Die vorliegende Ausarbeitung thematisiert die Entstehung einer eigenständigen Literatur für Kinder und Jugendliche im 18. Jahrhundert
Die Bedingung für eine eigenständige Kinder- und Jugendliteratur liegt in der Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen und in der Vorstellung, die eine Gesellschaft von „Kindheit“ hat. Sie ist die Vorraussetzung für die Ausrichtung der Literatur auf das kindliche Publikum, für Kindgemäßheit und Eigenständigkeit. Hier knüpft die Thematik an den übergeordneten Seminarkontext „die Entdeckung der Kindheit“ an, indem deutlich wird, dass im 18. Jahrhundert bereits die Einsicht verbreitet war, dass es sich bei der Kindheit um eine besondere Zeitspanne der Entwicklung im Leben eines Menschen handle, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Dies bezieht sich jedoch ausschließlich auf die Kinder des besitzenden und gebildeten Bürgertums (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Anfänge der Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Entstehungsbedingungen einer eigenständigen Kinderliteratur
2.2 Merkmale des Strukturwandels in der Kinder- und Jugendliteratur des 18.Jhds.
3. Zielsetzung der Kinder- und Jugendliteratur im Kontext der Philosophie der Aufklärung.
3.1. Erziehung im Sinne der Philosophie der Aufklärung
3.2. Das Kindheitsideal des 18.Jhds.
3.3. Verstandsbildung und Geschmacksbildung
4. Beispielgeschichte als Unglücksgeschichte
5. Kritische Einschätzung der vermittelten pädagogischen Intention
6. Resumée
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Funktion der eigenständigen Kinder- und Jugendliteratur im 18. Jahrhundert, wobei sie den engen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Umbruch, der Philosophie der Aufklärung und den daraus resultierenden pädagogischen Moralvorstellungen analysiert. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit der pädagogischen Intention hinter den sogenannten Beispielgeschichten und wie diese zur Erziehung eines "vernünftigen Bürgers" eingesetzt wurden.
- Die Entstehungsbedingungen und der Strukturwandel der Kinderliteratur im 18. Jahrhundert.
- Das Kindheitsideal der Aufklärung und die pädagogische Erziehung zur Tugend.
- Die Rolle der Beispielgeschichte als Instrument der moralischen Belehrung.
- Die Analyse von "Unglücksgeschichten" als Mittel der Disziplinierung und Abschreckung.
- Eine kritische Reflexion über die pädagogische Intention und deren Wirkung auf die Kindheit.
Auszug aus dem Buch
Friz der Näscher
Friz war ein herzenguter Junge, Und Lernen war ihm nur ein Spiel; Doch auf den Wohlschmak seiner Zunge Hielt leider! Frizchen gar zu viel.
Ihm that´s im Erd- und Himbeersuchen Von allen Jungen keiner nach, Und traun! er wär um ein Stück Kuchen Geklettert auf das Rathhausdach.
Mit Diebstahl hätt` er sein Gewissen Um alle Welt zwar nicht beschwert, Allein im Punkt der Leckerbissen War´s doch nicht so ganz unversehrt.
Selbst ein Paar Kirschen oder Pflaumen Zu stehlen hielt er für erlaubt; Denn ach! ihm hatte schon sein Gaumen Die Herrschaft über sich geraubt.
Die Speisekammer zu bemausen Stieg er ins Fenster einst hinein. Da, dacht` er, gibt es was zu schmausen: Da wird gewiss noch Torte sein!
Doch dismahl fand der gute Schlukker Sich sehr betrogen. Wie er sah, Stand nichts, als nur ein wenig Zukker In einem irdnen Näpfchen da.
Mit seinem nassen Finger düpfte Der Lekkermund das Näpfchen aus, Und aus dem ofnen Fenster schlüpfte Der Dieb gleich einer Kaz hinaus.
Doch bald fing er sich an zu krümmen, Gleich einem Wurm, und ächzt` und schrie; Denn solch ein Brennen, solch ein Grimmen In den Gedärmen fühlt` er nie.
Vergebens war´s, um Hülfe flehen; Sein Naschen bracht ihn mördrisch um. Was er für Zukker angesehen, War größtentheils Arsenikum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der eigenständigen Kinderliteratur im 18. Jahrhundert ein und definiert den historischen Kontext der "Entdeckung der Kindheit" im Bildungsbürgertum.
2. Historische Anfänge der Kinder- und Jugendliteratur: Hier werden die soziokulturellen Umbrüche sowie die Entwicklung eines eigenen Absatzmarktes für Kinderliteratur als Grundlage für deren Entstehung beleuchtet.
3. Zielsetzung der Kinder- und Jugendliteratur im Kontext der Philosophie der Aufklärung.: Dieses Kapitel erläutert, wie pädagogische Grundsätze der Aufklärung zur moralischen Erziehung und zur Entwicklung des kindlichen Verstandes eingesetzt wurden.
4. Beispielgeschichte als Unglücksgeschichte: Der Fokus liegt auf der Analyse der literarischen Form der "Beispielgeschichte" anhand von Campes "Friz der Näscher" als moralisches Instrument.
5. Kritische Einschätzung der vermittelten pädagogischen Intention: Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Disziplinierungsstrategien und dem kindfeindlichen Potenzial der damaligen Erziehungsliteratur.
6. Resumée: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über den Wandel pädagogischer Ansichten und zieht Parallelen zur heutigen medialen Einflussnahme auf Kinder.
Schlüsselwörter
Kinderliteratur, Jugendliteratur, Aufklärung, 18. Jahrhundert, Pädagogik, Beispielgeschichte, Moralvermittlung, Kindheitsideal, Erziehungswissenschaft, Disziplinierung, Philanthropen, Bürgertum, Sozialisation, Tugendlehre, Geschmacksbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Anfänge und die pädagogische Funktion der Kinder- und Jugendliteratur während der Aufklärung im 18. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Strukturwandel der bürgerlichen Gesellschaft, die Entwicklung spezieller Literatur für Kinder und die Vermittlung moralischer Werte durch diese Texte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen der Zeit, der aufklärerischen Philosophie und den literarischen Erziehungsinstrumenten herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse, um historische Kindheitsbilder und pädagogische Diskurse anhand von Primär- und Sekundärliteratur zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehungsbedingungen der Kinderliteratur, das Kindheitsideal, die Bedeutung der Beispielgeschichte sowie deren kritische pädagogische Würdigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kinderliteratur, Aufklärung, Beispielgeschichte, Moralvermittlung, Sozialdisziplinierung und bürgerliches Kindheitsideal.
Warum wurden oft "Unglücksgeschichten" als Beispielgeschichten gewählt?
Diese Geschichten sollten durch die drastische Darstellung der Folgen von Fehlverhalten eine abschreckende Wirkung erzielen und so die Einsicht in die sittliche Ordnung fördern.
Welche Rolle spielte der Begriff "Geschmacksbildung"?
Geschmacksbildung wurde als notwendige Fertigkeit betrachtet, um Gut von Böse zu unterscheiden und den menschlichen Geist auf moralisch richtige Bahnen zu lenken.
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- Sandra Schmechel (Author), 2007, Kinder- und Jugendliteratur als neue mediale Sozialisationsform, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84961