Der vorliegende Essay analysiert die frühen Sanskritbelege zu Gott Krishna aus hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Quellen und geht der Frage der Historizität des aus dem Mahabharata bekannten Helden nach. Anschaulich wird die Verschmelzung von Gopala und Vasudeva sowie deren Brahmanisierung dargestellt. Um die frühe Entwicklungsgeschichte des schwarzen Gottes weiter zu beleuchten, werden zusätzlich kunstgeschichtliche und archäologische Quellen berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kṛṣṇas zwei Aspekte
1. 1. Literarische Belege zu Kṛṣṇa-Gopāla
1. 2. Literarische Belege zu Kṛṣṇa-Vāsudeva
1. 2. 1. Kunstgeschichtliches und Archäologisches
1. 2. 2. Pūraṇisches, Astronomisches und Unwissenschaftliches
2. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Frage nach der Historizität der hinduistischen Gottheit Krishna. Dabei wird analysiert, ob hinter der mythologischen Figur ein historischer Kern in Form einer menschlichen Persönlichkeit steht, die zu einer bestimmten Zeit an einem eingrenzbaren Ort existiert haben könnte, bevor sie durch spätere Prozesse wie die Sanskritisierung in den Götterhimmel enthoben wurde.
- Analyse der literarischen Belege zu den zwei Aspekten Krishnas (Gopāla und Vāsudeva).
- Untersuchung kunstgeschichtlicher und archäologischer Zeugnisse zur historischen Einordnung.
- Kritische Auseinandersetzung mit pūraṇischen, astronomischen und unwissenschaftlichen Datierungsversuchen.
- Differenzierung zwischen dem historischen Menschen Krishna und der späteren religiösen Deifizierung.
- Einordnung des Prozesses der Identifizierung Krishnas als Avatar von Viṣṇu.
Auszug aus dem Buch
1. Kṛṣṇas zwei Aspekte
Bei der Betrachtung der Gestalt Kṛṣṇas, wie sie in der Gegenwart gezeichnet wird, fallen zwei grundverschiedene Charaktere auf, die offenbar durch Prozesse von Verschmelzung, Brāhmaṇisierung und Sanskritisierung, d. h. Angleichung an den heiligen Textkorpus der brāhmaṇischen Priesterklasse, zusammengekommen und ausgeformt worden sind.
Zum einen ist Kṛṣṇa als Gopāla der flötenspielende Hirte aus Vṛndāvana, der als Kind Butter stiehlt um die Affen zu füttern und klare Bezüge zur autochtonen tribalen Bevölkerung aufweist. In seinem verschlagenen Spiel mit den Gopis, den Kuhhirtenmädchen, denen er beispielsweise während ihres Bades im Fluss die am Ufer zurückgelassenen Kleider raubt oder sie des Nächtens im Hain allesamt einzeln mit seinem Flötenspiel beglückt, entfaltet er eine legendäre erotische Attraktionskraft. Seine Abenteuer mit monströsen Schlangendämonen weisen möglicherweise auf eine Verbindung zum Schlangenkult hin. Diese Gestalt hat in der jahrhundertelangen Tradition von Dichtung, Geschichtenschreibung und von Frömmigkeit und unterhaltenden Unterweisungen geprägten Erzählungen die deutlich stärkere Prägekraft auf die gegenwärtige Gestalt des Kṛṣṇa ausgeübt.
Auf der anderen Seite begegnet Kṛṣṇa dem religiösen Laien und Leser von Sanskritschriften als Vāsudeva, Sohn des Vasudeva und der Devakī, der Anführer der Yādavas von Dvāraka und der lokale Held der Bhāgavata-Sekte. Dieser eher heroische Charakter scheint einigen Indologen und Religionswissenschaftlern historisch zu sein und gilt als ein Indiz für eine mögliche Historizität Kṛṣṇas. Rein literarische Gestalten bedürfen nicht der Verschmelzung verschiedener Charaktere. Die Deifizierung von lokalen Helden mit späterer äquitheistischer Sanskritisierung regionaler Gottheiten ist im Hinduismus indes nicht unüblich.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die komplexe Problematik der historischen Identität einer religiösen Gestalt ein und begründet den wissenschaftlichen Ansatz der Untersuchung.
1. Kṛṣṇas zwei Aspekte: Dieses Kapitel arbeitet die zwei unterschiedlichen Facetten Krishnas heraus, den Hirten Gopāla und den Helden Vāsudeva, deren Verschmelzung für das moderne Bild entscheidend ist.
1. 1. Literarische Belege zu Kṛṣṇa-Gopāla: Hier werden die Quellen aus den Pūraṇas und anderen Texten analysiert, die den Aspekt des Hirten Gopāla prägen.
1. 2. Literarische Belege zu Kṛṣṇa-Vāsudeva: Dieses Kapitel widmet sich den literarischen Zeugnissen, die den heroischen Aspekt Vāsudevas im Mahābhārata und anderen frühen Schriften beleuchten.
1. 2. 1. Kunstgeschichtliches und Archäologisches: Die archäologischen Funde und künstlerischen Darstellungen werden hier als Indizien für die historische Verbreitung der Krishna-Verehrung bewertet.
1. 2. 2. Pūraṇisches, Astronomisches und Unwissenschaftliches: Eine kritische Auseinandersetzung mit Versuchen, die Lebenszeit Krishnas mittels indischer Traditionen und Pūraṇas pseudowissenschaftlich zu bestimmen.
2. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet Krishna als historisch fundierte, aber überhöhte Persönlichkeit ein, die sich einer finalen archäologischen Festlegung entzieht.
Schlüsselwörter
Krishna, Historizität, Vāsudeva, Gopāla, Hinduismus, Pūraṇas, Mahābhārata, Sanskritisierung, Identifikatorischer Habitus, Avatar, Religionswissenschaft, Mythologie, Datierung, Archäologie, Bhakti.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob es für die mythologische Figur des Krishna einen historisch belegbaren Kern als menschliche Persönlichkeit gibt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die literarischen Belege der zwei unterschiedlichen Aspekte Krishnas (Hirte und Held), archäologische Funde sowie die kritische Analyse von Datierungsversuchen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Frage nach der Historizität Krishnas methodisch zu untersuchen, ohne dabei den religiösen Glauben als wissenschaftliche Grundlage zu verwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Es wird eine philologisch-historische Analyse der Quellen vorgenommen, ergänzt durch die Auswertung kunstgeschichtlicher und archäologischer Daten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die zwei Charaktere Krishnas, die literarischen Quellen, epigraphische Belege wie Inschriften sowie die Problematik pseudo-wissenschaftlicher Datierungsansätze aus purāṇischen Traditionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Historizität, Vāsudeva, Gopāla, Sanskritisierung, Identifikatorischer Habitus und Religionswissenschaft charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt dem Mahābhārata für die Historizität Krishnas zu?
Das Mahābhārata liefert wichtige Hinweise auf den Charakter Vāsudevas, wobei hier Krishna als ambivalenter Held und nicht als göttlicher Avatar dargestellt wird, was als Hinweis auf einen menschlichen Kern gedeutet wird.
Warum ist die Identifizierung von Dvāraka archäologisch schwierig?
Obwohl es archäologische Funde unterseeischer Ruinen gibt, die mit der Tradition von Dvāraka korrespondieren, ist die eindeutige historische Identifizierung mit dem Krishna des Epos wissenschaftlich bisher nicht zweifelsfrei nachweisbar.
- Arbeit zitieren
- M. A. Thomas K. Gugler (Autor:in), 2005, Anmerkungen zur Historizität des Krishna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84669