnissen nach Bindung, Orientierung und Kontrolle sind weitere psychische Bedürfnisse zu befriedigen, damit Kinder und Jugendliche sicher verwurzelt und beflügelt ihrer Wege gehen können. Dazu gehört unter anderem die befriedigende Erfahrung, dass Kinder sich von ihren Eltern als geachtet, bedingungslos wertgeschätzt und geliebt erleben, sich im Zusammenleben mit ihnen und anderen ihrer Stärken und weiterer Möglichkeiten bewusst werden, um ein positives Bild von sich selbst aufbauen zu können. Damit dies zuverlässig gelingt, benötigen Kinder und Jugendliche ein überdauerndes elterliches Beziehungsangebot, das sie in ihrer positiven Selbstwahrnehmung oder Selbstsicherheit bestärkt und sie davor beschützt, ein negatives Bild über ihren Wert als Person aufzubauen. Was Eltern tun können, um dieses Bedürfnis ihrer Kinder nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz hinreichend und angemessen zu befriedigen, soll im Kapitel 3 aufgezeigt werden.

Befriedigung des Bedürfnisses nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

Wer psychisch und physisch gesunde Kinder beim intensiven Spielen in Einzelsituationen oder im Zusammenspiel mit anderen aufmerksam beobachtet spürt sofort, welche Bedeutung dieser Tätigkeit auf ganz unterschiedlichen Alterstufen und bei verschiedenen Arten des Spiels zukommt. Deutlich wird zuallererst, mit welcher Freude, Begeisterung und Hingabe sie in der Regel bei der Sache sind und welche Mühe es Eltern mitunter macht, ihre Kinder vom Spiel „loszueisen“. Ein Grund für diese starke Spielbindung besteht darin, dass Kinder beim Spielen vornehmlich positive Gefühle erleben und auf diese Weise ihr Bedürfnis nach Lustgewinn befriedigen. Sie können sich im Spiel aber auch von Unlustempfindungen entlasten, die sich mit

unter bei ihnen im Tagesverlauf aufgebaut haben. Des Weiteren bietet das Spielen dem Kind die Möglichkeit, sich Wünsche zu erfüllen, die ihm im Alltag noch versagt bleiben. Es ist dann Astronaut oder Polizist, übernimmt im Spiel die Rollen von Vater und Mutter oder präsentiert sich als Superman oder Harry Potter. Die stärkende Befriedigung des Bedürfnisses nach Lustgewinn und Unlustvermeidung lässt sich aber nicht nur durch positive Spielerfahrungen erreichen. Für Eltern bieten sich zahlreiche weitere Möglichkeiten dieses Bedürfnis ihres Kindes umfassend zu befriedigen, wie im Kapitel 4 ausführlich dargestellt werden wird.

Vier grundlegende Erziehungsaufgaben

Nach dem bisher Gesagten handelt es sich also im Wesentlichen um vier grundlegende Erziehungsaufgaben, die Eltern zu bewältigen haben, wenn sie ihre Kinder zu Personen erziehen wollen, die über sichere Bindungen, gute Orientierungs- und Kontrollfähigkeiten verfügen und sich mit einem starken Gefühl der Selbstsicherheit sowie mit einer positiven Grundstimmung zuversichtlich, zielstrebig und mutig ihren Entwicklungsaufgaben und weiteren Anforderungen des Lebens stellen können. Was sollen also Kinder und Jugendliche in Erweiterung der Empfehlungen von Goethe von ihren Eltern außerdem noch bekommen, damit es ihnen gut geht und sie für die noch unbekannten Herausforderungen ihres zukünftigen Lebens gut gerüstet sind?

Vier grundlegende Erziehungsaufgaben von Eltern

1 Befriedige das Bedürfnis deines Kindes nach Bindung
2 Befriedige das Orientierungs- und Kontrollbedürfnis deines Kindes
3 Befriedige das Bedürfnis deines Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
4 Befriedige das Bedürfnis deines Kindes nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

Zwischen verschiedenen Bedürfnisansprüchen müssen Kompromisse gefunden werden

Ein Vergleich dieser vier Erziehungsaufgaben macht schnell klar, dass Eltern zu deren Bewältigung nicht nur über höchst unterschiedliche Fähigkeiten verfügen müssen, sondern dass die Befriedigung des einen kindlichen Bedürfnisses mitunter auch unvereinbar mit der Befriedigung eines anderen der genannten Bedürfnisse sein kann. So ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass Kinder ausreichend Möglichkeiten und Anreize zum Spielen bekommen, um ihr Bedürfnis nach Lustgewinn befriedigen zu können, aber Erziehung dient nicht der Vorbereitung auf eine Spaßgesellschaft. Das Kind soll auch lernen, sich an Normen, Regeln und Absprachen zu halten und die Gefühle sowie die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten. Als Orientierungshilfen müssen ihm deshalb konsequent Grenzen gesetzt werden, die seine Kontrollmöglichkeiten zeitweise einschränken und deshalb auch Unlustgefühle (z.B. Unzufriedenheit, Verärgerung) hervorrufen. Ebenso darf die Befriedigung des Bedürfnisses nach Selbstwerterhöhung nicht soweit gehen, dass sich das Kind als Person maßlos überbewertet oder seine Fähigkeiten grandios überschätzt. Andernfalls wäre zu befürchten, dass es bei diesem Kind zum Beispiel infolge der Fehleinschätzung seines tatsächlichen Leistungsvermögens durch unerwartete Misserfolge zu Verletzungen seines Kontrollbedürfnisses kommt oder es durch seine zur Schau getragene Selbstüberschätzung von anderen Personen zurückgewiesen wird. Dass auch eine übermäßige Bindung des Kindes an die Eltern, wie beispielsweise im Fall der Überbehütung, die Entwicklung seiner Selbständigkeit behindert und damit die Möglichkeit des Kindes einschränkt, sein Kontrollbedürfnis später weitgehend eigenständig zu befriedigen, ist bereits oben angesprochen worden.

Bei der Verfolgung dieser vier grundlegenden, aber höchst unterschiedlichen Erziehungsaufgaben ist also darauf zu achten, dass zwischen den verschiedenen Bedürfnisansprüchen im Konfliktfall möglichst ein Kompromiss gefunden wird, um bei dem betroffenen Kind das Entstehen eines fehlangepassten Verhaltens zu vermeiden. Wie die oben vorgestellten Beispiele andeuten, wird ein solcher Kompromiss am ehesten dann erreicht, wenn die jeweiligen Bedürfnisbefriedigungen angemessen

und ausgewogen erfolgen, also von den Eltern weder ein Zuviel noch ein Zuwenig an Befriedigungsangeboten gegeben wird.

Zur gleichzeitigen Befriedigung mehrerer Grundbedürfnisse

Erziehung gestaltet sich überdies optimal, wenn es Eltern gelingt, bei ihren Kindern Erlebens- und Verhaltensweisen anzuregen und zu stärken, die nicht nur der Befriedigung eines psychischen Bedürfnisses dienen, sondern zugleich auch der Befriedigung eines oder mehrerer anderer der genannten Grundbedürfnisse zugute kommen. Dazu ein Beispiel:

Gleichzeitige Befriedigung mehrerer Grundbedürfnisse

Ein dreijähriges Vorschulkind, das unter gezielter Anleitung seiner Eltern schließlich gelernt hat, sich zu Hause selbständig anzuziehen, wird diese Fähigkeit auch im Kindergarten zeigen und dabei im Vergleich mit anderen gleichaltrigen Kindern möglicherweise feststellen, dass es diese Anforderung schon deutlich besser bewältigt. Es kann dadurch nicht nur sein Kontrollbedürfnis, sondern auch sein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung befriedigen, insbesondere dann, wenn diese Leistung auch noch bei seinen Erzieherinnen Anerkennung findet.

Ein übergeordnetes Erziehungsziel

Die oben aufgeführten Erziehungsaufgaben sind nicht willkürlich ausgewählt worden, sondern ihre aufeinander abgestimmte Bewältigung soll einem bestimmten Zweck dienen. Durch die hinreichende und angemessene Befriedigung der genannten psychischen Grundbedürfnisse wird ein Erziehungsziel angestrebt, das allen anderen übergeordnet ist:

Das übergeordnete Erziehungsziel

Fördere das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden

deines Kindes.

Bei diesem übergeordneten Erziehungsziel handelt es sich um eine erzieherische Orientierung, die wohl bei einer Mehrzahl von Eltern ungeteilte Zustimmung finden dürfte, denen am Wohlergehen ihrer Kinder sehr gelegen ist. Wer wollte nicht, dass sein Kind sich im Allgemeinen als körperlich gesund und fit erlebt, sich bindungssicher, kompetent und ausgeglichen fühlt, der festen Meinung ist, von anderen geliebt und als Person geschätzt zu werden und über eine positive Emotionalität verfügt.

Es wird also bei diesem übergeordneten Erziehungsziel zwischen körperlichem, psychischem und sozialem Wohlbefinden unterschieden, wobei diese Merkmale von Gesundheitspsychologen zumeist unter dem Begriff des biopsychosozialen Wohlbefindens zusammengefasst und in noch weitere Komponenten untergliedert werden. Überdies lässt sich nach einem Vorschlag des Trierer Psychologen Peter Becker (1994) noch eine Unterscheidung zwischen einem aktuellen Wohlbefinden zur Charakterisierung des momentanen Erlebens einer Person und einem überdauernden Wohlbefinden vornehmen, das eine relativ stabile Eigenschaft einer Person kennzeichnet. Durch eine stärkenorientierte Erziehung wird angestrebt, dass Kinder aus zahllosen Erfahrungen aktuellen Wohlbefindens, bei denen sie ihre unterschiedlichen Grundbedürfnisse als angemessen und zuverlässig befriedigt erleben, schließlich einen subjektiven Befindlichkeitsstatus erreichen, der von ihnen und ihren Eltern als überdauerndes Wohlbefinden gekennzeichnet werden kann.

Das Problem von Erziehungsidealen

Das Problem solcher Idealvorstellungen über die Möglichkeiten von Erziehung, von denen es noch zahlreiche andere gibt (z.B. die Erziehung des Kindes zu einem mündigen Bürger oder zu einer Person, die sich an christlichen Werten orientiert), liegt in

der Beantwortung der Frage, auf welchem Weg derart übergeordnete Ziele eigentlich zu erreichen sind und über welche erzieherischen Fähigkeiten Eltern verfügen müssten, um sich einem solchen Erziehungsideal durch ihr erzieherisches Handeln so weit wie möglich annähern zu können.

Es ist festzustellen, dass nicht wenige Veröffentlichungen zu Erziehungsfragen interessierten Eltern präzise Antworten auf die oben gestellten Fragen schuldig bleiben. Die entsprechenden Darstellungen verlieren sich allzu oft in ziemlich allgemein gehaltenen Vorschlägen darüber, wie Kindererziehung im Sinne des jeweiligen Ideals verbessert werden könnte. Auch Politiker beteiligen sich bei gegebenem Anlass gern am Entwurf solcher Idealmodelle, die dann aber in aller Regel wieder im Papierkorb landen, weil sie – wenn überhaupt daran gedacht wird – spätestens an den Schwierigkeiten ihrer Umsetzung scheitern.

Wie lässt sich die bestmögliche Annäherung an ein Erziehungsideal erreichen?

In diesem Buch soll dazu ein Entwurf vorgelegt werden, der vier aufeinander aufbauende Vorgehensschritte unterscheidet:

- Es wird zunächst mit der Wohlbefindensförderung des Kindes nur ein einziges übergeordnetes Erziehungsziel vorgegeben.
- In einem nächsten Schritt wird sehr genau ausgeführt, welche unterge- ordneten Erziehungsaufgaben Eltern zu bewältigen haben, um diesem übergeordneten Erziehungsziel möglichst nahe zu kommen.
- Anschließend werden Eltern darüber informiert, welche Fähigkeiten sie sich aneignen sollten, um die genannten Erziehungsaufgaben hinreichend und angemessen bewältigen zu können.
- Und es wird ihnen dann an Beispielen aus der Praxis gezeigt, wie sie diese Fähigkeiten zur optimalen Erziehung ihres Kindes am besten entwickeln und einsetzen können.

Das vorgestellte Vorgehenskonzept bietet Eltern insofern ein umfassendes und neuartiges „Programm“ über die erfolgversprechende Förderung des körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens ihrer Kinder an, das überdies auf psychologischer Grundlagenforschung aufbaut und sich in meiner langjährigen Praxis als Erziehungsberater gut bewährt hat. Durch seine Bezugnahme auf bedeutsame Befunde der psychologischen Grundlagen- und Anwendungsforschung konnte zudem eine Erziehungskonzeption entwickelt werden, die nicht wechselnden populären „Erziehungsmoden“ oder jeweiligen „Trends“ unterworfen ist, sondern sich an aktuellen Forschungsergebnissen über die Bedingungen einer optimalen Entwicklung und Stärkung von Kindern und Jugendlichen orientiert.

Das Grundmodell einer stärkenorientierten Erziehung

Nach den bisher vorgestellten Überlegungen kann nun zunächst folgendes Grundmodell einer stärkenorientierten Erziehung vorgelegt werden, das als Basis für die nachfolgenden vier Kapitel dient und im Kapitel 5 weiter ausgebaut wird (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Grundmodell einer stärkenorientierten Erziehung

Die Abbildung 1 lässt sich wie folgt lesen: Um das übergeordnete Erziehungsziel „fördere das biopsychosoziale Wohlbefinden deines Kindes“ annähernd zu erreichen ist es erforderlich, dass Eltern die vier aufgeführten psychischen Grundbedürfnisse ihrer Kinder angemessen und möglichst so befriedigen, dass ein Kompromiss zwischen diesen unterschiedlichen Bedürfnisansprüchen gefunden werden kann oder mehrere der genannten Grundbedürfnisse gleichzeitig befriedigt werden können.

Über Störungen wird ausnahmsweise kaum gesprochen

Wenn das umfangreiche Thema der optimalen Wohlbefindensförderung durch eine bedürfnis- und stärkenorientierte Erziehung von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich im Vordergrund stehen soll, müssen andere Fragestellungen zwangsläufig dahinter zurücktreten, auch wenn diese zweifellos von gleichrangiger Bedeutung sind. Die Leserinnen und Leser erhalten deshalb in diesem Buch zum Beispiel keine Informationen darüber, was genau unter psychischen Störungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen zu verstehen ist, wodurch sie verursacht sein können und wie sie sich verfestigen. Sie werden also nichts über Aggressivität, Ängste, Essstörungen, Konzentrationsprobleme, Bettnässen, Schulschwierigkeiten oder verzögerte Sprachentwicklung erfahren, um nur einige wenige Auffälligkeiten und Störungen im Kindes- und Jugendalter zu nennen. Es wird demzufolge auch nur in Ausnahmefällen davon die Rede sein, wie solche und andere Probleme durch erzieherische oder therapeutische Maßnahmen verringert oder abgebaut werden können. Zu diesen wichtigen Themen gibt es bereits unzählige Erziehungsratgeber und es war nicht meine Absicht, diesen vornehmlich problembezogenen Büchern noch ein weiteres hinzuzufügen.

Die Bezugnahme auf das Goethe-Wort und die sich daran anschließenden Erläuterungen haben inzwischen klar gemacht, dass es in diesem Buch hauptsächlich darum geht, Vorschläge zu unterbreiten, die am Gelingen von Erziehung orientiert sind. Dies schließt auch Antworten auf die Frage mit ein, wie der Entwicklung von psychischen Problemen oder Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter von Eltern vorbeugend entgegengewirkt werden kann, denn diese entstehen in der Regel aus schweren und dauerhaften Verletzungen der aufgeführten psychischen Grundbedürfnisse! Wenn Eltern also verhindern wollen, dass ihre Kinder psychische Störungen und/oder Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, dann sollten sie unbedingt die genannten vier psychischen Grundbedürfnisse zuverlässig und angemessen befriedigen.

In der Erziehungspraxis müssen problem- und stärkenorientiertes Denken und Handeln allerdings oft miteinander verknüpft werden, so dass sich die hier vorgenommene Trennung nur auf Grund des gewählten Themenschwerpunktes rechtfertigen lässt. In den abschließenden Kapiteln 5 und 6, in denen der Entwurf und die Praxis dieses neuen Erziehungsmodells vorgelegt werden, soll jedoch an einzelnen Beispielen gezeigt werden, wie eine solche Verknüpfung aussehen kann.

Stärkende Erziehung als komplexes Geschehen

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, dass es sich bei der stärkenorientierten Erziehung, die Kinder dazu befähigen soll, eines Tages als Jugendliche oder junge Erwachsene sicher verwurzelt und eigenständig zu fliegen, um ein komplexes Geschehen handelt. Somit wird auch nachvollziehbar, dass allzu schlichte Erziehungsrezepte, wie sie etwa Bueb propagiert, den tatsächlichen erzieherischen Anforderungen in keiner Weise gerecht werden können.

Es ist allerdings einschränkend anzumerken, dass das hier vorgestellte Erziehungskonzept durch seine Differenziertheit bei der Umsetzung eine gewisse Fehleranfälligkeit erwarten lässt. Die größte Schwierigkeit dieses Erziehungsansatzes besteht meines Erachtens in der angemessenen Orchestrierung der verschiedenen Bedürfnisbefriedigungsangebote, die engagierte Erziehungsarbeit erforderlich macht und einer guten Abstimmung zwischen den Eltern bedarf. Da es nicht um eine Kinderstärkung um jeden Preis geht, sind Fehler bei der stärkungsorientierten Erziehung trotz guter elterlicher Kooperation unvermeidlich; doch damit aus kleinen Fehlern keine großen werden (z.B. durch Überbehütung/Verwöhnung) ist es wichtig, diesbezügliche Erziehungsfehler rechtzeitig zu erkennen und schnell zu korrigieren. Es wurde bereits angedeutet, dass Eltern bei der Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse ihrer Kinder möglichst das richtige Maß finden sollten. Weder ein Zuviel noch ein Zuwenig erscheint hier ebenso angemessen zu sein wie eine gute Balance zwischen den verschiedenen Bedürfnisansprüchen des Kindes zu erreichen. Aus diesem Grund soll in den folgenden vier Kapiteln aufgezeigt werden, wie dieser anspruchsvolle erzieherische Balanceakt von Eltern möglichst gut gemeistert werden kann.

1 Erziehungsaufgabe: Das Bedürfnis des Kindes nach Bindung befriedigen

Das Bindungsbedürfnis ist ein angeborenes psychisches Grundbedürfnis des Menschen, dessen angemessene und zuverlässige Befriedigung von erheblicher Bedeutung für sein körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden ist. Diese inzwischen durch die Forschung gestützte Erkenntnis geht ursprünglich auf Arbeiten des englischen Psychiaters und Psychoanalytikers John Bowlby zurück, der als eigentlicher „Vater“ der so genannten Bindungstheorie anzusehen ist und erste Studien zu diesem Thema bereits während des II. Weltkriegs vorgelegt hat. Die Bindungstheorie kann im Wesentlichen zweierlei erklären:

Zwei Grundannahmen der Bindungstheorie

- Die Bindungstheorie ist auf der einen Seite eine Theorie über die normale Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Sie geht von der durch die Forschung gut gestützten Grundannahme aus, dass sichere zwischenmenschliche Bindungen bei Personen aller Altersgruppen ent- scheidend zum Aufbau und Erhalt von psychischer Sicherheit beitragen.
- Die Bindungstheorie ist auf der anderen Seite eine Theorie über das Ent- stehen von psychischer Unsicherheit sowie von Entwicklungs- und Per- sönlichkeitsstörungen als Folge von zwischenmenschlichen Bindungs- problemen.

John Bowlby war und ist allerdings mehr an den negativen emotionalen Folgen interessiert, die sich für Erwachsene, Jugendliche und Kinder aus unangemessenen Bindungserfahrungen und unsicheren Bindungen ergeben, um das Entstehen von Beziehungs- und Persönlichkeitsstörungen zu erklären und diese dann besser behandeln zu können.

Bindungssicherheit als Stärke. In diesem Kapitel sollen Bindungsstörungen und deren negativen Folgen für Personen aber weitgehend außer Acht gelassen werden. Stattdessen wird eine stärkenorientierte Betrachtungsweise in den Vordergrund gestellt, die aufzeigt, unter welchen Bedingungen tragfähige Bindungen zwischen Menschen zustande kommen und wie diese zu sichern sind. Zu diesem Zweck werden ausgewählte Ergebnisse der Bindungsforschung vorgestellt, die eine solche Sichtweise stützen. Der Bezug auf die Bindungstheorie erfolgt also vorrangig unter dem Gesichtspunkt des Gelingens von zwischenmenschlichen Bindungsbeziehungen, wobei Eltern-Kind-Bindungen im Mittelpunkt stehen. Dabei sollen für Eltern grundlegende Möglichkeiten erkennbar werden, wie ihre Kinder zu ihnen sichere Bindungen aufbauen und dadurch ihr Bindungsbedürfnis hinreichend und angemessen befriedigen können. Um bei Eltern für die Orientierung an einer solchen Erziehungsaufgabe zu werben, werden außerdem Forschungsergebnisse vorgestellt, die zeigen sollen, welche weiteren positiven Wirkungen sichere Bindungen für Kinder und Jugendliche haben.

Drei wichtige Grundbegriffe der Bindungstheorie

Der Leserin oder dem Leser soll an dieser Stelle ein tieferer Einblick in die Bindungstheorie und die vielfältigen Untersuchungsmethoden von Bindungsforschern erspart bleiben. Wer mehr darüber wissen möchte, findet im Literaturteil am Ende des Buches Hinweise auf einige Veröffentlichungen, die umfassender über dieses Thema informieren. Stattdessen werden anschließend zunächst nur drei Grundbegriffe kurz

erläutert, deren Kenntnis zum Verständnis und zur Bewältigung dieser Erziehungsaufgabe unbedingt erforderlich ist.

Drei wichtige Grundbegriffe der Bindungstheorie

- Bindungsverhalten
- Fürsorgeverhalten
- Erkundungsverhalten

Bindungsverhalten

Bei sehr kleinen Kindern zeigt sich das Bedürfnis nach Bindung an eine besonders vertraute Bezugsperson normalerweise dadurch, dass sie Nähe zu dieser Person herstellen oder beibehalten wollen. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Kinder sich unwohl fühlen, Angst haben oder in anderer Form Leid empfinden. Von Bindungsforschern werden solche dem Kind sehr vertrauten Bezugspersonen als Bindungspersonen bezeichnet, bei denen es sich oft, aber nicht immer um die Mutter des Kindes handelt.

- Nähe herstellen: Kleinstkinder versuchen Nähe herzustellen, indem sie zum Beispiel schreien, nach der Bindungsperson rufen oder nach ihr suchen, sobald sie sich fortbewegen können.
- Nähe beibehalten: Kleinstkinder zeigen, dass sie die Nähe der vertrauten Bezugsperson beibehalten wollen, indem sie die Person festhalten, sich bei ihr anklammern oder ihr erkennbares Vorhaben beklagen, sich entfernen zu wollen. Ihre momentane Absicht ist es, eine Trennung von der Bindungsperson möglichst zu verhindern.

Die verschiedenen Aktivitäten mit denen Kleinstkinder das Ziel verfolgen, durch die Herstellung oder Beibehaltung von Nähe zur Bindungsperson ein Gefühl von psychischen Sicherheit zu erreichen oder zu bewahren, werden auch als Bindungsverhalten bezeichnet. Ein gezeigtes Bindungsverhalten soll der Bindungsperson deutlich machen, dass das kleine Kind gerade bestrebt ist, sein Bedürfnis nach Bindung zu befriedigen und dazu ihre Hilfe benötigt.

Auch ältere Kinder und Jugendliche zeigen Bindungsverhalten. Ihr Bindungsbedürfnis wird jedoch mit zunehmendem Alter immer mehr durch sprachlichen Austausch mit der Bindungsperson zum Ausdruck gebracht, indem Nähewünsche direkt oder indirekt angesprochen werden.

Fürsorgeverhalten

Normalerweise wird durch das vom Säugling gezeigte Bindungsverhalten ein Fürsorgeverhalten der Mutter oder einer anderen Bindungsperson mit der Absicht ausgelöst, das kindliche Bindungsbedürfnis angemessen zu befriedigen. Die Bindungsperson geht zu dem Baby das ihre Nähe sucht, nimmt es behutsam auf, um es zu beruhigen oder anderweitig zu versorgen. Einem kleinen Kind, das sich nicht von ihr lösen möchte, gibt sie solange fürsorgliche Zuwendung bis das Nähebedürfnis des Kindes befriedigt ist, es eine vorübergehende Trennung aushalten kann oder sich beruhigt selbst von der Bindungsperson entfernt, um ein unterbrochenes Spiel wieder aufzunehmen oder neugierig und unbeschwert die nähere Umgebung zu erkunden.

Bindungsverhalten und Fürsorgeverhalten stehen demnach in einer engen Wechselbeziehung zueinander, wobei es von der Qualität des Fürsorgeverhaltens der Bindungsperson abhängt, ob das Bindungsbedürfnis des kleinen Kindes angemessen befriedigt wird oder nicht. Eine angemessene Befriedigung des kindlichen Bindungsbedürfnisses liegt normalerweise dann vor, wenn die Bindungsperson den Eindruck gewinnt, dass das Baby ihre Fürsorge im Augenblick nicht mehr benötigt. Sie kann dies daran erkennen, dass bei ihrem Säugling kein Bindungsverhalten mehr zu beobachten ist.

Wenn Kinder älter werden, ändert sich auch das elterliche Fürsorgeverhalten, um ihr Bindungsbedürfnis zu befriedigen. In späteren Abschnitten wird im Einzelnen dargestellt, worin diese Änderungen des Fürsorgeverhaltens bestehen. Zunächst soll im übernächsten Abschnitt aufgezeigt werden, welche Fähigkeiten Eltern benötigen, um das Bindungsbedürfnis von Säuglingen und Kleinkindern angemessen zu befriedigen.

Erkundungsverhalten

Wenn das kleine Kind kein Bindungsverhalten zeigt, spielt es normalerweise oder erkundet neugierig und unternehmungslustig seine nähere Umgebung. Dieses Verhalten wird von Bindungsforschern als Erkundungs- oder Explorationsverhalten bezeichnet. Durch das Erkundungsverhalten befriedigt das Kleinstkind vornehmlich sein angeborenes Neugierbedürfnis. Die starke Bereitschaft seine Umgebung erkunden zu wollen, setzt aber bei dem kleinen Kind ein Gefühl von Bindungssicherheit voraus, was am besten daran zu erkennen ist, dass Säuglinge ihr Erkundungsverhalten einstellen, sobald bei ihnen durch bestimmte Ereignisse ein Bindungsverhalten ausgelöst wird. Um sorglos und unbekümmert explorieren zu können, benötigen Babys also den sicheren Rückhalt durch eine fürsorgliche Bindungsperson. Ebenso wie das liebevolle Fürsorgeverhalten einer schützenden Bindungsperson dem Säugling Sicherheit durch Nähe vermittelt, erlebt das kleine Kind durch eine Bezugsperson, die Ihm sicheren Rückhalt beim Spielen und dem Erforschen seiner näheren Umgebung bietet Sicherheit beim Erkunden. Insofern besteht bei Bindungsforschern die übereinstimmende Auffassung, dass sich bei Kleinstkindern ein Gefühl von psychischer Sicherheit sowohl aus der Erfahrung einer sicheren Bindung als auch aus einem Gefühl von Sicherheit beim Erkunden herausbildet.

Zur Bedeutung elterlicher Feinfühligkeit

Um auf das beschriebene Bindungsverhalten von Kleinstkindern hinreichend und angemessen reagieren zu können, müssen Eltern über eine Fähigkeit verfügen, die von Bindungsforschern als Feinfühligkeit bezeichnet wird. Die nachstehenden Angaben über verschiedene Merkmale von Feinfühligkeit stützen sich auf Untersuchungen über das feinfühlige Fürsorgeverhalten von Müttern, doch nachweislich können auch andere Bindungspersonen, wie zum Beispiel Väter, ältere Geschwister, Großeltern, Erzieherinnen oder Tagesmütter ein entsprechend feinfühliges Verhalten zeigen und das Bindungsbedürfnis des Säuglings angemessen befriedigen.

Zur Feinfühligkeit von Müttern

Bindungsforscher haben festgestellt, dass sich im Wesentlichen vier Merkmale der Feinfühligkeit unterscheiden lassen, durch deren Verfügbarkeit und Aktivierung das Bindungsbedürfnis von Säuglingen am besten erkannt und befriedigt werden kann.

Vier wichtige Merkmale von Feinfühligkeit

- Den Säugling aufmerksam beobachten
- Sich in das Baby einfühlen
- „Prompt“ auf die Bedürfnisse des Säuglings reagieren
- Angemessen auf die Bedürfnisse des Babys reagieren

- Den Säugling aufmerksam beobachten: Die Bindungsperson achtet sorgsam auf das Befinden des Säuglings, indem sie ihn stets aufmerksam „im Blick“ hat. Sie besitzt eine niedrige Wahrnehmungsschwelle für seine Signale, um rechtzeitig bemerken zu können, was das Kind ihr mitteilen möchte.
- Sich in das Baby einfühlen: Eine feinfühlige Bindungsperson versteht es, die wahrgenommenen Äußerungen des Babys nicht aus ihrer Sicht, sondern aus der Sicht des Säuglings zu bewerten. Sie ist dabei stets bemüht, sein momentanes Befinden und seine Wünsche nach Bedürfnisbefriedigung richtig zu deuten.
- „Prompt“ auf die Bedürfnisse des Säuglings reagieren: Die Bindungsperson reagiert „prompt“ auf die Bedürfnisse des Säuglings, damit er zwischen seinem und ihrem Verhalten eine Verbindung erkennen kann („Meine Mutter kommt, wenn ich nach ihr rufe“). Dadurch wird dem Baby ein Gefühl der Wirksamkeit seines Verhaltens bzw. seiner Signale vermittelt und fördert so seine Bereitschaft, sich bei Bedarf wieder an die Bindungsperson zu wenden.
- Angemessen auf die Bedürfnisse des Babys reagieren: Die Reaktion der Bindungsperson ist angemessen, wenn sie dem Säugling gibt, was er gerade braucht. Die Angemessenheit dieser Reaktion verändert sich mit der Entwicklung des Kindes. Ein stark erregtes zwei Monate altes Baby lässt sich beispielsweise am besten durch Körperkontakt beruhigen, während zur Beruhigung eines Krabbelkindes mitunter schon gutes und anerkennendes Zureden weiterhilft.

Die „Sprache“ des Säuglings verstehen lernen. Der Säugling meldet der Bindungsperson zurück, ob ihr Fürsorgeverhalten bei ihm die gewünschte Wirkung erzielt hat. Sie kann also aus seinen Reaktionen ablesen, ob er sich von ihr „verstanden“ fühlt. Bekommt die Mutter eine negative Antwort, indem das Baby sich zum Beispiel von ihr abwendet, sich in ihrem Arm „steif“ macht, quengelt, weint oder verstärkte Unruhe zeigt, dann will es damit mitteilen, dass ihr Fürsorgeangebot nicht das gewünschte war, sondern bei ihm weiterhin unangenehme Empfindungen bestehen.

Um feinfühlig auf das Bindungsbedürfnis und andere Bedürfnisse des kleinen Kindes antworten zu können, müssen Eltern also auch lernen, seine „Sprache“ richtig zu deuten. Bei auftretenden Deutungsschwierigkeiten (Muss die Windel gewechselt werden? Hat das Baby Hunger? Ist ihm kalt? Will es schmusen? Ist es müde?) wird ihnen dann oft nichts anderes übrig bleiben, als verschiedene Fürsorgeangebote nacheinander auszuprobieren. Eine feinfühlige Bindungsperson kann schließlich an der Reaktion des Babys erkennen, ob das Passende gefunden worden ist oder ob weiter „gesucht“ werden muss. Und je besser sie sich in den Säugling einfühlen kann, desto treffsicherer wird sie mit der Zeit darin werden, das jeweils Richtige herauszufinden.

- Unterscheidung zwischen Bindungs- und Erkundungsverhalten: Um feinfühlig darauf reagieren zu können, was das kleine Kind in einem bestimmten Augenblick braucht, müssen Eltern ihr Kind nicht nur genau beobachten, sondern sie sollten vor allem auch erkennen, ob es gerade ein Bindungsverhalten zeigt oder sich momentan in einer Erkundungssituation befindet, ob es also Nähe, Zuwendung und Beruhigung benötigt oder gerade dabei ist, seine Umwelt zu erkunden, Anregungen wünscht oder zum Spielen aufgelegt ist. Es zeugt von geringer elterlicher Feinfühligkeit, ein weinendes und stark erregtes Kind etwa mit einer lauten Rassel besänftigen oder ablenken zu wollen; angemessener wäre es dagegen, das Baby auf den Arm zu nehmen und sanft solange mit ihm zu sprechen, bis es sich beruhigt hat. In jedem Fall ist es wichtig, das aktuelle Bedürfnis des Säuglings zu achten und insofern völlig unangebracht, ihn beispielsweise zu kitzeln, wenn er lieber schlafen will oder ihn auf den Schoß zu nehmen, wenn er sich gerade ausgiebig mit einem Spielzeug beschäftigt.
- Direkte Verbindung zwischen Bindungs- und Erkundungsverhalten. Überdies muss darauf hingewiesen werden, dass zwischen dem Bindungsverhalten und dem Erkundungsverhalten kleiner Kinder eine Verbindung besteht, deren Besonderheit von Bindungsforschern gern am Beispiel einer Wippe veranschaulicht wird. Solange ein Kleinstkind sich rundum wohl fühlt, zeigt es im Wachzustand normalerweise ein neugieriges Erkundungsverhalten oder spielt. Sein Bindungsverhaltenssystem ist in solchen Erkundungssituationen „abgeschaltet“, weil kein Bindungsbedürfnis besteht. Die Wippe „kippt“ dagegen zur anderen Seite, sobald das kleine Kind beunruhigt ist, deutliches Missbehagen oder Leid verspürt. Es wird in solchen Situationen normalerweise ein Bedürfnis nach Nähe zur Mutter oder einer anderen Bindungsperson haben, sein Bindungsverhaltenssystem aktivieren und das Erkundungs- oder Spielverhalten zunächst einmal einstellen. Dabei lassen sich allerdings zwischen einzelnen Krabbelkindern deutliche Unterschiede erkennen, welche häuslichen Ereignisse jeweils dazu führen, dass die Wippe vom Erkundungsverhalten zum Bindungsverhalten „umkippt“ oder umgekehrt. Bei vielen Kindern ist ein Bindungsverhalten in der häuslichen Umgebung dann ziemlich selten zu beobachten, wenn sie sich dort sicher fühlen, während bei anderen oft schon eine Kleinigkeit genügt, wie zum Beispiel das Klingeln des Telefons oder das laute Bellen eines Hundes auf der Straße, um das Erkundungs- oder Spielverhalten zu unterbrechen und die Nähe zur Bindungsperson zu suchen. Umgekehrt benötigen manche Kleinstkinder nach der Auslösung ihres Bindungsverhaltens nur einen kurzen „Kuschelkontakt“ mit der Mutter, um anschließend ihr Erkundungsverhalten beruhigt fortzusetzen, während andere bei einem vergleichbaren Anlass die Nähe ihrer Bindungsperson für deutlich längere Zeit beanspruchen und sich nur schwer wieder von ihr lösen können.
- Erfordernis von Entwicklungswissen: Zur feinfühligen Pflege und für eine angemessene Zuwendung gehört auch ein Grundstock an Wissen über die Entwicklung von Kindern, damit Eltern überhaupt einigermaßen verstehen können, wie Kinder denken, fühlen und handeln. Sie sollten sich diese Kenntnisse also unbedingt aneignen, um das Erleben und Verhalten ihrer Kinder richtig deuten und einordnen zu können. Solange Eltern dieses grundlegende Wissen fehlt, ist zu befürchten, dass sie zum Beispiel Erwartungen aufbauen, die ihre Kinder gar nicht erfüllen können. Es besteht dadurch die Gefahr, dass sie in einen Teufelskreis von Enttäuschung und Verärgerung geraten. Dies trifft etwa dann zu, wenn Eltern ihrem Kind negative Eigenschaften zusprechen, obwohl es lediglich das tut, was Kinder in einem bestimmten Alter üblicherweise zu tun pflegen. Dazu zwei Beispiele:

Beispiel 1: Achtmonatsangst

Stellen Sie sich eine Mutter vor, die die normale und gesunde Trennungs­- angst ihres achtmonatigen Sohnes („Achtmonatsangst“) und das damit oft verbundene „Klammern“ beim Auftreten fremder Personen irrtümlich als deutliches Zeichen dafür hält, dass er ein forderndes und übermäßig abhängiges Kind ist. Es wäre ein Fehler, wenn diese Mutter in solchen Situationen die Bindungswünsche ihres Sohnes missachten würde, indem sie ihn zurückweist oder mit ihm schimpft.

Beispiel 2: Trotzverhalten

Entwicklungswissen ist gleichermaßen erforderlich, wenn es um den feinfühligen elterlichen Umgang mit kindlichem Trotzverhaltens geht. Trotz tritt typischerweise erstmals in der Mitte des zweiten Lebensjahres auf und sollte keinesfalls als Ungehorsam fehleingeschätzt, sondern als ein bedeutender Entwicklungsfortschritt des kleinen Kindes bewertet werden. Sein Trotz ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass es nun die Fähigkeit besitzt, sich vor dem Beginn einer Handlung schon das Ziel seiner Handlung vorstellen zu können. Aus diesem Grund ist das Kind gefühlsmäßig so stark an seinem Tun beteiligt, dass es versucht, ein bestimmtes Handlungsziel auch gegen den elterlichen Widerstand weiterverfolgen zu wollen. Wird es von den Eltern in der Durchführung der Handlung gestoppt oder behindert, steht ihm auf dieser Alterstufe noch kein anderer Handlungsplan zur Verfügung, so dass es nur mit Trotz auf die Blockade seiner Absichten reagieren kann.

Untersuchungen von Entwicklungspsychologen haben gezeigt, dass Eltern, die bei auftretendem Trotz direkt und massiv in das Widerstandsverhalten ihrer Kinder eingreifen und dabei zusätzlich auch noch ein gefühlsmäßig gespanntes Verhältnis zu ihnen aufbauen, entscheidend zur Verstärkung der kindlichen Trotzreaktionen beitragen. Das erzieherische Ziel darf also keinesfalls darin bestehen, den stark aufkommenden Willen des kleinen Kindes zu „brechen“, sondern dieser muss lediglich in sozialverträglichere Bahnen gelenkt werden. Schließlich handelt es sich bei den im Trotz zu erkennenden ersten Anzeichen einer sich anbahnenden „Ich-Stärke“ um ein kostbares Gut, mit dem sorgsam umzugehen ist. Feinfühlige Eltern versuchen deshalb ihren Kindern in solchen Widerstandssituationen verschiedene andere Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und ihnen behutsam dabei zu helfen, ihre teilweise zunächst sehr heftigen negativen Gefühle besser zu regulieren. Sie erreichen dadurch, dass die Trotzreaktionen ihrer Kinder zunehmend geringer werden, weil die Kinder von ihnen gelernt haben, ihren Willen auch weiterhin, aber angepasster zu behaupten und ihre negativen Gefühle besser zu kontrollieren.

- Feinfühligkeit • Überbehütung • Verwöhnung • Vernachlässigung. Unter Bindungsforschern gilt es inzwischen als gesicherte Erkenntnis, dass eine durchgängig hohe und angemessene mütterliche Feinfühligkeit bei der Antwort auf das kindliche Bindungsverhalten im ersten Lebensjahr eine sichere Mutter-Kind-Bindung zur Folge hat. Entsprechendes trifft für feinfühlige Väter oder andere wichtige Bindungspersonen des Kindes zu. Dabei ist es aber unbedingt erforderlich, Feinfühligkeit von einer Überbehütung oder Verwöhnung des Kindes abzugrenzen.

Abgrenzung zu Überbehütung und Verwöhnung. Eine Mutter handelt feinfühlig und nicht überbehütend oder verwöhnend, wenn ihre Reaktionen auf die Signale des Säuglings für ihn entwicklungsfördernd sind, d.h. sie nimmt ihrem Kind zum Beispiel nicht etwas ab, was es selbst tun könnte und zumeist auch möchte. Sie gibt ihm beispielsweise ein gewünschtes Plüschtier nicht, wenn es in seiner Reichweite liegt. In diesem Fall unterstützt die Mutter mit ihrer feinfühligen Zurückhaltung die Entwicklung der Selbständigkeit ihres Kindes. Sie möchte, dass es sich selbst ein wenig anstrengt, um das Plüschtier zu sich heranzuziehen.

Auch ihr behutsames Eingehen auf ein Weinen des Babys wird dann nicht als Verwöhnen, sondern als ihr einfühlendes Antworten auf die Mitteilung von negativen

Gefühlen gesehen. Es dient der Förderung des Kindes, sich im vorsprachlichen Alter mitteilen zu können und stärkt seine Bereitschaft, auch künftig psychisches Leid gegenüber seinen Vertrauenspersonen unmittelbar und offen auszudrücken. Anders als verwöhnende oder überbehütende Mütter reagiert also eine feinfühlige Mutter auf die kindlichen Bedürfnisse erst dann, wenn das Kind sie äußert und diese nicht ohne ihre Hilfe befriedigen kann. Dadurch achtet und fördert sie die Möglichkeit ihres Kindes selbstbestimmt zu handeln, wobei natürlich Maßnahmen ausgenommen sind, die den Schutz des kleinen Kindes gewährleisten sollen, zum Beispiel dann, wenn es krank ist. Unter solchen Bedingungen werden ihm durchaus Dinge abgenommen, die es sonst schon selbständig erledigt.

Abgrenzung zu Vernachlässigung. Die feinfühlige Unterstützung der Selbstbestimmung des Kleinstkindes ist außerdem ganz entschieden von einer möglichen Vernachlässigung abzugrenzen, die von manchen Müttern und Vätern durchaus als ein Erziehungsverhalten ausgegeben wird, das ebenfalls der Förderung der kindlichen Selbständigkeit dienlich sein soll. Bei näherem Hinsehen wird in solchen Fällen jedoch schnell erkennbar, dass es sich dabei ziemlich oft um eine elterliche Verweigerung von Hilfe und Zuwendung in Situationen handelt, die das Kind noch deutlich überfordern. Dies zeigt sich beispielsweise nicht selten darin, dass kleine Kinder häufig und viel zu lange ohne Betreuung alleingelassen werden, die Eltern ihre längere Aushäusigkeit aber als Training zur Selbständigkeitsförderung des Kindes „verkaufen“.

- Sprachliche Kennzeichen mütterlicher Feinfühligkeit. Bei der Beobachtung von feinfühligen Müttern im Umgang mit ihren Babys ist außerdem herausgefunden worden, dass diese sich auch in ihrem Sprechverhalten von unfeinfühligen Müttern deutlich unterscheiden. Feinfühlige Mütter zeigen einen behutsam-liebevollen Redestil, während sich der typische Sprechstil unfeinfühliger Mütter als unbekümmert-spielerisch oder als träge-neutral beschreiben lässt.

Behutsam-liebevoller Redestil. Der behutsam-liebevolle Redestil zeichnet sich dadurch aus, dass die Mütter eher leise und warme Töne wählen und dabei prompt auf die Laute ihrer Säuglinge reagieren und zwar so, als ob diese Fragen oder Mitteilungen an sie wären, auf die sie erklärend antworten. Feinfühlige Mütter reden nicht übermäßig viel mit dem Säugling, gehen dabei aber besonders zuverlässig und behutsam auf Äußerungen ein, die eine Unzufriedenheit des Babys erkennen lassen. Sie sprechen dann so lange auf behutsam-liebevolle Weise mit ihm, bis es sich wieder beruhigt hat.

Unbekümmert-spielerischer Redestil. Mütter mit einem unbekümmert-spieleri­schen Redestil reden dagegen sehr viel, machen häufig Scherze, sprechen in übertriebener Weise mit ihrem Säugling und versuchen ihn zur Lautbildung anzuregen. Sie sind im Vergleich zu Müttern mit einem behutsam-liebevollen Redestil deutlich weniger bestrebt, auf die Lautäußerungen ihres Kindes zu antworten. Stattdessen überhäufen sie es eher mit ihren Reden und sind oft zu ungeduldig, um auf seine Äußerungen zu warten. Auf Laute, die eine Unzufriedenheit ihres Babys zum Ausdruck bringen, reagieren sie eher mit ablenkender, spielerischer oder aufmunternder Stimme und nur zu einem sehr geringen Anteil mit behutsam-liebevoller Rede.

Träge-neutraler Redestil. Mütter mit einem träge-neutralen Redestil reden insgesamt sehr wenig und nicht oft zum Kind. Ihre Stimmen vermitteln wenig gefühlsmäßige Wärme, sie sind nur selten spielerisch oder anregend. Die Laute des Säuglings werden nur gelegentlich beantwortet und zwar ganz unabhängig vom Mitteilungscharakter der Laute.

Feinfühlige Väter

Die Frage nach der Bedeutung von Vätern für die Befriedigung des kindlichen Bindungsbedürfnisses und somit auch für die Vermittlung von Bindungs- und Erkundungssicherheit ist von der Forschung lange nicht gestellt worden, weil ihre Antwort klar zu sein schien. Es wurde im Allgemeinen davon ausgegangen, dass hauptsächlich die Mutter als wichtigste Bindungsperson des Kindes angesehen werden müsse und dies allein schon deshalb, weil die Mutter in den ersten Lebensjahren normalerweise mehr Zeit mit dem Kind verbringt, sofern der Vater tagsüber aushäusig erwerbstätig ist und Mütter die alleinige Verantwortung für den Haushalt und die Kindererziehung tragen.

Unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen von Familien ist aber zu berücksichtigen, dass es neben dieser traditionellen Rollenverteilung von Eltern, noch verschiedene weitere Möglichkeiten gibt, wie zum Bespiel die volle Berufstätigkeit beider Eltern oder die Teilzeitbeschäftigung eines oder beider Elternteile. Zudem nimmt nicht nur der Anteil von allein erziehenden Vätern zu, sondern immer mehr Väter halten es auch für selbstverständlich, sich am Haushalt und an der Erziehungsarbeit zu beteiligen. Deshalb erschien es erforderlich zu sein, die wissenschaftlichen Untersuchungen mit Blick auf diese Gesichtspunkte auszuweiten, wodurch der Vater als Bindungsperson stärker als bisher in den Blickpunkt geriet. Überdies war schon in frühen Studien beobachtet worden, dass auch deutlich geringere Kontaktmöglichkeiten für die Qualität der Vater-Kind-Beziehung nicht unbedingt ausschlaggebend sind. Vielmehr ließ der Umgang von feinfühligen Vätern mit ihren Babys eine besondere Qualität erkennen, welche zu einer Stärke der Vater-Kind-Bindung führte, die in keinem Verhältnis zur Häufigkeit ihrer Kontakte stand.

- Herausfordernde Feinfühligkeit von Vätern: Inzwischen liegt aber eine Reihe von Untersuchungen vor, die ein genaueres Bild vom Vater als Bindungsperson abgeben. Danach kann festgestellt werden, dass Väter von sicher gebundenen Kindern oft in stärkerem Maße als deren Mütter vor allem die Neugier und die Fähigkeiten des Kleinkindes herausfordern. Sie werden dabei weniger zu Ansprechpartnern für die Befriedigung des kindlichen Nähebedürfnisses, zumindest dann nicht, wenn dafür eine feinfühlige Mutter verfügbar ist. Einfühlsame Väter reagieren somit eher auf das Erkundungsverhalten als auf das Bindungsverhalten des Säuglings oder Kleinkindes. Dieses Ergebnis lässt die Schlussfolgerung zu, dass sich die Bindung eines Kindes zum Vater aus der Qualität seiner Begleitung und Unterstützung der kindlichen Erkundungen sozusagen parallel zur Mutter-Kind-Bindung entwickelt.

Spielfeinfühligkeit. Väter von sicher gebundenen Kindern zeigen das beschriebene Verhalten bevorzugt dann, wenn sie mit ihnen spielen oder sie bei ihren Erkundungen begleiten. Diesbezügliche Beobachtungen machen deutlich, dass auch hierbei eine besondere Feinfühligkeit erkennbar ist und zwar was die Auswahl von angemessenen spielerischer Herausforderungen (Spielfeinfühligkeit) und die einfühlsame Ermutigung des Kindes bei seinen Erkundungen betrifft. Im Vergleich zu feinfühligen Müttern verwenden feinfühlige Väter etwa beim Spiel mit ihren zweijährigen Kindern das Spielzeug oft in einer ungewöhnlichen Weise oder fordern das Kind heraus, etwas Neuartiges zu tun, das es sich ohne ihre Hilfe noch nicht zutrauen würde; sie „necken“ ihre Kinder, indem sie sie spielerisch mit Hindernissen oder Unvorhergesehenem überraschen; sie greifen aber auch häufiger als Mütter in das Spiel ein, machen mehr anleitende Äußerungen und geben Anweisungen, sind oftmals ungeduldiger und ziehen sich eher zurück, wenn das Kind sich unwillig zeigt. Insgesamt beharren sie deutlicher auf der Durchsetzung von Regeln, fordern mehr selbständige Entscheidungen von ihren Kindern und dulden eher als Mütter geringfügige Risiken für das Kind ohne dabei vorschnell einzugreifen. Feinfühlige Väter scheinen sich somit wohl eher als Herausforderer kindlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verstehen, indem sie von ihren Kindern in den Bereichen Selbststeuerung, Kommunikation, Erkundung, Verhaltenskontrolle und Selbständigkeit mehr verlangen als feinfühlige Mütter dies üblicherweise tun.

Von deutschen Bindungsforschern, wie etwa dem Ehepaar Karin und Klaus E. Grossmann (2004), ist diese besondere Fähigkeit von einfühlsamen Vätern als herausfordernde Feinfühligkeit bezeichnet worden, um sie von einer gewährenden oder emotionalen Feinfühligkeit abzugrenzen, die eher bei Müttern sicher gebundener Kinder zu beobachten ist. Sehr bemerkenswert sind im Übrigen die langfristigen positiven Wirkungen, die ein derartiges väterliches Verhalten auf die Entwicklung des Kindes ausübt. Bei Kindern, die von ihren Vätern im Kleinkindalter einfühlsam zu Erkundungen angeregt und im Spiel zur Selbständigkeit ermutigt worden sind, zeigen sich im Alter von sechs, zehn und sechzehn Jahren, im Vergleich zu Kindern, bei deren Vätern dies kaum oder nicht zu beobachten war, weniger problematisches Verhalten im Kindergarten, ein stärkeres Selbstvertrauen in neuen Situationen und eine größere Sicherheit in engen Freundschaften.

- Unterschiedliche Wirkungen von mütterlicher und väterlicher Feinfühligkeit

Die Darstellung lässt erkennen, dass Väter bei der erfolgreichen Förderung der Bindungs- und Erkundungssicherheit ihrer Kinder teilweise über andere Fähigkeiten verfügen als Mütter von sicher gebundenen Kindern. Während Mütter durch ihre gewährende Feinfühligkeit wesentlich dazu beitragen, dem kleinen Kind eine „Sicherheitsbasis“ zu schaffen oder ihm jederzeit einen „sicheren Hafen“ zu bieten, unterstützen feinfühlige Väter sicher gebundener Kinder eher ihr Erkundungs- und Neugierverhalten und geben ihnen auf diese Weise den nötigen Rückhalt, um immer wieder aus dem sicheren Hafen „auszulaufen“ und sich bei ihren Erkundungen mutig ein Stück weit von der „sicheren Basis“ entfernen zu können.

Deutlich wird auch, dass im Fall des gut aufeinander abgestimmten Zusammenwirkens dieser beiden unterschiedlichen elterlichen Feinfühligkeiten besonders günstige Entwicklungsbedingungen für den Aufbau von sicheren Bindungen bei kleinen Kindern vorliegen. Es ist natürlich keineswegs auszuschließen, dass es Väter wie Mütter gibt, die ihren Kindern dadurch psychische Sicherheit vermitteln, indem beide sowohl auf ihr Bindungsverhalten als auch auf ihr Neugier-, Spiel- oder Erkundungsverhalten angemessen feinfühlig-gewährend beziehungsweise feinfühlig-herausfor­dernd reagieren und es dürfte für Kinder ein Glücksfall sein, bei solchen Eltern aufzuwachsen.

Weitere Elternfähigkeiten, die Bindungssicherheit fördern

Neben den beschriebenen „Feinfühligkeiten“ gibt es eine Reihe weiterer Verhaltensmerkmale von vertrauten Bezugspersonen sicher gebundener Säuglinge, die in engem Zusammenhang mit der Feinfühligkeit stehen, sich aber auf teilweise andere Bereiche der Eltern-Kind-Beziehung beziehen. Es sind dies die bedingungslose Annahme des Kindes sowie die elterliche Kooperationsfähigkeit und Zugänglichkeit für das Kind, die hier aber nur kurz abgehandelt werden, weil die elterliche Feinfühligkeit von allen genannten das bedeutsamste Wirkprinzip für den Aufbau von sicheren Bindungen bei Kindern darstellt.

Kooperationsfähigkeit

Kooperationsfähige Mütter und Väter versuchen ihre Ziele eher werbend als eingreifend mit denen des kleinen Kindes in Übereinstimmung zu bringen. Sie zeigen vor allem durch ihre sprachlichen Äußerungen, dass sie das Kind als fühlendes, denkendes und mit Absichten und Wünschen ausgestattetes Wesen betrachten und je nach Alter entsprechend mit ihm reden. Das Kind wird in seinen Anliegen ernst genommen, seine Ziele und Absichten werden im Grundsatz respektiert, wobei jedoch aus Sicherheitsgründen nicht alle seine Vornahmen und Handlungen zu billigen sind und deshalb mitunter behutsam gebremst werden müssen („du darfst nicht auf die Straße laufen, die Autos können dir weh tun“).

Bedingungslose Annahme des Kindes

Die Bindungsperson bringt dem Säugling gegenüber ihre bedingungslose Wertschätzung und Anerkennung durch die Vermittlung von positiven Gefühlen zum Ausdruck, indem sie sich über ihn freut und dieses auch zeigt, ihn lobt, mit ihm schmust oder auf andere Weise zärtlich und anerkennend mit ihm umgeht. Sie kann seine persönlichen Eigenarten uneingeschränkt annehmen und erlebt die durch das Baby bedingten Veränderungen in ihrem Leben als bereichernd und nicht als störend.

Zugänglichkeit für das Kind

Hierunter wird die Bereitschaft der Bindungsperson verstanden, ihr eigenes Tun jederzeit zu unterbrechen, wenn es zur Bedürfnisbefriedigung des Säuglings erforderlich ist. Sie vermittelt damit dem kleinen Kind ihre Offenheit und Ansprechbarkeit für seine Belange und schafft auf diese Weise die Voraussetzungen für das „Wissen“ des Babys, dass es stets Zugang zu ihr haben kann, falls dies von ihm verlangt wird oder notwendig erscheint.

Vier unterschiedliche Bindungsstile

Eltern gelingt es mehr oder weniger gut, auf das Bindungsverhalten ihrer Kinder angemessen und zuverlässig zu reagieren. Nach den Ergebnissen der Bindungsforschung lassen sich bereits bei 12- bis 24-monatigen Kindern vier Bindungsstile erkennen, die auf teilweise erhebliche Unterschiede in der Qualität der Eltern-Kind-Bindung verweisen. Drei dieser verschiedenen Bindungsmuster sind vor etwa vierzig Jahren erstmals von der US-amerikani­schen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, einer Schülerin von John Bowlby, beschrieben worden. Sie hat dazu ein Beobachtungsverfahren entwickelt (den „Fremde-Situations-Test“), das untersucht, wie Kinder dieses Alters unter Laborbedingungen auf die Begegnung mit einer fremden Person und die kurzzeitige zweimalige Trennung von ihrer Mutter reagieren. Das bei den Kindern durch diese Trennungen in Gang gesetzte und nach der Wiedervereinigung mit der Mutter gut beobachtbare Bindungsverhalten ließ sich zunächst drei unterschiedlichen Bindungsstilen zuordnen. Ein viertes Bindungsmuster ist später von Ainsworths Schülerin Mary Main gefunden worden, als diese sich mit „Fällen“ beschäftigte, die keinem der bisher beobachteten Bindungsstile zugeordnet werden konnten.

Vier Bindungsstile von Kleinkindern

- Sicheres Bindungsverhalten
- Unsichere Bindung und vermeidendes Beziehungsverhalten
- Unsichere Bindung und ambivalentes Beziehungsverhalten
- Unsichere Bindung und desorganisiert/desorientiertes

Kinder mit sicherem Bindungsverhalten

Diese Kinder zeigen sich nach der Trennung von der Mutter beunruhigt, weinen auch und suchen sofort ihre Nähe, wenn sie wiederkommt. Sie lassen sich aber in der Regel schnell wieder beruhigen, benötigen manchmal nur einen kurzen „Kuschelkontakt“ und spielen anschließend unbeschwert weiter. Die Mutter wird von ihnen als sichere Basis erlebt, von der aus das Kind nach der Wiedervereinigung und erfolgreicher Tröstung unbekümmert und sorglos sein Erkundungs- oder Spielverhalten fortsetzen kann. Bei diesen Kindern wird das Bindungsbedürfnis von der Mutter angemessen befriedigt.

Kinder mit unsicherer Bindung und vermeidendem Beziehungsverhalten

Nach dem Weggang der Mutter weinen die Kinder kaum oder lassen sich von der fremden Frau trösten, die von Anfang an mit ihnen im Raum ist. Sie zeigen weder Angst noch Trennungsschmerz und verhalten sich so, als ob alles in bester Ordnung sei. Bei der Rückkehr der Mutter vermeiden die Kinder für eine gewisse Zeit den Umgang mit ihr. Sie suchen keine Nähe zu ihr und die Mutter scheint auch nicht vermisst worden zu sein. Die Kinder zeigen kaum Gefühle, sondern beschäftigen sich stattdessen weiter mit ihrem Spielzeug. Sobald die Mutter aber versucht, ihr Kind in den Arm zu nehmen, dreht es sich ab oder sträubt sich dagegen.

Untersuchungen bestimmter Körperfunktionen weisen allerdings darauf hin, dass unsicher-vermeidende Kinder dennoch unter erheblichem Trennungsstress stehen, den sie aber nicht zeigen, sondern auf die oben beschriebene Art zu kontrollieren versuchen. Es können bei ihnen, anders als bei sicher gebundenen Kindern, das Stresshormon Cortisol und eine deutlich erhöhte Herzschlagfrequenz nachgewiesen werden. Diese unsicher gebundenen Kinder sind demnach offensichtlich sehr nervös und angespannt, „überspielen“ aber ihre Verunsicherung, indem sie ein Bindungsverhalten vermeiden und stattdessen auch nach der Rückkehr der Mutter ihr Spiel- oder Erkundungsverhalten nicht unterbrechen.

Kinder mit vermeidendem Bindungsmuster wachsen bei Müttern auf, die überbesorgt sind, den Säugling zu verwöhnen. Auf Bindungswünsche des Babys wird deshalb von ihnen manchmal gar nicht oder oft nur kurz und hastig reagiert. Die Säuglinge stellen sich auf dieses mütterliche Verhalten ein, suchen bald nicht mehr nach Zärtlichkeiten, weisen engen Kontakt zurück und wollen losgelassen werden, wenn jemand sie auf den Arm nehmen will. Das Erkundungsverhalten des Kindes wird von diesen Müttern dagegen mit Wohlwollen gesehen. Sie neigen jedoch dazu, sich in das Erkundungs- und Spielverhalten ihrer Kinder ungebeten einzumischen, so dass diese in Anwesenheit der Mutter nur selten die Gelegenheit haben, selbstbestimmt tätig zu sein und deshalb am liebsten allein spielen wollen. Dieses Bindungsmuster liefert deutliche Hinweise auf eine schlechte positive Befriedigung des kindlichen Bindungsbedürfnisses.

Kinder mit unsicherer Bindung und ambivalentem Beziehungsverhalten

Diese Kinder lassen nach der Trennung eine besonders starke gefühlsmäßige Betroffenheit erkennen, indem sie ihren Kummer deutlich, oft lautstark und teilweise auch wütend äußern. Ihr Erkundungs- oder Spielverhalten ist in Abwesenheit der Mutter vollständig blockiert. Sie konnten sich zuvor auch nur schwer von der Mutter lösen als diese den Raum verließ. Nach ihrer Rückkehr zeigen sie ein ambivalentes Beziehungsverhalten, d.h. sie wechseln zwischen der Suche nach Nähe (sie wollen beispielsweise sofort auf den Arm) und ärgerlichem Widerstand gegen einen Kontakt mit der Mutter. Sie lassen sich nur schwer beruhigen, sind ausschließlich mit der Beziehung beschäftigt und dadurch unfrei für andere Aktivitäten.

Im Vergleich zu Kindern mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsstil wird bei diesen Kleinkindern deutlich, dass ihr Bindungsverhaltenssystem in der „Fremde-Situation“ unangemessen stark aktiviert ist. Dies ist jedoch nicht als Ausdruck einer „starken“ Bindung zu bewerten, sondern verweist auf die ständige Angst des Kindes, seine Bindungsperson in fremder Umgebung zu verlieren.

Kinder mit unsicher-ambivalenter Bindung, die auch als „Angstbindung“ bezeichnet wird, wachsen mit Bezugspersonen auf, die auf das Bindungsverhalten ihres Kindes in unvorhersehbarer Weise reagieren. Mal überschütten sie das Kind mit Zuneigung und Liebe, in anderen Situationen wird es dagegen überhaupt nicht beachtet. Deshalb achten diese Kinder auf jedes Zeichen von mütterlicher Trennungsabsicht, was ihre Verunsicherung auf einem hohen Niveau hält und erklärt, warum ihr Spiel- und Erkundungsverhalten in der „Fremde-Situation“ weitgehend blockiert ist.

Kinder mit unsicherer Bindung und desorganisiert/desorientiertem Beziehungsverhalten

Auf die Trennung und die Rückkehr der Mutter wird oft nur kurzzeitig mit teilweise absonderlichen Verhaltensweisen reagiert (z.B. Einfrieren des Gesichtsausdrucks, Grimassieren, zielloses Umherwandeln bei gleichzeitig erkennbaren Ängsten). Das Kind erscheint in seinem Verhalten eingeengt, ungeordnet und planlos. Es hat in der „Fremde-Situation“ offenbar den Überblick verloren, so dass von einer Desorientierung gesprochen werden kann. Dies wird durch sich widersprechende Strategien seines Bindungsverhaltens deutlich, die auf einen Konflikt zwischen Annäherungswünschen und Ängsten hinweisen (z.B. Nähesuchen bei der Bezugsperson, das kurz vor dem Körperkontakt abgebrochen wird). Oft schwankt das Kind auch zwischen mehreren Reaktionsstilen, so dass es keinem der oben beschriebenen Bindungsmuster klar zugeordnet werden kann und insofern einer Desorganisation der Bindungsmuster entspricht. Die Trennungsbelastungen in der „Fremde-Situation“ überwältigen das Kind offenbar derart, dass es keine klare Strategie des Bindungsverhaltens mehr aufbauen kann. Dieses Bindungsmuster, das weniger häufig vorkommt als die anderen, beruht auf einer schweren Verletzung des kindlichen Bindungsbedürfnisses durch eine fehlende oder missbrauchende Bindungsperson.

Bindungen als „Weichensteller“

Die unterschiedlichen Bindungsstile machen überdeutlich, wie bereits in den ersten beiden Lebensjahren eines Kindes allein durch feinfühliges elterliches Fürsorgeverhalten wichtige Weichen für seine günstige Weiterentwicklung gestellt werden. Sie zeigen aber auch, welche teilweise dramatischen Beeinträchtigungen schon bei ganz kleinen Kindern auftreten können, wenn ihr Bedürfnis nach Bindung von den Eltern wiederholt verletzt oder sträflich missachtet worden ist und dadurch nicht oder nur unzureichend befriedigt wird.

Nach den bisher vorgestellten Ergebnissen der Bindungsforschung dürfte den Leserinnen und Lesern nunmehr hinreichend deutlich geworden sein, warum in diesem Buch der angemessenen Befriedigung des Bindungsbedürfnisses von Kindern und Jugendlichen als elterliche Erziehungsaufgabe eine derart zentrale Bedeutung beigemessen wird, dass sie an erster Stelle aufgeführt wird. Leider hat diese Thematik selbst in vielen aktuellen Erziehungsratgebern nur einen geringen Stellenwert oder sie bleibt sogar unbeachtet. Es ist deshalb längst überfällig, diesen Fragen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und zwar nicht nur in Bezug auf Säuglinge. Folgerichtig geht es in den nachstehenden Abschnitten um die Beantwortung der Frage, was Eltern tun können, um ihren Kindern auch über das Kleinstkindalter hinaus ein Fürsorge- und Beziehungsangebot zu machen, das zur zuverlässigen und angemessenen Befriedigung ihres Bindungsbedürfnisses entscheidend beitragen kann. Dabei ist für Eltern zu beachten, dass ältere Kinder und erst recht Jugendliche ihr Bindungsverhalten auf andere Weise zeigen als Kleinstkinder, wie in den folgenden Abschnitten deutlich werden wird. Aus diesem Grund müssen sie neben der emotionalen, sprachlichen und herausfordernden Feinfühligkeit über bisher noch nicht genannte Fähigkeiten verfügen, um ihren Kindern auch im weiteren Entwicklungsverlauf die erforderliche Bindungssicherheit vermitteln zu können.

Eine gefühlsbezogene Gesprächskultur aufbauen und pflegen

Wenn Kinder älter werden und dann als Dreijährige das Vorschulalter erreicht haben, gelingt die sprachliche Verständigung mit ihnen immer besser, so dass es für feinfühlige Eltern im Vergleich zur vorsprachlichen Phase nicht mehr so schwierig ist, die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren. Dreijährige Kinder, die eine deutliche Zunahme des Bestrebens nach

Selbstbestimmung zeigen, sind außerdem aufgrund ihrer sich rasant entwickelnden Sprachfähigkeiten - sie lernen täglich etwa 2 - 8 neue Wörter - durchaus schon selbst in der Lage, ihre Wünsche und Willensziele klar zu äußern. Durch ihre fortschreitende Intelligenzentwicklung können sie überdies erkennen und auch verstehen, warum ihre Handlungspläne wiederholt mit denen der Eltern nicht vereinbar sind. Sie versuchen nunmehr immer häufiger mit sprachlichen Mitteln auf das Verhalten ihrer Bindungspersonen so einzuwirken, dass es ihren eigenen Wünschen entgegen kommt. Dabei machen sie mitunter die Erfahrung, ihre Bedürfnisbefriedigungen aufschieben zu müssen und eigene Pläne nicht umsetzen zu können. Dies liegt oft auch daran, dass in diesem Alter von ihnen normalerweise in zunehmendem Maße verlangt wird, sich an Regeln zu halten und elterlichen Grenzsetzungen zu folgen.

Eltern unterscheiden sich aber erheblich darin, wie sie Vorschulkindern gegenüber ihre Erziehungsvorstellungen behaupten und vor allem darin, wie sie mit den negativen Gefühlen ihrer Kinder umgehen, die aus Versagungen, Misserfolgen, Konflikten, Überforderungen und anderen Belastungen des Alltags hervorgehen. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich jedoch ableiten, dass es mit Kindern dieses Alters schon ganz gut möglich ist, Meinungsverschiedenheiten über Verhandlungen aufzulösen. Dreijährige können sich bei einfachen Problemen durchaus in die Psyche eines anderen Menschen hineinversetzen und schon ansatzweise verstehen, warum Eltern ihnen ihre Wünsche manchmal erfüllen und manchmal nicht. Bei schwierigeren Problemen ist dagegen einfühlsame, werbende Überredung wünschenswerter als schlichtes Anordnen, strenge Zurückweisung oder kompromissloses Verbieten.

Verbale Feinfühligkeit im Umgang mit negativen Gefühlen

Für die Sicherung und Vertiefung von Eltern-Kind-Bindungen auf dieser Altersstufe ist es wichtig, dass Eltern über die Fähigkeit verfügen, mit den aus unterschiedlichen Gründen entstandenen negativen Gefühlen ihrer Kinder angemessen umzugehen. Vorrangiges Ziel ihres diesbezüglichen Handelns soll die Erfahrung des Kindes sein, dass sich negative Gefühle durch „Gespräche“ mit der Bindungsperson abschwächen oder sogar überwinden lassen („Geteiltes Leid ist halbes Leid“). Das Kind lernt dabei auch, über eigene unangenehme Empfindungen zu reden und sich dadurch gegenüber seiner Bindungsperson vertrauensvoll zu öffnen. Dazu ein Beispiel aus dem Alltag eines fünfjährigen Vorschulkindes.

Sandras erste „Beziehungskrise“

Die fünfjährige Sandra kommt weinend aus dem Kindergarten nach Hause. Sie läuft sofort zu ihrer Mutter und schmiegt sich Trost suchend in ihren Arm. Die Mutter streicht ihr sanft über das Haar, drückt sie an sich und küsst sie zärtlich. Sandra braucht eine Weile bis sie sich ein wenig beruhigt hat, doch dann erzählt sie, zwischendurch immer noch schluchzend, was passiert ist.

Als sie am Morgen in ihre Kindergartengruppe kam, sei ihre beste Freundin Melissa schon da gewesen, habe sich aber überhaupt nicht um sie gekümmert,

sondern die ganze Zeit mit einem anderen Mädchen gespielt, das Clara heiße und wie von der Gruppenleiterin angekündigt, seinen ersten Tag im Kindergarten verbrachte. Sonst würden sie sich morgens jedes Mal begrüßen und immer alles zusammen machen, doch jetzt hätte Melissa wohl eine neue Freundin gefunden, mit der sie viel lieber zusammen sei als mit ihr. Sandra sei deshalb über Melissa so wütend gewesen, dass sie zunächst kein Wort mit ihr geredet habe. Und auch als Melissa nach dem Frühstück kam, um ihr etwas Wichtiges zu erzählen, habe sie Melissa gesagt, sie wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Sandra erklärt dann trotzig, dass sie ab sofort nicht mehr in den Kindergarten gehen werde. Sie fühle sich von Melissa im Stich gelassen und habe nun niemanden in der Gruppe, mit dem sie richtig gut spielen könne. Die Mutter versichert ihrer Tochter, dass sie ihre Wut gut verstehen könne. Es müsse für sie wirklich schwer auszuhalten sein, wenn sie glaube, dass ihre beste Freundin nun lieber mit einem anderen Mädchen zusammen sein wolle als mit ihr. Sie fühle sich dadurch sicherlich ziemlich allein gelassen. Sandra nickt heftig und schmiegt sich wieder an die Mutter an. Aber diesmal weint sie nicht.

Sandras Mutter kennt Melissa ganz gut. Das Mädchen hat schon einige Male bei ihrer Tochter übernachtet und einen sehr freundlichen und ausgeglichenen Eindruck gemacht. Sie fragt ihre Tochter, ob sie sich vielleicht am Tag zuvor mit Melissa gestritten habe. Doch das ist ganz offensichtlich nicht der Fall gewesen. Sandra meint, sie hätten sich erst einmal richtig gestritten, aber das sei auch schon längere Zeit her und sie hätten sich kurz darauf wieder vertragen. Auf Anregung der Mutter überlegen beide, warum sich Melissa gegenüber Sandra wohl an diesem Morgen so anders als sonst verhalten haben könnte. Sandra findet keine weitere Erklärung; sie ist über das Verhalten ihrer Freundin einfach nur maßlos enttäuscht und fühlt sich von ihr ohne Grund zurückgesetzt. Die Mutter fragt ihre Tochter, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass

sich Melissa deshalb so um Clara gekümmert habe, weil diese den ersten Tag im Kindergarten war. Sie habe ihr einfach nur helfen wollen, sich in der Gruppe schneller einzugewöhnen. Sandra schaut sie eine Weile nachdenklich an und glaubt schließlich, dass ihre Mutter damit Recht haben könnte. Es wäre schon möglich, dass Melissa ihr nach dem Frühstück von Clara erzählen wollte. Sie erinnert sich in diesem Moment daran, wie erstaunt und enttäuscht Melissa darüber gewesen sei, als ihre Freundin plötzlich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Sie berichtet ihrer Mutter von dieser Beobachtung. Die Mutter schlägt ihrer Tochter vor, diese Frage am nächsten Tag sofort mit Melissa zu klären. Sie rät ihr auch, beim nächsten Mal gleich mit Melissa zu sprechen, wenn es aus ihrer Sicht wieder Unklarheiten zwischen ihnen geben sollte.

Am nächsten Tag kommt Sandra freudestrahlend aus dem Kindergarten. Es ist in etwa so gewesen, wie von der Mutter vermutet worden war. Die Gruppenleiterin hatte Melissa sogar darum gebeten, sich ein wenig um Clara zu kümmern und von Melissa war dieser Auftrag so ernst genommen worden, dass sie dabei zunächst ihre Freundin Sandra gänzlich vernachlässigt hatte. Auch Melissa sei sehr froh darüber gewesen, dass Sandra wieder mit ihr zusammen sein wollte und beide hätten den ganzen Vormittag zusammen mit Clara gespielt.

Die Mutter freut sich mit Sandra über ihre Verständigung mit Melissa und äußert sich anerkennend darüber, dass sich nun beide um Clara kümmern würden. Anschließend macht sie ihrer Tochter aber behutsam klar, dass sie gegenüber Melissa überreagiert habe. Sie erklärt ihr dann mit einfachen Worten, was unter „Eifersucht“ zu verstehen ist und wie sie ein vergleichbares Problem beim nächsten Mal lösen könne („Du hättest doch Melissa und Clara einfach fragen können, ob du mitspielen darfst“). Sandra wird klar, dass sie ihrer Freundin wirklich Unrecht getan hat und setzt sich am Nachmittag hin, um für Melissa zur Entschuldigung ein schönes Bild zu malen, das sie ihr am nächsten Tag schenken möchte.

Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert.

Sandras Bindungsbedürfnis wird prompt und angemessen befriedigt. Zunächst antwortet die Mutter feinfühlig auf Sandras Bedürfnis nach Nähe, indem sie sich ihr zärtlich zuwendet und ihrer Tochter Trost spendet. Dabei wird deutlich, dass Sandras Reaktion auf diese entlastende Erfahrung der eines sicher gebundenen Kindes entspricht, denn Sandra kann sich im Schutz ihrer emotional fürsorglichen Mutter, die ihr Bindungsbedürfnis prompt und angemessen befriedigt, schon nach kurzer Zeit beruhigen und über den belastenden Sachverhalt reden.

Sandra spricht über ihre negativen Gefühle. Sandra berichtet über ein Ereignis im Kindergarten, das bei ihr starke negative Gefühle und Widerstandsverhalten ausgelöst hat (Eifersucht, Wut, Trotz). Sie fühlt sich durch ihre beste Freundin Melissa erheblich gekränkt, weil diese intensiv mit einem neu in den Kindergarten aufgenommenen Mädchen gespielt hat, ohne sie wie sonst üblich zu beachten. Sandra glaubt ernsthaft, dass dieses Mädchen nun die neue Freundin von Melissa sei und sieht sich von ihrer Freundin im Stich gelassen. Trotz ihrer Verärgerung und Enttäuschung ist sie nun aber im Gespräch mit der Mutter in der Lage, den Grund für die Aktivierung ihres Bindungsverhaltenssystems auch verbal zum Ausdruck zu bringen.

Sandras Mutter ist emotional feinfühlig. Die Mutter zeigt Verständnis für die negativen Gefühle ihrer Tochter und bemerkt überdies, dass Sandra mit der Bewältigung dieser Situation vollständig überfordert ist, weil sie immer noch stark unter dem Eindruck steht, von ihrer besten Freundin wegen eines anderen Mädchens verlassen worden zu sein. Zudem weiß sie, dass Sandra eine vergleichbare Erfahrung bisher noch nicht gemacht hat und es ihr deshalb wohl Schwierigkeiten bereitet, mit dieser vermeintlichen Zurückweisung allein zurechtzukommen.

Sandra wird zum „Perspektivenwechsel“ angeregt. Die Mutter hilft Sandra dabei, nach den denkbaren Ursachen für Melissas Verhalten zu suchen und veranlasst ihre Tochter auf diese Weise dazu, sich auch in die mögliche Sichtweise von Melissa hineinzuversetzen (Perspektivenwechsel). Die Mutter kennt Sandras Freundin und kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass Melissa die enge Freundschaft zu ihrer Tochter ohne Grund aufkündigen würde. Die von ihr zunächst vermutete Möglichkeit eines heftigen Streits zwischen beiden kann aber nach Sandras Angaben als Motiv für Melissas Verhalten ausgeschlossen werden. Beim gemeinsamen Nachdenken über weitere Gründe ist Sandra blockiert. Doch ihre Mutter erinnert sich an Sandras Hinweise, dass Melissa mit diesem neu in den Kindergarten aufgenommenen Mädchen gespielt habe und nach dem Frühstück zu ihrer Tochter gekommen sei, um ihr etwas zu erzählen. Sie macht Sandra darauf aufmerksam und hört von einer wichtigen Beobachtung, die Sandra bei ihrem Bericht über den Vorfall noch nicht erwähnt hatte, weil sie wohl zu sehr unter dem Eindruck ihrer negativen Gefühle stand. Melissa ist offenbar ebenso wie Sandra ziemlich erstaunt und enttäuscht darüber gewesen, dass ihre Freundschaft nun so plötzlich zu Ende sein sollte. Diese feinfühlige Erkundung des Sachverhalts durch die Mutter hat sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass ihre Tochter sich besser in die Lage ihrer Freundin hineinversetzen konnte und dadurch Ereignisse erinnerte, die sie in ihrer Wut zunächst ausgeblendet hatte, die aber zur Erklärung von Melissas Verhalten entscheidend beitragen können. Damit schien nun für Mutter und Tochter ziemlich klar zu sein, dass Melissa wohl nicht die Absicht hatte, sich von Sandra zu trennen.

Die Mutter unterstützt ihre Tochter beim selbstaktiven Problemlösen. Wichtig für die weitere Entwicklung dieses „Falles“ ist der Vorschlag der Mutter, ihre Tochter solle den genauen Sachverhalt mit Melissa selbst klären und dies möglichst auch künftig versuchen, falls es wieder zu Unklarheiten zwischen beiden kommen sollte. Sie bietet Sandra damit die Gelegenheit, die weitere Bewältigung dieser ersten „Beziehungskrise“ nunmehr wieder selbst in die Hand zu nehmen und weist ihre Tochter zugleich darauf hin, was sie bei einer erneuten „beziehungskritischen“ Situation tun könnte, um sich unnötige Wut zu ersparen.

Sandra lernt aus ihren Fehlern. Das Blatt wendet sich anschließend zum Guten. Melissa hat sich auf Bitten der Gruppenleiterin hilfreich und engagiert um das neue Gruppenmitglied gekümmert. Sandras heftige emotionale Reaktion ist demnach vorschnell und unangemessen gewesen und die Mutter hat es verstanden, ihrer Tochter behutsam beizubringen, dass sie Melissa mit ihrer unberechtigten Eifersucht Unrecht getan hat.

Es ist deutlich geworden, dass Sandra in diesem Gespräch mit ihrer Mutter eine Menge lernen konnte. Als ein Anzeichen dafür kann ihre spontane Bereitschaft gesehen werden, sich bei Melissa mit einem kleinen Geschenk zu entschuldigen. Und sie wird vermutlich bei einer nächsten Verstimmung über Melissa selbst eine Klärung versuchen und dadurch die Freundschaft nicht mehr so leichtfertig gefährden.

Aufbau und Kultivierung einer gefühlsbezogenen und lösungsorientierten Gesprächskultur. Das Beispiel zeigt überdies das Bemühen dieser Mutter, mit ihrer Tochter eine gefühlsbezogene und lösungsorientierte Gesprächskultur zu pflegen und verdeutlicht zugleich, welche positiven Wirkungen sich durch ein solches Vorgehen erzielen lassen. Die Mutter kann vor allem erreichen, dass Sandra aus ihrer gefühlsmäßigen Blockade herauskommt und ihren zunächst eingeengten Blickwinkel erweitert, indem sie feinfühliger als zuvor, die Beweggründe für Melissas Verhalten erkundet und dadurch zur angemessenen Lösung eines Problems kommt, das für sie zunächst nicht lösbar erschien. Sie lernt also am Beispiel der feinfühligen Klärung einer Konfliktsituation durch ihre Mutter selbst feinfühliger im Umgang mit einem „Beziehungskonflikt“ zu werden, wodurch ihre Handlungsfähigkeit am Ende wieder hergestellt wird.

Es ist davon auszugehen, dass bei ähnlichen Anlässen weitere Mutter-Tochter-Gespräche dieser Art folgen, die nicht nur zur Festigung und Vertiefung der Mutter-Kind-Bindung beitragen werden. Sandra wird es dadurch auch immer besser gelingen, mit ihren negativen Gefühlen und vorgestellten wie realen Beziehungskonflikten umzugehen und dabei die wohltuende Erfahrung machen, dass sich negative Gefühle durch Gespräche tatsächlich abbauen lassen und somit der Kopf für angemessene Problemlösungen wieder frei wird.

Ergebnisse der Bindungsforschung. Untersuchungen von Bindungsforschern zeigen in der Tat, dass bei Vorschulkindern, die von ihren Eltern ein solches einfühlsames Gesprächsangebot durchgängig erhielten, stabilere Beziehungen zu Gleichaltrigen vorlagen und eine nachweislich bessere Befindlichkeit festzustellen war, als bei Kindern, die ein solches Angebot nicht erhalten hatten. Sie ließen überdies eine hohe Bereitschaft erkennen, ihre Eltern bei Überforderungen um Hilfe zu bitten, konnten ihre negativen Gefühle besser darstellen und regulieren und blieben sowohl bei Misserfolgen als auch im Umgang mit Ärger, Wut, Kummer und Angst durchaus noch handlungsfähig. Dieser Erhalt von Handlungsfähigkeit in misslichen Situationen kennzeichnet im Übrigen den bedeutsamsten Unterschied zwischen sicher und unsicher gebundenen Kindern bei vergleichbaren Belastungen.

Im Vergleich zum vorgestellten feinfühligen Umgang mit Säuglingen ist das einfühlsame Reden über die negativen Gefühle des Vorschulkindes eine Fortsetzung dieser emotionalen elterlichen Feinfühligkeit mit sprachlichen Mitteln, die sich als verbale Feinfühligkeit kennzeichnen lässt und gleichermaßen die Bindung zwischen Eltern und Kindern sichert und verstärkt.

- Zunehmendes Verständnis für Zeitspannen. Neben den zunehmenden sprachlichen Fähigkeiten und dem immer größeren Wissensumfang wächst bei Vorschulkindern auch das Verständnis für Zeitspannen. Dadurch wird es feinfühligen Eltern wesentlich erleichtert, ihre Kinder etwa auf vorübergehende Trennungen von ihnen vorzubereiten und so die damit verbundenen Belastungen zu verringern, was auch für die Förderung der Eltern-Kind-Bindungen eine große Rolle spielt. Das Kind kann nun verstehen, was es bedeutet, wenn seine Bindungsperson äußert, dass sie gleich weggehe, um „einzukaufen“ und ihm dabei verspricht, „in zwei Stunden“ wiederzukommen. Es wird dieses Weggehen mit seinem erweiterten Verständnis für Zeitspannen nicht mehr als Verlassenwerden deuten, sondern begreift, dass die Bindung trotz der vorübergehenden Abwesenheit von Vater oder Mutter uneingeschränkt weiter besteht. Es kann darüber hinaus auch ungefähr einschätzen, wie lange es etwa dauert bis das Ende der Trennung abzusehen ist.

Entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Kind während dieser und anderer zeitlich begrenzter Trennungszeiten unbekümmert und sorglos bleibt, ist allerdings, dass das Kind bei längerer elterlicher Abwesenheit von einer Person betreut wird, zu der es Vertrauen hat und es sich außerdem darauf verlassen kann, dass die Bindungsperson zur angegebenen Zeit auch wieder zu ihm zurückkehrt.

Gefühlsbezogene Gespräche mit älteren Kindern und Jugendlichen

Bis zum Eintritt in die Schule haben sicher gebundene Kinder von ihren feinfühligen Eltern immer besser gelernt, über ihre negativen Gefühle zu sprechen und die wohltuende Erfahrung gemacht, dass es ihnen so mit Unterstützung ihrer Bindungspersonen des Öfteren gelingt, unangenehme innere Spannungen deutlich zu verringern oder sogar abzubauen. Aufgrund ihres häufigen „Übens“ finden sie zunehmend passendere Worte zur Beschreibung der eigenen Gefühle und können auch die Gefühle anderer Personen leichter erkennen, zutreffender benennen und angemessener darauf reagieren. Es hat sich also im Laufe der Zeit zwischen verbal einfühlsamen Eltern und ihren Kindern eine auf Gefühle bezogene Gesprächskultur entwickelt, die es den Kindern erlaubt, gegenüber ihren Eltern auch unangenehme oder belastende Empfindungen zum Ausdruck zu bringen. Diese Art der Gespräche dient dann nicht nur der Entlastung, sondern bietet auch Hilfestellung, um etwa mit Unterstützung der Eltern aus misslichen Lagen herauszufinden sowie das Verhalten anderer und das eigene Verhalten besser zu verstehen. Eine solche Gesprächskultur gilt es weiter auszubauen und zu pflegen. Dazu müssen sich Eltern Zeit nehmen, um ihren Kindern genügend „Raum“ zu geben, sich ihnen möglichst umfassend mitteilen zu können. Und sie sollten aufmerksam hinhören und sich in das Kind einfühlen, um seine Sorgen und Nöte auch wirklich erkennen und verstehen zu können.

Solche Möglichkeiten, derart mit vertrauten Personen über die eigenen Gefühle sprechen zu können, erweisen sich für Kinder dieser Altersstufe als notwendig und sehr hilfreich, weil sie im weiteren Verlauf des Schulbesuchs zunehmend mehr Zeit außerhalb ihrer Familie verbringen. Sie haben sich dabei mit vielfältigen Anforderungen und Belastungen auseinanderzusetzen, die neben angenehmen Erfahrungen auch Überforderungserlebnisse, Enttäuschungen oder Ängste hervorrufen können, mit denen das Kind oft allein noch nicht zurechtkommt. Die elterlichen Gesprächsangebote dienen ihren Kindern insofern als sichere Basis für die Mitteilung und die Bewältigung von negativen Erfahrungen mit sich und anderen Menschen und stärken dadurch die Eltern-Kind-Bindung. Entsprechendes gilt auch für Gespräche über Probleme, die Kinder mit ihren Eltern haben. Solche Gespräche gelingen besonders dann, wenn Eltern und Kinder zum Beispiel gemeinsam eine gute Lösung für ein zwischen ihnen entstandenes Problem finden können.

Im folgenden Beispiel geht es anfänglich um die Regelung eines Konflikts zwischen einem Vater und seinem zehnjährigen Sohn, bei der es später allerdings zu einer überraschenden Wende kommt.

Der Taschengeldklau

Die Spannungen waren entstanden als Paul, der gerade aus der Schule gekommen war, seinen Vater bei einem wichtigen Telefonat wiederholt mit einem eigenen Anliegen derart störte, dass dieser mit dem Anrufer einen Rückruf vereinbaren musste, um die geschäftliche Besprechung zu einem späteren Zeitpunkt in Ruhe fortsetzen zu können. Der Junge hatte sich sehr über seinen Vater geärgert, weil dieser auch nach dem Telefonat zunächst nicht gleich bereit war mit ihm zu reden. Und der Vater hatte sich über seinen Sohn aufgeregt, weil dieser ihn während des Anrufs so hartnäckig bedrängte und einfach nicht einsehen konnte, dass er in diesem Moment wirklich ungestört sein wollte.

Nachdem der Ärger auf beiden Seiten abgeklungen war, hat der Vater sich mit seinem Sohn zusammengesetzt, um ihm den Grund für seine Erregung zu erklären, aber auch um zu hören, warum Paul ihn in dieser Situation nicht in Ruhe lassen konnte. Er hatte sich auch vorgenommen, mit seinem Sohn endlich eine längst überfällige Regelung für ungestörtes Telefonieren zu treffen.

Der Vater erklärt seinem Sohn, warum dieser Anruf für ihn so wichtig war und zu welchen nachteiligen Folgen die Störung für sie beide und den Anrufer geführt hat. Er habe sein Telefonat nicht beenden können und den Anrufer, der eine dringende Anfrage hatte, bei der es um viel Geld ging, auf später vertrösten müssen und Paul hätte sein Anliegen nicht vorbringen können, weil der Vater auch nach dem Abbruch des Telefonats über ihn immer noch verstimmt

[...]

Ende der Leseprobe aus 260 Seiten

Details

Titel
Verwurzelt fliegen - Leitfaden für eine stärkenorientierte Kindererziehung
Autor
Jahr
2007
Seiten
260
Katalognummer
V84503
ISBN (eBook)
9783638067188
ISBN (Buch)
9783638954419
Dateigröße
3472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwurzelt, Leitfaden, Kindererziehung
Arbeit zitieren
Dr. Bodo Klemenz (Autor), 2007, Verwurzelt fliegen - Leitfaden für eine stärkenorientierte Kindererziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84503

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