Eine Analyse der Darstellung des impressionistischen und dekadenten Menschentypus’ in Arthur Schnitzlers Werk "Anatol"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt des Anatol - Zyklus
2.1 Die Frage an das Schicksal
2.2 Weihnachtseinkäufe
2.3 Episode
2.4 Denksteine
2.5 Abschiedssouper
2.6 Agonie
2.7 Anatols Hochzeitsmorgen
2.8 Anatols Größenwahn
2.9 Die beiden fehlenden Szenen: Süßes Mädel und Das Abenteuer seines Lebens

3. Die literarischen Menschentypen der Jahrhundertwende
3.1 Der impressionistische Menschentypus
3.2 Der dekadente Typus

4. Eine Analyse Anatols

5. Welchen Typus verkörpert Anatol?

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Jahren 1888 (Juni) bis 1891(November) entstand Arthur Schnitzlers Anatol -Zyklus, der als sein Erstlingswerk große Anerkennung erhielt. Das Schauspiel unterliegt einer besonderen und sehr geschickt gewählten Form: Der des Einakterzyklus’. Der österreichische, 1862 geborene Autor schaffte mit diesen scheinbar voneinander unabhängigen Akten vor allem eine ganz besondere Sicht auf seinen Titelhelden, dessen scharfe Zeichnung Schnitzler von seinem Freund Sigmund Freud die Titulierung als „psychologischer Tiefenforscher“ einbrachte. Schnitzler, jüdischer Erzähler und Dramatiker der Wiener Moderne, war praktizierender Arzt und widmete sich nebenbei der Literatur. Wie die meisten seiner Werke, spielt auch Anatol im Wien der Jahrhundertwende.

Im Jahre 1893 wurde der erste Einakter, Abschiedssouper, uraufgeführt und der Zyklus unter dem Titel Anatol. Mit einer Einleitung von Loris im Bibliographischen Bureau in Berlin auf Schnitzlers eigene Kosten publiziert. Erst 17 Jahre später war der Zyklus in Deutschland und Österreich, bestehend aus fünf Einaktern, auf der Bühne zu sehen. Er wurde am 3. Dezember 1910 gleichzeitig in Berlin im Lessing-Theater Otto Brahms und am Wiener Volkstheater uraufgeführt, die Einakter Denksteine und Agonie fehlten.

Einer der Einakter wurde nie in den Zyklus aufgenommen, einer wurde verworfen, ein dritter bleibt Fragment. Schnitzler hat scheinbar zunächst mit den Einzelteilen gespielt, bis er die passende Form und Anordnung des gesamten Zyklus’ gefunden hat. Was sich uns heute als vollständiger Zyklus zeigt, ist ein Drama das eine sehr beeindruckende, fast psychoanalytische Charakterisierung einer Figur beinhaltet, die einerseits stark typisiert und zugleich doch höchst individuell erscheint.

Anatol steht im gesamten Zyklus uneingeschränkt im Mittelpunkt, sodass das Geschehen, das sich um seine ständig wechselnden Liebschaften dreht, fast zur Nebensache wird, da das eigentliche Augenmerk auf der Psychologie des Protagonisten und seiner Selbstwahrnehmung liegt. Er und sein bester Freund Max, der eine unverzichtbare Ergänzung zur Figur Anatols darstellt, sind die einzigen Figuren, die alle Einakter des Zyklus’ überdauern; denn alle Frauenfiguren kommen und gehen ebenso schnell wieder, stellen alle einen gemeinsamen Typus dar und bleiben doch im Endeffekt die einzige Varianz im immer Wiederkehrenden, begründet durch das Verhaltensschema Anatols.

Dass der naturwissenschaftlich äußerst bewanderte Arthur Schnitzler sich eingehend mit der Psychoanalyse beschäftigt hat, spiegelt sich in seinem Anatol deutlich wieder. Häufig wurden deshalb auch Parallelen zwischen Autor und Titelfigur gesehen, ja sogar versucht, die beiden gleichzusetzen. Sicherlich sind Parallelen nicht abzustreiten, aber darauf soll das Hauptaugenmerk in dieser Hausarbeit nicht gerichtet werden. Viel interessanter ist die Psychologie der Figur, die Schnitzler geschaffen hat. Diese Figur, die ständig auf der Suche nach dem eigenen Ich zu sein scheint und sich scheinbar ununterbrochen versucht selbst zu reflektieren, dieser Mann, der sein Leben aus Erinnerungen, Stimmungen und Illusionen aufbaut, hat viele charakteristische Züge des typischen impressionistischen und auch des dekadenten Menschentypus, die zur Zeit Schnitzlers literarisch weit verbreitete Typen war.

Die Analyse Anatols und die Elemente des impressionistischen und dekadenten Menschentypus’, die Schnitzler zur Zeichnung seiner Figur verwendet hat, sollen hier Gegenstand der Betrachtung sein. Deshalb werden die literarischen Menschentypen, nach einer eingehenden Beschreibung der einzelnen Einakter auf inhaltlicher Ebene, genauer beschrieben. Danach soll schließlich Anatol charakterisiert und seine Psyche analysiert werden, damit letztendlich eine eventuelle Einordnung der Figur in einen Bestimmten Typus erfolgen kann.

2. Inhalt des Anatol - Zyklus

Wie bereits erwähnt erschienen die jeweiligen Einakter des Zyklus zu verschiedenen Zeitpunkten. Schnitzler ließ sich sehr viel Zeit bei ihrer Ausarbeitung und ließ sie zunächst unabhängig voneinander bestehen. Die Einakter wurden zunächst einzeln oder in verschiedenen Kombinationen aufgeführt, bis sie schließlich gemeinsam auf die Bühne gebracht wurden. Das Interessante ist, dass die Einakter zwar ohne weiteres unabhängig voneinander bestehen können und in keiner Weise auf einander angewiesen sind, aber im Endeffekt dennoch in ihrer Reihenfolge sehr sinnvoll miteinander korrespondieren. Auf den ersten Blick geschieht zum Beispiel in einem der ersten Einakter sicherlich nichts, das als inhaltliche Information für einen der späteren Einakter von Wichtigkeit ist. Was hier fehlt ist eine Entwicklung innerhalb des Zyklus, die, wenn überhaupt, nur in geringem Maße zu erkennen ist. Begründet ist diese mangelnde Entwicklung durch den Protagonisten, dessen Charakter anscheinend selber keinen Wandel durchmacht und es so möglich macht, dass die verschiedenen Episoden scheinbar wahllos austauschbar sind. Die Analyse Anatols wird deshalb später Aufschluss darüber geben können, ob die Szenenanordnung eventuell doch nicht ohne weiteres veränderbar ist. Denn auch wenn die Szenen nicht deutlich aufeinander aufbauen, so stehen sie doch in einer sinnvollen Reihenfolge, die von Schnitzler nicht unbegründet zusammengestellt wurde. Dass er die Einakter zeitlich in einer ganz anderen Reihenfolge schrieb, als sie heute im Zyklus bestehen, ist eine interessante Tatsache, sollte aber nicht allzu hoch bewertet werden, da die Akte wie bereits erwähnt zunächst als alleinständige Einakter produziert wurden.

Im Folgenden soll als Grundlage für die spätere Analyse der Titelfigur ein kurzer Überblick über die Inhalte der Einakter gegeben werden. Dies geschieht in der Reihenfolge, in der sie in der heutigen Buchausgabe vorliegen.

2.1 Die Frage an das Schicksal

Schnitzler schrieb diesen Einakter in der Zeit vom 26.08. bis zum 30.08.1889. Als dieser 1896 in Berlin uraufgeführt wurde, war erstmals in Deutschland und auch im selben Jahr in Österreich ein Werk Schnitzlers auf der Bühne zu sehen. Die Frage an das Schicksal ist also, was Stellung im Gesamten Zyklus und Uraufführung betrifft, der allererste Einakter aus Anatol. Jedoch produzierte Schnitzler ihn nicht als erstes, denn Anatols Hochzeitsmorgen, Episode und das nicht in den Zyklus aufgenommene Das Abenteuer seines Lebens waren zuvor geschrieben worden.

Inhaltlich ist dieser Einakter sehr interessant, da er konkret Bezug nimmt auf die psychologische Fähigkeit des Hypnotismus. Anatol, der diese Fähigkeit besitzt, hypnotisiert seine Geliebte Cora, um herauszufinden, ob sie ihm treu ist. Er stellt ihr diese Frage an das Schicksal jedoch nicht und erklärt sein Handeln indem er sagt, man könne die Wahrheit gar nicht wissen. Was Treue ist, diese Frage sei unbeantwortbar und deshalb könne Coras Antwort nicht die Richtige sein auf das, was seine Frage meint. Anatols Freund Max, der ihn auf die Idee der Hypnose brachte, scheint ihn und seine Beweggründe durchleuchtet zu haben und nennt als Grund für Anatols Zögern: „Weil es sich vielleicht fügen kann, dass eine Frau, die du liebst, wirklich so ist, wie sie alle deiner Idee nach sein sollen – und weil dir deine Illusion doch tausendmal lieber ist als die Wahrheit“[1] Anatol will die Wahrheit nicht wissen, denn er fürchtet nichts mehr, als die Untreue seiner Geliebten. So gibt er sich am Ende zufrieden mit ihrer Aussage, dass sie ihn liebe.

[...]


[1] Schnitzler, Arthur: Anatol,. S 17

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse der Darstellung des impressionistischen und dekadenten Menschentypus’ in Arthur Schnitzlers Werk "Anatol"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistisches Institut )
Veranstaltung
Arthur Schnitzler
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V84711
ISBN (eBook)
9783638015233
ISBN (Buch)
9783638918268
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem speziellen Menschentypus, den Arthur Schnitzler anhand der Hauptfigur seines Werks "Anatol" darstellt. Die literarischen Menschentypen der Jahrhundertwende werden durchleuchtet, das Werk noch einmal zusammengefasst und die besondere Psychologie der Titelfigur wird eingehend analysiert.
Schlagworte
Eine, Analyse, Darstellung, Menschentypus’, Arthur, Schnitzlers, Werk, Anatol, Schnitzler
Arbeit zitieren
Martina Jansen (Autor), 2007, Eine Analyse der Darstellung des impressionistischen und dekadenten Menschentypus’ in Arthur Schnitzlers Werk "Anatol", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84711

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