Frauenbilder und Geschlechterrollen im 18. Jh.

Wie behandelt Henry Fielding in seinem Roman "Jonathan Wild" Begriffe wie Liebe, Ehe und gesellschaftliche Beziehungen im 18. Jahrhundert?


Seminararbeit, 2001

20 Seiten, Note: gut plus


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Methodischer Ansatz

3. Hauptteil
3.1. Die Frau im 18. Jahrhundert: Libertinage vs. Sittsamkeit
3.1.1 Laetitia Snap
3.1.2 Mrs. Heartfree
3.2 Die Institution Ehe im 18. Jahrhundert: Arrangement vs. Liebesheirat
3.2.1 Laetitia und Jonathan
3.2.2 Mr. und Mrs. Heartfree
3.3 Die Entschlüsselung der Ironie: Welche Form der Lebensgestaltung favorisiert Henry Fielding?

4. Schluß

5. Bibliographische Angaben

l. Einleitung

Befaßt man sich mit Henry Fielding und seinem literarischem Werk, befaßt man sich gleichfalls unweigerlich mit Ironie, Satire und Parodie.

Diese Stilmittel waren nicht nur typisch für Fieldings Art zu schreiben und prägten die Literatur des 18. Jahrhunderts, sondern erfreuten sich auch im täglichen Miteinander immer größerer Beliebtheit.

Der 1743 erschienene Roman „The History of the Life of the Late Mr. Jonathan Wild the Great” ist voll von Ironie, weswegen es meiner Ansicht nach ratsam ist, fürs Erste nur einen bestimmten Themenbereich zur Untersuchung heranzuziehen und zu erschließen.

Leider hat die Forschung „Jonathan Wild“ meist nur als eine politische Satire gesehen und interpretiert.

Ein weiterer Themenbereich, der mir darüber hinaus besonders interessant und ebenso lohnenswert erscheint, ist die Art und Weise, wie Fielding in seinem Roman das Wesen der Frau und die Institution Ehe darstellt.

Des Weiteren werde ich untersuchen, inwieweit sich Fieldings Sicht über das Wesen der Frau und ihre Rolle in der Gesellschaft mit den Wertvorstellungen des 18. Jahrhunderts decken.

Zuletzt werde ich versuchen, die Ironie Fieldings in Bezug auf Gesellschaft und Eheleben zu entschlüsseln, damit sich herauskristallisiert welche Form der Ehe, beziehungsweise welche „Art“ von Frau Fielding favorisiert.

2. Methodischer Ansatz

Um die Rolle der Frau und die Beziehung von Mann und Frau im 18. Jahrhundert aufzuzeigen, werde ich mich nicht auf historische Texte, sondern auf soziologische „Tatsachenberichte“ aus eben jener Zeit beziehen, um eine möglichst authentische Sichtweise auf das Bild der Frau zu gewinnen.

Zur Untersuchung des Textes „Jonathan Wild“ werde ich die relativ neue Methode der Feministischen Literaturtheorie, beziehungsweise die darauf basierende Methode der Gender Theory anwenden.

Der feministische Ansatz konzentriert sich auf die Darstellung der Frau in einer von Männern dominierten Literatur. Dieser literaturwissenschaftliche Ansatz entstand in den späten sechziger Jahren und wurde natürlich stark durch die Emanzipation geprägt.

Neuere Arbeiten beziehen aber bewußt die Stellung der Männer im Feminismus und in der Literaturwissenschaft mit ein, weichen also von dem doch sehr emanzipatorischen Blickwinkel ab.

„Die sogenannte Gender Theory stellt nicht mehr allein das Weibliche, sondern die Wechselwirkung zwischen beiden Geschlechtern ins Zentrum der Analyse.ai

Eben diese literaturwissenschaftliche Methode eignet sich hervorragend zur Untersuchung des „Jonathan Wild“ und deckt sich mit meiner Vorstellung von feministischer Literaturwissenschaft.

3. Hauptteil

3.1 Die Frau im 18. Jahrhundert: Libertinage vs. Sittsamkeit

Im 18. Jahrhundert beschäftigte sich die Gesellschaft das erste mal mit der Frau und ihren Charaktereigenschaften.

Wurde sie zuvor noch allenfalls wie ein unmündiges Kind betrachtet und behandelt, wuchs zu Beginn der Aufklärung der Wunsch nach mehr Mündigkeit und Gleichberechtigung für die Frau. Leider fanden diese emanzipatorischen Ansätze jedoch wenig Resonanz und lösten sogar gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Gegenreaktion aus, so daß die Frau im 19. Jahrhundert wieder völlig auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert wurde.

Das 18. Jahrhundert war die Zeit der Libertinage. Doch was genau war die Libertinage? Oliver Blanc hat sich eingehend mit dieser Frage beschäftigt: „Das Wort Libertinage ist, so wie es in der Literatur und in der Presse am Ende des 18. Jahrhunderts gebraucht wird, vieldeutig. Vom lateinischen libertinus, freigelassen, abgeleitet, erfuhr es eine Reihe von Veränderungen und Erweiterungen, um schließlich im Laufe des 17. Jahrhunderts eine mehr philosophische als religiöse Haltung zu bezeichnen, teils noch dem skeptischen Geist des 16., teils schon dem philosophischen des 18. Jahrhunderts verhaftet. Im Namen der Gedankenfreiheit beanspruchten die Libertins das Recht auf Ungläubigkeit. Unter Ludwig den XIV. hatte das Wort in der Literatur und im Theater dann bereits die erotische Konnotationen, wie sie im Hauptwerk der libertinen Literatur, in Choderlos des Laclos'Roman «Les liaisons dangereuses» ihren vorbildlichen Ausdruck fanden. Von da an scheint Libertinage eindeutig Liebesverhältnisse außerhalb der Ehe zu bezeichnen. “[1]

Nun zeichneten sich liber tine Frauen aber nicht allein dadurch aus, daß sie außereheliche Verhältnisse hatten. Ferner genossen sie etliche Freiheiten, die ihnen nie zuvor und auch lange Zeit später nicht wieder zugebilligt wurden.

Die Frauen der Libertinage schafften sich ihre eigene Form der Berufstätigkeit. Zum großen Teil verdienten sie ihr Geld durch die Galanterie, einer gehobenen Form der Prostitution, aber sie erstellten auch kleinere Handarbeiten oder spielten für Geld auf öffentlichen Konzerten. Wenige leiteten sogar Spielsalons oder waren im Immobiliengeschäft erfolgreich. Andere Frauen wiederum ließen sich von einem reichen Liebhaber aushalten oder heirateten einen reichen, aber schon älteren Mann, um sorgenfrei zu leben.

Eines hatten all diese Frauen gemeinsam, ihre finanzielle Unabhängigkeit verlieh ihnen den Mut, eigene Entscheidungen zu treffen. Die libertinen Frauen nutzten ihre neugewonnenen Möglichkeiten und entwickelten einen ungeheuren Wissensdurst. „ Mit einer grenzenlosen Wißbegierde haben sie sich der Physik, der Chemie, der Elektrizität und sogar der Medizin gewidmet. “[2]

Außerdem hatten sie erheblichen Einfluß auf das kulturelle Leben ihrer Zeit: „Als eifrige Leserinnen besaßen diese Frauen eine ganz außergewöhnliche literarische, politische und philosophische Bildung. Dank ihrer Belesenheit konnten sie sich anmaßen, selbst Schriftstellerin oder die Muse eines Schriftstellers zu sein. Ganz bestimmt aber waren sie Richter, das souveräne

Publikum der Literatur. Sie hatten die Herrschaft im Theater, sie bestimmten, was gelesen, gespielt und mit Beifall bedacht wurde.“[3] Natürlich war die libertine Frau auch libertin im eigentlichem Sinne des Wortes. Sie heiratete vielleicht nicht immer, wen sie liebte, verfügte aber dennoch frei über ihren Körper, ihren Geist und ihr Herz. So war es durchaus üblich, daß eine Frau aus finanziellen Gründen heiratete, aber nebenbei einen oder mehrere Liebhaber hatte. „Nach den Précieues, die noch der männlichen Autorität unterworfen waren, kamen Frauen, die sich in der Liebe keinerlei Vorschriften machen ließen. Die Macht des Königs und des Ehemanns ist nicht mehr so absolut, wie man es gerne hinstellt. König und Ehemann können ihre Wertvorstellung nicht mehr den Frauen aufzwingen, sondern müssen sich damit abfinden, daß die Frauen ihre eigenen Vorstellungen haben. “[4]

Abschließend bleibt noch anzumerken, daß die Libertinage und die damit verbundenen neuen Annehmlichkeiten dem Adel und dem gehobenem Bürgertum vorbehalten blieb.

Den Frauen des Arbeiterstandes und des Bürgertums blieb auch im 18. Jahrhundert nur die Trias von Ehestand, Mutterschaft und Haushalt.

Die Frauen des Bürgertums hatten keine Möglichkeit, selbst Geld zu verdienen, weshalb sich die Frau über ihren Mann definierte und von ihm abhängig war. Alleinstehende oder geschiedene Frauen, aber auch Witwen lebten verarmt und oftmals von der Gesellschaft verachtet.

Das Wesen einer Frau des Bürgertums beschreibt Andrea von Dülmen folgendermaßen : „Die Kriterien einer guten Ehefrau lassen sich in den zwei Begriffen <Sanftmut> und <Ordnung> zusammenfassen. Die Sanftmut umschreibt die Biegsamkeit des weiblichen Charakters: er beugt sich willig unter alle Lasten des Alltags ohne zu brechen, er beugt sich unter den Willen des Mannes, um den ehelichen Frieden zu erhalten. Die Ordnung umfaßt auch Sparsamkeit und Fleiß; sie begründet und erhält jedes gut funktionierende Hauswesen. “[5]

Aufgrund ihres eingeschränkten Wirkungskreises suchten die bürgerlichen Frauen ihr Glück vor allem in der Mutterschaft. „Was die bürgerliche Mutter auszeichnet, ist also, daß sie sich liebevoll ihres Kindes annimmt. Sie ist die Erzieherin und Lehrerin ihres Kindes, sie vermittelt ihm die Wertvorstellungen ihrer Klasse und das entsprechende Bild der Frau, das zwei Aspekte aufweist, da das Leben des Bürgertums in zwei Hälften aufgeteilt ist: Die eine war dem Studium der Künste und Talente der Frau gewidmet, die andere den vielfachen Arbeiten, Besorgungen und häuslichen Strapazen einer Dienstbotin. “7

Doch obwohl die Frau für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich war, genoß sie keinerlei schulische Bildung. In seltenen Fällen wurde den Mädchen eine schöngeistige Ausbildung zuteil, so daß sie zum Beispiel ein Instrument lernten oder sich in Gesellschaft gut auszudrücken wußten, mehr als lesen und schreiben brachte man den Mädchen aber nicht bei. Meist erlernten die Mädchen allerdings nur, was sie wissen mußten, um einen Haushalt führen zu können. Indem die jungen Mädchen ihren Müttern halfen, lernten sie alles, was sie für ihr späteres Eheleben brauchten. Erst mit der weiten Verbreitung aufklärerischer Theorien am Ende des 18. Jahrhunderts, dehnte man die Schulpflicht allmählich auch auf die Mädchen aus.

Die einzige Möglichkeit, sich intellektuell zu betätigen, war das Lesen. Die Frauen entwickelten sich zu begeisterten Leserinnen, schon allein um für kurze Zeit mit schöngeistiger Literatur dem doch oftmals tristen Alltag zu entfliehen. Zwar haben besorgte Ehemänner versucht, die „Lesewut“ der Frauen zu kontrollieren und zu überwachen und gelehrte Literatur blieb nach wie vor den Männern vorbehalten, dennoch hat die neue Leselust der bürgerlichen Frau sehr zu ihrer Selbstbildung beigetragen.

Auch für das Schreiben interessierte sich die bürgerliche Frau immer mehr. „Ähnlich dem Lesen wird auch das Schreiben den Frauen durchaus zugebilligt, allerdings dürfen sie auch hier die Grenzen ihrer Bestimmung keinesfalls überschreiten. Briefe waren die Form, in der Frauen unangefochten eine geistige Produktivität entfalten durften und dies auch in hohem Maße taten. Sie widmeten dem Briefschreiben viel Zeit, ließen hier ihre alltäglichen und praktischen Themen ebenso wie ihre Beobachtungen, Überlegungen und Empfindungen eine Gestalt annehmen, die man als echte literarische Ausdrucksform werten kann. Vor allem die Frauen waren es, die im 18. Jahrhundert dem Brief als literarischer Gattung zu besonderer Bedeutung verhalfen. “8

Warum aber war es den Frauen der Aristokratie und des gehobenen Bürgertums möglich, neue Freiheiten zu erringen, während ihre Schwestern aus den anderen Ständen sich noch immer von den Männern dominieren ließen? Dies hatte wohl zwei Gründe.

Zum Einen war es im 18. J ahrhundert beim Adel üblich, mit alten Konventionen zu brechen und die Grenzen des zuvor geltenden Geschmacks zu verletzen. Die Männer duldeten also nicht nur das libertine Benehmen ihrer Frauen, sie förderten es sogar.

Zum Anderen hatten die Frauen der Obrigkeit einfach ganz andere finanzielle Möglichkeiten, als ihre Geschlechtsgenossinnen. Sie mußten sich nicht auf ein Dasein als Hausfrau und Mutter beschränken, weil sie Gouvernanten und Mägde hatten, die ihnen diese Pflichten abnahmen und konnten somit ihr Leben viel freier gestalten und eben das taten sie auch.

3.1.1 Laetitia Snap

Miss Laetitia Snaps erster Auftritt in dem Roman „Jonathan Wild“ läßt noch nicht darauf schließen, daß sie eine libertine Frau ist.

Zwar empfängt sie ihren Verehrer Wild in einem Negligé und mit wildem Haar und ist auch sonst eher nachlässig zurechtgemacht, aber sie benimmt sich Wild gegenüber kühl und als dieser sie bedrängt, wehrt sie sich mit aller Kraft, so daß Wild unverrichteter Dinge gehen muß.

Doch bereits im nächsten Kapitel wird klar, daß Laetitia Snap durchaus nicht immer so keusch und tugendhaft agiert, denn noch während sie Wilds Offerten aus Gründen der Frömmigkeit ausschlägt, hat sie einen anderen

[...]


[1] Blanc, 1998, S. 7

[2] Badinter, 1986, S. 38

[3] Badinter, 1986, S. 35

[4] ebd. , 1986, S. 39

[5] Von Dülmen, 1992, S. 31-32

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder und Geschlechterrollen im 18. Jh.
Untertitel
Wie behandelt Henry Fielding in seinem Roman "Jonathan Wild" Begriffe wie Liebe, Ehe und gesellschaftliche Beziehungen im 18. Jahrhundert?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich Anglistik)
Veranstaltung
Seminar: Henry Fieldings Jonathan Wild
Note
gut plus
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V8486
ISBN (eBook)
9783638154437
ISBN (Buch)
9783640736911
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Frauenbilder, Geschlechterrollen, Seminar, Henry, Fieldings, Jonathan, Wild
Arbeit zitieren
Tanja Ridder (Autor), 2001, Frauenbilder und Geschlechterrollen im 18. Jh., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8486

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