Wechselnde Interpretationen religiöser Freiheiten nach Einführung der Pancasila in Indonesien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Einführung der Pancasila in Indonesien – Ein historischer Überblick
2.1. Wesentliche Inhalte der Pancasila
2.2. Unterschiedliche zeitliche Bedeutung der Pancasila

3. Toleranz von religiösen Freiheiten – Die besondere gesellschaftliche und religiöse Situation in Indonesien
3.1. Die gesellschaftliche Situation in Indonesien
3.2. Die religiöse Situation in Indonesien

4. Religiöse Freiheiten unter der alten Ordnung
4.1. Die muslimische Sichtweise
4.2. Die Sichtweise der christlichen Gruppierungen
4.3. Die Sichtweise der Kebatinan-Gruppierungen
4.4. Die kommunistische Sichtweise

5. Religiöse Freiheiten unter der neuen Ordnung
5.1. Veränderungen und Entwicklungen im Vergleich zur alten Ordnung
5.2. Der christlich-muslimische Dialog

6. Schlussfolgerungen

7. Bibliographie

1. Einleitung

Indonesien ist nicht nur eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, sondern auch hinsichtlich seiner geographischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation eines der vielseitigsten. Seit seiner ersten Besiedlung vor ca. 500.000 Jahren zeigte sich, dass die geographische Lage und die damit verbundenen Interessen der eigenen Bevölkerung und die der übrigen Länder der Erde zu einer ständigen Auseinandersetzung um Rechte und Freiheiten, sowohl in persönlichen als auch öffentlichen Bereichen, führten. Dies spiegelte sich in Belagerungen durch Piraten, wirtschaftlichen Einflussnahmen durch andere Länder im Zuge der Kolonialisierung (z.B. durch die Niederlande), in zahlreichen politischen Umbrüchen, aber auch in der Vielfältigkeit seiner religiösen Gruppierungen wider, die versuchten, sich miteinander zu arrangieren.[1]

Bis zum heutigen Tage gibt es in Indonesien eine weltweit einzigartige Verfassung (Pancasila), die festlegt, dass alle Menschen in Indonesien ihre eigenen spezifischen religiösen Freiheiten leben dürfen und sollen. Bis zur Verabschiedung dieser Verfassung sind der Staat und die Bevölkerung einen weiten Weg gegangen. Auch nach der Einführung der Pancasila ist kein Ende des Weges in Sicht. Darmadi, ein Forscher des Center for the Study of Islam and Society (PPIM) in Jarkarta, klagt an, dass aktuell im Jahr 2006 die Menschen nicht in der Lage sind, ihre Religionen frei auszuüben. Brennende Kirchen, zerstörte Moscheen und wütender Mob, der Gläubige angreift, sind nur einige Beispiele für eine nicht funktionierende Demokratie, die Religionsfreiheit nicht immer zulässt.[2] Der „International Religious Freedom Report 2006“ des U.S. State Department für Indonesien stellt diesbezüglich fest, dass die indonesische Regierung manchmal Diskriminierungen religiöser Gruppierungen toleriert, den Missbrauch dieser Gruppen durch private Akteure zulässt und es versäumt, Täter zu bestrafen.[3] Die Forderung nach einem stärkeren indonesischen Staat scheint berechtigt zu sein.[4]

Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, inwieweit sich die Interpretationen religiöser Freiheiten der wichtigsten religiösen Gruppierungen nach der Einführung der Pancasila in Indonesien verändert haben.

Dazu werden im zweiten Kapitel zunächst die grundlegenden Fakten zur Einführung der Pancasila in Indonesien vorgestellt. Kapitel drei beschreibt die besondere religiöse und soziale Situation, um zu erklären, inwieweit Toleranz von religiösen Freiheiten eine bedeutende Rolle in Indonesien spielt. Kapitel vier zeigt anschließend die Sichtweisen der wichtigsten religiösen Gruppierungen unter der alten Ordnung der Pancasila, um im folgenden Kapitel 5 die Unterschiede im Vergleich zur neuen Ordnung der Pancasila aufzuweisen.

Kapitel 6 gibt einen Ausblick auf Maßnahmen, die zu einer aktuellen Gewährleistung der Religionsfreiheit führen würden.

2. Die Einführung der Pancasila in Indonesien –
Ein historischer Überblick

2.1. Wesentliche Inhalte der Pancasila

Im Zuge der Unabhängigkeit Indonesiens von der kolonialen Herrschaft im Jahre 1945 entschieden die Gründungsväter der Republik Indonesien, dass kein islamischer Staat auf dem Archipel entstehen sollte. Religionszugehörigkeit war ein wichtiges Thema und deswegen sollte die neue Republik neben der größten Religionsgruppe, den Muslimen, auch Hindus und Christen religiöse Rechte gewähren. Der erste Präsident der neuen Republik, Sukarno, formulierte die Pancasila Ideologie. Sie gewährt allen großen internationalen Religionen wie dem Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus einen legalen und akzeptierten Status.[5] Pancasila bedeutet „fünf Prinzipien“, die in der der Präambel der Verfassung formuliert sind[6]. Die fünf Prinzipien dienen als Grundphilosophie, die die demokratische Ausrichtung der Republik gewährleistet. Sie lauten:

1. Glaube an den einen Gott
2. Gerechter ziviler Humanismus
3. Einheit Indonesiens
4. Demokratie
5. Soziale Gerechtigkeit[7].

Sukarnos Formulierung der Pancasila war einfach, jedoch durchdacht und komplex in Bezug auf die Wertschätzung der ideologischen Bedürfnisse der neuen indonesischen Nation. Die Pancasila entstand nicht durch eine besondere ethnische Orientierung einer religiösen Gruppe, sondern definierte die Basiswerte einer indonesischen politischen Kultur.[8]

2.2. Unterschiedliche zeitliche Bedeutung der Pancasila

Die Pancasila Ideologie wurde nicht sofort am Tag der Unabhängigkeitserklärung am 17. August 1945 von allen Glaubensrichtungen akzeptiert. In der ersten Periode, von 1945 bis 1955, wurde sie als notwendiger Kompromiss zwischen Muslimen und Christen verstanden. Die Muslime wollten einen islamischen Staat. Die Christen drohten, die junge Republik zu verlassen. Der Kompromiss beinhaltete nicht eine strikte islamische, sondern eine säkulare Ausrichtung. Deswegen wurden manche Prinzipien recht vage formuliert wie z.B. der Glaube an einen Gott.[9] Es wird u.a. nicht spezifiziert, welche Gottheit der einzige Gott ist oder wie soziale Gerechtigkeit für alle Indonesier erreicht werden kann[10].

Während der letzten zehn Jahre der Sukarno Administration (1995 bis 1965) wurden neben der Pancasila noch weitere andere ideologische Doktrine verabschiedet, offenbar um die kommunistische Partei mit in der Regierungskoalition an der der Seite der muslimischen Partei zu halten.

Mit dem gescheiterten kommunistischen Putsch im Jahre 1965 gelangte Suharto an die Regierungsmacht und die Pancasila wurde als eine der effektivsten Waffen gegen den Kommunismus eingesetzt, der in ihrem Namen gebannt wurde. Er wurde im Namen der Pancasila gebannt. Dies führte dazu, dass in den 1970er Jahren und den frühen 1980er Jahren die Ideologie der Pancasila sich zu einer Pseudoreligion bzw. einer offiziellen zivilen Religion entwickelte. 1984 wurde die Pancasila per Gesetz als einzige Basis für alle sozialen und politischen Organisationen bestimmt. Alle religiösen Organisationen hatten die nationale Ideologie in ihre Charta aufzunehmen. Die Regierung erklärte während dieser Debatten, dass die Pancasila keine Religion, sondern nur eine politische Philosophie darstellte.

Seit 1984 hat die Debatte über die Pancasila nur wenige neue Impulse erhalten. Im Jahre 1989 wurde ein Gesetzentwurf über islamische religiöse Gerichte akzeptiert. Nicht-muslime protestierten gegen dieses Gesetz, da es beinhaltete, dass eine Institution in Indonesien existierte, die nur der muslimischen Gemeinschaft diente. Unter Suharto neigte die Politik zu mehr Begünstigungen für den Islam, z.B. durch Vergabe von Schlüsselpositionen, die zuvor von Christen besetzt waren, an Muslime.

Trotzdem ist die grundsätzliche politische Haltung die, dass Religion kein politisches Thema und die indonesische Nation unter der Pancasila vereint sein soll. Darum feiern an jedem 17. eines Monats alle Schulen, Krankenhäuser und Regierungsbüros den Unabhängigkeitstag mit einem besonderen Ritual.[11]

3. Toleranz von religiösen Freiheiten –
Die besondere gesellschaftliche und religiöse
Situation in Indonesien

3.1. Die gesellschaftliche Situation in Indonesien

Indonesien ist der größte Archipel der Welt. Die Landfläche beträgt 2,02 Millionen qkm, die größte Ausdehnung beträgt im Nord-Süden 1.870 km, und im West-Osten 5.100 km. Die Gesamtlänge der Küsten beträgt 81.350 km. Durch die spezielle geographische Lage und Zerstreutheit der einzelnen Landesteile erhält Indonesien eine sehr besondere soziale und gesellschaftliche Struktur.

Die nachfolgende Karte zeigt Indonesiens geographische Lage bei Malaysia, den Philippinen und Australien.

Graphik 1: Indonesien[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit circa 240 Millionen Einwohnern ist Indonesien das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. Die dichteste Besiedlung findet sich auf Java (etwa 120 Millionen Einwohner auf 6,6% der Gesamtfläche). Die Wachstumsrate beträgt circa 2% jährlich.[13]

Die Bevölkerungsverteilung ist ungleichgewichtig. Java oder Madura sind stark überbevölkert. Dort leben ca. 60% der indonesischen Bevölkerung auf weniger als 7 % der Landfläche. Die Hauptstadt Jakarta gehört mit ca. 8 Millionen Einwohnern zu den größten Metropolen der Welt. Das Gebiet Jabotabek, ein Akronym, das sich aus Jakarta, Bogor, Tangerang und Bekasi (die drei Jakarta umgebenden Städte) zusammensetzt, ist mit 25 Millionen Einwohnern eines der größten Ballungsgebiete Indonesiens.[14]

Die Zergliederung des Landes und die große territoriale Ausdehnung haben zu einer extrem heterogenen ethnischen und gesellschaftlichen Zusammensetzung des indonesischen Volkes geführt. Die Hauptmerkmale dieser starken Pluralität beschreibt Bayuni wie folgt:

Rasse: Es gibt zwei vorherrschende Gruppen, die Malay im Westen und Melanesen im Osten Indonesiens.[15] Zu den Minderheiten gehören Chinesen (circa 4 Millionen), Inder, Araber, Europäer.[16]

Ethnische / Kulturelle Gruppierunge n: Es gibt hunderte von ethnischen und sub-ethnischen Gruppierungen, die ihre eigenen Kulturen und Traditionen pflegen. Die Javaner sind die größte Gruppe. Andere Hauptgruppen sind z.B. Batak, Acehnesen und Minang in Sumatra, Sundanesen, Maduresen und Balinesen, Bugis und Medanonesen in Sulawesi.

Sprache: Es gibt fast 400 verschiedene Sprachen und Dialekte, die in Indonesien gesprochen werden. Bahasa Indonesisch ist die Landessprache, die bei offiziellen Anlässen und Funktionen angewendet wird. Die meisten Menschen sprechen im Alltag jedoch ihre Muttersprache.

Religion: Die wichtigsten Religionen der Welt sind in Indonesien vertreten. Sie existieren nebeneinander und oftmals an der Seite von vielfältigen Glaubensrichtungen des Animismus.

[...]


[1] Vgl. Botschaft der Republik Indonesiens in Berlin (2007), http://www.botschaft-indonesien.de/de/indonesien/geschichte.htm.

[2] Vgl. Darmadi (2006), S. 1.

[3] Vgl. U.S. State Department (2006), S. 1.

[4] Vgl. Darmadi (2006), S. 3.

[5] Vgl. Steenbrink (1999), S. 281.

[6] Vgl. Efimova (1996), S. 55.

[7] Vgl. Embassy of the Republic of Indonesia in Washington D.C. (2007), S. 1.

[8] Vgl. U.S. Library of Congress (2007c), http://countrystudies.us/indonesia/86.htm.

[9] Vgl. Steenbrink (1999), S. 281.

[10] Vgl. Kim (1998), S. 357.

[11] Vgl. Steenbrink (1999), S. 281-282.

[12] Vgl. CIA (2007): Karte von Indonesien, https://www.cia.gov/cia/publications/factbook/maps/id-map.gif.

[13] Vgl. Auswärtiges Amt (2007), http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laender/Indonesien.html.

[14] Vgl. Inwent (2007), http://www.inwent.org/v-ez/lis/indones/seite1.htm.

[15] Vgl. Bayuni (2007), http://www.thejakartapost.com/community/ina4.asp.

[16] Vgl. Auswärtiges Amt (2007), http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laender/Indonesien.html.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Wechselnde Interpretationen religiöser Freiheiten nach Einführung der Pancasila in Indonesien
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Religionswissenschaften)
Veranstaltung
Staat und Religion im islamisch geprägten Indonesien
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V84898
ISBN (eBook)
9783638009942
ISBN (Buch)
9783638915151
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretationen, Freiheiten, Pancasila, Indonesien, Staat, Religion, religiöse Freiheiten, Religionsfreiheit, religiöse Toleranz
Arbeit zitieren
Dipl. Betriebswirtin Claudia Draemann (Autor), 2007, Wechselnde Interpretationen religiöser Freiheiten nach Einführung der Pancasila in Indonesien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84898

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