In dieser vorliegenden Hausarbeit über „Die mehreren Wehmüller“ von Clemens Brentano werde ich mich mit den Zigeunern als Individuen, ihrer Lebensführung sowie ihrer Rolle innerhalb der Gesellschaft befassen. In einem ersten Teil der Arbeit versuche ich anhand von Textauszügen aus „Die mehreren Wehmüller“ zu zeigen , inwieweit das von Brentano dargestellte Zigeunerleben dem reellen Alltagsleben der Zigeuner in der Zeit des ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhunderts entsprach. In diesem Kontext kommt es zu einer Darstellung der verschiedenen Aspekte eines typischen Zigeunerdaseins unter Berücksichtigung des sozialen Verhaltens der Zigeuner zu der sesshaften Bevölkerung, der Erwerbsquellen der männlichen wie auch weiblichen Mitglieder einer Zigeunergruppe sowie ihres Verhältnisses zur Kunst und der Magie. Des Weiteren werde ich auch untersuchen, ob sich Brentano in irgendeiner Art und Weise der in der Zigeunerforschung anzutreffenden Klischees bedient, und , sollte dies der Fall sein, wie er diese in seiner Erzählung verarbeitet.
In einem zweiten Teil der Hausarbeit konzentriere ich mich vorwiegend auf das von Brentano entworfene Gesellschaftsbild , welches er in den „Wehmüller“ darstellt. Anhand der Figur Mitidika soll versucht werden herauszufinden, inwiefern diese junge Zigeunerin als eine Art Modellmitglied einer neuartigen Gesellschaftsform bezeichnet werden kann, in welcher Menschen verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft miteinander, anstatt nebeneinander leben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Oft geduldet aber nicht integriert: die Rolle der Zigeuner in der Gesellschaft
2.1 Jahrzehntelange Verfolgung einer Völkergruppe
2.1.1 Ursachen der Verfolgung
2.2 Unterstützung aus der Bevölkerung
2.3 Das Zigeunermilieu bei Brentano
2.4 Die Erwerbsquellen der Zigeuner
2.4.1 Die Wahrsagerei als Broterwerb
2.4.1.1 Einblick in die bürgerliche Gesellschaft
2.4.2 Heilkunde und „Viehdoktorei“
2.4.3 Die Musik: Verdienstmöglichkeit und Ausdrucksmittel
3 Die Verwischung sozialer Barrieren: Mitidika als Ebenbild eines neuartigen Gesellschaftsbildes
3.1 Das Beseitigen alter Klischees: ein erster Schritt in Richtung heterogene Gesellschaft
3.1.1 Die dunkle Hautfarbe als Verhüllung der wahren Schönheit
3.1.2 Der Schmuck als Teilaspekt der Schönheit
3.2 Die versammelte Gruppe in der Gaststätte: ein heterogener Mikrokosmos
3.3 Mitidika. Grenzdurchbruch auf dem Weg zu einer heterogenen Gesellschaft
3.3.1 Die Konzeption eines neuen Frauenbildes
4 Abschließende Reflexionen und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung von Zigeunern in Clemens Brentanos Erzählung „Die mehreren Wehmüller“ im Hinblick auf deren Lebenswirklichkeit und gesellschaftliche Rolle um 1800 sowie die Funktion der Figur Mitidika als Modell für eine heterogene Gesellschaftsform.
- Historischer Hintergrund der Zigeunerverfolgung und Lebensweise
- Analyse der Zigeuner-Klischees bei Brentano
- Die ökonomische Rolle der Zigeuner und soziale Interaktionen
- Mitidika als zentrale Figur und Bindeglied zwischen Gesellschaftsschichten
- Entwurf eines heterogenen Gesellschaftsbildes
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Die Wahrsagerei als Broterwerb
Die Wahrsagerei, welche ab dem 16. Jahrhundert als wesenhafte Eigenschaft der Zigeuner bezeichnet wurde, gehörte, neben der Traumdeutung, und zusammen mit der Verarbeitung und Verabreichung von Heilkräutern zu den Erwerbszweigen der Zigeunerinnen. Da die Zigeuner nicht nur mit Heilkräutern, sondern auch mit Rauschmittel umzugehen wussten, wurde ihr Tun und Handeln oft als übersinnlich bewertet, was dazu führte, dass die Zigeunerinnen ihr naturwissenschaftliches Wissen das eine oder andere Mal mit dem Tode bezahlen mussten und auf dem Scheiterhaufen endeten.
Auch in den „Wehmüller“ taucht in der Person der Großmutter am Ende der Erzählung eine alte Zigeunerin in der Person von Mitidikas Großmutter auf, welche von Marinina bei der Ankunft bereits als Hexe abgestempelt wird: „sie bat den Martino, die alte Wirtin nicht zu schelten, sie sei gewiss eine Hexe und werde uns nichts gutes tun“
Die alte Frau ist jedoch keine Hexe und verfügt nicht über übersinnliche Kräfte; dennoch verkündet Martino, dass die Großmutter, neben ihrer Funktion als Wirtin, auch noch ihren Privatgeschäften, der „Wahrsagerei, Hexerei, Dieberei“ und „Viehdoktorei“ nachgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die Untersuchung der Lebensführung von Zigeunern in Brentanos Werk und die Analyse von Mitidika als Modellfigur für eine heterogene Gesellschaft.
2 Oft geduldet aber nicht integriert: die Rolle der Zigeuner in der Gesellschaft: Dieses Kapitel behandelt den historischen Kontext der Verfolgung sowie die verschiedenen Erwerbsquellen wie Wahrsagerei, Heilkunde und Musik.
3 Die Verwischung sozialer Barrieren: Mitidika als Ebenbild eines neuartigen Gesellschaftsbildes: Der Autor zeigt auf, wie Brentano gängige Vorurteile durch die Figur Mitidika dekonstruiert und einen heterogenen Gesellschaftsentwurf formuliert.
4 Abschließende Reflexionen und Schlussfolgerungen: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst und Mitidika als Symbol für eine diverse, ethnisch-heterogene Zukunft gewürdigt.
Schlüsselwörter
Clemens Brentano, Die mehreren Wehmüller, Zigeuner, Wahrsagerei, soziale Barrieren, heterogene Gesellschaft, Mitidika, Klischees, Vorurteile, Frauenbild, Integration, Literaturanalyse, 19. Jahrhundert, Identität, Volkskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Rolle der Zigeuner in Clemens Brentanos Erzählung „Die mehreren Wehmüller“ unter Berücksichtigung historischer und literarischer Kontexte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die soziale Ausgrenzung von Zigeunern, der Umgang mit historischen Klischees, wirtschaftliche Betätigungsfelder und der Entwurf einer heterogenen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, inwiefern Brentano die Zigeunerrolle in seiner Erzählung darstellt und ob die Figur Mitidika als Modell für ein toleranteres, heterogenes Gesellschaftsbild dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es erfolgt eine textnahe Analyse ausgewählter Passagen der Erzählung im Abgleich mit historischen und literaturwissenschaftlichen Forschungstexten zur Zigeunerproblematik um 1800.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Zigeuneralltags (Verfolgung, Erwerb) und die Analyse der Figur Mitidika als Durchbrecherin sozialer und geschlechtsspezifischer Grenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Literaturanalyse, soziale Identität, Heterogenität, Fremdbilder und Vorurteilsforschung charakterisieren.
Warum spielt die Figur der Mitidika eine so große Rolle in der Argumentation?
Mitidika wird als zentrale Identifikationsfigur genutzt, deren tugendhaftes Verhalten und Grenzüberschreitungen die negativen Klischees ihrer Zeit konsequent widerlegen.
Welche Bedeutung hat das Pestkordon-Motiv im Text?
Das Pestkordon fungiert als physische Grenze, deren Durchbrechung durch Mitidika gleichzeitig den symbolischen Durchbruch sozialer Barrieren und den Aufbruch in eine heterogene Gesellschaft markiert.
- Quote paper
- Patrick Versall (Author), 2005, Das Zusammenleben von Sesshaften und Zigeunern in Clemens Brentanos "Die mehreren Wehmüller", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84783