Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter


Seminararbeit, 2001

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter
2.1. Zielgruppe
2.1.1. Beurteilungskriterien
2.1.2. Rechtsstaatliche Prinzipien
2.1.3. Teilnahmemotivation
2.2. Aufbau des Trainings
2.2.1. Integrationsphase
2.2.2. Konfrontationsphase
2.2.3. Gewaltverringerungsphase
2.2.4. Nachbetreuung
2.3. Trainingsfaktoren, Lerninhalte und Lernziele des AAT
2.3.1. Aggressionsauslöser
2.3.2. Selbstbild zwischen Ideal- und Realselbst
2.3.3. Neutralisierungstechniken
2.3.4. Opferkommunikation
2.3.5. Aggressivität als Vorurteil
2.3.6. Provokationstest
2.3.7. Subkultur
2.3.8. Institutionelle Gewalt – Jugendvollzug

3. Erhebungen zur Effizienz des Anti-Aggressivitäts-Trainings

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Internet

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Seit 21 Monaten sitz ich hier im sogenannten modernsten Jugendknast in Deutschland und kaum einer hier hat mich mal gefragt warum. Und wenn doch, und es kam cool meine Antwort „Totschlag“, haben die Beamten und Knackis gesagt „ is‘ ja schon gut, reg‘ dich bloß nicht auf“. Mehr nicht! Wahrscheinlich haben die Muffe vor ‘nem Totschläger wie mir. Aber ändern tu ich mich so bestimmt nicht.“1

Aus § 91 Abs. 1 JGG ergibt sich ein Erziehungsgedanke, nach dem der verurteilte Straftäter zu einem „rechtschaffenen und verantwortungsbewußten Lebenswandel zu führen“ ist. Dieser Aufgabe wird der Jugendstrafvollzug jedoch kaum gerecht. Eine Auseinandersetzung des Gewalttäters mit seinem inhaftierungsrelevanten Delikt findet so gut wie nie statt. Die Jugendanstalt Hameln hat diesem Behandlungsdefizit im Rahmen eines Pilotprojektes entgegenwirkt. Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit dem Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) als deliktspezifische Behandlungsmaßnahme von gewalttätigen Jugendlichen im Jugendstrafvollzug. Die konzeptionelle Entwicklung dieses Trainings stammt von Prof. Dr. Jens Weidner, der 1990 als Leiter des Projektes Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter in der Jugendanstalt Hameln mit diesem Thema promovierte. Neben dem ursprünglichen Hamelner Anti-Aggressivitäts-Training (1987-1989) haben sich verschiedene Varianten des AAT entwickelt. So ergänzte zum Beispiel Jörg-Michael Wolters das Training in Hameln (1989-1991) um den sporttherapeutischen Ansatz. Das AAT hat zum Teil mit deutlichen Abwandlungen auch außerhalb der Jugendanstalt Hameln vielfältige Nachahmung gefunden.

Die Seminararbeit stellt sich die zentrale Frage, wie effizient das Anti-Aggressivitäts-Training eigentlich ist. Um dies zu klären, werden die Zielgruppe und der Trainingsaufbau sowie Trainingsfaktoren, Lerninhalte und Lernziele des AAT dargestellt. Im zweiten Teil der Arbeit wird eine von Jens Weidner durchgeführte Erhebung zur Effizienz des Anti-Aggressivitäts-Trainings erläutert und kritisch beleuchtet.

2. Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter

Das AAT ist eine deliktspezifische, sozialpädagogisch-psychologische Behandlungsmaßnahme für gewalttätige Wiederholungstäter im Jugendstrafvollzug. Das Training beruht auf einem lerntheoretisch-kognitiven Paradigma, wobei Erkenntnisse der Aggressionstheorien im Vordergrund stehen2.

2.1. Zielgruppe

Das Anti-Aggresivitäts-Training soll nicht-psychotische, gewalttätige Wiederholungstäter (Durchschnittsalter zwischen 17 und 25 Jahre) im Jugendstrafvollzug ansprechen. Die Jugendlichen müssen zu einer Jugendstrafe verurteilt worden sein und ihr gewalttätiges Handeln als alltägliche Konfliktlösungsstrategie ansehen.

2.1.1. Beurteilungskriterien

Zu Bestimmung einer überdurchschnittlichen Gewaltbereitschaft bei den inhaftierten Jugendlichen im Rahmen des AAT werden drei Beurteilungskriterien herangezogen:

- das Gerichtsurteil wegen einer Gewaltstraftat (z.B. gefährliche, schwere Körperverletzung, mit und ohne Todesfolge, Raub, Totschlag, Mord),
- die Verhaltensbeschreibung durch die Mitarbeiter der Justiz (z.B. Auffälligkeiten wegen Schlägereien im Jugendvollzug) und
- der selbstformulierte Leidensdruck des jugendlichen Straftäters bezüglich des eigenen Gewaltpotentials.

Die ersten beiden Beurteilungskriterien sind Fremdbeurteilungen durch Richter oder Vollzugspersonal. Beim dritten Kriterium handelt es sich dagegen um eine Selbstbeurteilung des Jugendlichen, aus der man seine Trainingsmotivation ableiten kann.

2.1.2. Rechtsstaatliche Prinzipien

Um eine Zwangsbehandlung der Gewalttäter in bezug auf das Anti-Aggressivitäts-Training zu vermeiden, sind nach Francis/ Allen (1981) vier rechtsstaatliche Prinzipien zu berücksichtigen:

- Es muß eine rechtskräftige Verurteilung des Jugendlichen vorliegen.
- Die Trainingsteilnahme darf nur freiwillig sein, wobei die Nichtteilnahme keine Nachteile mit sich bringen darf.
- Das Training darf dem Teilnehmer keinen Schaden zufügen, so daß dieser nicht schlechter gestellt ist als der Nichtteilnehmer.
- Der Teilnehmer ist über die Risiken und den Nutzen des Trainings aufzuklären.

2.1.3. Teilnahmemotivation

Unter Beachtung dieser Prinzipien hat sich bei den Jugendlichen folgende Teilnahmemotivation herauskristallisiert:

- Die Trainingsinteressenten haben an gewalttätigen Auseinandersetzungen kein Interesse mehr, weil sie ihr „Schlägerimage“ ablegen wollen. Sie fühlen sich durch Provokationen gekränkt und gereizt, so daß sich fürchten, im Jugendstrafvollzug wieder zuzuschlagen und damit ihre vorzeitige Entlassung aufs Spiel setzen. Dieses Problem versuchen sie durch das Anti-Aggressivitäs-Training zu bewältigen.
- Die Selbstbeobachtung der leichten Provozierbarkeit führt bei den Jugendlichen zu der Angst, bei der ersten verbalen Auseinandersetzung außerhalb des Vollzugs wieder gewalttätig zu werden und damit einen Bewährungswiderruf zu riskieren3.

2.2. Aufbau des Trainings

Das Anti-Aggrssivitäts-Training ist für einen Zeitraum von 6 Monaten angelegt. Die Trainingspraxis basiert auf therapeutischen Treffen, die wöchentlich in zwei 1- bzw. 3- stündigen Sitzungen durchgeführt werden. Die Gesprächsführung in den Sitzungen ist stark konfrontativ und provokativ orientiert. Sie wird durch einfühlsamere Einzelgespräche und freizeitpädagogische Maßnahmen ergänzt. So wird die gesprächsorientierte Trainingspraxis in der Jugendanstalt Hameln z.B. sporttherapeutisch durch sogenannte „Asiatische Bewegungskünste zur Stärkung der Selbstbeherrschung“ begleitet. Hierbei werden den Trainingsteilnehmern gezielt Meditations- und Entspannungsübungen vermittelt, die dem Gewalttäter helfen sollen, sein Erregungspotential besser bewältigen zu können. Weiterhin können die Jugendlichen am Fitnesstraining teilnehmen, in einer Band musizieren oder Kochen. Außerdem wird der Vollzug für die Trainingsteilnehmer gelockert.

Innerhalb der therapeutischen Treffen durchlaufen die Jugendlichen in den 6 Monaten vier Phasen: die Integrationsphase, die Konfrontationsphase, die Gewaltverringerungsphase und die Phase der Nachbetreuung.

2.2.1. Integrationsphase

In der Integrationsphase wird die Teilnehmermotivation der Jugendlichen thematisiert. Weidner unterscheidet hier die primäre (der Teilnehmer will weniger aggressiv werden) und die sekundäre (der Teilnehmer will schnell Vollzugslockerungen) Motivation. Den Jugendlichen wird in dieser Phase verständlich gemacht, daß ausschließlich sekundäre Motivation (Vollzugslockerungen) für die Erreichung des Trainingsziels Aggressionsabbau nicht hilfreich ist. Das Training macht nur bei primär motivierten Jugendlichen Sinn. Ein Veränderungsinteresse muß bei den teilnehmenden Jugendlichen vorhanden sein. Es gilt als Aufnahmebedingung für das Anti-Aggressivitäts-Training.

Im weiteren Verlauf der ersten Phase schildern die Jugendlichen Gewalterlebnisse aus ihrer eigenen Praxis. Auf der Grundlage dieser biographischen Erfahrungen und dem aktuellen Vollzugsverhalten werden provozierende Situationen herausgefiltert, die zu gewalttätigen Handlungen der Jugendlichen geführt haben.

[...]


1 Vgl. Weidner, Jens: Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter, Ein deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug. Bonn 1990, S. 126. (Trainingsteilnehmer Burkhard beim Aufnahmegespräch)

2 Vgl. Weidner, Jens: Gewalttäterbehandlung, Anti-Aggressivitäts-Training (AAT). URL = http://www.prof-jens-weidner.de/, 30.04.2001.

3 Vgl. Weidner: Anti-Aggressivitäts-Training, S. 137/ 138.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Fakultät für Sozialwissenschaften - Institut für Psychologie und Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Jugendkriminalität
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V8499
ISBN (eBook)
9783638154529
ISBN (Buch)
9783638640473
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkriminalität, Jugendstrafvollzug, Anti-Aggressivitäts-Training, AAT
Arbeit zitieren
Martin Wolf (Autor), 2001, Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) für Gewalttäter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8499

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