Dritte Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer. Historische und gegenwärtige Bedeutung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
56 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Verzeichnis der Abkürzungen

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Dritte Welt, Entwicklungsländer und Schwellenländer
2.1 Die Prozesshaftigkeit eines statischen Begriffs: Entwicklungsland
2.2 Die Dritte Welt im entwicklungstheoretischen Kontext
2.3 Schwellenländer und das Scheitern der Theorien

3. Indikatoren der Entwicklung
3.1 Zentrale Probleme der Entwicklungsländer
3.2 Natürliche Indikatoren
3.3 Ökonomische Indikatoren
3.4 Sozialdemographische Indikatoren
3.5 Politische Indikatoren
3.6 Kulturelle Indikatoren
3.7 Verteilungsindikatoren
3.8 Multidimensionale Indikatoren
3.8.1 Human Development Index
3.8.2. Human Poverty Index

4. International angewandte Klassifikationen
4.1 Länderklassifizierung der OECD
4.2 Länderklassifizierung der Weltbank
4.3 Länderklassifizierung der Vereinten Nationen

5. Neue Ansätze der entwicklungstheoretischen Debatte
5.1. Vorbemerkungen
5.2. Rückkehr zur traditionellen Kultur
5.3. Aufbau einer Zivilgesellschaft
5.4. Basisorientiertes Humankapital

6. Zusammenfassende Konzepte und Strategien
6.1 Regionalen Verwundbarkeit
6.2 Politischen Ökologie
6.3 Entwicklung von Innen
6.4 Dezentralisierung und nachhaltige Regionalentwicklung

7. Kritik und Schlussbetrachtung

Anhang
Tabellen
Abbildungen

Literatur

Verzeichnis der Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Wirtschaftliche Indikatoren des UNRISD (Quelle: Hemmer 1988: 34, verändert)

Tab. 2: Sozialdemographische Indikatoren des UNRISD (Quelle: Hemmer 1988: 33f, verändert)

Tab. 3: Demographische Daten (Quelle: UNDP 2005)

Tab. 4: Sozialdemographische Faktoren (Quelle: UNDP 2005)

Tab. 5: HD- Indices ausgewählter Länder (Quelle: UNDP 2005)

Tab. 6: HP- Indices ausgewählter Länder (Quelle: UNDP 2005)

Tab. 7: Wirtschaftliche und soziale Daten (Quelle: Weltbank 2004)

Tab. 8: Kommunikationsnetz (Quelle: UNDP 2005)

Tab. 9: Gini-Koeffizienten ausgewählter Länder (Quelle: UNDP 2005)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Lorenzkurve (Quelle: Hemmer 2002: 22)

Abb. 2: Armut in den Entwicklungsländern (Quelle: www.bpb.de/publikationen)

Abb. 3: Durchschnittliche Schuljahre (Quelle: UNDP 2005: 25)

Abb. 4: Durchschnittliche Lebenserwartung (Quelle: UNDP 2005: 19)

Abb. 5: Verteilung des Welteinkommens (Quelle: UNDP 2005: 37)

Abb. 6: Entwicklung des HD-Index (Quelle: UNDP 2005: 21)

Abb. 7: Gini-Koeffizient (Quelle: UNDP 2005: 55)

Abb. 8: Teufelskreis der unzureichenden Kapitalnachfrage (Quelle: Hemmer 2002: 192)

Abb. 9: Schematische Darstellung der „Politischen Ökologie“ (Quelle: Bohle 1995: 62)

Abb. 10: Schematische Darstellung der Evi-Strategie (Quelle: Pachner 2006)

Abb. 11: Schematische Darstellung der Dezentralisierung und nachhaltige Regionalentwicklung (Quelle: Pachner 1998: 248)

Abb. 12: Schematische Darrstellung zur Nachhaltigen Stadtentwicklung
(Quelle: Mertins 1998: 308)

1. Vorbemerkung

Mit Beginn der Menschheitsgeschichte haben sich Disparitäten im Zugang zu Ressourcen herausgebildet, welche hauptsächlich auf die unterschiedlichen natürlichen Bedingungen der jeweiligen Regionen zurückzuführen waren. Der Mensch ist ein Teil der Natur und bedient sich der gegebenen Ressourcen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Mit der Industrialisierung und der aufkommenden Wissenschaften wurden jedoch natürliche Phänomene hinterfragt, um Erklärungen zu finden. Eine der gestellten Fragen richtete sich auf die Gründe für die unterschiedlichen Lebensbedingungen in verschiedenen Regionen. Eine Beschränkung auf die Analyse der natürlichen Faktoren zeigte jedoch sehr schnell die Grenzen auf, da die Ergebnisse eher unbefriedigend waren. Es stellte sich heraus, dass unterschiedliche Lebensbedingungen nicht allein an natürlichen Bedingungen geknüpft sind. Besonders in soziologischen Studien wurde auf die Spezies „Mensch“ als Gestaltungssubjekt seiner eigenen Umwelt hingewiesen, welche aufgrund der verändernden und erweiternden Bedürfnisse des Menschen einer zunehmenden Anpassung unterlag. Der Mensch gestaltet demnach seine Umwelt nach seinen neuen Bedürfnissen. Daher mussten in eine Analyse auch der Faktor Mensch als gesellschaftliches Wesen mit einfließen. Die Situationsanalysen begannen mit der Kategorisierung der Staaten nach ihren Lebensbedingungen und zeigten zum Teil erhebliche Diskrepanzen auf. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich eine Debatte, welche sich der Erklärung dieser Disparitäten widmete und neben natürlichen Faktoren auch gesellschaftliche Unterschiede in Betracht zog. Eine grobe Einteilung erhielt man durch die evolutionistisch geprägte Kategorisierung in „Entwicklungsländer“ und „Industrieländer“, welche mit zunehmendem Kenntnisstand erweitert beziehungsweise verändert wurde.

Im Rahmen dieser Arbeit soll es hauptsächlich um die Begriffe der Dritten Welt, der Entwicklungsländer sowie der Schwellenländer gehen. Auf der Suche nach Erklärungsmodellen für die UE wurden verschiedene Theorien aufgestellt, von denen aus Platzgründen nur die Wichtigsten behandelt werden. Folglich wird auch das von Menzel postulierte Ende der Dritten Welt im Blickfeld der Untersuchungen liegen. Aufgrund der Schwäche der verschiedenen Ansätze begann sich eine Konzentration auf Indikatoren herauszubilden, die ausführlich diskutiert werden, wobei ihre Stärken und Schwächen gleichsam beleuchtet werden sollen. Im Hinblick auf diese Indikatoren kam es von verschiedenen internationalen Organisationen zu Klassifizierungen, welche Gegenstand dieser Abhandlung sein sollen. Abschließend ist es notwendig, einen Überblick über die gegenwärtige entwicklungspolitische Diskussion zu geben, welche von neuen Ansätzen begleitet sind. Einige dieser Ansätze sollen vorgestellt und diskutiert werden um einen groben Blick auf die Forschungsrichtung darzulegen. Das Ziel ist eine komplexe Darstellung der EWL in der historischen sowie gegenwärtigen entwicklungspolitischen Debatte.

2. Dritte Welt, Entwicklungsländer und Schwellenländer

2.1 Die Prozesshaftigkeit eines statischen Begriffs: Entwicklungsland

Seit Beginn der Entwicklungsdebatte steht die Wissenschaft vor dem Problem der Begriffsdefinition. In diesem Zusammenhang ist es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Entwicklung als Begriff zu fassen. Entwicklung stellt selbst keinen Zustand dar, der anhand bestimmter Indikatoren gemessen oder dargestellt werden kann, sondern beschreibt einen Prozess. Nach Nohlen (2002: 227) ist dieser Begriff „...weder [...] allgemein gültig definierbar noch wertneutral, sondern abhängig von Raum und Zeit sowie [...] von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen.“. Allein durch den Verweis auf Raum und Zeit wird die Prozesshaftigkeit dieses Begriffs deutlich und unterstreicht somit den normativen Charakter. Im Bezug zur Abhängigkeit von individuellen und kollektiven Bewertungen ist eine Gebundenheit des Begriffes vom Betrachter vorgegeben. Damit soll die Erkenntnis einer Entwicklung angedeutet werden, welche von den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen bestimmt wird und aufgrund der Mannigfaltigkeit menschlicher Gesellschaftsformen auch in deren Empfindungen variieren. Gesellschaftliche Transformationen und deren Ursachen werden von den Personen wahrgenommen und als Fortschritt oder Regression bewertet, wobei dies von der jeweiligen Veränderung der Lebensbedingungen abhängt. Eine Optimierung wird als eine Verbesserung der individuellen Bedingungen registriert und auch auf die Gruppe übertragen. Dadurch kommt es zu einer positiven Bewertung der gesellschaftlichen Veränderungen, welche im Nachhinein als positive Entwicklungen dargestellt werden. In diesem Zusammenhang kann ein historischer Wandel des Begriffs in Bezug auf das Wohlstandsniveau einer Gesellschaft konstatiert werden, welcher auch von Erfahrungen geprägt ist. Da die Anpassungen an ein natürliches oder auch human verändertes Umfeld ein wesentliches Element des Menschen darstellt, ist eine menschliche Gesellschaft ständig in Bewegung und verändert so ihr eigenes Umfeld, was einer Entwicklung - in welche Richtung auch immer - gleichkommt.

Menzel (1993: 132) gibt eine Definition von Entwicklung, die auf den ersten Blick doch recht einfach gestrickt zu sein scheint, sich aber dennoch nicht von statistischen Winkelzügen leiten lässt. Für ihn bedeutet Entwicklung eine Aussage, welche begründet, „...warum es in den Industriegesellschaften [...] zu Wirtschaftswachstum, Industrialisierung, sozialer Differenzierung und Mobilisierung, mentalen Wandel, Demokratisierung und Umverteilung gekommen ist bzw. warum in [anderen] Teilen der Welt diese Prozesse ausbleiben [oder] nur unvollständig realisiert werden...“. Diese Interpretation ist sehr schlüssig, aber nicht kritiklos hinzunehmen. Dies betrifft die Demokratisierung, welche der Autor als das höchste Ziel darstellt, ohne jedoch die Möglichkeit einzuräumen, dass Demokratie nicht in allen Staaten der Welt möglich, beziehungsweise nur in abgewandter oder geschwächter Form umsetzbar ist. Auch wenn von einer Demokratisierung als Folge einer Entwicklung ausgegangen wird, setzt dies nicht voraus, dass es zu einer wahren Demokratie kommt.

Nachdem es sich als äußerst schwierig erwiesen hat, den Begriff der „Entwicklung“ zu definieren, ist auch von einer schwierigen Definition des hier behandelten Begriffs der „Entwicklungsländer“ auszugehen. Allein seine Verwendung setzt eine Entwicklung voraus, wobei es als individuell fragwürdig gelten kann, ob sich ein Land entwickelt. Hier muss jedoch auch von der Behauptung ausgegangen werden, wonach sich ein Land nicht entwickelt, was wiederum eine diskriminierende Bedeutung impliziert. Eine Stagnation kann auch mit Blick auf den Begriff “Entwicklung“ keinesfalls konstatiert werden, da es sich um einen fortwährenden Prozess handelt. Die Frage sollte also weniger auf den Begriff selbst gerichtet sein. Vielmehr geht es hauptsächlich darum wie eine Entwicklung vonstatten geht. Es stellt sich demnach nicht die Frage nach ihrer Tatsache, sondern eher nach ihrer Art und ihrem Ziel. In diesem Zusammenhang muss nach den dynamischen Entwicklungszusammenhängen gefragt und auf deren prozessuale Ausrichtung eingegangen werden. Bei der Betrachtung der Länder im Hinblick auf ihren Entwicklungsstand ist es notwendig sich auf einen statischen Aspekt zu beziehen, wobei es sich in diesem Augenblick mehr um eine Momentaufnahme handelt, und mehrere Momentaufnahmen den prozessualen Charakter widerspiegeln.

In der Vergangenheit gab es verschiedene Versuche, sich von diesem sehr allgemein gehaltenen Begriff zu lösen. Andere Beispiele zur Spezifizierung sind Bezeichnungen wie arme, rückständige, unentwickelte, unterentwickelte oder periphere Länder. Allein die Vielzahl der vorgeschlagenen Termini zeigt die Schwierigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung. Es ist zum großen Teil nicht gelungen, sich von der prozessualen Ausrichtung der Entwicklung zu lösen. Auch Hemmer (2002: 5) bevorzugt den eher abwertenden Begriff der rückständigen Länder und gibt eine Interpretation, welche das Dilemma der Wissenschaft widerspiegelt. Er bezeichnet die Entwicklungsländer als „...jene Länder, deren bislang erreichter Lebensstandard hinter den meist als Vorbild angesehenen Ländern [...] zurückgeblieben ist.“. Damit legt er die entwickelten Länder als eine zu erreichende Norm fest, wobei er jedoch nicht näher auf die Frage eingeht, was denn direkt als Norm angesehen wird. Hierbei ergibt er sich den Vorwurf einer Homogenität, welche - aufgrund kultureller Unterschiede (wenn auch nur kleiner) - nicht existiert. Vielmehr trennt er sich von dem fragwürdigen Begriff der „Entwicklung“ und versucht nun anhand eines anderen Terminus eine Definition aufzustellen. Dieser Versuch mag zwar in einem allgemein gehaltenen Rahmen ausreichend sein, sagt aber nichts über das Problem der Wissenschaft aus. Auch wenn seine Ausführungen als zutreffend anzusehen sind, impliziert dies keine Aussagen zu der eigentlichen Frage nach dem Wesen der EWL. Ein Verweis auf die Rückständigkeit der EWL soll demzufolge ausreichend sein, um diese zu erklären. Nun räumt der Autor selber ein, dass sich eine Begriffsfindung als sehr schwierig erweist, wofür ihm kein Vorwurf zu machen ist.

Bobek (1962: 68) betrachtet in diesem Zusammenhang die EWL als unterentwickelte Staaten und findet sogleich eine Interpretation dieses Begriffs. „Als „unterentwickelt“ betrachtet man heute Länder oder Bevölkerungen, die einen extrem niedrigen Lebensstandard aufweisen, genauer gesagt, in denen die große Mehrheit der Bevölkerung durch bittere Armut und meist auch chronische Unterernährung gekennzeichnet ist, während ihre Wirtschaft offenkundig der Fähigkeit zur Entfaltung der Produktivkräfte im nötigen Ausmaße aus Eigenem entbehrt.“ In Anbetracht dieser Definition wird bewusst, wie wenig über die Problematik der EWL bekannt ist. Auch wenn Bobek’s Interpretation als zutreffend gelten kann, entblößt sie doch nicht das eigentliche Problem der Spezifizierung. Er geht nicht näher auf die Faktoren des niedrigen Lebensstandards, der bitteren Armut oder der chronischen Unterernährung ein und definiert auch kein Optimum. Es fehlen Referenzwerte, von denen aus er die UE betrachtet. Weiterhin bezeichnet er die industrialisierten Länder als „entwickelt“, „...während das Prädikat „unterentwickelt“ allen jenen Ländern zuteil wird, denen es noch nicht gelungen ist, sich in entsprechenden Umfang zu industrialisieren oder [...] ihre Produktion im Sinne des Industrialismus zu rationalisieren.“ (Bobek 1962: 78). In dem Moment, wo er die IL als „entwickelt“ bezeichnet, verfällt er einem Ethnozentrismus, welcher in vielen Gesichtspunkten kritisiert wurde. Er betrachtet die EWL vom Standpunkt seiner eigenen Gesellschaft und stellt deren Rückständigkeit in den Vordergrund, wodurch industrialisierte Länder mit dem Prädikat der optimalen Entwicklung versehen werden. Auch wenn diese Aussagen als äußerst zweifelhaft empfunden werden können, sagt es nichts über die Grenze zu unterentwickelten Ländern oder über die Frage, wo denn nun die eigentliche UE beginnt. Dazu werden statistische Abgrenzungen benötigt, die genauere Auskunft darüber geben könnten. Allerdings hält sich der Autor fern von statistischen Abgründen, was in diesem Zusammenhang auch als durchaus wünschenswert gelten kann.

An anderer Stelle definiert Menzel (1992: 71f) die unterentwickelten Länder als Staaten, in denen „...die Armut, die weitverbreitete Unterernährung und eine Wirtschaftsstruktur, die im wesentlichsten noch von der Landwirtschaft bestimmt und überdies betriebstechnisch rückständig ist.“. Natürlich betreffen auch diese Aspekte eine UE, wobei es keine Referenzwerte gibt, um diese in irgendeiner Weise zu klassifizieren. Um dies zu umgehen, bezieht er sich auf die UN, die ein Durchschnittseinkommen von weniger als 300 $, einem Kalorienverbrauch unterhalb dem Weltdurchschnitt, welcher bei ca. 2500 Kal liegt, sowie einem Beschäftigungsanteil der Landwirtschaft von 2/3 der Gesamtbevölkerung angibt. Sicher sind diese Daten nicht sehr aufschlussreich, weil verallgemeinernd. Aus diesem Grund können sie weniger zu einer genauen Klassifizierung beitragen, da ein Durchschnittseinkommen nicht die Einkommensverteilung berücksichtigt und ein Beschäftigungsanteil in der Landwirtschaft erfasst, welcher den informellen Sektor der urbanen Zentren vernachlässigt, obwohl genau dort eine weitaus höhere Armut wahrscheinlich ist.

Wie in den IL unschwer zu beobachten ist, haben wirtschaftlich nutzbare Kenntnisse und Fertigkeiten zu einem gewissen materiellen Wohlstand der Gesellschaften geführt. Auch wenn dies als durchaus zutreffend einzuschätzen ist, deutet solch eine eher wirtschaftliche Betrachtungsweise auf eine Verkennung des Problems hin. Es kann nicht das Ziel sein, den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu vernachlässigen und sich einzig und allein auf ökonomische Faktoren zu beziehen. In diesem Zusammenhang muss auf Einkommensunterschiede, Wohlstandsgefälle, sowie auf die Fähigkeit, bestimmte Lebensbedingungen bereitstellen zu können, welche wiederum von sozialen oder kulturellen Faktoren abhängen, verwiesen werden. Schlussendlich müssen mehrere Faktoren in eine Definition einfließen, wobei es sich als unmöglich erweist, allgemeine Aussagen zu treffen, die als hinreichende Bedingung einer Klassifizierung gelten können. Grobe Einteilungen erweisen sich als unzureichend, da verschiedene Aspekte einer menschlichen Gesellschaft nur ungenügend in eine Definition einfließen und somit eine Klassifizierung oder Polarisation in Entwicklungs- und Industrieländer unmöglich macht.

2.2 Die Dritte Welt im entwicklungstheoretischen Kontext

Auf den ersten Blick hat dieser seit 1955 bestehende Begriff eine etwas abwertende Konnotation, obwohl dies nicht beabsichtigt war, als er geschaffen wurde. Seine Entstehung geht zurück auf die Epoche des Kalten Krieges, während die Welt eine Blockteilung aufwies. Auf der einen Seite standen die kapitalistischen Staaten, welche als „Erste Welt“ bezeichnet wurden. Demgegenüber gab es die sozialistischen Staaten, die den Begriff der „Zweite Welt“ zugeteilt bekamen. Bei dieser Polarisation fielen einige Staaten durch das Raster, da sie sich zu keiner der beiden Blöcke zugehörig fühlten und eher einen unabhängigen Weg zu verfolgen suchten und sich daher als eine „Dritte Welt“ bezeichneten. Bis Mitte der achtziger Jahre waren dies die spezifischen Einheiten des Weltsystems. Dieser Begriff hatte vorerst eine politische Bedeutung, mit dem es zu einer Abgrenzung kommen sollte. Die einsetzende Solidaritäts- und Blockfreienbewegung der „Gruppe der 77“ suggerierte im Nachhinein eine gemeinsame Interessenlage, welche darauf hinaus lief, dass „...gemeinsame politische Handlungen [...] und eine kollektive Lösung der Probleme der „Dritten Welt“ möglich sei.“ (Menzel 1992: 39f). Damit sollte der „...Selbstbehauptungswillen der [EWL] in der sich seit Beginn der 70er Jahre verschärfenden Auseinandersetzung um eine neue Weltwirtschaftsordnung...“ (Nohlen 1993: 18) symbolisiert werden. Bezugnehmend auf LA schlossen sich einige Staaten dieser blockfreien Bewegung an, und zeigten ihre ideologische Unabhängigkeit, wobei allerdings der Einfluss der USA in diesem Kontext nicht übersehen werden konnte. (vgl. Rehrmann 2005) Spätestens mit dem Zusammenbruch der Zweiten Welt und damit der Optionen für einen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sollte, so Menzel (1992), auch das Ende der Dritten Welt erreicht sein. Der sich nun entwickelnde Eine-Welt-Diskurs machte eine weitere Einteilung unbrauchbar. Es begann sich ein globale Dynamik herauszubilden, welche weniger von den Staaten beeinflusst wurde. Besonders multinationale und transnationale Akteure sorgten nun für die Änderung der Produktionsverhältnisse zu Lasten der EWL. Die abwertende Bedeutung dieses Begriffes stellte sich mit der zunehmenden Abhängigkeit von den IL ein, da gerade diese Länder einen Nachteil in ihrer Produktionskapazität aufwiesen, welche sie als arm oder auch unterentwickelt deklarierte. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts konnte diese Polarisation der Welt nicht mehr aufrechterhalten werden.

2.3 Schwellenländer und das Scheitern der Theorien

Nachdem die ehemaligen Kolonien ihre nationale Unabhängigkeit erreichten, setzte ein Heterogenisierungsprozess ein, welcher die erklärenden theoretischen Ansätze vor Probleme stellten. Es wurde absehbar, dass allgemein gehaltene Ansprüche nicht mehr tragbar seien, was sich auch auf deren Legitimation auswirkte. Ging man von einer strengen Homogenität der EWL im Hinblick auf die modernisierungs- oder dependenztheoretischen Ansätze aus, so entzogen sich gerade diese Staaten, welche als eigentliches Forschungsobjekt galten, einer theoretischen Betrachtungsweise aufgrund der eben nicht mehr gegebenen Homogenität. In modernisierungstheoretischer Hinsicht wurde der Aspekt des weltweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandels nicht erfüllt, da sich ein Wachstum nur partiell einstellte und lange nicht alle Bevölkerungsschichten davon profitierten. Während Wissenschaftler noch immer nach einer Legitimation dieser Theorie suchten, wollten lokale Eliten ihre Pfründe verteilen um ihre Macht oder ihr Prestige zu steigern. (vgl. Menzel 1992: 47) Auch in politischer Hinsicht konnte der modernisierungstheoretische Ansatz seiner optimistischen Annahme zur zwangsläufigen Demokratisierung nicht standhalten. (ebd: 37) Bezugnehmend auf LA sei auf die Entstehung autoritärer Regime ab den siebziger Jahren verwiesen. Aus dependenztheoretischer Sicht konnte die Annahme peripherer, abhängiger Staaten ebenso wenig gehalten werden, da sich dieses Paradigma nicht verifizieren ließ.

In diesem Zusammenhang sei auf die SL verwiesen, welche eben doch eine gewisse Annäherung an die Staaten der Ersten Welt durch erfolgreiche Industrialisierungs- und Agrarmodernisierungsprozesse aufwiesen. Menzel (1992: 29) bezeichnet diese als Staaten, welche „...bereits über viele Attribute westlicher Industriegesellschaften verfügen und ihrerseits einen bemerkenswerten Verdrängungswettbewerb auf den Weltmärkten auslösen.“. SL, welche auch als NIC’s bezeichnet werden, traute man einen „...erfolgreichen Prozess nachholender in- dustrieller Entwicklung zu...“ (Nohlen 2002: 708). Sie verfügten über hohe Wachstumsraten und einer diversifizierten Industrieproduktion, wodurch es ihnen gelang, die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft zu überwinden. Als Beispiele hierfür können einige Staaten LAs aufgezählt werden. So ist es fraglich, inwieweit Brasilien, Argentinien, Chile oder Mexiko als EWL gelten. Obwohl gewisse Abhängigkeiten nicht zu verleugnen sind, habe sie es doch geschafft, einen Industrialisierungsprozess in Gang zu bringen. Auch wenn dieser mit einer exorbitanten Verschuldung einherging, konnte ein Wirtschaftswachstum erzielt werden. Jedoch war das mit einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft verbunden. Besonders in dieser Region beschränkten sich Wachstumsimpulse auf die urbanen Zentren des Landes und periphere Regionen wurden, mit der folgenden Verarmung weiter Bevölkerungsteile, abgekoppelt. Im weiteren Kontext wurden die ostasiatischen Tigerstaaten (Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong) und auch europäische Länder, wie Malta, Griechenland oder Portugal mit dem Prädikat der SL versehen. Allerdings sind gewisse Unterschiede im Bezug zu LA zu konstatieren. Die Tigerstaaten konnten auf eine Entwicklung unter Einbezug peripherer Bevölkerungsteile verweisen, so dass es zu einer geringeren Polarisation kam. Periphere Regionen wurden mehr oder minder in dieses Modell mit einbezogen, was eine bessere Verteilung der Einkommen nach sich zog und mehrere Bevölkerungsschichten daran partizipierten. In der weiteren Entwicklung sollte sich die angenommene Homogenität der SL als ein Phantasma erweisen. Besonders die Tigerstaaten und europäische Länder setzten sich von diesem Terminus ab. Das Aufschließen zu den IL war nicht länger zu übersehen, so dass besonders die Staaten des asiatischen Erfolgsmodells heute auf eine hochentwickelte und technologisierte Gesellschaft blicken können, welche den Vergleich mit den IL nicht zu scheuen braucht. LA erhoffte sich ebensolche Entwicklungen, welche jedoch durch die bleibenden Abhängigkeiten eher bescheiden blieben. Aufgrund der Tatsache der Anpassungserfolge konnten besonders dependenztheoretische Erklärungsmodelle nicht mehr gehalten werden. Was eine weitere Analyse der EWL anging, so zeigte sich doch der zunehmende Druck, endogene sowie exogene Faktoren in die Betrachtung einfließen zu lassen. Diesem Anspruch konnte keine der Theorien standhalten und es kam in stärkerem Maße zu einer „Vermischung“ beider Sichtweisen, wodurch sich auch die Wissenschaftler selbst genötigt sahen, von ihrer jeweiligen theoretischen Ausrichtung abzuweichen und auch Argumente der jeweils anderen Theorie zuzulassen.

Nach Menzels Ansicht geht das Scheitern der großen Theorien mit dem Ende der Dritten Welt einher. In diesem Zusammenhang ist der Autor sehr stark theoretisch fokussiert und kon- statiert das Ende der Dritten Welt durch den fehlenden erklärenden Ansatz. Damit legt er nahe, dass ein Untersuchungsgegenstand nur insoweit existent ist, wie dieser auch definiert und dessen Entstehung theoretisch erklärt werden kann. Er betrachtet zwar beide Theorien als gleichständig und lässt sich nicht als ein Anhänger einer Theorie klassifizieren, wobei er nach allgemeinen Erklärungen sucht aber nach der Erkenntnis der Unzulänglichkeit beider Ansätze doch sehr schnell aufgibt und die EWL ihrem Schicksal überlassen möchte. Demnach ist eine entwicklungspolitische Debatte nur möglich, wenn ihr Untersuchungsobjekt mit einer oder mehreren Theorien legitimiert ist. Auch wenn dem zugestimmt werden kann, bleibt es doch bei der Tatsache der Existenz einer Dritte Welt. Es ist schwer möglich, ein Problem anhand eines Mangels an Erklärungsansätzen zu übergehen. Vielmehr muss nach Lösungsansätzen gesucht werden, auch ohne den Rückgriff auf den - für Menzel notwendigen - Erklärungsansatz.

Auch wenn statistische Daten in einigen Fällen nur schwer zugänglich sind, ist es dennoch möglich, eine Forschung zu betreiben. Der Vorwurf Menzel’s, wonach der Wissenschaft die notwendigen statistischen Daten verloren gehen, mag zwar – aufgrund eines fale state – zutreffend sein, kann aber nicht als Grund zur Aufgabe gesehen werden. Seitdem die westliche Kultur ihren eigenen Entwicklungsstand als Norm definiert hat und sich der Differenzen bewusst wurde, gingen aus den theoretischen Ansätzen auch Strategien zur Hebung des Entwicklungsniveaus heraus. Es wird als eine moralische Pflicht der IL angesehen, anhand von Unterstützungsleistungen eine Entwicklung in Gang zu setzen, was sich allerdings als recht schwierig erweist. Das häufige Scheitern der Strategien ändert nichts an dieser Verpflichtung, was darauf hindeutet, dass eine Entwicklungspolitik weiterhin notwendig ist, allerdings unter anderen Perspektiven. Mittlerweile sind die Gründe für die UE hinlänglich bekannt, und es geht in der heutigen Zeit vielmehr darum, Wege aus dieser Situation zu finden, unabhängig von Erklärungsansätzen und gemäß den gegenwärtigen Ansprüchen. Seit den achtziger Jahren geht die Wissenschaft zunehmend dazu über, nicht von Theorien zu sprechen, sondern eher nach Strategien als Wege aus der UE zu suchen. Dazu ist es notwendig, die Situation in den EWL zu erfassen, wobei allerdings nur begrenzt allgemeine Aussagen getroffen werden können, da jedes Land oder jede Region seine eigenen Charakteristika besitzt, welche im Hinblick auf eine Strategie mit berücksichtigt werden müssen. Nuscheler (1991: 92) verweist auf genau diesen Aspekt, wenn er schreibt, dass „...es keinen für alle Kontinente und Ländergruppen mit verschiedenen Strukturproblemen passenden entwicklungstheoretischen Universalschlüssel [gibt]. Unterentwicklung ist ein komplexer Zustand [...], der nicht mit griffigen Formeln erfasst werden kann. Monokausale Erklärungen, die den Zustand der Unterentwicklung auf einzelne Ursachen zurückführen, bringen allenfalls Halbwahrheiten hervor.“.

3. Indikatoren der Entwicklung

3.1 Zentrale Probleme der Entwicklungsländer

Bevor auf mögliche Indikatoren eingegangen werden soll, erscheint es als durchaus sinnvoll, die zentralen Charakteristiken vorab zu betrachten, um eine Einführung und die Vermittlung von Grundkenntnissen voranzustellen. Hierbei soll vorerst eine Homogenität der EWL unterstellt werden, um eine allgemeine Benennung zu ermöglichen und während des späteren Verlaufs zu einer genaueren Analyse überzugehen. Lachmann (2004: 2) stellt in diesem Zusammenhang die zentralen Probleme heraus, und konstatiert folgende Aspekte.

- die ungleiche Einkommensverteilung
- die zunehmende Urbanisierung
- die hohen Bevölkerungswachstumsraten
- die hohe Arbeitslosigkeit
- die mangelhafte ärztliche Versorgung
- die Ernährungsdefizite
- die Zerstörung der Umwelt
- die geringen Alphabetisierungsraten
- ein hohes Gewicht der Landwirtschaft bei der Erzeugung des Sozialprodukts

Bei diesen Merkmalen wird auch deren Unzulänglichkeit deutlich, da eine UE nur unzureichend erklärt werden kann, und die erforderlichen Bewertungen fehlen. Beispielsweise ist eine hohe Urbanisierung auch in der westlichen Welt zu konstatieren (Tab. 3), nur mit dem Unterschied, dass sich die Bevölkerung nicht auf eine oder wenige Städte konzentriert, wie es häufig in EWL der Fall ist. Daher wäre es wünschenswert, die urbane Bevölkerung in Bezug zu der Anzahl der Städte zu betrachten, um einen reellen Urbanisierungsgrad festzustellen. Aus diesem Grund kann der Urbanisierungsgrad als solches nicht in einen Indikatorenkatalog übertragen werden. Des Weiteren ist die Zerstörung der Umwelt nicht von den IL abzukoppeln, da es auch dort noch Diskrepanzen gibt, und von einem optimalen Schutz der Umwelt nicht die Rede sein kann. Wenngleich der Umweltschutz nicht vollständig abzulehnen ist, kommt es dabei jedoch mehr auf die Gewichtung an, welche die jeweilige Legislative ihm zuspricht. Andere Aspekte können zwar als Indikatoren der UE angewandt werden, dennoch fehlt ihnen jeglicher Bezug. Gern werden die Zustände der westlichen Welt als relevant und optimal angesehen, doch bleibt dies mit Zweifeln behaftet. Es ist also nicht ausreichend, sich allein auf solche Charakteristika zu berufen, um eine UE zu konstatieren, da diese auf eine eher oberflächige Betrachtungsweise beschränkt sind. Tatsächlich sind es eher Länderanalysen, welche einen genaueren Blick auf die EWL freigeben. Dies würde wiederum dem Credo der Wissenschaft entgegenstehen, wonach es um eine Aggregation einer Vielzahl von Daten geht, die jedoch zu den beschriebenen Unzulänglichkeiten im Hinblick auf mögliche Klassifizierung führt. Auch soll vorangestellt werden, dass die folgenden Indikatoren nur Durchschnittswerte der einzelnen Staaten enthalten und daher nicht unbedingt die Realität wiedergeben. Demnach müssen sämtliche statistische Angaben mit Vorsicht behandelt werden, da sie zwar einen guten Überblick darstellen, aber dennoch kein reelles Bild der Länder aufzeigen.

3.2 Natürliche Indikatoren

Allen voran soll eine Einschätzung der natürlichen Bedingungen stehen. In diesem Zusammenhang ist es fragwürdig, ob natürliche Faktoren eine entscheidende Rolle spielen können. Allein natürliche Ressourcen können nicht als hinreichende Bedingung für eine Entwicklung gesehen werden. Weischet (1980: 83) weist auf die Möglichkeit hin, „...das Fehlen natürlicher Ressourcen zu kompensieren durch die Substitution von Kapital oder Arbeit und durch soziale und ökonomische Verbesserungen einschließlich Erziehung und Management. [Es] läßt sich [...] feststellen, dass keine Gründe für die Annahme vorhanden sind, dass fehlende natürliche Ressourcen irgendwo eine Limitierung ökonomischer Entwicklung sind...“. Diese Feststellung koppelt jegliche Entwicklung von den natürlichen Gegebenheiten eines Landes ab und setzt einen Bezug zu der staatlichen Fähigkeit zum Ausgleich eines Ressourcenmangels. Demnach können die vorhandenen Ressourcen keine Schlüsselposition im Entwicklungsprozess angedacht werden. Jedoch verweist der Autor auf den „...Besitz natürlicher Reichtümer [, welcher] einen gewissen Anfangsvorteil für die wirtschaftliche Weiterentwicklung...“ (ebd.) darstellt. Er räumt ihm also dennoch eine gewisse Bedeutung ein, was im Hinblick auf die Entwicklung der westlichen Welt zu bestätigen ist. Europa oder Nordamerika konnten zu Beginn der Industrialisierung auf immense Vorkommen an Kohle verweisen, welche vorerst die Quelle der Energie darstellte. Im späteren Verlauf wurden weitere Energiequellen, wie Erdöl oder Erdgas, entdeckt, die gegenwärtig einen unverzichtbaren Bestandteil, wenn nicht sogar Voraussetzung, der westlichen Kultur darstellen. Eine Betrachtung der heutigen politischen Lage verdeutlicht diesen Umstand durch den sich verschärfenden Kampf um die natürlichen Reichtümer der Erde. Nun kann jedoch nicht bedenkenlos von einer Ressourcenknappheit der EWL ausgegangen werden. Vielmehr spielen die Verwendung der dadurch erzielten Einkommen sowie die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle. Mit Blick auf Lateinamerika lässt sich Venezuela benennen, welches auf große Erdöllagerstätten verweisen kann. Auf den ersten Blick liegt demnach die Vermutung nahe, es als IL einzustufen. Bei näherer Betrachtung wird jedoch die Notwendigkeit der Betrachtung kulturelle Faktoren deutlich. Weiterhin fließen auch physischgeographische Faktoren in die Betrachtung ein. So wird das Vorhandensein von Wasser, Wald oder Böden ebenfalls als natürliche Ressourcen behandelt. Bezugnehmend auf die Ressource Wasser ist zu konstatieren, dass besonders in Regionen mit geringen Niederschlägen eine staatliche Sicherung dieses Grundbedürfnisses notwendig ist. Im agrarischen Bereich, welcher in den EWL noch immer einen Großteil der Wirtschaft darstellt, sind die Böden als lebenswichtige Ressource anzusehen. Sind diese wiederum weniger geeignet, kann von einer stets ausreichenden Ernte kaum die Rede sein. Anhand dieser Erläuterungen kann dem Argument von Weischet (ebd.) durchaus zugestimmt werden. Natürliche Faktoren spielen daher eine nur geringe Rolle im Entwicklungsprozess, da dem Staat deren Ausgleich durch Substitutionen obliegt.

3.3 Ökonomische Indikatoren

Als wirtschaftlicher Entwicklungsindikator wird seit Beginn der entwicklungspolitischen Debatte immer wieder das Pro-Kopf-Einkommen angegeben, welches sich ergibt, indem das gesamte Volkseinkommen durch die Bevölkerungszahl eines Landes dividiert wird. Dabei wird vom Bruttosozialprodukt ausgegangen, welches die produktiven Leistungen sämtlicher Aktivitäten eines Landes widerspiegelt. Allerdings tauchen bei der Erfassung dieses Faktors erhebliche Probleme auf, wodurch genaue Angaben nahezu unmöglich sind. Ursachen liegen zum einen in der Verzerrung der Gütermengen durch illegale Transaktionen, mangelhafte Statistiken, Subsistenzwirtschaft und dem informellen Sektor. Dies wird bei der Betrachtung ausländischer Arbeitskräfte innerhalb eines Landes deutlich. So genannte Gastarbeiter tragen natürlich zum BSP bei und es liegt nahe diese Gütermenge mit einfließen zu lassen. Dabei wird jedoch vergessen, dass ein Teil des erwirtschaften Gewinns in das Ausland oder das jeweilige Heimatland transferiert wird und demnach nicht dem gesamten BSP zugerechnet werden kann. Umgekehrt gelten die einfließenden Gewinne aus dem Ausland als Rente, da für diesen Wert kein Gegenwert erbracht, er also nicht erwirtschaftet wurde. Weiterhin sollte den inländischen Statistiken einen hohen Fehlerquotienten beigemessen werden. In diesem Zusammenhang kann durchaus auf die Subsistenzwirtschaft oder den informellen Sektor verwiesen werden, dessen Daten durch staatliche Institutionen nicht widergegeben werden, da sie sich ihm völlig einziehen. Hemmer (2002: 11) schätzt die Verzerrung auf bis zu 30% ein. Damit entbehrt das BSP seiner Grundlage, was dennoch nicht hinderlich ist, diesen auch weiterhin als augenfälligsten Indikator zu benutzen.

Aufgrund der Kenntnisse über die Unzulänglichkeit des BSP lag die Hoffnung auf die Angabe des PKE. Für deren Erfassung sind jedoch brauchbare Daten über die Gesamtbevölkerung eines Landes erforderlich. Die Erhebung dieser Daten gestaltet sich besonders in EWL als recht schwierig, da nicht alle Bevölkerungsteile berücksichtigt werden können. Ebenfalls problematisch ist die Errechnung des PKE in Ländern mit einer relativ geringen Bevölkerungszahl, wodurch wiederum der Wert eine künstliche Anhebung erfährt, aber eben nichts über die tatsächlichen Zustände angibt. Weiterhin kann es zu Doppelzählungen kommen, welche die sich ergebene Bevölkerungszahl verfälscht und somit eben auch ein verzerrter Wert des PKE errechnet wird. Ein anderes Problem betrifft die Währungsumrechnung, da das PKE im internationalen Maßstab des Dollar angegeben wird und somit durch die verschiedenen Umrechnungen nur bedingt die Realität widerspiegelt. Ein Rückschluss auf den tatsächlichen Entwicklungsstand eines Landes ist aufgrund der genannten Probleme schlecht möglich. Trotzdem wird das PKE als Entwicklungskriterium noch immer akzeptiert. Natürlich ist es nicht zulässig, ihn als einzig relevanten Faktor in eine Analyse einbeziehen. Dazu gesellen sich noch andere Indikatoren, welche das UNRISD herausstellt (Tabelle 1) und auch in die Betrachtung mit einbezogen werden sollten. Auch sie entbehren nicht der bereits erwähnten Unzulänglichkeiten, da sie sich auf Indikatoren beziehen, welche von statistischen Werten abzuleiten sind. Nicht direkt quantifizierbare Aspekte fließen nicht in die Analyse ein und erschweren somit eine Betrachtung einzelner Staaten.

Es erweist sich als recht schwierig, die wirtschaftlich aktive Bevölkerung sowie deren Lohn- und Gehaltsempfänger zu erfassen, wo besonders der informelle Sektor in lateinamerikanischen Ländern überaus groß ist. Allein in Venezuela „...mussten sich [im Jahr 2003] mehr als 51 % der Venezolaner ihren Lebensunterhalt im informelle Sektor verdienen.“ (Bodemer 2004: 239). Daher würde eine Erfassung des BSP auf der Grundlage der Hälfte der Bevölkerung stehen, was sich möglicherweise bei der Errechnung des PKE ausgleicht. Es ist bekannt, dass gerade dieser informelle Sektor nicht in die offiziellen Statistiken einfließt, wodurch deren Aussagekraft äußerst fraglich ist. Auch der Bezug zu männlichen Arbeitskräften bedarf einer Interpretation, da besonders innerhalb der Subsistenzwirtschaft - welche ebenfalls nicht in offiziellen Statistiken beachtet wird - Frauen eine aktive Rolle zur Überlebenssicherung einnehmen. Obwohl Frauen in diesen Gesellschaften oftmals ein geringerer Wert beigemessen wird, sind sie doch präsent und erwirtschaften einen Teil des Bruttosozialprodukts. Auch in Bezug zum Verbrauch an Elektrizität, Stahl und Energie sind offizielle Daten weniger aufschlussreich, da sie die Wirklichkeit verschleiern. Wichtiger wäre hier eine Differenzierung um festzustellen, welche Bevölkerungsgruppen an dieser Ressource partizipieren. Es ist anzunehmen, dass besonders die ländliche Bevölkerung keine Möglichkeiten besitzt und ohne Elektrizität – dem industriellen Gut schlechthin – auskommen muss. Einzig hilfreich scheint die strukturelle Differenzierung der Produktion zu sein, da der Agrarsektor im Vergleich mit den IL eine hervorgehobene Stellung einnimmt. Dies ist besonders in agrarisch geprägten Staaten der Fall, wo der Anteil der Landwirtschaft am BSP über 10% betragen kann. Als Beispiele seien Guatemala (22,5%), Kolumbien (13,9%) oder Bolivien (14,6%) genannt, wobei die Daten aus dem Jahr 2002 stammen. (vgl. Bodemer 2004) Im Gegensatz dazu weisen die IL häufig Werte unter 5% auf.

Oftmals liegen die Ursachen der UE genau in den schlecht quantifizierbaren Bereichen der Gesellschaften, welchen in dem Zusammenhang ein stärkeres Gewicht zukommen muss. Problematisch wird dies jedoch im Hinblick auf die Verifizierung der Daten, da diese häufig eben nicht einer quantitativen Natur entsprechen. Demnach ist es notwendig, sich verstärkt den schwer verifizierbaren Indikatoren zu widmen, um statistische Verfälschungen zu minimieren. Diese Ausführungen sollen allerdings keineswegs zu der Annahme verleiten, wirtschaftliche Indikator nicht mehr in Betracht zu ziehen. In einem Ländervergleich liefern sie einen hilfreichen Überblick, allerdings sollte man bei der Arbeit mit diesem Faktor eher vorsichtig sein und sich deren problematische Erfassung bewusst sein.

3.4 Sozialdemographische Indikatoren

Nun ist es nicht ausreichend, sich nur auf wirtschaftliche Indikatoren zu beziehen. Auch wenn diese häufig als die primären Indikatoren anzutreffen sind, bieten sie doch ein recht undifferenziertes Abbild der Realität. Um dies zu umgehen, ist es notwendig, auch in anderen Gesellschaftsbereichen nach Kriterien zu suchen, um eine UE zu konstatieren. Wie im Folgenden deutlich werden wird, ist es nicht möglich, sich auf wenige überschaubare Indikatoren zu beziehen. Generell ist eine UE von einer Vielzahl sozialer Aspekte abhängig. Dabei soll wiederum auf das UNRISD verwiesen werden, welches einen sozialdemographischen Kriterienkatalog aufstellte, der in Tabelle 2 abgebildet ist.

Allein die Gesamtscholarisation, zeigt, dass allein diese Daten kein Gewicht haben, da sie sich jeglicher Differenzierung entziehen und in diesem Zusammenhang als nicht ausreichend erachtet werden können. Lateinamerikanische Staaten weisen zum großen Teil hohe Alphabetisierungsquoten auf, wobei aber nicht zwischen Grundbildung und einer höheren Bildung unterschieden wird. Laut dem UNDP 2005 sind ihre Werte im Bereich der Bildungsausgaben durchaus vergleichbar mit denen der IL, was vorerst auf ein ähnliches Niveau deutet. Jedoch wird dabei die ungleiche Verteilung der Bildungschancen der Bevölkerung verschleiert. Es geht nicht hervor, welche Bevölkerungsgruppen einen Zugang zu einer universitären Ausbildung haben. Auch wenn das UNRISD von einer Gesamtscholarisation ausgeht, wird nicht deutlich, wie die Bildungssituation des Landes aussieht. Aus diesen Angaben gehen nicht die Dauer des Schulbesuchs (in Jahren) sowie die Einschulungsquote hervor. Die alleinige Einschulungsquote muss in Bezug der schulfähigen Kinder betrachtet werden, was in den EWL - aufgrund bereits erwähnter Zensusschwierigkeiten - nur sehr schlecht feststellbar ist. Die Dauer des Schulbesuchs sagt ebenfalls nichts über den Bevölkerungsteil, welchem das Privileg einer höheren Bildung zukommt. Vielmehr sollte zwischen einer Ganzzeit- oder Teilzeitbildung unterschieden werden, da Kinder aus ärmeren Bevölkerungsschichten häufig keine Möglichkeit haben, in den Genuss einer dauerhaften - über mehrere Jahre andauernde - Bildung zu gelangen. Zweckdienlich sollte das Augenmerk nun auf Abbildung 3 gerichtet sein, welche die durchschnittlichen Schuljahre - verteilt auf die Regionen der Erde - angibt. Es ist ersichtlich, dass - abgesehen von Europa und Nordamerika - in den lateinamerikanischen Staaten ein langjähriger Schulbesuch zu konstatieren ist. Mit Blick auf die Zukunft schätzt das UNDP eine weitere Zunahme der Schuljahre.

Im Hinblick auf die Lebenserwartung und die Geburten- und Sterberate (Tab. 4) lassen sich Rückschlüsse auf die Gesundheitsversorgung (Tab. 7) treffen, welche allerdings nur ein allgemeines Bild wiedergeben. Etwaige Diskrepanzen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen oder Ethnien werden nicht berücksichtigt. So ist davon auszugehen, dass die Eliten eines Landes eine bessere Gesundheitsversorgung vorweisen können, als untere Bevölkerungsschichten, denen ein Zugang zu dieser Ressource häufig versperrt bleibt. Ein Grund dafür liegt auch in der unzureichenden Infrastruktur, wonach einige Regionen zunehmend vom Staat abgekoppelt sind. In Tabelle 4 sind einige Indikatoren willkürlich gewählt, um auf Unterschiede zwischen EWL und IL im Hinblick auf soziale Faktoren hinzuweisen. Es sind Diskrepanzen ersichtlich, wobei sich diese jedoch nicht so stark unterscheiden, wie es bei einem Vergleich mit afrikanischen EWL und IL sichtbar wird. Der Lebenserwartung ist eine relative Sicherheit in der Gesundheitsversorgung entnehmbar, obwohl es doch Unterschiede gibt, welche in Tabelle 4 in Bezug zu ganz LA deutlich zu Tage treten. Betrachten wir uns hingegen afrikanische Staaten, so sind dort weitaus höhere Werte zu konstatieren. Hierbei seien nur auf die Lebenserwartungen in Simbabwe (33,9 Jahre) oder Lesotho (36,3 Jahre) verwiesen. (vgl. UNDP 2005) Hier kann auf Abbildung 4 hingewiesen werden, welche die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung auf die Regionen der Erde zeigt. Demnach ist seit 1980 ein stetiger Anstieg der Lebenserwartung verzeichnet, was auf eine Verbesserung der sozialen Dienstleistungen hindeutet.

Im engen Zusammenhang mit der Lebenserwartung besteht eine Interdependenz mit der Ernährung, welche das UNRISD mit dem Verbrauch von tierischen sowie pflanzlichen Kalorien pro Kopf und Tag gleichstellt. Damit schließt sich das UNRISD der Weltbank an, da auch diese die Ernährung in Kalorien angibt und deren Bedarf bei unterschiedlichen Quellen zwischen 2300 Kcal und 2600 Kcal schwanken. Auch wenn dieser Indikator als hilfreich anzusehen ist, dürfte eine Erfassung der entsprechenden Daten weitaus schwieriger sein. Dafür werden - wie so oft - Referenzwerte benötigt, welche die Weltbank zwar festlegt, jedoch nicht auf eine mögliche Verifizierung der Daten eingeht. Im Hinblick auf den Anschluss an Telefon, Elektrizität, Radio pro 1000 Einwohner ist zu sagen, dass dieser Indikator zwar eine gewisse Relevanz besitzt, aber ebenfalls nicht die Realität wiedergibt. Auch hier sollte eine Differenzierung vorgenommen werden. Besonders in der Versorgung mit Elektrizität können erhebliche Mängel besonders im ländlichen Raum auftreten, wenn die Anzahl der Haushalte zugrunde gelegt wird. Im Bereich der Telekommunikation kann es zu Mehrfachnennungen kommen, was aus der Möglichkeit des Besitzes mehrere Geräte herrührt.

3.5 Politische Indikatoren

In diese Indikatorengruppe spielt vorwiegend die Partizipation der Bevölkerung hinein. „Die Mitsprache der Bürger in der Gesellschaft und ihre Teilhabe an der Politik verbindet sie mit denen, die den Staat vertreten – den Politikern und den politischen Entscheidungsträgern.“ (Weltbank 2004: 91) Hierbei soll auf eine gesellschaftliche Partizipation hingewiesen werden, bei der ein Rückgriff auf die sozialen Indikatoren möglich ist. Bezugnehmend auf den Bereich der Telekommunikation muss betont werden, dass es hier auch um die Vernetzung mit anderen Teilen der Bevölkerung geht. Speziell in ländlichen Räumen kann von einem Mangel an Telekommunikation ausgegangen werden, was einem Informationsaustausch der Bevölkerung entgegensteht. Dieser ist jedoch notwendig, um ein Potential zur Durchsetzung der Interessen aufzubauen. Da von einer Abgeschiedenheit einiger Regionen ausgegangen werden kann, ist es für die Bevölkerung eher schwierig, ihre Interessen gemeinsam zu artikulieren. Daher stellt die mangelhafte Infrastruktur eine Behinderung in der Errichtung einer wirkungsvollen Zivilgesellschaft dar und es entsteht kein Gegengewicht zu den häufig noch vorhandenen zentralen Strukturen. Dies deutet auf eine geringe politische Partizipation hin, da sich eine Aggregation der Interessen als sehr schwierig erweist. Demnach stehen der Mehrheit der Bevölkerung in „...ihrer Organisation als politisches Subjekt [...] objektive Schwierigkeiten im Wege...“ (Senghaas 1981: 20f). In diesem Zusammenhang sind die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung in den urbanen Zentren höher einzuschätzen. Es besteht demnach ein Zusammenhang zwischen der Partizipation am gesellschaftlichen Leben und der Distanz zu den urbanen Zentren. Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass eine Partizipation häufig von den Eliten nicht erwünscht ist. Als ein zentraler Aspekt ist die Parteipatronage auszumachen, bei der politische Interessen über klientelistische Strukturen in den politischen Prozess eingebrachte werden. Häufig werden in diesem Zusammenhang die fehlenden Wählerstimmen mit Hilfe von Ressourcenverteilung „erkauft“. Notwendige Wählerstimmen werden also manipuliert und die Bevölkerung unterliegt dem Wohlwollen einiger Politiker. So ist beispielsweise zu beobachten, dass sich - besonders bei anstehenden Wahlen - einige Politiker durch Zugeständnisse materieller Art versuchen zu etablieren. Abhängig vom Regime ist auch zu konstatieren, dass es noch immer in vereinzelten Staaten LA zu einer Behinderung der Arbeit der Opposition kommt.

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Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Dritte Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer. Historische und gegenwärtige Bedeutung
Hochschule
University of Sheffield  (Geographie)
Veranstaltung
Regionalforschung und Raumplanung in Lateinamerika
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
56
Katalognummer
V84727
ISBN (eBook)
9783638009898
ISBN (Buch)
9783638915120
Dateigröße
2747 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dritte, Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer, Ihre, Bedeutung, Regionalforschung, Raumplanung, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Daniel Hampicke (Autor), 2006, Dritte Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer. Historische und gegenwärtige Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84727

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