Probleme der Sexualität bei Menschen mit Down Syndrom


Hausarbeit, 2002
20 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sexualität – ein Begriff im Wandel der Zeit
2.1 Sexualität und Behinderung – ein Tabuthema

3. Down-Syndrom – eine Begriffserklärung

4. Medizinische Aspekte
4.1 genitale Sexualität und Verhütung

5. Probleme der Eltern bei der Sexualerziehung von Jugendlichen mit Down-Syndrom

6. Probleme der Menschen mit Down-Syndrom mit und in ihrer Sexualität
6.1 Mögliche Arten der Hilfestellung in der Entwicklung von Menschen mit Down-Syndrom

7. Beratung von Menschen mit Down-Syndrom in Bezug auf ihre Sexualität

8. Schlussbemerkung

9. Literatur

1. Einleitung

Die ganzheitliche Betrachtung des Menschen muss auch für Menschen mit Down-Syndrom Gültigkeit haben. Deshalb ist auch das Bedürfnis nach Sexualität von geistig behinderten Menschen zu fördern und zu unterstützen. Im Grundsatzprogramm der Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e. V. 1990 steht: “In der zwischenmenschlichen Beziehung ist Sexualität von großer Bedeutung für Werte wie Liebe, Nähe und Wärme, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Erotik. Sie ist Ausdruck des Grundbedürfnisses, nicht allein sein zu wollen.”

In diesem Zusammenhang gilt es nun zu Beginn festzustellen, dass sich das Bild eines Menschen mit Down-Syndrom nicht von dem einer nichtbehinderten Person unterscheidet. Für das sexuelle Verhalten ist diese Tatsache von großer Bedeutung, denn allein durch das Vorliegen einer Behinderung treten nicht automatisch auch behinderungsspezifische Veränderungen in allen menschlichen Funktionen auf. Viele Laien unterstellen dies aber gerade auf dem Gebiet der Sexualität, und sexuelle Verhaltensweisen bedürfen dann oft einer Rechtfertigung.

Aus diesem Grunde bekommen gerade Eltern und/oder Betreuer1 Probleme, wenn es darum geht, sich mit der Sexualität zwischen geistig behinderten Jugendlichen und Erwachsenen auseinander zu setzen und diese vor der Gesellschaft und sich selbst zu rechtfertigen.

Sicher machen sich Eltern und Betreuer Sorgen und Gedanken, wenn sexuelle Wünsche auftreten und gelebt werden wollen. Sicher können und werden hier auch Probleme entstehen,- nicht anders wie bei nicht behinderten heranwachsenden Menschen auch - aber niemand käme auf die Idee, möglicher Risiken wegen jede zwischenmenschliche Beziehung zu unterbinden. “Wer es bei geistig behinderten Menschen doch versucht, setzt auf ihre Wehrlosigkeit und totale Unmündigkeit, negiert aber ihre Wünsche als Geschlechtswesen und riskiert Lebensglück.” ( O. SPECK 1985, zit. n. J. WALTER 1996, 21)

Es kann davon ausgegangen werden, dass in der “nichtbehinderten Normalbevölkerung” (J. WALTER / A. HOYLER-HERRMANN 1987, 12) immer noch Defizite auf der sexuellen Wissens-, Einstellungs- und Verhaltensebene, die auf eine fehlende oder falsche Sexualerziehung zurückzuführen sind, sicherlich keinen Seltenheitswert besitzen. Dies führt dazu, dass es für Menschen mit Down-Syndrom noch weitaus schwieriger ist, ihre Sexualität zu leben, weil sie bei der Realisierung ihrer Wünsche auf viele Hindernisse und Vorurteile seitens ihrer Umwelt stoßen.

In dieser Hausarbeit möchte ich diese Schwierigkeiten von Menschen mit Down-Syndrom zur Sprache bringen und versuchen Wege aufzuzeigen, die ihnen ein Leben von Sexualität erleichtern könnten. Die Probleme mit der Sexualität von Menschen mit Down-Syndrom liegen nicht primär in der Behinderung selbst, sondern sind in den vielen alltäglichen Abhängigkeiten, Einschränkungen und fremdbestimmten Lebensbedingungen zu suchen.

2. Sexualität – ein Begriff im Wandel der Zeit

Die Formen und Normen des sexuellen Erlebens sind keine angeborenen und natürlichen Vorgeben, sondern sie gehören zu den „Kulturleistungen und Existenzerfordernissen des Menschen wie Werkzeug und Sprache“ (H. SCHELSKY 1955). Die natürlichen sexuellen Funktionsabläufe entwickeln sich bereits im Mutterleib und sind schon bei der Geburt voll funktionstüchtig. Sie müssen ebenso wenig erlernt werden, wie das Atmen oder Verdauen. Was jedoch erlernt werden muss, ist der Umgang mit diesen natürlichen Funktionen. Was und wie es erlernt werden muss, ist abhängig von dem Kulturkreis, in dem der Mensch heranwächst.

In der Fachliteratur lassen sich verschiedene Vorschläge finden, den Begriff „Sexualität“ zu definieren. Aber meiner Meinung nach lässt sich der Begriff „Sexualität“ kann nicht allgemeingültig beschreiben, da der damit verbundene Bereich zu viele Aspekte mit einbezieht, um sie in einer einzigen Definition erfassen zu können.

Eine Sammlung von Bedeutungen des Begriffes der Sexualität hat die Sexualtherapeutin A. OFFIT erstellt: “Sexualität ist, was wir daraus machen. Eine teure oder billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression (der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Kunst, Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse oder das Gute, Luxus oder Entspannung, Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form der Zärtlichkeit, eine Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung.” ( zitiert nach J. WALTER & A. HOYLER- HERRMANN 1987, 98)

Für viele Menschen beschränkt sich Sexualität nun nicht mehr auf Genitalsexualität, sondern beschreibt für sie auch die Möglichkeit zu Selbstverwirklichung als Mann oder Frau und zugleich den Ausdruck von Kontakt, Beziehung und Liebe.

In dieser Auffassung bezieht Sexualität alle Aspekte der menschlichen Existenzweise, in denen die Tatsache den Mann- oder Frauseins eine Rolle spielt, mit ein. Sie umfasst daher – nach Ansicht von Paul SPORKEN – das ganze Gebiet von Verhaltensweisen und den allgemeinmenschlichen Beziehungen, im Mittelbereich von Zärtlichkeit, Sensualität2, Erotik und in der Genitalsexualität.“ (C. KÜGERL 1994, 1 nach P. SPORKEN 1974, 159)

Eine weitere Definition wird von KRÜGERL angeführt, die bestätigt, dass Sexualität ein nur sehr schwer definierbarer Begriff ist. Nach BERKMAN u.a. unterteilt sich die Sexualität in drei Komponenten:

„- in eine psycho-sexuelle Komponente, in der das Selbstbild im Mittelpunkt steht
- in eine sozial-sexuelle Komponente, die den Aspekt der Partnerbeziehungen umfasst
- in eine Verhaltenskomponente, zu der das spezifisch sexuelle Verhalten gehört.“

(C. KÜGERL 1994, 2 nach BERKMAN 1978, zitiert nach DECHESNE 1981, 180)

Diese Unterteilung soll bei der weitergehenden Bearbeitung dieses Themas berücksichtigt werden.

2.1 Sexualität und Behinderung – ein Tabuthema

In unserer Gesellschaft sind Sexualität und Behinderung Themen, über die man nicht gerne spricht. „Außenstehende“, also Menschen die nicht direkt mit Behinderten arbeiten oder mit ihnen konfrontiert sind, wissen oft nicht, wie sie sich ihnen gegenüber – und speziell bei diesem Thema – verhalten sollen. Sie haben oft genug Probleme sich selber mit ihrer eigenen Sexualität auseinander zu setzten und sind mit der Frage der Sexualität bei Behinderten oft überfordert. Oft findet sich in Gesprächen aber auch in der Literatur diese Auffassung wieder: „Es ist für Behinderte doch schon schlimm genug, daß sie an ihrer Behinderung leiden, wir wollen sie doch nicht zusätzlich mit sexuellen Problemen belasten?“ (C. KÜGERL 1994, 7)

Da viele Menschen mit dieser Situation überfordert sind, ist es für sie leichter, sie gleich als „geschlechtslose Wesen) zu deklarieren, um mit diesen Gewissenskonflikten nicht konfrontiert zu werden. Deshalb wird die „Sexualität Behinderter in unserer Gesellschaft oft immer noch totgeschwiegen, verheimlicht oder als nicht existent betrachtet.“ (C. KÜGERL 1994, 8, nach BÄCHINGER 1978, 78, zitiert nach HEIDENREICH/ KLUGE 1975, 8f.)

KENTLER formuliert diesen Aspekt wie folgt sehr treffend: „... das Sexualleben jedes Menschen ist zu achten (mag es einem noch so seltsam und fremd vorkommen), denn in ihm äußert sich nicht nur heimliche Sehnsucht nach Verstandenwerden und Glück, sondern es ist auch eine ganz persönliche Lebensleistung, die von der Hoffnung auf ein erfülltes Leben bestimmt ist“ ( H. KENTLER 1982, 255; zitiert nach WALTER/ HOYLER-HERRMANN 1987, 108)

3. Down-Syndrom – eine Begriffserklärung

Das Down-Syndrom ist mit 1 auf 650 Geburten die häufigste durch eine Chromosomenstörung verursachte Erkrankung. Bei Menschen mit dem Down-Syndrom ist das Chromosom Nr. 21 oder ein Teil davon dreifach statt üblicherweise zweifach in jeder Zelle vorhanden (Trisomie 21). Insgesamt leben in Deutschland rund 30 000 bis 50 000 Menschen mit dem Down-Syndrom.

In fast 95% liegt eine Verdreifachung des ganzen Chromosoms 21 vor (freie Trisomie 21). Diese chromosomale Veränderung entsteht, wenn eine der Keimzellen ( in 95% die Eizelle und in 5% die Samenzelle) ein zusätzliches Chromosom 21 enthält. Dazu kann es kommen, wenn bei der Bildung der Ei- oder Samenzellen das Chromosomenpaar 21 nicht, wie normalerweise, und wie die anderen Chromosomenpaare getrennt wird. Ein solches Ereignis tritt meist zufällig auf.

[...]


1 Die Verwendung dieser sprachlichen Form soll männliche und weibliche Personen gleichermaßen ansprechen und will vermeiden, dass durch umständliche Formulierungen („BetreuerInnen“ oder „Betreuerinnen und Betreuer“) die Verständlichkeit des Textes beeinträchtigt werden könnte.

2 Sensualität: die; -, kMz. 1. (med.) Empfindungsvermögen, Reizaufnahmefähigkeit der Sinnesorgane 2. Sinnlichkeit

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Probleme der Sexualität bei Menschen mit Down Syndrom
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (FB Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Down Syndrom
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V8469
ISBN (eBook)
9783638154314
ISBN (Buch)
9783638746359
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hierbei handelt es sich um eine Hausarbeit über die Probleme, die in der Sexualität und der sexuellen Aufklärung von Menschen mit Down Syndrom auftreten.
Schlagworte
Down Syndrom Sexualität Trisomie 21
Arbeit zitieren
Yvonne Schwerdtner (Autor), 2002, Probleme der Sexualität bei Menschen mit Down Syndrom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8469

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