Kollektive mentale Modelle als Institutionen


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Was ist ein mentales Modell?

Wie entstehen mentale Modelle und wozu braucht man sie?

Kollektive mentale Modelle und Kommunikation

Institutionelle Veränderungen

Kernpunkte und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 - Entstehung mentaler Modelle

Abb. 2 - Ablauf des Kommunikationsprozesses

Einleitung

Die bisher unterstellte Annahme des homo oeconomicus besagt, dass Individuen in Entscheidungssituationen immer wissen, was in ihrem Interesse ist und sich rational verhalten.1

Wenn dieser Annahme Glaube zu schenken ist, dürfte es in der Realität zu keinen Fehlentscheidungen kommen. Ebenso dürfte es keine Gesellschaft mit schlechter Wirtschaft geben, da sie durch rationale Wahlhandlungen immer die effizienteste Entscheidung treffen müsste. Wie man jedoch weiß, kommt es in der Realität nur zu oft zu einer Fehlentscheidung und genauso existieren Nationen, die sich durch eine miserable Wirtschaftsleistung auszeichnen. Aber wieso handeln Menschen nicht immer rational? Und warum gibt es auch heute noch Gesellschaften mit schlechter wirtschaftlicher Leistung? Können die schlechten Wirtschaftsnationen nicht einfach alles genauso machen, wie die erfolgreichen, um ebenfalls eine bes- sere Ökonomie zu erhalten?

Um die genannten Fragen zu beantworten beschäftigt sich die vorliegende Semi- nararbeit mit dem Thema „Kollektive mentale Modelle als Institutionen“. Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, dass (kollektive) mentale Modelle, mit denen sich Men- schen ihre komplexe Umwelt zu erklären versuchen, von Belang sind und berück- sichtigt werden müssen, sobald man gewisse Eigenschaften einer Gesellschaft in Frage stellt.

Die Begriffsdefinition des „mentalen Modells“ sowie seine Existenzberechtigung werden zum Erreichen des genannten Ziels am Anfang dieser Arbeit stehen. Hier- nach wird klar sein, dass es nicht möglich ist, im Besitz eines „richtigen“ menta- len Modells zu sein, um immer rational handeln zu können. Im Anschluss liegt das Augenmerk auf den kollektiven mentalen Modellen und dem Instrumentari- um, mit dem es erst möglich ist mentale Modelle kollektiv werden zu lassen, der Kommunikation. Kommunikation ist dabei nicht nur notwendig, um mentale Mo- delle zu teilen, sondern ebenfalls um sie überhaupt erst entstehen zu lassen. In dem Abschnitt über institutionelle Veränderungen werden Gründe für die Ver- schiedenartigkeit der bestehenden Gesellschaften genannt und ebenso eine Ant- wort auf die Frage nach den Ursachen für die Existenz von Gesellschaften mit anhaltend schlechter Wirtschaftsleistung gegeben. Im Schlussteil werden schließlich die Kernpunkte zusammengetragen, worauf ein aus den gewonnenen Erkenntnissen dieser Arbeit abgeleitetes Fazit folgt.

Was ist ein mentales Modell?

Zunächst einmal sind Modelle vereinfachte Abbilder eines Realitätsausschnittes. Sie dienen dazu komplexe Sachverhalte in verständlicher und leicht nachvollzieh- barer Weise darzustellen, um so ein Verständnis für das zugrunde liegende Phä- nomen zu schaffen.

Mentale Modelle sind interne Abbilder externer Systeme, d.h. sie enthalten Wis- sen über Struktur, Funktionsweise und die zugrunde liegenden Kausalbeziehun- gen des Systems. Dadurch ist das Individuum in der Lage das Verhalten des rea- len Systems in Gedanken zu simulieren und mögliche Folgen vorher abzuschät- zen.2 Mit diesen Eigenschaften ausgestattet, spielen mentale Modelle eine große Rolle bei der Entscheidungsfindung, indem sie dem Entscheidungsträger aufzei- gen was passiert, wenn er in bestimmter Weise in das System eingreift.

Das Wissen über die Komponenten eines Systems bildet dabei die Basis, um ein mentales Modell zu konstruieren. Dieses Wissen umfasst Aussagen über Attribute und Funktionen der Komponenten des Systems. In vielen Fällen handelt es sich bei den Komponenten nicht nur um statische Größen, sondern um andere Akteure, die in das Modell aufgenommen werden müssen. Dies birgt weitere Schwierigkei- ten, da Fähigkeiten, Ziele und Motivation der anderen Akteure nicht direkt beob- achtbar sind, aber mit in das Modell einfließen müssen. Dadurch wird das Indivi- duum gezwungen viele Faktoren abzuschätzen, weshalb sich die Qualität des Mo- dells mindert. Hinzu kommt das Wissen über die Anordnung der Komponenten im System, mit dem man versucht die Funktion des Systems zu erkennen, um später das Zusammenspiel der Komponenten interpretieren zu können. Zusammen bilden das Wissen über die Komponenten eines Systems und deren Anordnung das so genannte Komponentenmodell. Schließlich kann durch das Wissen über die einzelnen Komponenten darauf geschlossen werden, was passiert, wenn zwei

Komponenten miteinander agieren. Hieraus entstehen Wenn-Dann-Beziehungen, welche Erklärungen für ein bestimmtes Systemverhalten liefern. Das durch diese Wissensbestandteile konstruierte Modell nennt sich Kausalmodell.3

Beispiel 1: Ein Familienvater möchte ein mentales Modell von seiner Familie konstruieren. Das Wissen über die Systemkomponenten bezieht sich also in die- sem Fall auf die Familienmitglieder, welche mit unterschiedlichen Attributen aus- gestattet sind. So könnte der Vater ein erfolgreicher Volkswirt sein, der darum bemüht ist seiner Familie einen überdurchschnittlich hohen Lebensstandard zu ermöglichen. Seine Frau hingegen könnte eine Hausfrau sein, die in den Augen des Familienvaters darum bemüht ist sich bestmöglich um die Kinder zu küm- mern. Hinzu kommt das Wissen über Anzahl, Geschlecht und Alter der Kinder sowie deren Verhalten untereinander. Aus Sicht des Vaters würde eine Anord- nung der Familiemitglieder für sein mentales Modell stattfinden (beispielsweise: Vater, Mutter, Kinder). Nun ist der Familienvater in der Lage einfache Wenn- Dann-Vermutungen anzustellen. Beispielsweise wie seine Kinder darauf reagieren würden, wenn sie sich gemeinsam ein Zimmer teilen müssten.

Aus diesem Beispiel wird erkennbar, dass mentale Modelle dazu verwendet wer- den können verschiedene Szenarien zu simulieren und so das Verhalten des Sys- tems gedanklich vorwegzunehmen. Dadurch werden die Folgen eigener Eingriffe ersichtlich und man ist in der Lage eine „bessere“ Entscheidung zu treffen.

Durch das Aufstellen eines Kausalmodells entsteht neues Wissen über die Funktionsweise des betrachteten Systems. Dieses Wissen ist eigenständig und besteht ohne Rückgriff auf das Komponentenwissen. Ebenso muss ein mentales Modell nicht notwendigerweise in dem Sinne „wahr“ sein, dass die ihm zugrunde liegenden Kausalbeziehungen wirklich in der angenommenen Form existieren. Wichtiger ist, dass das Modell brauchbare Prognosen über das Systemverhalten abgibt und somit für die Entscheidungsfindung von Nutzen ist.4

Wie entstehen mentale Modelle und wozu braucht man sie?

Bei der Geburt eines Menschen befindet sich dieser im Zustand des absoluten „Nichtwissens“, auch „tabula rasa“ genannt. Der Mensch sieht sich also am An- fang seines Lebens einer großen Unsicherheit gegenüber stehen, da er keinerlei Erfahrungen oder eigenes Wissen besitzt. Dieser Zustand des absoluten „Nicht- wissens“ wird im Verlauf des Lebens durch gewisse Faktoren geprägt und verän- dert. Sozialisierung, Erfahrungen und Bildung erlauben es dem Individuum im Laufe seines Lebens mentale Modelle entstehen lassen und modifizieren zu kön- nen (vgl. Abb. 1). Dabei lernt das Individuum nicht nur aus seinen eigenen, son- dern auch aus den Erfahrungen anderer. Durch die ständig neuen Erfahrungen ändern sich auch die mentalen Modelle stetig und selbstständig.

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

In der Realität werden Menschen mit komplexen Entscheidungssituationen konfrontiert, zu deren Bewältigung sie mentale Modelle benötigen. Dabei bezeichnet der Begriff „komplex“ alle Phänomene die sich mit den jeweils gegebenen Informationsverarbeitungskapazitäten nicht vollständig erfassen lassen.5

Ein korrektes Abbild des realen Systems wird durch die mentalen Modelle zwar nicht dargestellt, ihr Vorteil liegt vielmehr in der Vereinfachung und subjektiven Komplexitätsreduktion. Im Sinne des mentalen Modells werden dabei irrelevante Informationen ausgeblendet („selektive Perzeption“), wodurch das Individuum in der Lage ist auch in schwierigen Situationen sehr schnell zu einer Entscheidung zu gelangen.6

In der allgemeinen Volkswirtschaftslehre wird einerseits die Meinung vertreten, dass Menschen als Marktteilnehmer in atomistischen Marktprozessen nur einen sehr begrenzten Fundus an Informationen verarbeiten müssen. Das Wissen über den komplizierten Ablauf des Marktes sei nicht erforderlich, da die nötigen Informationen in den Marktpreisen enthalten sind. Somit könne man auch ohne mentale Modelle zu einer effizienten Entscheidung kommen.

Auf der anderen Seite reichen Preise nicht immer für eine ökonomische Entscheidung. Für zukunftsorientierte Entscheidungen braucht man beispielsweise zusätzliche Informationen darüber, wie sich die Preise in der Zukunft entwickeln werden. Diese Informationen sind nicht oder nur sehr unvollständig in den aktuellen Marktpreisen enthalten. Daher bilden Menschen Erwartungen (mentale Modelle), welche auf selbst gehaltenen Theorien basieren, um trotzdem eine zukunftsorientierte Entscheidung treffen zu können.7

Beispiel 2: Ein Individuum soll eine Entscheidung bezüglich des Kaufes von 10 Äpfeln für 3 € treffen. Es sei angenommen, dass es nur einen Apfelverkäufer gibt. Das Individuum hat das subjektive Empfinden, dass sich der Wert der 10 Äpfel auf mehr als 3 € beläuft. Jedoch ist es darum bemüht weniger zu bezahlen. Nun muss das Individuum ein mentales Modell von dem Apfelverkäufer aufbauen, welches alle verfügbaren Informationen im Sinne der selektiven Perzeption auf- nimmt und verarbeitet, um zu einer Handlungsentscheidung zu kommen. Bei- spielsweise könnte der Verkäufer einen Handel ablehnen, sobald man mit dem Feilschen beginnt. Somit stünde man ohne Äpfel da. Diese Folge erscheint nicht sehr schwerwiegend, aber man stelle sich vor, der Käufer wäre ein Apfelsaftun- ternehmen und es würde sich um eine Million Äpfel handeln statt um 10. In die- sem Falle wäre die Menge an Äpfeln existenzabhängig und eine Verweigerung des Verkäufers mit weitreichenden Folgen verbunden.

[...]


1 Vgl. Denzau, A. T., North, D. C., Shared Mental Models: Ideologies and Institutions, St. Louis 1992, S. 1

2 Vgl. Bischoff, I., Beschränkte Rationalität, Politische Entscheidungsprozesse und öffentliches Leistungsangebot, Gießen 2005, S. 76

3 Vgl. Bischoff, I., Beschränkte Rationalität, Politische Entscheidungsprozesse und öffentliches Leistungsangebot, Gießen 2005, S. 77 / 78

4 Vgl. Bischoff, I., Beschränkte Rationalität, Politische Entscheidungsprozesse und öffentliches Leistungsangebot, Gießen 2005, S. 82

5 Vgl. Bischoff, I., Beschränkte Rationalität, Politische Entscheidungsprozesse und öffentliches Leistungsangebot, Gießen 2005, S. 63 / 64

6 Vgl. Größler, A., Von mentalen zu formalen Modellen: Virtualisierung von Erfahrungen, Saarbrücken 1999, S. 3

7 Vgl. Bischoff, I., Beschränkte Rationalität, Politische Entscheidungsprozesse und öffentliches Leistungsangebot, Gießen 2005, S. 63 - 65

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kollektive mentale Modelle als Institutionen
Hochschule
Technische Universität Clausthal  (Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Institutionen und wirtschaftliche Entwicklung
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V84638
ISBN (eBook)
9783638002806
ISBN (Buch)
9783638919227
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektive, Modelle, Institutionen, Entwicklung
Arbeit zitieren
Sascha Effenberger (Autor), 2007, Kollektive mentale Modelle als Institutionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84638

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