In der Menschheitsgeschichte haben sich Disparitäten im Zugang zu Ressourcen herausgebildet, welche vorerst mit den natürlichen Bedingungen begründet wurden. Mit den aufkommenden Wissenschaften wurde dieser umweltdeterministische Ansatz hinterfragt. Eine der gestellten Fragen richtete sich auf die Gründe der unterschiedlichen Lebensbedingungen. Eine Beschränkung auf die Analyse der natürlichen Faktoren zeigte Grenzen auf, da die Ergebnisse eher unbefriedigend waren. Es stellte sich heraus, dass unterschiedliche Lebensbedingungen nicht allein an natürlichen Bedingungen geknüpft sind. Besonders in soziologischen Studien wurde auf die Spezies „Mensch“ als Gestaltungssubjekt der eigenen Umwelt hingewiesen, welche aufgrund der verändernden und erweiternden Bedürfnisse des Menschen einer zunehmenden Anpassung unterlag. Die Situationsanalysen führten zu einer Kategorisierung der Staaten, welche erhebliche Diskrepanzen aufzeigten. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich eine Debatte, welche sich der Erklärung dieser Disparitäten widmete und neben natürlichen Faktoren auch gesellschaftliche Unterschiede in Betracht zog. Eine grobe Einteilung erhielt man durch die evolutionistisch geprägte Kategorisierung in „Entwicklungsländer“ und „Industrieländer“, welche mit zunehmendem Kenntnisstand erweitert beziehungsweise verändert wurde.
Auf der Suche nach Erklärungsmodellen für die Unterentwicklung wurden verschiedene Theorien aufgestellt, von denen aus Platzgründen nur die Wichtigsten behandelt werden. Folglich wird auch das von Menzel postulierte Ende der Dritten Welt im Blickfeld der Untersuchungen liegen. Aufgrund der Schwäche der verschiedenen Ansätze begann sich eine Konzentration auf Indikatoren herauszubilden, die ausführlich diskutiert werden, wobei ihre Stärken und Schwächen gleichsam beleuchtet werden sollen. Im Hinblick auf diese Indikatoren kam es von verschiedenen internationalen Organisationen zu Klassifizierungen, welche Gegenstand dieser Abhandlung sein sollen. Abschließend ist es notwendig, einen Überblick über die gegenwärtige entwicklungspolitische Diskussion zu geben, welche von neuen Ansätzen begleitet sind. Einige dieser Ansätze sollen vorgestellt und diskutiert werden um einen groben Blick auf die Forschungsrichtung darzulegen. Das Ziel ist eine komplexe Darstellung der EWL in der historischen sowie gegenwärtigen entwicklungspolitischen Debatte.
Struktur des Inhalts
1. Vorbemerkung
2. Dritte Welt, Entwicklungsländer und Schwellenländer
2.1 Die Prozesshaftigkeit eines statischen Begriffs: Entwicklungsland
2.2 Die Dritte Welt im entwicklungstheoretischen Kontext
2.3 Schwellenländer und das Scheitern der Theorien
3. Indikatoren der Entwicklung
3.1 Zentrale Probleme der Entwicklungsländer
3.2 Natürliche Indikatoren
3.3 Ökonomische Indikatoren
3.4 Sozialdemographische Indikatoren
3.5 Politische Indikatoren
3.6 Kulturelle Indikatoren
3.7 Verteilungsindikatoren
3.8 Multidimensionale Indikatoren
3.8.1 Human Development Index
3.8.2. Human Poverty Index
4. International angewandte Klassifikationen
4.1 Länderklassifizierung der OECD
4.2 Länderklassifizierung der Weltbank
4.3 Länderklassifizierung der Vereinten Nationen
5. Neue Ansätze der entwicklungstheoretischen Debatte
5.1. Vorbemerkungen
5.2. Rückkehr zur traditionellen Kultur
5.3. Aufbau einer Zivilgesellschaft
5.4. Basisorientiertes Humankapital
6. Zusammenfassende Konzepte und Strategien
6.1 Regionalen Verwundbarkeit
6.2 Politischen Ökologie
6.3 Entwicklung von Innen
6.4 Dezentralisierung und nachhaltige Regionalentwicklung
7. Kritik und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, eine komplexe Darstellung der Entwicklungsländer im Kontext der historischen und gegenwärtigen entwicklungspolitischen Debatte zu erarbeiten. Dabei steht die kritische Auseinandersetzung mit der Definition und Kategorisierung der "Dritten Welt", der Entwicklungsländer sowie der Schwellenländer im Zentrum der Forschungsfrage, um Wege aus der Unterentwicklung jenseits veralteter Theorieansätze zu identifizieren.
- Historische und theoretische Grundlagen der Entwicklungsdebatte
- Analyse und Kritik gebräuchlicher Entwicklungsindikatoren
- Vergleich internationaler Länderklassifizierungsmodelle
- Neue Ansätze zur Förderung der Zivilgesellschaft und des Humankapitals
- Konzepte der nachhaltigen Regionalentwicklung
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Prozesshaftigkeit eines statischen Begriffs: Entwicklungsland
Seit Beginn der Entwicklungsdebatte steht die Wissenschaft vor dem Problem der Begriffsdefinition. In diesem Zusammenhang ist es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Entwicklung als Begriff zu fassen. Entwicklung stellt selbst keinen Zustand dar, der anhand bestimmter Indikatoren gemessen oder dargestellt werden kann, sondern beschreibt einen Prozess. Nach NOHLEN (2002: 227) ist dieser Begriff „...weder [...] allgemein gültig definierbar noch wertneutral, sondern abhängig von Raum und Zeit sowie [...] von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen.“.
Allein durch den Verweis auf Raum und Zeit wird die Prozesshaftigkeit dieses Begriffs deutlich und unterstreicht somit den normativen Charakter. Im Bezug zur Abhängigkeit von individuellen und kollektiven Bewertungen ist eine Gebundenheit des Begriffes vom Betrachter vorgegeben. Damit soll die Erkenntnis einer Entwicklung angedeutet werden, welche von den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen bestimmt wird und aufgrund der Mannigfaltigkeit menschlicher Gesellschaftsformen auch in deren Empfindungen variieren.
Gesellschaftliche Transformationen und deren Ursachen werden von den Personen wahrgenommen und als Fortschritt oder Regression bewertet, wobei dies von der jeweiligen Veränderung der Lebensbedingungen abhängt. Eine Optimierung wird als eine Verbesserung der individuellen Bedingungen registriert und auch auf die Gruppe übertragen. Dadurch kommt es zu einer positiven Bewertung der gesellschaftlichen Veränderungen, welche im Nachhinein als positive Entwicklungen dargestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einführung in die historische Entstehung von Disparitäten und die Notwendigkeit, Entwicklung als prozessualen Begriff zu verstehen.
2. Dritte Welt, Entwicklungsländer und Schwellenländer: Untersuchung der Problematik der Begriffsdefinition sowie des Scheiterns klassischer Entwicklungstheorien.
3. Indikatoren der Entwicklung: Detaillierte Analyse verschiedener Indikatoren wie ökonomische, soziale und kulturelle Kennzahlen und deren Unzulänglichkeiten.
4. International angewandte Klassifikationen: Gegenüberstellung der Klassifizierungspraktiken von OECD, Weltbank und Vereinten Nationen.
5. Neue Ansätze der entwicklungstheoretischen Debatte: Vorstellung moderner Ansätze wie dem Fokus auf Humankapital, kulturelle Faktoren und den Aufbau einer Zivilgesellschaft.
6. Zusammenfassende Konzepte und Strategien: Synthese von Strategien zur regionalen Verwundbarkeit, politischer Ökologie und dezentraler Entwicklung.
7. Kritik und Schlussbetrachtung: Kritische Reflexion der bisherigen Debatte und Plädoyer für einen holistischen, kontextabhängigen Forschungsansatz.
Schlüsselwörter
Entwicklungsländer, Schwellenländer, Dritte Welt, Unterentwicklung, Entwicklungsindikatoren, Humankapital, Zivilgesellschaft, regionale Verwundbarkeit, politische Ökologie, Dezentralisierung, Armut, HDI, HPI, Weltbank, OECD.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen und aktuellen Bedeutung und Kategorisierung von Entwicklungsländern und Schwellenländern in der entwicklungspolitischen Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Problematik der Begriffsdefinition von Entwicklung, die Aussagekraft verschiedener quantitativer Indikatoren sowie moderne Strategien der Regionalentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, eine komplexe Darstellung der Entwicklungsländer zu liefern, die über veraltete, monokausale Erklärungsmodelle hinausgeht und stattdessen prozessuale und kontextbezogene Ansätze in den Vordergrund rückt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Auswertung und kritische Synthese bestehender entwicklungstheoretischer Literatur, Diskussionen und internationaler Statistiken (z.B. UNDP, Weltbank).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schwächen statistischer Indikatoren, vergleicht internationale Klassifizierungsansätze und diskutiert neue Paradigmen wie die "Entwicklung von innen" und die Rolle kultureller Ressourcen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Unterentwicklung, Humankapital, Zivilgesellschaft, Politische Ökologie und die kritische Reflektion von Länderklassifizierungen.
Welche Rolle spielt die "regionale Verwundbarkeit" in diesem Buch?
Das Konzept der regionalen Verwundbarkeit dient als verknüpfender Baustein, um sozio-kulturelle und politisch-ökonomische Rahmenbedingungen bei der Analyse von Risikosituationen und Bewältigungsstrategien zu integrieren.
Warum hält der Autor klassische Indikatoren wie das Pro-Kopf-Einkommen für unzureichend?
Der Autor argumentiert, dass das PKE die Realität durch Verzerrungen (informeller Sektor, Subsistenzwirtschaft) sowie durch das Ausblenden der ungleichen Einkommensverteilung und sozialer Lebensqualitätsfaktoren nur unzureichend abbildet.
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- Daniel Hampicke (Author), 2006, Dritte Welt, Entwicklungsländer, Schwellenländer. Historische und gegenwärtige Bedeutung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84727