Prologe in der höfischen Epik

Eine kritische Betrachtung traditioneller Deutung mittelalterlicher Prologe


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Traditionelle Deutung der Prologe der höfischen Epik
2.1 Vertretbarkeitsrangstufen
2.2 Das exordium
2.2.1 attentum parare
2.2.2 docilem parare
2.2.3 benevolum parare
2.3 Bedeutung der antiken Rhetorik für den mittelalterlichen Prolog
2.4 Der Prolog in der mittelalterlichen Dichtung
2.5 Der Prolog zu Gottfrieds von Strassburg Tristan nach Brinkmann

3 Kritik an der traditionellen Deutung mittelalterlicher Prologe
3.1 Keine Prologe erwähnt
3.2 Keine insinuatio bei Tristan
3.3 Die mittelalterlichen Poetiken
3.4 Unklare Terminologie und spekulative Interpretationen
3.5 Zwei neue Betrachtungsweisen

4 Schluss

Bibliographie

1 Einleitung

Die Prologe stellen das einzige Gefäss der mittelalterlichen Dichtung dar, in welchem die Dichter selbst zu Wort kommen, ihr Werk kommentieren oder rechtfertigen, den Leser loben oder zum kritischen Hinterfragen auffordern. Die Prologe sind jedoch noch mehr; sie stehen für einen Dialog zwischen dem Verfasser und seinem Publikum, und in ihnen lassen sich bereits über lange Zeit laufende gesellschaftliche Diskurse manifestieren.[1] Mit dieser Charakterisierung von Prologen durch Hennig Brinkmann sind alle heutigen Betrachter mittelalterlicher Prologe noch einig. Schwieriger wird es bei der Interpretation der einzelnen Prologe. Bei der Beurteilung ihrer Aussagen oder in Bezug auf die Aufnahme bereits früher verfasster Richtlinien oder Empfehlungen, wie es einen Prolog abzufassen gilt, kommt Uneinigkeit auf.

Diese Arbeit befasst sich mit letzterer Problematik, dem Einfluss der antiken Rhetorik und der mittelalterlichen Poetiken auf das Verfassen von Prologen. Dabei geht es darum, den grundlegenden Beitrag zur Deutung mittelalterlicher Prologe, den Aufsatz Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung von Hennig Brinkmann vorzustellen, und ihn einer mithilfe der beiden Beiträge aus dem angelsächsischen Raum von Jaffe und Schultz[2], einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Ziel ist es verschiedene Herangehensweisen an die Deutung mittelalterlicher Prologe aufzuzeigen, und die zur Allgemeingültigkeit erhobene These Brinkmanns in Frage zu stellen.

Die Arbeit konzentriert sich dabei auf die exemplarische Darstellung des Tristan -Prologs von Gottfried von Strassburg, und zwar aus dem Grund, dass da die Kritik von Jaffe und Schultz ansetzt. In einem ersten Teil wird die These Brinkmanns mit Rückgriff auf die antike Rhetorik dargelegt. Im zweiten Teil werden die Kritikpunkte Jaffes und Schultzes ausgeführt und ihre alternativen Vorschläge zur Deutung des Tristan -Prologs vorgestellt.

2 Traditionelle Deutung der Prologe der höfischen Epik

Alle überlieferten Poetiken des Mittelalters (die so genannten artes poetriae) sind in lateinischer Sprache geschrieben und lassen sich auf antike Dichtungstheorien zurückführen. Es kann davon ausgegangen werden, dass viele Dichter einen lateinischen Bildungshintergrund besassen oder zumindest stark von ihm abhängig waren.[3] Allerdings erfuhren die antiken Dramen im Mittelalter keine Fortführung, weshalb ihre Prologe keine Auswirkungen auf die mittelalterliche Epik hatten.[4] Der Rückgriff auf traditionelle lateinische Argumentationsformen – vor allem dann anzutreffen, wenn es um Reflexionen über die Position und Funktion der Dichtung geht – orientierte sich an der antiken Rhetorik. Da davon ausgegangen werden kann, dass sämtlichen Dichtern des Mittelalters die antiken Texte der Rhetorik bekannt waren, wird ein Blick auf die antike Rhetorikkonzeption notwendig.[5] Ob dieser Rückgriff auf traditionelle Texte und Theorien auch für die Prologe von entscheidender Bedeutung gewesen ist, wird im Folgenden noch zu klären sein.

2.1 Vertretbarkeitsrangstufen

Entwickelt hat sich die Rhetorik durch der Beschäftigung mit der Gerichtsrede.[6] Dabei werden fünf Rangstufen der Parteien im Hinblick auf die rechtliche Vertretbarkeit ihres Standpunktes (sog. Vertretbarkeitsrangstufen) unterschieden[7]:

honestum genus

Der vertretene Gegenstand entspricht voll und ganz dem Wert- und

Wahrheitsempfinden des Publikums.

anceps genus

Der vertretene Gegenstand wird vom Publikum hinsichtlich der rechtlichen Vertretbarkeit ernsthaft in Frage gestellt.

admirabile genus

Der vertretene Gegenstand schockiert das Wert- und Wahrheitsempfinden des Publikums.

humile genus

Der vertretne Gegenstand stellt für das Wert- und Wahrheitsempfinden des Publikums eine belanglose und uninteressante Bagatellsache dar.

obscurum genus

Der vertretene Gegenstand bereitet dem Publikum wegen seiner Komplexität Schwierigkeiten fürs Verständnis, noch bevor das Wert- und Wahrheitsempfinden angesprochen werden kann.

Diese Vertretbarkeitsrangstufen sind nun für die Gestaltung des exordium besonders wichtig, da dort die Sympathie des Publikums für die vertretene Sache gewonnen werden muss. Je nach Rangstufe ist ein anderes Vorgehen notwendig.[8]

2.2 Das exordium

Das exordium stellt den Anfang der Rede dar. Es ist dafür zuständig, den Richter (oder im weiteren Sinne das Publikum) für den Redegegenstand zu gewinnen. Dabei ist die Gewinnung der Sympathie des Richters vom jeweiligen Vertretbarkeitsgrad des zu vertretenden Gegenstandes abhängig. Die Sympathiegewinnung reicht von sehr einfach beim genus honestum bis zu sehr schwierig beim genus admirabile. Die drei übrigen Stufen (anceps, humile, obscurum) bewegen sich zwischen den beiden Extrempositionen.[9]

Für das exordium existieren drei so genannte Suchformeln, das benevolum, das docilem und das attentum, welche dem Redner zur Suche nach einem geeigneten Gedanken, den er in seiner Rede zur Sympathiegewinnung einsetzen kann, verhelfen und zwischen dem Redner und dem Publikum vermitteln.[10]

2.2.1 attentum parare

Das Publikum ist aufgrund des Bagatellcharakters der Sache (humile genus), wegen Ermüdung, Hochmut oder Verwöhnung, etc. nicht wirklich zu begeistern.[11] Um nun das attentum parare (aufrüttelnde Vergegenwärtigung) zu erreichen, gibt es folgende Möglichkeiten:

Gilt der Gegenstand beim Publikum als Bagatellsache, so benötigt man einen zusätzlichen Aufmerksamkeitseffekt, wobei dieser in der Behauptung besteht, die vertretene Sache sei von ungeheurer Wichtigkeit.

Handelt es sich um Interesselosigkeit am vertretenen Gegenstand, welche dem Publikum die Begeisterung verunmöglicht, dann stehen dem Redner Mittel wie die wörtliche Bitte um Aufmerksamkeit oder der Hinweis, der Gegenstand sei für die eigenen Interessen des Publikums wichtig, zu Verfügung.[12]

2.2.2 docilem parare

Kann sich das Publikum aufgrund der Komplexität der vertretenen Sache (obscurum genus) nicht begeistern, so kann mithilfe des docilem parare Abhilfe geschaffen werden. Das Hauptmittel des docilem parare ist eine kurze Aufzählung der im Hauptteil (narratio) behandelten Gegenstände. Ein weiteres probates Mittel ist die Erregung des Informationsbedürfnisses durch die Einleitung mit iam (lat.: wie bereits erwähnt...), was beim Hörer die Befürchtung aufkommen lässt, er habe etwas verpasst, und ihn dazu bringt, dem Geschehen zukünftig sehr aufmerksam zu folgen.[13]

2.2.3 benevolum parare

Wird der vertretene Gegenstand vom Publikum ernsthaft in Frage gestellt (genus anceps), dann ist der Redner ganz besonders auf das Wohlwollen des Richters angewiesen. Dies gilt auch für das genus admirabile und das genus honestum. Das benevolum parare ist weiter Unterteilt in vier Suchformeln:

ab nostra persona

Der Redner lobt sich selbst und stellt sich als aller menschlichen Sympathie würdig dar.

ab iudicum (auditorium) persona

Das Publikum wird im Allgemeinen und speziell in seiner besonderen Urteilsfähigkeit gelobt.

a causa

Der eigene Standpunkt wird gelobt, und der gegnerische getadelt.

adiuncta

Der Redner stellt eine Beziehung mit den Personen oder der Sache her. Dazu stehen Personal- adiuncta wie Familie, Freunde, etc. oder Prozess- adiuncta wie Zeit, Ort oder Volksmeinung zu Verfügung.

Das insinuatio stellt eine besondere Realisierung des exordium dar, die angewandt werden kann, wenn der vertretene Gegenstand dem genus admirabile angehört, der Vorredner der Gegenpartei das Publikum bereits für sich gewonnen hat, das Publikum besonders ermüdet ist.

Dabei wird durch listige psychologische Mittel, wie die Unterstellung, die Überrumpelung oder durch einen Witz das Unterbewusstsein des Publikums beeinflusst. Entscheidend ist es, möglichst alle Anhaltspunkte der vertretenen Sache in ein psychologisch wirksames Licht zu rücken.[14]

2.3 Bedeutung der antiken Rhetorik für den mittelalterlichen Prolog

Die Besonderheit einer Gerichtsrede ist, dass der Sprecher über seine eigene Handlung Einfluss auf das Urteil des Publikums nehmen will. Wird nun die Gerichtsrede zur Grundlage für andere Gesprächssituationen, so wird dieser Anspruch ebenfalls übernommen. Dem Hörer – oder eben auch dem Leser – fällt das Urteil über die dargebotene literarische Leistung zu, und er kann und soll vom Autor diesbezüglich mit rhetorischen Mitteln beeinflusst werden. Leser und Autor stehen gemeinsam unter einer übergeordneten Instanz. Diese „bestimmt die Erwartungen, die ein Verfasser gegenüber seinen Empfängern hat und die die Empfänger einem Autor entgegenbringen. Ihre Rollen s ind nach dem Modell der Gesprächssituation bei einer Gerichtsrede festgelegt.“[15] Aus dieser Perspektive ist die Bedeutung zu verstehen, die einem Prolog zufällt; er übernimmt die Rolle des exordium.[16]

Im Mittelalter wurde die antike Rhetorik jedoch um ein weiteres Mittel zur Gestaltung von Prologen ergänzt. Für den Beginn der Dichtung wird ein Sprichwort (sententia) oder ein Beispiel (exemplum) empfohlen. Diese Einführung in eine Dichtung hat zwei Bedeutungen. Zum einen stellt sie durch den Beginn mit einer allgemeinen Lebenswahrheit einen Bezug zwischen den Lesern und dem Verfasser her; ein gemeinsames Dach unter welchem die Dichtung stattfindet. Gleichzeitig kann der Dichter dem Werk eine Bedeutung verleihen, die es in einen grösseren Kontext stellt. Ähnlich verhält es sich mit der Einleitung durch ein Beispiel.

[...]


[1] Hennig Brinkmann: Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. Bau und Aussage. In: Wirkendes Wort 14 (1964), S. 79.

[2] Samuel Jaffe: Gottfried von Strassburg and the Rhetoric of History. In: James Murphy (Hg.): Medieval Eloquence. Studies in the Theorie and Practice of Medieval Rhetoric. Berkeley u.a. 1978, S. 288 – 318. James A. Schultz: Classical Rhetoric, Medieval Poetics, and the Medieval Vernacular Prologue. In: Speculum 59 /1 (1984), S. 1 – 15.

[3] Walter Haug: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2. überarb. und erw. Auflage, Darmstadt 1992, S. 7.

[4] Brinkmann, S. 80.

[5] Haug, Literaturtheorie, S.7.

[6] Brinkmann, S. 80.

[7] Heinrich Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. 3. Auflage, Stuttgart 1990, § 64.

[8] Lausberg, § 64.

[9] Lausberg, § 263f.

[10] Lausberg, § 260.

[11] Lausberg, § 269.

[12] Lausberg, § 270f.

[13] Lausberg, § 272.

[14] Lausberg, § 281.

[15] Brinkmann, S. 82.

[16] Brinkmann, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Prologe in der höfischen Epik
Untertitel
Eine kritische Betrachtung traditioneller Deutung mittelalterlicher Prologe
Hochschule
Universität Bern  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar/Basismodul Einführung in die ÄdL
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V84764
ISBN (eBook)
9783638015363
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prologe, Epik, Proseminar/Basismodul, Einführung
Arbeit zitieren
Urban Sager (Autor), 2006, Prologe in der höfischen Epik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84764

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