Kulturelle Probleme der Übersetzung am Beispiel deutsch-polnischer und polnisch-deutscher Übersetzungen


Bachelorarbeit, 2005
56 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffserklärung
2.1 Kultur
2.2 Übersetzen

3 Übersetzungsprozess
3.1 Übersetzung als interkulturelle Kommunikation
3.2 Äquivalenz

4 Lakunen
4.1 Definition
4.2 Semiotische Prozesse der Lakunisierung
4.3 Lakunenklassifikation
4.4 Anwendung des Lakunen-Modells

5 Schwierigkeiten beim Übersetzen: Übersetzungsproblematik
5.1 Vorgehensweisen
5.2 Strategien der Eliminierung von Lakunen

6 Praktischer Teil
6.1 Deutsch-polnische Übersetzung
6.1.1 Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen
6.1.2 Florian Illies: Generation Golf
6.1.3 Alexa Henning von Lange: Woher ich komme
6.2 Polnisch-deutsche Übersetzung
6.2.1 Paweł Huelle: Castrop
6.2.2 Dorota Masłowska: Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną

7 Schlussfolgerung

Streszczenie

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

"Każdy język to odrębny świat". Während eines Gesprächs zu diesem Thema äußerte sich Sława Lisiecka, eine polnische Übersetzerin, folgendermaßen:

"Każdy język bowiem ma przede wszystkim swój odrębny system pojęciowy, odrębną strukturę gramatyczną, składniową, swoiste przysłowia, idiomy (czyli utrwalone zwroty), które, przełożone dosłownie, na ogół tracą sens we własnym języku. [...] nie jesteśmy w stanie bardzo wiernie i dokładnie przekładać z żadnego obcego języka słowa po słowie. Musimy posługiwać się własnymi konstrukcjami, typowymi dla naszego języka. Musimy pisać zdania we własnym języku tak, żeby dobrze brzmiały, żeby były poprawnie skonstruowane." (Lisiecka 2003[1] )

Dieses Zitat stellt meiner Ansicht nach eine gute Einführung in die Materie des Übersetzens in zweierlei Hinsicht dar. Erstens beschäftigt sich Lisiecka selbst mit dem Übersetzen und hat eine Reihe von bekannten Autoren ins Polnische übertragen, und zweitens kann man im Zitat viele übersetzungsrelevante Probleme entdecken. Jede Sprache ist anders und unterscheidet sich von einer anderen lexikalisch, stilistisch usw. Deswegen kann die Übersetzung nie wortwörtlich sein. Man muss vor allem seine eigene Sprache gut beherrschen, um richtig formulieren und um die Probleme beim Übersetzen lösen zu können. Ihre Schlussfolgerung könnte man folgendermaßen auslegen: man soll aus der Fremdsprache in die eigene Sprache so übersetzen, dass niemand erkennen kann, dass es sich um eine Übersetzung handelt.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit dieser Problematik auseinandersetzen. Welche Arten von Bedeutungsunterschieden kommen in den Texten vor und wie kann man sie überwinden? Mit Hilfe des Lakunen-Modells wird deutlich, wo möglicherweise Probleme auftreten können. Das Ziel der Arbeit ist, die Anwendung des Lakunen-Modells bei der Analyse und Übersetzung eines Textes darzustellen sowie zu zeigen, wie solche Probleme in der Praxis gelöst werden. Außerdem stelle ich Beziehungen zwischen Theorie und Praxis anhand von Erfahrungen, die ich aus den eigenen Übersetzungen gewonnen habe, her.

Am Anfang erläutere ich kurz, welche Begriffe ich in der Arbeit benutzte und in welcher Bedeutung sie hier verwendet werden. Dabei will ich möglichst präzise darstellen, was unter Kultur verstanden wird. Im alltäglichen Gebrauch ist Kultur vor allem mit Kunst verknüpft, wobei man beachten muss, dass Kultur ein sehr umfangreicher Begriff ist. Auf diese Aspekte gehe ich im folgenden Kapitel näher ein. Kultur wird während der Sozialisation vermittelt und führt zur Entstehung von kulturunabhängigen und kulturbedingten Differenzen zwischen den Nationen. Weiter wird gezeigt, dass die Kultur als Kode definiert werden kann und der Übersetzer seine Aufgabe nur mit dem Bewusstsein über diesen Kode erfolgreich erfüllen kann, da er die Konventionen und Normen kennen muss. Vor der Analyse des Übersetzungs­prozesses erläutere ich, was allgemein unter Übersetzen verstanden wird. Die dargestellten Definitionen untestreichen die Bedeutung von linguistischen und nicht linguistischen Phänomenen in der Übersetzung. Sowohl die Sprache als auch die Kultur werden in einem kreativen Prozess vermittelt. Übersetzen kann weiterhin als "Brückenschlagen" zwischen den Menschen gesehen werden.

Dadurch kann die Kommunikation, welche dank der übersetzten Texte zu Stande kommt, genauer betrachtet werden. Ich stelle das Faktorenmodell dar, in dem sichtbar wird, dass man tatsächlich über Kommunikation sprechen kann. Übersetzung fungiert deswegen als interkulturelle Kommunikation. Der Prozess verläuft nicht immer ohne Komplikationen, weil die Sprachen und zugleich die Kulturen unterschiedlich sind. Die Übersetzer übernehmen die Aufgabe, die fremde Kultur in ihrer Muttersprache zu vermitteln. Dazu kommen noch die expliziten und impliziten Bedeutungen, auf die man im Wortschatz trifft. Aufgrund all dieser Schwierigkeiten könnte man zu der Schlussfolgerung kommen, dass sich der Aufwand für eine (literarische) Übersetzung nicht lohnt. Ich stelle aber Thesen dar, welche besagen, wie wichtig die literarische Übersetzung für die Verständigung der Völker ist. Um die Nationen zusammenzuführen, muss der Übersetzer eine Entscheidung treffen und eine entsprechende Strategie wählen, damit eine äquivalente Übersetzung entstehen kann. Deswegen wird in der vorliegenden Arbeit Äquivalenz erörtert und in denotative und konnotative Äquivalenz unterteilt.

In Situationen, wo das Finden einer angemessenen Entsprechung problematisch wird, tauchen Lakunen auf. Ich präsentiere die Definition und die Merkmale dieser äquivalenzlosen Wörter. Sie werden weiterhin in einem Modell klassifiziert und in differenzierte Typen unterteilt. Lakunen als Lücken können in der übersetzerischen Praxis eliminiert werden. Hierzu wird die Anwendung des Lakunen-Modells erläutert. Es erweist sich als hilfreich bei der Erschließung der kulturellen Differenzen und innerhalb der Übersetzungstheorien.

Die Problematik der Übersetzung stellt ein breites Feld dar. Als Zusammenfassung präsentiere ich die wichtigsten Elemente, die bei der Übersetzung berücksichtigt werden müssen. Sie betreffen Grammatik, Semantik, Veränderungen innerhalb der stilistischen Bedeutung u.a. und werden an deutschen und polnischen Beispielen verdeutlicht. Später gehe ich zu Strategien über, welche speziell für die unübersetzbaren Wörter benutzt werden können. Man kann die Lakunen füllen oder kompensieren, wobei es dafür mehrere Möglichkeiten gibt. Es geht darum, für den ganzen Text eine entsprechende Strategie zu finden, um die Stimme des Autors wieder zu geben. Anschließend stellt sich die Frage, in wie fern die Texte lakunisiert bleiben können.

Im praktischen Teil (Punkt 6) werden Lakunen und ihre Übersetzungsmöglichkeiten präsentiert und analysiert. Ich konzentriere mich nicht nur auf die Lakunen, sondern gehe auch darauf ein, wie es zu der Bedeutungsverschiebung von Wörtern kommt. Die ausgewählten Beispiele kommen jeweils aus deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Übersetzungen. Hierbei wird analysiert, welche Schwierigkeiten zu berücksichtigen sind, und versucht, differenzierte Probleme aus soziokulturellen und sprachlichen Kontexten vorzustellen.

2 Begriffserklärung

Um die später dargestellte Problematik besser zu verstehen, empfiehlt es sich, am Anfang die verwendeten Begriffe zu erklären. Deswegen definiere ich, wie Kultur als Kode funktioniert und welche Rolle die richtigen Kenntnisse des Kodes für den Übersetzer spielen. Es ist wichtig, die kulturellen Besonderheiten richtig zu interpretieren und diese auch in dem übersetzten Text zu vermitteln. Die Lakunen, welche in den nachfolgenden Kapiteln vorgestellt werden, entstehen durch kulturelle Besonderheiten, Verhaltensnormen und Konventionen, können aber auch linguistische Prägungen haben.

Da sich die vorliegende Arbeit mit der Übersetzung beschäftigt, ist es unerlässlich, diesen Begriff genauer zu erklären. Um eine möglichst gute Vorstellung über die Breite dieses Terminus zu erhalten werden ein paar Definitionen präsentiert. Neue Beobachtungen dieses Phänomens bieten viele Interpretationsmöglichkeiten, u.a. das Betrachten von Übersetzern als Menschen, die nicht nur sprachliche sondern auch außersprachliche Werte übertragen.

2.1 Kultur

Der Begriff Kultur bedeutet laut Meyers Lexikon Sprache, Religion, Ethik, Institutionen, Recht, Technik, Kunst, Musik, Philosophie und Wissenschaft. Kultur ist auch der Prozess des Hervorbringens der verschiedenen Kulturinhalte und Kulturmodelle und entsprechender individueller und gesellschaftlicher Lebens- und Handlungsformen (vgl. Meyers Lexikon 1990: 257). Im Duden kann man folgende Definition von Kultur finden: "Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung" (Duden Universal Wörterbuch 1996: 908).

Aufgrund dieser differenzierten Lebensweise setzt sich jeder Mensch mit seiner eigenen Welt auseinander und lernt die Muster, die zur Interpretation der Wirklichkeit dienen. Dies geschieht in der primären und sekundären Sozialisation, im Arbeitsprozess und in der Familie (vgl. Koller 2001: 162). Die Unterschiede in der Interpretationsweise, welche durch eine differenzierte Sozialisation verursacht werden, führen zur Entstehung von Lücken in den übersetzten Texten. Koller konstatiert, dass sich "in der Sprache [...] die Wirklichkeits­interpretationen nieder[schlagen] und mit der Sprache […] zugleich vermittelt [werden]" (Koller 2001: 162). Deswegen sind die sprachlichen und kulturellen Aspekte, zu denen phonologische und grammatische Merkmale gehören, nicht nur kulturunabhängig, sondern auch kulturbedingt, z.B. Phänomene nichtlinguistischer Art. Sprachliche und kulturelle Prägungen sind aber manchmal schwer zu trennen (vgl. Koller 2001: 164).

Für diese Arbeit ist die Tatsache relevant, dass Kultur viele unterschiedliche Bereiche umfassen kann und nicht nur Kunst bedeutet. Vor allem die Bedeutung von Sprache ist wichtig, da sie kulturell geprägt ist und dadurch die Unterschiede zwischen den hier vorgestellten deutschen und polnischen Texten entstehen. Es sind nicht nur rein grammatikalische Differenzen (s. Punkt 6.1.1) oder Bedeutungsverschiebungen bzw. Ausdrucksweisen (s. Punkt 6.1.3, 6.2.1, 6.2.2), sondern auch diejenigen, welche durch eine unterschiedliche Lebensweise verursacht werden (s. Punkt 6.1.2).

Nach Schröder wird die Kultur als ein Kode definiert, der "als ein System von Konzepten, Wertorientierungen und Normen, die im Fühlen, Denken, Handeln und Sprechen des Menschen sichtbar [wird]" (vgl. Schröder 1997). Kultur hat eine Struktur, welche als ein Bündel von Regeln und Werten, die einen Kode bilden, betrachtet wird. Die von Schröder genannten Konzepte und Normen kommen im kulturellen Handeln von einzelnen Gesellschaftsmitgliedern zum Ausdruck, was im Übersetzungsprozess eine wichtige Rolle spielt. Beim Übersetzen ist es wichtig, die entsprechenden Kenntnisse des Kodes zu besitzen, um mögliche Fehler zu vermeiden und die möglichen Problemstellen rechtzeitig zu erkennen.

Diese Annahmen benötigt man, wenn man sich mit den unterschiedlichen Kulturen und Übersetzungsproblemen auseinander setzen will. Der Übersetzer braucht das Bewusstsein, dass die auftretenden Probleme nicht nur sprachlich sondern auch kulturell geprägt sind und die Kenntnis des kulturellen Kodes eine der Bedingungen ist, um erfolgreich übersetzen zu können. Es kristallisiert sich zugleich die Frage heraus, was das Übersetzen als Prozess und Begriff bedeutet.

2.2 Übersetzen

Unter Translation als ein Oberbegriff wird nach Kade sowohl Übersetzen als auch Dolmetschen verstanden. Seine Definition von Übersetzen lautet folgendermaßen:

"Wir verstehen daher unter Übersetzen die Translation eines fixierten und demzufolge permanent dargebotenen bzw. beliebig oft wiederholbaren Textes der Ausgangssprache in einen jederzeit kontrollierbaren und wiederholt korrigierbaren Text der Zielsprache." (Kade 1963: zitiert nach Snell-Hornby 1998: 37 u. Koller 2001: 12)

Koller ist der Ansicht, dass Übersetzung aus einer Operation resultiert, die sprachliche und textuelle Merkmale besitzt. Sie kommt aus dem Ausgangssprache- (AS) in den Zielsprache (ZS)-Text und stellt dabei eine Übersetzungs- bzw. Äquivalenzrelation her. Bei der Übersetzung muss eine ganze Reihe weiterer Faktoren in Betracht gezogen werden. Zu diesen gehören sowohl sprachlich-stilistische als auch außersprachliche Beziehungen. Eine Rolle spielen viele unterschiedliche Bedingungen, u.a. strukturelle Eigenschaften, differenzierte Umstände in den Ländern, Normen der Ästhetik und Stilistik (vgl. Koller 2001: 16f.). In diesen Thesen wird deutlich, dass die Kulturkenntnisse beim Übersetzen entscheidend sind.

Es wird auch darauf hingewiesen, dass sich die Übersetzer nicht nur mit der Sprache beschäftigen, sondern auch von einer Kultur in eine andere übersetzen. Diese Erkenntnis benötigt die Schaffung einer neuen Differenzierung. Deswegen verzichten Reiß und Vermeer auf die früher benutzte Bezeichnung "Sprachmittler". Ihrer Auffassung nach hat ein "Translator" eine viel größere Bedeutung, weil er nicht nur Sprache, sondern auch Kultur vermittelt. Außerdem soll er auch kreativ arbeiten, was nicht unter dem Wort Mittler verstanden werden kann (vgl. Reiß/Vermeer 1991: 7).

Übersetzen ist folglich eine Translation von einem schriftlichen Text in eine andere schriftliche Form einer Fremdsprache. Bei diesem Prozess wird unter Berücksichtigung unterschiedlicher Faktoren, die von Koller genannt werden, eine Äquivalenz (Gleichwertigkeit[2] ) geschaffen. Zudem legen Reiß und Vermeer Wert darauf, dass anstelle von "Sprachmittlern" von "Kulturmittlern" gesprochen wird, deren Arbeit kreativ sein soll.

Eine ähnliche Position zur Kreativität formuliert Panasiuk. Er geht von der Feststellung aus, dass die Leistung eines Übersetzers insofern schöpferisch ist, als beim Überwinden von verschiedenen Schwierigkeiten differenzierte Strategien und Vorgehensweisen benutzt werden (vgl. Panasiuk 2002: 258).

Dedecius betrachtet den Übersetzungsprozess aus literaturwissenschaftlicher Sicht . Diejenigen, welche die Kunst der Übersetzung betreiben, können als Brückenbauer zwischen den Menschen und den Kulturen betrachtet werden. Sie fördern die interkulturelle Verständigung, indem sie ferne Ufer verbinden und es ermöglichen, die Abgründe zu überwinden (vgl. Dedecius 2002: 10). Die Verständigung erfolgt hier in einem Prozess, welcher auch als eine Art der Kommunikation gesehen werden kann. In diesem Prozess werden Brücken gebaut und die Distanz wird überwunden.

3 Übersetzungsprozess

Um die einzelnen Vorgänge besser zu verstehen ist es sinnvoll, sich mit dem Prozess, der während der Übersetzung abläuft, genauer zu befassen.

Reiß weist auf die sieben Teile des Faktorenmodells[3] hin (vgl. Reiß 1995: 39f.):

- Übersetzer – entscheidet über die Aufgabe des Textes in der ZS-Kultur und wählt die Formulierungen
- Übersetzungsprozess – zwei Phasen (Verstehen durch Textanalyse und anschließende Reverbalisierung)
- Sender – verfasst den Text und macht ein Kommunikationsangebot
- Kommunikation – erfolgt bei der Rezeption des Textes
- Text – verfasst in einem für den Autor typischen Stil
- Empfänger – Rezipient des Textes
- Transfer – der Übersetzer wird zu einem neuen Sender und macht den ZS-Rezipienten ein Kommunikationsangebot

All diese Faktoren sind in den Situationskontext und den soziokultureller Kontext der AS- und ZS-Gemeinschaft eingebettet (vgl. Reiß 1995: 37).

Der Verlauf des Übersetzungsprozesses sieht nach Markovina wie folgt aus:

Der erste Schritt ist die Übertragung eines Originals in eine Fremdsprache und dabei auch in eine fremde Kultur. In diesem Prozess soll das fremde Bewusstsein dargestellt werden, obwohl es später für den Rezipienten nicht mehr bemerkbar ist und die Übersetzung als eine reine Übertragung gelten kann. Der Übersetzer hat während seiner Arbeit mit Lakunen zu tun, die vollständig oder teilweise eliminiert werden, obwohl manche auch im Text erhalten bleiben. Im zweiten Schritt liest der Leser den übersetzten Text und interpretiert die enthal­tene Kulturspezifik mit Hilfe von Vergleichen mit seiner eigenen (vgl. Markovina 1993: 175).

Nach Vermeer ist Übersetzen ein transkultureller Transfer, welcher die Elemente einer Kultur in eine andere verpflanzt (vgl. Veermer 1994: 34).

3.1 Übersetzung als interkulturelle Kommunikation

Eine Verständigung zwischen den Kulturen ist nach Markovina und Sorokin möglich, wobei es aber keine absoluten Kodes gibt, die in allen Situationen zur Anwendung kommen könnten (vgl. Markovina/Sorokin 1989: in Schröder 2000). Eine ähnliche Position vertritt Koller, welcher feststellt, dass es unterschiedliche Grade von kommunikativen Zusammenhängen zwischen den AS- und ZS-Texten gibt. Diese können im Idealfall gleich gestellt sein, wenn die vermittelten Wirklichkeitsinterpretationen identisch sind. Es kann aber auch zu einer Situation kommen, wo es keine Gemeinsamkeiten gibt, eine so genannte absolute Nicht-Übersetzbarkeit. In der Mitte stehen Texte, die teilweise übersetzt werden können, weil sie sich gegenseitig überlappen. Das abschließend von Koller vorgestellte Modell berücksichtigt den Abstand zwischen den kommunikativen Zusammenhängen von AS und ZS, wo zunehmender Abstand abnehmende Übersetzbarkeit bedeutet (vgl. Koller 2001: 164ff.).

Wenn die Kommunikation[4] aber nur zu einem bestimmten Grad möglich ist, kann Sorokins Auffassung nach überall eine Konfliktsituation entstehen, weil die Menschen differenzierte Erfahrungen im individuellen und gesellschaftlichen Bereich haben, welche zusätzlich einen unterschiedlichen Umfang besitzen und nicht gleich strukturiert sind. Kommunikation ist ein gegensätzlicher Dialog, der hauptsächlich zwischen den Bewusstseins erfolgt, welche wiederum kognitiv und emotiv axiologisch geprägt sind und das Fremde mit dem Eigenen zusammenbringen (vgl. Sorokin 1993: 167).

Kade betrachtet die Übersetzung als eine Art der menschlichen Kommunikation. Das Besondere daran ist, dass rezeptive und reproduktive Phasen parallel in zwei Sprachen[5] ablaufen. Dieser Vorgang kommt während eines Kommunikationsaktes zu Stande und bedeutet gleichzeitig einen Kodewechsel. Dieser Kodewechsel von der AS in die ZS ist die wichtigste Phase (vgl. Kade 1968: 199). Kade merkt an, dass nicht umkodiert, sondern neu kodiert wird (vgl. Kade 1968: 215). Bei der Kommunikation kann es zu Fehlern sowohl beim Kodieren als auch beim Enkodieren kommen, was Missverständnisse bzw. Nichtverstehen verursachen kann. Bei der zweisprachigen Kommunikation verfügen die Kommunizierenden über keinen gemeinsamen Kode. Die Aufgabe des Übersetzers besteht darin, die Mitteilung kommunikativ zu gestalten. In diesem Prozess wird dekodiert, dann umkodiert (Kodierungswechsel) und am Ende wird der Text realisiert (vgl. Kade 1968: 202f.).

Schröder ist der Auffassung, dass die Kommunikation in zwei Ebenen unterteilt werden kann, nämlich eine explizite (das explizit Gesagte) und eine implizite (das impliziert Gemeinte), wobei die zweite zu weiteren Schlussfolgerungen und Interpretationen zwingt. Um eine erfolgreiche Kommunikation zu erreichen, braucht man einen gemeinsamen Kode, d.h. der Kode der anderen Sprache muss einem vertraut sein, was aber problematisch sein kann, da die Kodes kulturabhängig sind (vgl. Schröder 1997).

Der Übersetzer übernimmt die Aufgabe, das Gemeinte den Rezipienten mitzuteilen und die beabsichtigte Wirkung, die in der ursprünglichen Mitteilung beinhaltet ist, bei den ZS-Lesern zu erzielen (vgl. Stolze 1992: 19). Daraus wird ersichtlich, dass der Übersetzer bei diesem Prozess eine äußerst wichtige Rolle spielt und eine schwierige Aufgabe hat.

Dedecius vergleicht die Übersetzer und ihre Bedeutung für die Völker mit der Bedeutung des Stoffwechsels oder des Blutkreislaufes für den Organismus. Ohne die beiden könnte man nicht leben und bei Problemen kommt es zu Krankheiten. Ähnlich wäre es, wenn die Übersetzer nicht transformieren, transportieren, formen und befördern würden. Er schreibt:

"Ohne Brücken keine Verständigung und ohne Verständigung keine Einigung (...). Wer von Verständigung spricht, muß wissen, daß es Verständnis voraussetzt und daß das Verständnis die vornehmste Funktion des Verstandes ist." (Dedecius 2002: 13)

Diese Schlussfolgerung fasst Dedecius selbst zusammen, indem er feststellt, dass die Menschen dank der übersetzten Texte bestimmte Kulturen besser verstehen und in Konfliktsituationen entsprechend reagieren können. Denn die Signale, welche in der Literatur einbezogen sind, werden auch in den Übersetzungen deutlich. Als Beispiel erwähnt Dedecius die deutsch-polnische Zusammenarbeit, in der die Übersetzer den Rahmen für die Verständigung schaffen. Literaturtransfer[6] agiert in diesen Verhältnissen als Mittel und Maßnahme zum besseren Verständnis, er ist etwas Gemeinsames und Friedenstiftendes. Entscheidend ist, dass Literatur nicht nur eine begrenzte Menschengruppe betrifft, vielmehr geht es um alle zwischenmenschlichen Annährungen (vgl. Dedecius 2002: 13f.).

Die gleiche Ansicht vertritt Risku. Das Kennen einer Kultur impliziert die Fähigkeit zur erfolgreichen Kooperation und die Textübersetzung bedeutet erfolgreiche Kommunikation über die Kulturbarrieren bzw. das Beitragen zu erfolgreicher Kommunikation (vgl. Risku 1998: 70). Die Notwendigkeit des Verstehens der fremden Kultur spielt eine entscheidende Rolle, weil man für die kulturellen Probleme sensibilisiert sein sollte. Das Bewusstsein der Menschen sollte ihrer Meinung nach in dieser Hinsicht besser gefördert werden (vgl. Risku 1998: 137f.). Sie kommt zu folgender Schlussfolgerung:

"Übersetzen ist dann keine Ausführung automatischer Verhaltensweisen, sondern sorgt in flexiblem Stil für diverse interkulturelle Problemlösungen, wobei immer mehr der Problemlöser selbst entscheidet, in welcher Weise er zur Gestaltung des Soll-Zustandes beiträgt." (Risku 1998: 145)

Dedecius ist der Auffassung, dass die Sprache die Nationen nicht nur zusammenzuführen, sondern auch auseinander treiben kann. Literatur kann bei der Synthese der unterschiedlichen Kulturen behilflich sein, weil sie Kontraste in eine Verbindung bringen kann, welche interessant und harmonisch ist. Gegensätze verbinden und ermöglichen eine Erschließung von neuen Synthesen. Sie ziehen die Kulturen zusammen, weil die Menschen ohne diese Unterschiede gleich und uninteressant wären (vgl. Dedecius 2002: 14f.).

Aus diesen Annahmen ergibt sich eine positive Wirkung, welche die übersetzten Texte in der fremden Kultur haben können. Gute Übersetzungen bieten eine Grundlage für das bessere Verständnis von anderen Völkern und ermöglichen einen weit gefassten Austausch. Hierbei sollten die Unterschiede, welche es zwischen den Kulturen gibt, beim Übersetzungsprozess beachtet werden sollten. Weiterhin müssen sie erkannt und richtig interpretiert werden, wofür man das entsprechende Wissen und die hierfür nötige Sensibilisierung benötigt.

3.2 Äquivalenz

Reiß und Vermeer verstehen Äquivalenz als eine Sondersorte von Adäquatheit im Sinne der Funktionskonstanz zwischen AS- und ZS-Text.

"Adäquatheit bei der Übersetzung eines Ausgangstextes (bzw. -elementes) bezeichne die Relation zwischen Ziel- und Ausgangstext bei konsequenter Beachtung eines Zweckes (Skopos), den man mit dem Translationsprozess verfolgt." (Reiß/Vermeer 1991: 139)

"Äquivalenz bezeichnet demgegenüber eine Relation zwischen zwei Größen, die den gleichen Wert, denselben Rang im je eigenen Bereich haben und derselben Kategorie angehören (...). Äquivalenz bezeichne eine Relation zwischen einem Ziel- und einem Ausgangstext, die in der jeweiligen Kultur auf ranggleicher Ebene die gleiche kommunikative Funktion erfüllen (können)." (Reiß/Veermer 1991: 139f.)

"Äquivalenz ist in unserer Definition Sondersorte von Adäquatheit, nämlich Adäquatheit bei Funktionskonstanz zwischen Ausgangs- und Zieltext." (Reiß/Veermer 1991: 140)

Die Funktionskonstanz zwischen AS- und ZS-Text spielt bei der kommunikativen Übersetzung eine wichtige Rolle und fungiert "als Imitation des Kommunikationsangebots in einem Ausgangstext mit den Mitteln der Zielsprache unter Berücksichtigung des situationalen und soziokulturellen Kontextes der Zielgemeinschaft" (Reiß 1995: 22), der ZS-Text sollte unnötige Verfremdungen vermeiden und es sollte nicht bemerkbar sein, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Der übersetzte Text entspricht den Normen und Regeln der ZS-Gesellschaft, die der alltäglichen, literarischen und künstlerisch-ästhetischen Kommunikation dienen (vgl. Reiß 1995: 22).

Eine Textäquivalenz wird bei der kommunikativen Übersetzung angestrebt, weil die ZS in den meisten Dimensionen der AS gleichwertig ist. Adäquat wird nicht nur die semantische und stilistische Wortwahl, der sprachliche Makrokontext, z.B. der innere und äußere Situationskontext und die soziokulturelle Einbettung, sondern auch die Rolle des Gesamttextes in der Kommunikation (vgl. Reiß 1995: 106f.).

Koller nennt fünf Äquivalenztypen (vgl. Koller 2001: 216):

- denotative Äquivalenz[7] – der außersprachliche Sachverhalt hat eine Bedeutung
- konnotativ Äquivalenz – wichtig sind vermittelte Konnotationen, welche von der Art der Verbalisierung abhängen
- textnormative Äquivalenz – bezogen auf die Text- und Sprachnormen des Textes
- pragmatische Äquivalenz – orientiert sich am Empfänger
- formal-ästhetische Äquivalenz – formale und ästhetische Eigenschaften der AS

Koller definiert differenzierte Typen von Entsprechungen zwischen Wörtern im Rahmen denotativer Äquivalenz. Im Bereich der Lexik werden folgende Entsprechungen unter­schieden (vgl. Koller 2001: 228):

- Eins-zu-eins-Entsprechung – es handelt sich um denotative und nicht unbedingt konnotative Synonyme (eine Lakune (s. Punkt 4) liegt hier nicht vor)
- Eins-zu-viele-Entsprechung (Diversifikation) – verheiratet - żonaty/zamężna, Genus­differenzierung; das passende Wort kann aus dem Kontext erschlossen werden; für die betreffende Stelle kann es irrelevant sein, welches Wort benutzt wird; Probleme treten dann auf, wenn ein unspezifizierte Ausdruck benötigt wird und er Oberbegriffe der AS betrifft, die mit Unterbegriffen der ZS erfasst werden (es liegt entweder eine relative Sprachlakune oder eine partielle Redelakune vor)
- Viele-zu-eins-Entsprechung (Neutralisation) – Auflösung durch Hinzufügung von Genitiv-Attributen, Adjektiven oder Adverbien (es liegt wiederum entweder eine relative Sprachlakune oder partielle Redelakune vor)
- Eins-zu-Teil-Entsprechung – Farbbezeichnungen in unterschiedlichen Sprachen aufgrund der Segmentierung in verschiedene Skalen (es liegt entweder eine relative Sprachlakune oder eine vollständige Redelakune vor)
- Eins-zu-Null-Entsprechung (Lücke) – der AS-Ausdruck entspricht einer Fehlstelle in der ZS; echte Lücken des Lexiksystems, die vom Übersetzer geschlossen werden müssen (es liegt entweder eine absolute Sprachlakune oder eine vollständige axiologische Redelakune vor)

[...]


[1] Bei der hier angegebenen und allen weiteren folgenden Quellen ohne konkrete Seitenangabe handelt es sich um Internetquellen.

[2] Gleichwertigkeit muss nicht Gleichheit bedeuten, vgl. Wiegand 2002: 19.

[3] Zum Faktorenmodell vgl. auch Reiß/Vermeer 1991: 148ff., beim Textverstehen sind Vorwissen über andere Texte (Zitate, Anspielungen) und Hintergrundwissen (Kenntnis der Kultur) wichtig (vgl. Reiß/Vermeer 1991: 152).

[4] Sorokin spricht hier sowohl von mündlichen als auch schriftlichen Texten.

[5] Zum Konzept der zweisprachigen Kommunikation, vgl. auch Koller 2001: 106f.

[6] Dedecius war der erste Leiter des Deutschen Polen-Instituts (http://www.deutsches-polen-institut.de), das für die polnisch-deutschen Übersetzungen eine wichtige Rolle spielt.

[7] Kade definiert denotative Bedeutung als "der Objektbezug über das Abbild im Bewußtsein" und konnotavive als "die im Bewußtsein als sprachliche Bedeutungen gespeicherten gesellschaftlich verallgemeinerten Abbilder von Erscheinungen der Wirklichkeit." (Kade 1968: 214)

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Details

Titel
Kulturelle Probleme der Übersetzung am Beispiel deutsch-polnischer und polnisch-deutscher Übersetzungen
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
56
Katalognummer
V84654
ISBN (eBook)
9783638882521
Dateigröße
3011 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturelle, Probleme, Beispiel, deutsch, polnisch, Übersetzung, Polen, Deutschland, Übersetzungsprobleme
Arbeit zitieren
Master of Arts (Kulturwissenschaften) Dorota Miller (Autor), 2005, Kulturelle Probleme der Übersetzung am Beispiel deutsch-polnischer und polnisch-deutscher Übersetzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84654

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