Sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft


Diplomarbeit, 2007
122 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Lebensphase Jugend
2.1 Abgrenzung zur Lebensphase Kindheit
2.2 Abgrenzung zur Lebensphase Erwachsenenalter
2.3 Lebensbereiche Jugendlicher
2.3.1 Lebensbereich Schule
2.3.3 Lebensbereich Familie
2.3.3 Lebensbereich peer groups
2.4 Zusammenfassung

3 Soziale Benachteiligung im Jugendalter
3.1 Das allgemeine Befinden sozial benachteiligter Jugendlicher
3.2 Sozial benachteiligte Jugendliche und Gesundheit
3.3 Sozial benachteiligte Jugendliche und Schulbildung
3.3.1 Einfluss von sozialer Benachteiligung auf die Wahl des Schultyps
3.3.2 Einfluss von sozialer Benachteiligung auf den Schulerfolg
3.4 Zusammenfassung

4. Spezielle Problemlagen sozial benachteiligter Jugendlicher
4.1 Gewalterfahrungen in der Familie
4.1.1 Formen von Gewalt
4.1.2 Ursachen für das Ausüben von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
4.2 Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Stieffamilien
4.2.1 Der Stiefvater als Eindringling
4.2.2 Die verschiedenen Rollen des Stiefvaters
4.2.3 Gewalt in Stieffamilien
4.3 Alkoholmissbrauch der Eltern
4.4 Verhaltensauffälligkeiten bei sozial benachteiligten Jugendlichen
4.4.1 Definition des Begriffes „verhaltensauffällig“
4.4.2 Verhaltensauffälligkeiten als Folge von Gewalterfahrungen und Trauma
4.4.3 Verhaltensauffälligkeiten als Folge von sozialer Randständigkeit und wechselnder Erziehungspraktiken
4.4.4 Verhaltensauffälligkeiten und geschlechtstypische Unterschiede
4.5 Zusammenfassung

5 Die betreute Wohngemeinschaft für Jugendliche
5.1 Die Entstehung von Jugendwohngemeinschaften in Österreich
5.2 Das Konzept der koedukativen Wohngemeinschaft für Jugendliche
5.2.1 Ziele der koedukativen Wohngemeinschaft
5.2.2 Zielgruppen der koedukativen Wohngemeinschaft
5.2.3 Die Mitarbeiter/innen der koedukativen Wohngemeinschaft
5.2.4 Die Methodik der koedukativen Wohngemeinschaft
5.3 Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
5.3.1 Die Zusammenarbeit mit den Eltern
5.3.2 Die Zusammenarbeit mit Jugendbehörden
5.3.3 Die Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendpsychiatrie
5.4 Zusammenfassung

6 Forschungsprojekt über sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft
6.1 Die betreute Wohngemeinschaft Spatz’nnest
6.1.1 Zielgruppen der Wohngemeinschaft Spatz’nnest
6.1.2 Das Betreuerteam der Wohngemeinschaft Spatz’nnest
6.1.3 Die Ziele der Wohngemeinschaft Spatz’nnest
6.1.4 Das Leben in der Wohngemeinschaft Spatz’nnest
6.2 Ziele und Inhalte des Forschungsprojektes
6.3 Stichprobe und Methodisches Vorgehen
6.4 Präsentation der Forschungsergebnisse von weiblichen Jugendlichen
6.4.1 Die Familie
6.4.2 Die Wohngemeinschaft
6.4.3 Das Betreuerteam
6.4.4 Freundschaften und peer groups
6.4.5 Ausbildung
6.4.6 Lebensentwürfe
6.5 Präsentation der Forschungsergebnisse von männlichen Jugendlichen
6.5.1 Die Familie
6.5.2 Die Wohngemeinschaft
6.5.3 Das Betreuerteam
6.5.4 Freundschaften und peer groups
6.5.5 Ausbildung
6.5.6 Lebensentwürfe
6.6 Sichtweisen der befragten Betreuerinnen
6.6.1 Die Familie
6.6.2 Die Wohngemeinschaft
6.6.3 Das Betreuerteam
6.6.4 Freundschaften und peer groups
6.6.5 Ausbildung
6.6.6 Lebensentwürfe
6.7 Diskussion der Forschungsergebnisse
6.7.1 Die Familie
6.7.2 Die Wohngemeinschaft
6.7.3 Das Betreuerteam
6.7.4 Freundschaften und peer groups
6.7.5 Ausbildung
6.7.6 Lebensentwürfe

7 Fazit und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Vorwort

Eingangs möchte ich persönlich zum Thema meiner Diplomarbeit Stellung nehmen.

Mein persönliches Interesse galt bereits zu Beginn des Pädagogikstudiums dem Bereich der Jugendarbeit. Aus diesem Grund entschied ich mich im Laufe des Studiums schließlich für den Zweig Sozial- und Integrationspädagogik. Im Sommer 2005 absolvierte ich ein Praktikum in der sozial- und erlebnispädagogischen Wohngemeinschaft Spatz’nnest für Jugendliche in der Gemeinde Schiefling am See in Kärnten. Über einen Zeitraum von 3 Monaten konnte ich beobachten, auf welche Weise mit den in der Institution lebenden -sozial benachteiligten- Jugendlichen gearbeitet wurde. Durch das Praktikum wurde schließlich mein Forschungsinteresse hinsichtlich des Lebens sozial benachteiligter Jugendlicher in der betreuten Wohngemeinschaft geweckt. Bald darauf beschloss ich, diese Thematik zum Gegenstand meiner anstehenden Diplomarbeit zu machen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei der Institution Spatz’nnest für die großartige Kooperation bedanken. Mein besonderer Dank gebührt jedoch den Jugendlichen der Wohngemeinschaft, welche sich für die Interviews bereitwillig zur Verfügung gestellt haben. Ohne ihre Mitarbeit und ihr Engagement, wäre das Verfassen der vorliegenden Diplomarbeit nicht möglich gewesen.

1 Einleitung

Die Lebensphase Jugend gestaltet sich im Leben eines jeden heranwachsenden Individuums als sehr turbulent und risikoreich. Während dieses schwierigen Zeitraumes ist es in erster Linie die Aufgabe der Eltern, die jungen Heranwachsenden zu sozialisieren, ihnen bei Problemen beizustehen und Rückhalt zu gewähren sowie ihnen ein positives Vorbild zu sein. Um sie an ein glückliches Leben als erwachsener Mensch erfolgreich heranzuführen, muss ihnen während der Lebensphase Jugend viel Verständnis und Geduld sowie ein hohes Maß an Geborgenheit und Liebe entgegen gebracht werden. Nur wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann familiäre Sozialisation gelingen.

Eltern (-teile) aus sozial randständigen Milieus laufen im Allgemeinen ein besonders hohes Risiko, den von ihnen erwarteten Aufgaben und Sozialisationsfunktionen nur teilweise bis kaum gewachsen zu sein. In fast allen Fällen erfahren sozial benachteiligte Familien nicht nur finanzielle Sorgen, sondern auch andere Problemlagen, welche sich in jedem Falle massiv auf die betroffenen Jugendlichen auswirken. Insbesondere psychische Erkrankungen der Eltern (in erster Linie Alkoholismus und/oder Depressionen), das Aufwachsen in einem gewaltbereiten Umfeld oder das Aufwachsen mit einem Stiefelternteil zählen zu den Hauptfaktoren, weshalb die betroffenen Jugendlichen sich nicht wie gewünscht entwickeln können. Aufgrund der unzureichenden Betreuung durch Eltern und der belastenden Familiensituation haben die Jugendlichen nicht genügende Möglichkeiten sich zu entfalten. Auch die Förderung ihrer sozialen, emotionalen sowie intellektuellen Fähigkeiten bleibt in den meisten Fällen unbeachtet.

Die soeben genannten Problemlagen sozial benachteiligter Familien führen zudem oft auch dazu, dass ein harmonisches Zusammenleben nicht mehr stattfinden kann. Da die heranwachsenden Kinder dabei als die Hauptleidtragenden gelten, müssen ihnen sowie ihren Eltern, alternative Lebens- und Wohnformen außerhalb der Familie aufgezeigt und bereitgestellt werden. Eine ganz besondere und attraktive Art von alternativer Lebens- und Wohnform stellt für sozial benachteiligte Jugendliche die betreute Wohngemeinschaft dar. Die betreute Wohngemeinschaft soll die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten Jugendlicher fördern und nicht weiterhin einschränken, wie es bislang im Rahmen des Familienlebens der Betroffenen geschehen ist. Soziale und emotionale Defizite sollen dabei so gut wie möglich ausgeglichen werden und auch bestehende traumatische Erlebnisse sollen aufgearbeitet werden.

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft“ soll darstellen, wie sich betroffene Jugendliche in der alternativen Lebensform betreute Wohngemeinschaft fühlen und heranwachsen. Um dies darzustellen, wurde ein Forschungsprojekt herangezogen, welches auf mehrere Forschungsfragen und Hypothesen abzielt. Als zentraler Forschungsgegenstand wurde dabei die erlebnis- und sozialpädagogische Wohngemeinschaft Spatz’nnest in der Gemeinde Schiefling am See in Kärnten herangezogen.

Um die Leserschaft in das Thema „ Sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft“ einzuführen, soll dem Evaluationsteil der vorliegenden Arbeit zunächst ein theoretischer Teil vorangehen, welcher für das nachfolgende Forschungsprojekt unerlässlich ist.

Die vorliegende Arbeit soll mit theoretischen Ansätzen zum Thema „Lebensphase Jugend “ eröffnet werden, gefolgt von theoretischen Ansätzen zu den speziellen Themen „Soziale Benachteiligung im Jugendalter“ und „Spezielle Problemlagen sozial benachteiligter Jugendlicher “. Anschließend an das letzte theoriegeleitete Thema, nämlich „Die betreute Wohngemeinschaft für Jugendliche“, soll das in der erlebnis- und sozialpädagogischen Wohngemeinschaft Spatz’nnest durchgeführte Forschungsprojekt dargestellt werden. Eröffnend soll der Leserschaft der Evaluationsgegenstand selbst - das Spatz’nnest - sowie dessen Konzept und Arbeitsweise näher gebracht werden. Nachdem im weiteren Verlauf auf das methodische Vorgehen im Forschungsprojekt eingegangen wurde, sollen zunächst die Ergebnisse der befragten weiblichen Jugendlichen und anschließend die Ergebnisse der befragten männlichen Jugendlichen sowie der befragten Betreuungspersonen präsentiert werden. Abschließend sollen die erlangten Forschungsergebnisse ausführlich diskutiert sowie thematisch und geschlechtlich miteinander verglichen werden. Dabei soll auch ein Bezug zum vorangehenden theoretischen Teil hergestellt werden. Ein Fazit und Ausblick bilden schließlich den Abschluss der vorliegenden Arbeit.

2 Lebensphase Jugend

Betrachtet man die verschiedenen Lebensphasen in der Biografie eines Menschen, so wird man rasch feststellen, dass heute keine Lebensphase so prägend für jedes Individuum ist wie diese. Da sich die Ergebnisse des Forschungsprojektes der vorliegenden Arbeit auf die Aussagen von Jugendlichen stützen, erscheint es als unerlässlich, der Lebensphase Jugend an dieser Stelle ganz besondere Beachtung zu schenken.

In diesem Kapitel der vorliegenden Arbeit soll zunächst erklärt werden, wodurch sich die Lebensphase Jugend auszeichnet und welche Kriterien zur Abgrenzung dieser Phase herangezogen werden müssen. Es sollen einerseits Kriterien zur Abgrenzung vom Kindheitsalter und andererseits zur Abgrenzung vom Erwachsenenalter aufgezeigt werden. Darauf folgend soll auf die verschiedenen Lebensbereiche Jugendlicher eingegangen werden, wobei die drei Lebensbereiche Schule, Familie und peer groups ausführlicher diskutiert werden sollen.

Obwohl die Lebensphase Jugend in der Geschichte schon immer als eine Phase biologischer Veränderungen wahrgenommen wurde, kristallisierte sie sich als eigener Lebensabschnitt doch erst viel später heraus. Neben den biologischen Veränderungen wurden auch Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltensformen sowie Entwicklungsprobleme dieser Phase bewertet. Zeitlich wird die Jugend als der Abschnitt zwischen dem Kindes- und dem Erwachsenenalter definiert (vgl. Hurrelmann 1997, S.26).

Aus rechtswissenschaftlicher Sicht „gilt als Jugendlicher, wer in der Alterskategorie 14 und 18 Jahre liegt, als Heranwachsender ist derjenige zu zählen, wer zwischen 18 Jahre und 21 Jahre alt ist“ (Schweer/Lukaszewski 2003, S.29). Als Erwachsener gilt man aus rechtswissenschaftlicher Sicht ab dem 21. Lebensjahr. Dennoch kann diese Kategorisierung aus pädagogisch-psychologischer Sicht nicht beibehalten werden, da sich die Entwicklung jedes einzelnen Jugendlichen individuell gestaltet. Entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Entwicklung stellen die körperliche Entwicklung, die kognitiven Leistungsfähigkeiten sowie die soziale Entwicklung dar. Vor allem die soziale Entwicklung zeigt sich stark abhängig vom sozialen Umfeld des Individuums. (vgl. Schweer/Lukaszewski 2003, S.29). Sozial randständige Jugendliche befinden sich im Vergleich zu Jugendlichen aus privilegierten Milieus dabei klar im Nachteil.

2.1 Abgrenzung zur Lebensphase Kindheit

Die Lebensphase Jugend grenzt sich von der Lebensphase Kindheit in erster Linie durch eine Reihe entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischer Kriterien ab. Als wichtigstes Kriterium gilt dabei der Eintritt in die Pubertät, welcher neben dem Wachstum der Körper- und Sinnesfunktionen auch ein Ungleichgewicht in die psycho-physische Struktur der Persönlichkeit mit sich bringt. Die körperlichen und hormonellen Veränderungen verlangen eine Anpassung auf körperlicher, seelischer und sozialer Ebene. Dieser Prozess stellt auch neue Anforderungen an das persönliche Verhalten der Jugendlichen (vgl. Hurrelmann 1997, 31.f).

FEND beschreibt die Phase der Pubertät als eine Wendung nach Innen und als eine Zeit der Selbstreflexion, in welcher sowohl das eigene Seelenleben als auch das Seelenleben anderer permanent analysiert werden. Es handelt sich mit der Pubertät um eine Phase, in welcher der Prozess beginnt, „die eigenen Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Affekte zu entdecken“ (Fend 1990, S. 59). Außerdem kommt es in der Phase der Pubertät erstmals dazu, dass der Sinn des Lebens hinterfragt wird Die Pubertät ist von intensiven Gefühlserlebnissen geprägt, wobei es erstmals auch zu Gefühlen der Traurigkeit und Depressivität kommt. Oftmals erfahren Pubertierende auch Gefühle der Schwermut und des Selbstzweifels (vgl.Fend 1990.S.59f.). Hinzu kommt laut FEND die Intensivierung des Geschlechtstriebes, das Streben nach Unabhängigkeit und nach Erwachsenenseinwollen (vgl. Fend 1990, S. 61).

Obwohl auch das Kindheitsalter durch das Ungleichgewicht biologischer und psychosozialer Entwicklungen sowie durch eine Vielfalt psychischer Bewältigungsverfahren gekennzeichnet ist, unterscheiden sich diese von den Entwicklungen im Jugendalter dennoch enorm. Während im Kindheitsalter die Imitation von und Identifikation mit den Eltern notwendig ist, um mit neuen Lebenssituationen zu Recht zu kommen, wird dies im Jugendalter nur durch die innerliche Ablösung von den primären Bezugspersonen möglich (vgl. Hurrelmann 1997, S.31f.).

Vor allem unterscheiden sich die Lebensphase Jugend und die Lebensphase Kindheit aber in ihren verschiedenen Entwicklungsaufgaben voneinander. Als Entwicklungsaufgaben im Kindheitsalter kristallisieren sich neben dem Aufbau von emotionalem Grundvertrauen und der Entwicklung einer sensomotorischen Intelligenz auch die Entwicklung von motorischen und sprachlichen Fähigkeiten sowie die Entwicklung von grundlegenden sozialen Kompetenzen heraus.

Die Entwicklungsaufgaben während der Lebensphase Jugend lassen sich ebenfalls in vier Entwicklungsbereiche einteilen, nämlich die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, die Entwicklung der eigenen Geschlechtsrolle, die Fähigkeit zur Nutzung des Waren- und Freizeitmarktes sowie die Entwicklung eines Werte- und Normsystems (vgl. Hurrelmann 1997, S. 33f). Nachfolgend soll auf die soeben genannten Entwicklungsbereiche näher eingegangen werden:

Entwicklungsbereich 1: Die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz.

Das Erwerben einer intellektuellen Kompetenz scheint als Vorbereitung auf das Erwachsenwerden unerlässlich. Die Jugendlichen sollen hierbei eigenständig schulischen und beruflichen Qualifikationen nachkommen, was ihnen den späteren Eintritt in die Erwerbsarbeit sowie die damit verbundene selbständige Existenz als erwachsenen Menschen sichern soll (vgl. Hurrelmann 1997, S. 33). In erster Linie müssen sich die Jugendlichen während dieser Entwicklungsphase ein neues, selbstverantwortliches Verhältnis zum schulischen Lernen aneignen. Dabei sollten sie der Institution Schule mit einer positiven Einstellung gegenüberstehen und Bildung als persönliche Chance wahrnehmen. Konzentration und Aufmerksamkeit während des Unterrichts, das gewissenhafte Erledigen von Hausaufgaben, die Motivation, Prüfungssituationen zu meistern sowie die eigenständige Strukturierung von Lernplänen bilden weitere Faktoren, welche die Jugendlichen dabei verfolgen sollten (vgl. Göppel 2005, S.179f). Auch soziale Kompetenzen sollten von den Jugendlichen sowohl im schulischen als auch außerschulischen Bereich erworben und eingesetzt werden. Handlungskompetenzen und soziale Fähigkeiten, welche die Interaktion mit den Mitmenschen sowie eine Eingliederung in die Gesellschaft ermöglichen, sollen erlernt werden. Sowohl das Entwickeln intellektueller als auch sozialer Kompetenzen stellt sich für die meisten sozial benachteiligten Kinder als sehr schwierig bis unmöglich heraus. Diese Entwicklung sollte in der Regel von der Familie ausgehen und gefördert werden. Oft werfen familiäre Probleme in unterprivilegierten Milieus jedoch einen negativen Schatten auf das Erziehungsverhalten der Eltern. Diese können ihre Kinder dann nur unzureichend sozialisieren und ihnen die erforderlichen Fähigkeiten nicht ausreichend vermitteln. Diese Defizite fallen fast immer zum Nachteil und Leidwesen der betroffenen Jugendlichen aus, da es diesen unmöglich wird, sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Entwicklungsbereich 2: Die Entwicklung der eigenen Geschlechtsrolle.

Um eine eigene Geschlechtsrolle entwickeln zu können, spielt während der Lebensphase Jugend das soziale Bindungsverhalten zu Gleichaltrigen beider Geschlechter eine große Rolle (vgl. Hurrelmann 1997, S.33). Zum ersten Mal entwickeln die Jugendlichen dabei ein Interesse für das andere Geschlecht. Im Zuge dessen soll auch ein verantwortungsvolles Verhältnis zur eigenen Geschlechtsidentität aufgebaut werden. „Dieser Prozess ist auf das engste verknüpft mit dem sozialen Platzierungsprozess in die zukünftigen Erwachsenenpositionen Beruf und Familie“ (Holler-Nowitzki 1994, S.58). In diesen Entwicklungsbereich fällt auch der Aufbau einer stabilen heterosexuellen Partnerschaft, welche eine Basis für eine spätere Familiengründung darstellen soll (vgl. Hurrelmann 1997, S.33).

Entwicklungsbereich 3: Die Fähigkeit zur Nutzung des Waren- und Freizeitmarktes.

Der Waren- und Freizeitmarkt gewinnt während der Lebensphase Jugend immer mehr an Bedeutung. In diesem Entwicklungsbereich sollten Jugendliche den verantwortungsvollen Umgang mit Angeboten wie beispielsweise Genussmitteln, sowie Medien und Kultur erlernen. Dieser Umgang sollte autonom gesteuert und bedürfnisorientiert sein, mit dem Ziel einen eigenen Lebensstil zu entwickeln (vgl. Hurrelmann 1997, S.33f). Für sozial benachteiligte Jugendliche muss dieser Entwicklungsbereich als besonders problematisch angesehen werden. Da diese nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen, bleibt die Nutzung des Waren- und Freizeitmarktes für sie meist beschränkt. Sozial benachteiligte Jugendliche können schnell zu Außenseitern werden, da sie nicht mit der Nutzung des Waren- und Freizeitmarktes von besser situierten Jugendlichen mithalten können. Zu befürchten ist, dass die Betroffenen meist ein Leben lang mit finanziellen Einschränkungen zu kämpfen haben. Außerdem ist es ihnen kaum möglich, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln, da ihnen von der Herkunftsfamilie ein gewisser Lebensstil bereits vorgelebt wird. Dementsprechend schwer ist es, aus diesen Gewohnheiten auszubrechen, sich selbstständig der Nutzung des Waren- und Freizeitmarktes zu bedienen und dadurch soziale Anerkennung zu erhalten.

Entwicklungsbereich 4: Die Entwicklung eines Werte- und Normsystems

In diesem Entwicklungsbereich sollen Jugendliche zu einem ethnischen und politischen Bewusstsein kommen, mit dem Ziel spätere Partizipationsrollen in Kultur und Politik zu übernehmen (vgl. Hurrelmann 1997, S.33). Diese Entwicklung soll schließlich zu verantwortungsvollem Handeln sowie zu einer individuellen Weltanschauung führen. Dabei gilt es, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen und eigene Standpunkte in den Bereichen Moral, Politik und Religion zu entwickeln. Diese entwickelten Standpunkte sollten von den Jugendlichen auch vertreten werden können (vgl. Göppel 2005, S.198). Sozial benachteiligte Jugendliche machen sich aufgrund ihrer schwierigen Lebenslage und Stellung in der Gesellschaft (schwierige Familienverhältnisse, wenig soziale Anerkennung, geringes Selbstwertgefühl, Aufwachsen in Armut) möglicherweise sogar noch mehr Gedanken über Werte, Normen und die Weltanschauung als Jugendliche aus privilegierten Milieus.

Wenn die soeben aufgezählten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter bewältigt und abgeschlossen wurden, hat das Individuum das Stadium zur Selbstbestimmungsfähigkeit erlangt (vgl. Hurrelmann 1997, S. 33f).

Neben den genannten entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Kriterien grenzt sich die Lebensphase Jugend von der Lebensphase Kindheit aber auch durch eine Reihe von soziologischen Kriterien ab. Aus soziologischer Sicht steigen in der Lebensphase Jugend die Leistungskompetenzen hinsichtlich des Leistungsbereiches Schule deutlich an. Die Lernleistungen steigen im Übergang vom Kindheitsalter in das Jugendalter auf ein deutlich komplexeres und anspruchsvolleres Niveau an. Weitere soziologische Kriterien stellen die Familienablösung und der Aufbau von Kontakten zu Gleichaltrigen dar, wodurch die Bildung einer neuen Identität stattfindet. Während im Kindheitsalter die Eltern die Sozialkontakte mitbestimmen, werden diese im Jugendalter zunehmend selbst bestimmt und somit auch der Zeitrahmen, in welchem sie gepflegt werden. Die zunehmende Orientierung an Gleichaltrigen geht auch einher mit einer verstärkten Konsum- und Freizeitorientierung (vgl. Hurrelmann 1997, S.40f.).

2.2 Abgrenzung zur Lebensphase Erwachsenenalter

Der Übergang der Lebensphase Jugend in das Erwachsenenalter geschieht fließend, sodass keine Altersspanne genannt werden kann. Zu bedenken ist, dass heute immer mehr Jugendliche länger dazu brauchen, die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abzuschließen. Die Fähigkeit ins Berufsleben einzusteigen sowie eine Partnerschaft zu führen, stellen Kriterien für den Beginn des Erwachsenenalters dar. Diese zeichnet sich hauptsächlich durch ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung aus. Im Gegensatz zur Lebensphase Jugend ist das Erwachsenenalter nicht länger durch eine sehr bewegte und unkontrollierte Persönlichkeitsfindung gekennzeichnet. Als besonderes und ausschlaggebendes Merkmal für den Übergang in das Erwachsenenalter ist jedoch die psychische und soziale Ablösung von den Eltern anzusehen (vgl. Hurrelmann 1997, S. 34ff.). Die Lebensphase Jugend kann als ein Prozess definiert werden, in welchem es zu einer selbstständigen und bewussten Individuation kommt. HURRELMANN erklärt in diesem Zusammenhang Folgendes:

„Mit der Individuation, der Entwicklung einer besonderen und unverwechselbaren Persönlichkeitsstruktur , wird das Individuum in die Lage versetzt, sich durch selbstständiges, autonomes Verhalten in seinem sozialen Umfeld zu behaupten“ (Hurrelmann 1997, S. 36).

Eng verbunden mit der Individuation ist auch die Entwicklung einer eigenen Identität. Von dieser kann dann gesprochen werden , „wenn ein junger Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Einzelschritte der Entwicklung hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens wahrt“ (Hurrelmann 1997, S.36). Zur Entwicklung von Identität kommt es erst dann, wenn verschiedene psychosoziale Krisen durchlaufen und bewältigt worden sind. Dadurch sind die erforderlichen Persönlichkeitsstrukturen gegeben, durch welche Identität entsteht (vgl. Hurrelmann 1997, S.36).

2.3 Lebensbereiche Jugendlicher

Jugendliche bewegen sich in verschiedenen sozialen Lebensbereichen, welche für die Lebensphase Jugend kennzeichnend sind. Diese verschiedenen Lebensbereiche stellen für alle Heranwachsenden ganz besonders wichtige soziale Kontexte dar. Alle Lebensbereiche haben Sozialisationsfunktionen und haben starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen. Nachfolgend soll vor allem auf die Lebensbereiche Schule, Familie und peer groups eingegangen werden.

2.3.1 Lebensbereich Schule

Der Lebensbereich Schule ist deshalb von so großer Bedeutung, weil er für den Großteil der Jugendlichen meist den Lebensrhythmus bis zum Ende des 20. Lebensjahres bestimmt. Die Schule gestaltet sich nicht nur aufgrund der Bedeutung von hochwertigen Schulabschlüssen als wichtig, sondern auch aufgrund ihrer Funktion als Sozialisationsinstanz. Die Institution Schule ist für Jugendliche heute ein Aufenthaltsraum, welcher sowohl bestimmte Erziehungsaufgaben als auch die Einweisung in berufliche und gesellschaftliche Funktionen vornimmt. Die Institution Schule stellt an Jugendliche bestimmte Sozial- und Leistungsanforderungen. Dazu zählen soziale Anpassung, intensive Disziplinierung sowie die Zurückstellung eigener Bedürfnisse und Neigungen. Nur wenn diese Anforderungen seitens der Jugendlichen erfüllt werden, kann eine individuelle und persönliche Weiterentwicklung stattfinden. Bei Jugendlichen, welche diesen Anforderungen nicht nachkommen können, handelt es sich meist um Betroffene aus sozial benachteiligten Familien (vgl. Hurrelmann 1997, S. 107 f.).

Fest steht, dass sich im Gegensatz zur Lebensphase Kindheit mit Beginn der Lebensphase Jugend das Verhältnis und die Einstellung zur Schule erheblich verändern. Besonders um das 12. bis 13. Lebensjahr steigt die Distanz zur Schule an und bleibt von da an konstant. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt das Geschehen in der Schule „weniger von persönlicher Zuwendung und persönlicher Aufsicht, sondern mehr von einer eher distanzierten , leistungs- und notenbezogenen, kühlen und Selbstständigkeit unterstellenden Kontrolle “ (Fend 1990, S.102) gekennzeichnet ist. Das Nachlassen persönlicher Zuwendung geht dabei vom Lehrpersonal aus, welches die Jugendlichen fortan weniger oft anschreit, dafür aber eher bloßstellt. Auch mit dieser Veränderung müssen die jungen Menschen erst zu Recht kommen (vgl. Fend 1990, S.102).

Immer wieder müssen sich Jugendliche im Rahmen der Institution Schule auch mit Versagensängsten und Misserfolgen auseinandersetzen. Misserfolge und Versagenserlebnisse können „zu Stressoren in der Lebensbewältigung Jugendlicher werden, die sich in der psychosozialen Befindlichkeit der Jugendlichen niederschlagen“ (Mansel/Hurrelmann 1991, S.116f.). Derartige Belastungen münden auch sehr oft in emotionaler Anspannung, in psychosomatischen Beschwerden, aber auch oft in psychosozialem Problemverhalten (z.B. Drogenkonsum etc.) (vgl. Hurrelmann 1997, S. 113). Neben unterdurchschnittlichen Leistungen kann auch eine nicht zufrieden stellende Situation mit sich selbst zu einer Beeinträchtigung in der psychischen Befindlichkeit führen (vgl. Mansel/Hurrelmann 1990, S.125). Hinzu kommen noch die oft sehr hohen Erwartungshaltungen der Eltern bezüglich der schulischen Leistungen von Jugendlichen, was den Leistungsdruck manchmal doppelt verstärkt. Die Universität Bielefeld veröffentlichte eine Studie, welche den Zusammenhang von schulischen Erfolgen sowie Misserfolgen und den daraus resultierenden sozialen, psychischen und gesundheitlichen Konsequenzen darstellen sollte:

Dazu wurden 1200 13- 16-jährige und 2000 17- 21-jährige Jugendliche befragt. Vor allem in der Altersgruppe der 13-16 jähriger Jugendlichen stellten sich zum Zeitpunkt der Befragung als „größtes Problem“, schulleistungsbezogene Probleme heraus. Die Auswertungen der Studie zeigten deutlich Zusammenhänge zwischen schulleistungsbezogenen Problemen und Auffälligkeits- bzw. Belastungssymptomen wie Drogenkonsum, delinquentes Verhalten, negative Gefühlserlebnisse sowie psychosoziale Störungen und psychosomatische Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Verdauungsstörungen und Rückenschmerzen. Die soeben genannten Symptome zeigten sich am häufigsten bei Jugendlichen, welche einem besonders hohem Erwartungs- und Leistungsdruck der Eltern ausgesetzt waren. Dies gilt auch für den Konsum sowohl legaler als auch illegaler Drogen (vgl. Hurrelmann 1997, S. 113f.). Die soeben genannten Indikatoren, welche für Jugendliche in jedem Falle negative Auswirkungen auf den Lebensbereich Schule nach sich ziehen, belaufen sich auf eine relativ hohe Zahl und sollten deshalb im Rahmen der Institution Schule ganz besondere Beachtung finden. Diesbezüglich liegt die Verantwortung jedoch auch im Aufgabenbereich der Eltern, welche im Leben Jugendlicher eine ganz besondere Rolle spielen. Im anschließenden Kapitel soll daher der Lebensbereich Familie diskutiert werden.

2.3.3 Lebensbereich Familie

Mit dem Beginn der Lebensphase Jugend verändert sich auch das Verhältnis von Jugendlichen zu ihren Eltern enorm, da während dieser Lebensphase das verstärkte Kontrollbedürfnis der Eltern mit dem verstärkten Freiheitsdrang der Jugendlichen kollidiert. Obwohl es während der Lebensphase Jugend zu einem veränderten Verhältnis zwischen Jugendlichen und Eltern kommt, „die Jugendlichen ihre freiheitsbezogenen Verhaltensweisen verselbstständigen und die Familie ihren Charakter als primäre Bezugsgruppe einbüßt, bleibt sie dennoch ein zentraler Bezugspunkt für Jugendliche“ (Mansel/Hurrelmann 1991, S. 146).

Jugendliche fühlen sich ganz besonders während der Pubertät von den Erwachsenen unverstanden, was einen Rückzug aus der Welt der Erwachsenen und eine Distanziertheit zu diesen nach sich zieht. Die Eltern werden plötzlich nicht mehr so positiv wahrgenommen, die Jugendlichen fühlen sich im Vergleich zur Lebensphase Kindheit zu Hause nicht mehr so wohl und es kommt zu einem Anstieg der Konflikte im Elternhaus „als Ausdruck der Resynchronisierung von Eltern-Kind-Beziehungen“ (Fend 2003, S.288). Diesbezüglich wurde beobachtet, dass Auseinandersetzungen und Konflikte mit den Eltern bei Mädchen ihren Höhepunkt um das 13. Lebensjahr erleben, bei Jungen hingegen erst um das 15. Lebensjahr stattfinden. Zu Beginn der Pubertät kommt es zu Konflikten mit den Eltern aufgrund von Äußerlichkeiten, Kleidung und Kaufwünschen; später verlagern sich diese auf Themen auf Freundschaften und das Ausgehen. Auch Konflikte aufgrund schulischer Leistungen zeigen sich dabei sehr häufig. Im Allgemeinen kann während dieser Lebensphase aber auch ein Rückgang der Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen festgestellt werden. Die größte Kommunikationsdichte besteht um das 14. und 15. Lebensjahr, am schwächsten kristallisiert sich diese um das 13. und das 16. Lebensjahr heraus. Geschlechtsspezifisch betrachtet kommunizieren Mädchen mit den Eltern in jedem Fall eindeutig mehr als Jungen (vgl. Fend 1990, S.97ff.). Man muss davon ausgehen, dass sich das Familienleben im Rahmen sozial randständiger Milieus weniger gut gestaltet als in privilegierten Milieus (vgl.Fend 1990, S.100f.).

Kommt es zu Konflikten, sind innerhalb der Kommunikation zwischen Jugendlichen und Eltern jene Aussagen als besonders problematisch anzusehen, “die Ausdruck von Ablehnung und Feindseligkeit sind, in denen ignoriert wird, was der andere sagt und der andere permanent unterbrochen wird” (Fend 2003, S. 283). Im Gegensatz dazu sollte sich eine positive Kommunikation „aus bestärkenden und wertschätzenden Äußerungen, aus dem Eingehen auf die Meinungen des anderen und aus geduldigem Zuhören“ (Fend 2003, S.283) zusammensetzen (vgl. Fend 2003, S.283). Auch diese Rahmenbedingungen können in sozialrandständigen Familien selten vorgefunden werden.

Zusammenfassend lässt sich der “Normalitätsverlauf” der Eltern-Kind-Beziehung während der Lebensphase Jugend durch folgende vier Teilaspekte charakterisieren:

- In Hinblick auf soziale Aktivitäten distanzieren sich Jugendliche von ihren Familien
- Es kommt zu einem Anstieg des Konfliktgrades zwischen Jugendlichen und ihren Familien
- Jugendliche investieren weniger Emotion in die Familie und insbesondere in die Beziehung zu den Eltern
- Die Eltern verlieren eindeutig an Einfluss auf ihre Kinder (vgl. Fend 2003, S.288)

Nicht alle Eltern-Kind-Beziehungen entwickeln sich während der Lebensphase Jugend gleich; sie können sich zudem auch im Verlauf unterschiedlich zeigen. Während das Verhältnis in manchen Familien emotional konstant positiv bleiben kann, kann es sich in anderen Familien erheblich negativ und manchmal sogar in Form von gegenseitiger Entfremdung zeigen. Diese differentiellen Entwicklungen der Verhältnisse zwischen Eltern und ihren Kindern hängen außerdem von Faktoren wie den ökonomischen Ressourcen der Familie, der Familienstruktur an sich und den Bildungsressourcen des Elternhauses ab (vgl. Fend 2003, S.294f.).

Im Rahmen einer Längsschnittstudie an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich wurde im Jahre 1994 “Das Eltern-Kind Verhältnis im Jugendalter” untersucht. Dabei wurden Jugendliche im Alter von 12, 13, 14, 15 und 16 Jahren und teilweise auch deren Eltern zur Befragung herangezogen. Die Auswertung erfolgte dabei geschlechtsspezifisch (vgl. Storch 1994, S.44f.). Die befragten Jugendlichen wurden zum Einen über die Beziehung zu ihren Eltern befragt. Hierbei zeigte sich, dass Mädchen und Jungen nur teilweise in unterschiedlichen Beziehungswelten zu ihren Eltern lebten. Beide Geschlechter konnten eine intakte Bindung zu ihren Eltern vorweisen. Die Studie zeigte außerdem, dass Jugendliche anfangen, die erzieherischen Handlungen der Eltern zu hinterfragen (vgl. Storch 1994, S.64f.). Während Mädchen das Abnehmen elterlichen Interesses in der Adoleszenz deutlich wahrnehmen, reagieren Jungen sensibel auf elterliche Bevormundungsversuche. Demnach steht bei Mädchen während der Adoleszenz die Bezogenheit auf die Eltern im Vordergrund; ein Distanzierungsbedürfniss von den Eltern konnte diesbezüglich nicht beobachtet werden. Jungen hingegen ist die Distanzierung von den Eltern ab dem 13. Lebensjahr am wichtigsten; eine Bezogenheit auf die Eltern konnte lediglich bei den 12 - 13 jährigen Jungen registriert werden (vgl. Storch 1994, S.65). Auch die Konfliktwelten von Mädchen, Jungen und Eltern während des Jugendalters wurden im Rahmen der vorliegenden Studie untersucht. Es konnte beobachtet werden, dass in erster Linie das abendliche Ausgehen mit dem Alter an Wichtigkeit zunimmt. Sowohl Mädchen als auch Jungen wollen ihre Lebensräume erweitern, weshalb es ganz besonders vom 13. auf das 15.Lebensjahr zu einer Anhäufung von Konflikten um die soziale Autonomie mit den Eltern kommt. Die Konfliktwelten von Mädchen belaufen sich des Weiteren auf Beziehungen zum anderen Geschlecht, während Beziehungen im Leben von Jungen in dieser Hinsicht noch keine große Bedeutung haben. Von den befragten Eltern wurde angegeben, dass diese zunehmend an Autoritätsverlust in den Bereichen Pflichten, Fernsehen und Mahlzeiten verlieren (vgl. Storch 1994, S. 91f.).

Auch im Rahmen der 15. Shell Jugendstudie wurde das Verhältnis von Eltern und Kindern im Jugendalter untersucht. Es konnte dabei beobachtet werden, dass die Institution Familie für die befragten Jugendlichen heute eine sehr hohe Bedeutung hat. Der Großteil der Jugendlichen, nämlich 90%; zeigte sich dabei mit der Erziehung der Eltern zufrieden. Lediglich 9% gaben an, ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern zu pflegen. Auch eine stärkere Familienorientierung der Mädchen im Gegensatz zu den Burschen konnte im Rahmen dieser Studie belegt werden. Außerdem zeigte sich, dass Jugendliche heute länger in der Familienstruktur verweilen. 73% der 18- bis 21-Jährigen und immerhin noch 34 % der 22- bis 25-Jährigen lebten zum Zeitpunkt der Befragung noch im Elternhaus (vgl. Hurrelmann 2006, S.16f.).

Nachdem die Wichtigkeit des Lebensbereiches Familie in diesem Kapitel ausführlich diskutiert wurde, soll nachfolgend auf den Lebensbereich peer groups eingegangen werden.

2.3.3 Lebensbereich peer groups

Während es mit Beginn der Lebensphase Jugend zu einer Ablösung und Distanziertheit zur Familie kommt, erlangt die Hinwendung zu freundschaftlichen Beziehungen zu Gleichaltrigen („peers“) eine umso größere Bedeutung für Jugendliche. Freundschaften im Jugendalter beschränken sich nicht nur auf das Vertrauensverhältnis zu einer einzigen Person, sie haben zum Großteil Gruppencharakter. Zu Gleichaltrigengruppierungen, welche auch als „Cliquen“ oder peer groups bezeichnet werden, kommt es meist ab dem 14. Lebensjahr. Sie bestehen aus mehreren Mitgliedern, „die gemeinsame Aktivitäten unternehmen, wobei zwischen den Mitgliedern jedoch meist keine ganz engen Beziehungen bestehen“ (Hurrelmann 1997, S.151). Stabile Zweierbeziehungen werden innerhalb von Cliquen jedoch nicht oft vorgefunden (vgl. Hurrelmann 1997, S. 151).

MANSEL und HURRELMANN definieren peer groups als freizeitgebundene Gesellungsform, welche sozialisierende Funktionen hat. Sie organisieren sich immer außerhalb des Familien- und Bildungssystems und haben für Jugendliche u. a. deshalb eine so große Bedeutung, weil sie nicht von Erwachsenen kontrolliert und geleitet werden. Die Beziehung zu peer groups stellt außerdem ein wichtiges Element zur Identitätsentwicklung im Jugendalter dar, denn erst wenn Jugendliche untereinander Gemeinsamkeiten feststellen, „wird es möglich, gemeinsame Handlungsorientierungen und Sinnbezüge zu entwickeln, mit denen sich die beteiligten von anderen Jugendlichen und der Umwelt abgrenzen und somit ihre Identität stabilisieren (Mansel/Hurrelmann 1991, S. 17).

Peer groups besitzen die Eigenschaft, dass sie Jugendlichen Halt und Unterstützung bieten. Vor allem Themen aus dem emotionalen und sexuellen Bereich werden aufgrund der intensiven Vertraulichkeit innerhalb einer peer group eher besprochen als innerhalb der Familie. „Enge Freundschaften zu (meist gleichgeschlechtlichen) Mitgliedern der Gleichaltrigengruppe ermöglichen den Austausch von Geheimnissen und das Besprechen von Problemen“ (Kolip 1993, S.79f.). Die peer group bietet Rückhalt bei Verhaltensverunsicherungen sowie Raum zur Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung. Durch das Zusammensein mit Gleichaltrigen, welche dieselben Interessen und Probleme teilen, entwickelt sich innerhalb einer peer group meist ein Gefühl der Solidarität. Jugendliche haben außerdem die Möglichkeit „Teilnahmechancen und Mitbestimmungsmöglichkeiten, die ihnen in anderen Handlungsbereichen verwehrt bleiben “ (Mansel/Hurrelmann 1991, S. 19) zu entwickeln. So sehr peer groups aber auch von Intensität geprägt sind, sind sie dennoch anfällig für Störungen und Missdeutungen. Um dauerhaft bestehen zu können, erfordert es von Jugendlichen permanente Bemühung und Pflege (vgl. Mansel/Hurrelmann 1991, S. 16ff.). Außerdem folgt die Bildung von peer groups einem altersspezifischen Muster. Demnach kommt es im frühen Jugendalter zur Bildung geschlechtlich getrennter Gruppen. Im Alter von 13 bis 14 Jahren beginnen sich diese Gruppen zu vermischen, bis im Alter von 16 bis 17 Jahren schließlich gemischtgeschlechtliche Gruppen überwiegen , „die zueinander in engen Beziehungen stehen und sich zum Ende des Jugendalters zugunsten von Paarbeziehungen auflösen“ (Kolip 1993, S.76). Dies bedeutet gleichzeitig den Abschluss der Adoleszenz. (vgl. Kolip 1993, S. 76).

In Hinblick auf gleichgeschlechtliche Freundschaften innerhalb einer peer group können eindeutig Geschlechtsunterschiede festgestellt werden. Demnach definiert WRIGHT (1982) Jungenfreundschaften als eine „Seite-an-Seite“-Beziehung (side by side) und Mädchenfreundschaften als „Angesicht-zu-Angesicht“-Beziehung (face-to-face). Jungenfreundschaften definieren sich hauptsächlich über gemeinsame Unternehmungen, während Mädchenfreundschaften sich als tiefgehender und durch die Sorge füreinander charakterisieren lassen. Offensichtlich basieren Mädchenfreundschaften im Gegensatz zu Jungenfreundschaften auf gegenseitigem Vertrauen und emotionalem Rückhalt (vgl. Kolip 1993, S. 83ff.).

Auch in einer empirischen Studie von SABINE JÖSTING zu Jungenfreundschaften in der Adoleszenz konnte die vorangehende These bestätigt werden. Die Studie wurde von Mai bis September 1999 im Rahmen eines von der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) geförderten Jugendforschungsprojektes mit dem Titel „Ausgestaltung und Funktion der Beziehung zu Gleichaltrigen“ durchgeführt (vgl. Jösting 2005, S. 47.). Jungenfreundschaften wurden dabei hauptsächlich über sportliche Aktivitäten definiert. Sport gilt demnach als kollektive Praxis und hatte für alle befragten Jungen einen extrem hohen Stellenwert (vgl. Jöstling 2005, S.246 f.). Dabei erschien die „Eingebundenheit in eine männliche Gemeinschaft “ (Jöstling 2005, S.246 f.) am wichtigsten. Vor allem in den Bereichen Sport und Technik kommt es bei Jungen zum Ausschluss von Mädchen (vgl. Jöstling 2005, S.245). Dieser Ausschluss steht als Symbol für „geschlechtshomogene Gemeinschaft als Konstruktionsort und Konstruktionsmittel von Männlichkeit“ (Jöstling 2005, S.245).

Hinsichtlich des Freizeitverhaltens Jugendlicher innerhalb von peer groups konnten im Rahmen der 15. Shell Jugendstudie zudem eindeutige Unterschiede zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Jugendlichen festgestellt werden. Es zeigte sich, dass die soziale Herkunft von Jugendlichen hinsichtlich ihres Freizeitverhaltens eine besonders große Rolle spielt. Während Jugendliche aus privilegierten Milieus während ihrer Freizeit kreativen und künstlerischen Aktivitäten nachgehen, beschränken sich diese im Hinblick auf sozial benachteiligte Jugendliche auf das Fernsehen. Zudem wird die Freizeitbeschäftigung „Lesen“ von privilegierten Jugendlichen häufiger gewählt als von sozial benachteiligten Jugendlichen (vgl. Hurrelmann, 2005 S.17f.).

2.4 Zusammenfassung

Die Lebensphase Jugend zeichnet sich einerseits durch die Abgrenzung zur vorangehenden Lebensphase Kindheit und andererseits zur nachfolgenden Lebensphase Erwachsenenalter aus. Vor allem die Pubertät bringt körperliche und hormonelle Veränderungen mit sich, was von Jugendlichen eine Umorientierung in vielen Bereichen verlangt. Die Lebensphase Jugend definiert sich durch eine Reihe von Entwicklungsaufgaben, welche Jugendliche zu durchlaufen haben, um schließlich als selbstverantwortliche und selbstbestimmte Individuen in die Lebensphase Erwachsenenalter übertreten zu können. Als besonders wichtige Sozialisationsinstanzen während der Lebensphase Jugend kristallisieren sich die Bereiche Schule, Familie und peer groups heraus. Ein wichtiges Merkmal des Jugendalters stellt außerdem eine Distanzierung von den Eltern hin zu einer intensiven Zuwendung zu Gleichaltrigen dar.

Die Konditionen und Voraussetzungen für eine positive Persönlichkeitsentwicklung gestalten sich während der Lebensphase Jugend nicht für alle Jugendlichen im selben Maße. Besonders für sozial benachteiligte Jugendliche stellt sich die Lebensphase Jugend als schwierig heraus, weshalb im anschließenden Kapitel deren Situation genauer dargestellt werden soll.

3 Soziale Benachteiligung im Jugendalter

Die Lebensphase Jugend stellt sich für alle Heranwachsenden als eine sehr große Herausforderung und als Zeit von Veränderungen heraus. Sozial benachteiligte Jugendliche haben diesbezüglich mit ganz besonderen Problemen zu kämpfen.

Jugendliche, welche man als sozial benachteiligt bezeichnet, stammen meist aus sozial randständigen Familien. Aufgrund unzureichender finanzieller Möglichkeiten zeigen sich randständige Familien nicht so privilegiert wie andere Familien. Den betroffenen Jugendlichen ist es durch die soziale Benachteiligung nicht möglich, in dem Ausmaß am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen wie Jugendlichen aus privilegierten Milieus. Ihre soziale Randständigkeit fordert von ihnen nicht nur Einbußen im materiellen Bereich, sondern auch im Gesundheits- und Bildungsbereich.

Spricht man von sozialer Benachteiligung, ist dies nur ein verschönerter Ausdruck für Armut. Dabei gilt es den Begriff Armut vorerst zu definieren, denn dieser muss nicht unbedingt mit einer Existenz bedrohenden Mangellage einhergehen. Armut kann demnach als der „Ausschluss von wesentlichen Lebenschancen und eine relative Deprivation“ (Jungbauer- Gans/Kriwy, 2004, S.10) definiert werden. Der in Armut lebende Bevölkerungsanteil ist stark im Zunehmen und noch nie waren so viele Kinder und Jugendliche davon betroffen. Sozial benachteiligt sind vor allem jene Familien, in welchen drei oder mehr Kinder vorzufinden sind. Außerdem gilt Arbeitslosigkeit der Eltern als eine der Hauptursachen für Armut (vgl. Jungbauer-Gans/Kriwy 2004, S. 10f).

In diesem Kapitel der vorliegenden Arbeit soll zunächst dargestellt werden, wie es um das allgemeine Wohlbefinden sozial benachteiligter Jugendlicher bestellt ist. Darauf folgend soll gezeigt werden, in welchem Zusammenhang soziale Benachteiligung mit dem Gesundheitszustand Jugendlicher steht und schließlich sollen in diesem Kapitel auch (Aus-) Bildungschancen und Zukunftsperspektiven sozial benachteiligter Jugendlicher aufgezeigt werden.

3.1 Das allgemeine Befinden sozial benachteiligter Jugendlicher

Kinder und Jugendliche gelten als Hauptleidtragende von sozialer Ungleichheit, da sie zahlreiche Entbehrungen hinnehmen müssen. Sozial benachteiligte Jugendliche leben im Vergleich zu Gleichaltrigen aus privilegierten Familien in weniger gut ausgestatteten Wohnungen, haben geringere Spiel- und Freizeitmöglichkeiten und sie fahren weniger oft bis gar nicht in den Urlaub. Hinzu kommt, dass sie weniger Taschengeld bekommen als Jugendliche aus einkommensstärkeren Familien. Sie erfahren eine materielle Benachteiligung und können sich teure Markenkleidung, Spielsachen oder Hobbys im Gegensatz zu wohlhabenden Jugendlichen nicht leisten. Dies nehmen die betroffenen Jugendlichen selber wahr, aber auch die Gleichaltrigen in ihrer Umgebung. Oft werden sozial benachteiligte Jugendliche aufgrund dieser materiellen Benachteiligung von Gleichaltrigen ausgegrenzt und müssen ein Außenseiterdasein fristen (vgl. Lampert/Schenk 2004, S.58). Jedoch ist Armut „nicht nur durch Unzulänglichkeiten in der Verfügbarkeit über materielle Ressourcen gekennzeichnet, sondern zieht im Gefolge auch Mangellagen im immateriellen Bereich nach sich“ (Mansel 1998, S.141). Dabei wird davon ausgegangen, dass sozial randständige Jugendliche, welche ihre Lebensbedingungen selbst als Benachteiligung wahrnehmen, meist negative Gefühle wie Unzufriedenheit, Neid, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Angst erfahren müssen und folglich auch noch in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt werden (vgl. Mansel 1998, S. 142). Dies und das allgemeine Wohlbefinden sozial benachteiligter Jugendlicher wurde bisher in mehreren Studien untersucht, welche im Folgenden dargestellt werden sollen:

Im Rahmen des an der Universität Bielefeld durchgeführten Projektes „Problembelastung Jugendlicher in unterschiedlichen sozialen Lebenslagen“ sollte die Lebenssituation von sozial randständigen bzw. in Armut lebenden Jugendlichen im Vergleich zu Jugendlichen aus der Normalpopulation untersucht werden. Im Rahmen dieser repräsentativen Untersuchung wurden insgesamt 2068 Jugendliche befragt (vgl. Mansel 1998, S.141). Folgende Personengruppen wurden als sozial randständig bzw. als in Armut lebend definiert:

- Jugendliche, welche aufgrund des Bildungsstandes und beruflichen Status der Eltern in einer am unteren Ende der Sozialhierarchie zu verortenden Familie aufwuchsen
- Jugendliche, welche in der Phase des Übergang von der Schule in den Beruf entweder arbeitslos oder als ungelernte Arbeiter (=Jungarbeiter) tätig waren
- Jugendliche, welche nicht über jene Statusgüter verfügten, welche ihres Erachtens nach jedoch nötig wären, um Anerkennung unter Gleichaltrigen zu erfahren. Diese Jugendlichen empfanden ihre eigene Situation und ihre materiellen Ressourcen als unzureichend (=subjektive Armut) (vgl. Mansel 1998, 141f.)

Die durchgeführte Untersuchung zeigte, dass sich Jugendliche aus sozial randständigen Familien doppelt so oft als subjektiv arm empfinden als Jugendliche aus der Normalpopulation. Bei den arbeitslosen Jugendlichen und Jungarbeiten aus sozial schwachen Familien ist der Anteil jener, welche sich als subjektiv arm einschätzen, im Gegensatz zu arbeitslosen Jugendlichen und Jungarbeitern aus der Normalpopulation sogar um das Dreifache höher. Während jeder zweite Jugendliche aus einer sozial schwachen Familie angab, über unzureichende Güter, welche Anerkennung in den peer groups verschaffen, zu verfügen, gab dies innerhalb der Normalpopulation nur jeder 7. Jugendliche an (vgl. Mansel 1998, S.146). Aus der Untersuchung ging außerdem eindeutig hervor, dass sozial benachteiligte Jugendliche auch ungünstigere Entwicklungsbedingungen innerhalb der Familie vorfinden als Jugendliche aus der Normalpopulation. Jugendliche aus sozial randständigen Familien haben demnach häufiger Konflikte mit den Eltern als Jugendliche aus der Normalpopulation; außerdem nehmen sie im Gegensatz zu Jugendlichen aus der Normalpopulation das Erziehungsverhalten der Eltern als viel restriktiver, einengender und bevormundender wahr. Die Qualität der Beziehung zu den Eltern wird von sozial randständigen Jugendlichen als weniger gut angegeben als von Jugendlichen aus der Normalpopulation. Aus diesem Grund äußern sozial randständige Jugendliche auch häufiger den Wunsch, aus dem Elternhaus auszuziehen als Jugendliche aus der Normalpopulation (vgl. Mansel 1998, S152).

In Hinblick auf die Freizeitsituation und die Interaktion mit peer groups geht aus der Untersuchung hervor, dass sozial benachteiligte Jugendliche im Gegensatz zu Jugendlichen aus der Normalpopulation zwar über ein höheres finanzielles Budget aufgrund von Nebentätigkeiten verfügen, dieses Geld jedoch nicht für Luxusgüter ausgeben. Vielmehr wird das Geld von sozial benachteiligten Jugendlichen zur Deckung von Lebensnotwendigkeiten verwendet; manchmal wird das Geld sogar zum Lebensunterhalt den Elternhäuser beigesteuert, vor allem dann, wenn das Budget der Eltern zur Deckung des Familienbedarfs nicht langt. Außerdem geben sozial benachteiligte Jugendliche im Gegensatz zu jenen aus der Normalpopulation häufiger an, in ihrem Freundeskreis eine Randposition einzunehmen. Vor allem die arbeitslosen Jugendlichen und die Jungarbeiter geben an, ein Außenseiterdasein erfahren zu müssen. Im Vergleich zur Normalpopulation geben alle sozial randständigen Jugendlichen an, dass sie sich aufgrund von Umzügen der Eltern auch häufiger von Freunden und Gleichaltrigen trennen mussten (vgl. Mansel 1998, 152ff.).

3.2 Sozial benachteiligte Jugendliche und Gesundheit

Es gilt als erwiesen, dass soziale Benachteiligung gesundheitliche Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen hat. Diese Auswirkungen können sowohl physische als auch psychische Formen annehmen. LAMPERT und SCHENK erklären, dass „die Weichen für ein langes und gesundes Leben bereits in der Kindheit und Jugend gestellt werden“ und „spätestens in der Pubertät bilden sich gesundheitsrelevante Einstellungen und Verhaltensweisen heraus, die sich im weiteren Lebenslauf verfestigen und dann nur noch schwer ändern lassen (Lampert/Schenk 2004, S.58).

Welchen Einfluss Armut und soziale Benachteiligung auf den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen haben, belegen mehrere durchgeführte Studien. So zeigten beispielsweise die „Einschulungsuntersuchungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD)“ in der Bundesrepublik Deutschland, dass sozial randständige Kinder im Gegensatz zu jenen aus privilegierten Milieus häufiger Sehstörungen, Sprachauffälligkeiten, psycho-motorische Defizite, Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung sowie psychiatrische Erkrankungen aufwiesen (vgl. Lampert/Schenk 2004, 61.). Weitere Studien über „Sozial benachteiligte Jugendliche und Gesundheit“ sollen nachfolgend aufgezeigt werden:

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
122
Katalognummer
V84523
ISBN (eBook)
9783638882460
ISBN (Buch)
9783638883191
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozial, Jugendliche, Wohngemeinschaft
Arbeit zitieren
Magister Mirja Leutschacher (Autor), 2007, Sozial benachteiligte Jugendliche in der betreuten Wohngemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84523

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