Die Problematik der sozialwissenschaftlichen Methode des verstehenden Interpretierens


Hausarbeit, 2006

24 Seiten, Note: "keine"


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung
1.1. Einleitung in die Arbeit
1.2. Aktuelle Diskussion

2. Die Probleme der Sozialwissenschaften
2.1. Peter Winch: Sozialwissenschaften sind letztlich Philosophie
2.1.1. Kausalaussagen und Voraussagen
2.1.2. Das Verstehen in den Sozialwissenschaften
2.1.2. Sozialwissenschaften= Philosophie
2.2. Jürgen Habermas: Teilnahme an sozialen Handlungen als Verständnisvoraussetzung

3. Die Erziehungswissenschaft als Vertreter der Sozialwissenschaften
3.1. Mit welchen Problemen kämpft die Erziehungswissenschaft?
3.2. Implikationen aus den konstatierten Problemen

4. Schlussbemerkung

5. Bibliografie

1.Einleitung

1.1. Einleitung in die Arbeit

Was erwartet den Leser in dieser Arbeit?

Sozialwissenschaften sind per se von einigen methodischen Schwierigkeiten begleitet, die im Folgenden Raum finden sollen. Vielleicht sind sie auch deshalb „in aller Munde“, gerade wenn sie sich einer Prüfung ihrer „Wirtschaftlichkeit“ stellen und begründen müssen, was sie untersuchen und welche Ergebnisse dabei hervorgebracht werden. Die Sozialwissenschaften leisten einen wichtigen Beitrag zur Heranführung an die soziale Welt, in der wir ein Teil sind. Dabei leistet sie, bezieht man sich auf die Ausführungen von Peter Winch, vor allem philosophische Reflexionsarbeit.

Das zentrale Problem ist wohl der Zugang zum sozialen Feld, das verstehende interpretieren, was eine Kontexteinbettung voraussetzt. Nicht nur Peter Winch, sondern auch Jürgen Habermas äußern sich zur Verstehensproblematik, was unter den Punkten 2. und 3. zu finden ist. Der Fokus liegt auf einer Teilnahme am zu untersuchenden sozialen Leben, welche verstehen lässt, aber auch eine Veränderung des sozialen Umfeldes mit sich bringt, beinahe ein Dilemma: verstehen ohne Kontextsinn oder verstehen eines veränderten Kontextes? Die Leistung des Wissenschaftlers liegt ja hierbei gerade in der Unterscheidungskompetenz dessen, was vor seinem eingreifen das originale Realgeschehen war, wobei sich kein Mensch von jeglicher Beurteilung und Bewertung frei machen kann, zumal unsere Orientierungs- und Handlungsfähigkeit in einem komplexen sozialen Gefüge auf Beurteilungskompetenz basiert.

Dennoch ist die Sozialwissenschaft nicht verloren, weiss man ihre Ergebnisse einzuordnen, sprich mit dem Kontext, in dem sie entstanden sind, zu betrachten respektive Voraussagen nicht als einen Ausblick auf ein sicheres Ereignis zu werten.

Die Erziehungswissenschaft wird zum Ende der Arbeit angeschnitten, die sich mit den beschriebenen Problemlagen im Bereich der Bildung und Erziehung, ein per se dynamisches Forschungsfeld, findet.

Die leitende Frage der Arbeit könnte sein, ob die Sozialwissenschaften tatsächlich Philosophie sind und welche Rolle dabei das verstehen einnimmt.

1.2. Aktuelle Diskussion

Worüber macht man sich Gedanken, denkt man an den aktuellen Status der Sozial- bzw. Erziehungswissenschaft?

Der Redebeitrag von A. Gruschka auf der Tagung des Vorstandes der DgfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) „Anmerkungen zur Lage der Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin“ im Januar 2006 lässt bereits im Titel die Problematik, die im Folgenden beleuchtet werden soll, erkennen. Die Pädagogik, die in Form der jungen Wissenschaft `Erziehungswissenschaft` ihre theoretisch- wissenschaftliche Fortführung einer ehemals pragmatisch orientierten Lehre des Erziehens gefunden hat (oder doch nicht? Das wird noch zu klären sein), befindet sich, wie alle Geisteswissenschaften, in einer Legitimationskrise ihrer selbst. In einer pluralisierten, globalisierten und ökonomisch orientierten Leistungsgesellschaft müssen sich selbst die Wissenschaften einer Effizienzprüfung unterziehen. Dabei sollte, nach dem Gedankengut Humboldts, die Bildung, letztlich des ganzen Menschen, eine Tätigkeit ihrer selbst Willen sein. Unbestritten müssen dem Subjekt, damit es gesellschaftsfähig wird und in der Gemeinschaft bestehen kann, Grundwerte und Grundkenntnisse vermittelt werden, dennoch darf die Bildung nicht zum kommerziellen Gut verkommen. Da bliebe dann zu fragen, ob nicht die Würde und geistige Größe des Menschen auf der Strecke bleiben, schlimmstenfalls seine (geistige) Freiheit.

Allerdings soll es im Rahmen dieser Arbeit nicht um den Wert und Begründungs­zusammenhang der (gesellschaftlich vermittelten) Bildung gehen. Das ist ein Kapitel für sich.

Vielmehr soll es um die Schwierigkeiten gehen, mit denen sich die Sozialwissenschaften leider de facto auseinander setzen müssen, was besonders am Gegenstand des Interesses, dem sozialen Miteinander liegt. Zugegeben begegnen uns in einer am Menschen interessierten Wissenschaft wie zum Beispiel die Erziehungswissenschaft methodische Probleme, die in einer Naturwissenschaft nicht vorliegen. Aber dazu folgen später weitere Ausführungen. Dass diese Probleme in den Sozialwissenschaften vorliegen, soll sie weder entwerten noch die Naturwissenschaften aufwerten. Vielmehr soll es hier um eine Relativierung der Position der Sozialwissenschaften gehen, nicht zuletzt um einen Einordnungs­versuch.

Welche Vorwürfe werden den Sozialwissenschaften gemacht und wie sind diese zu bewerten? Was sie letztlich leisten, auch in Relation zu den Naturwissenschaften, soll hier auch nicht zum Gegenstand werden, denn auch das ist ein anderes Thema, das nur gestriffen werden kann ???

Um auf den oben erwähnten Redebeitrag zurückzukommen, sollen hier kurz einige Argumente Platz finden. Herr Gruschka spricht von einem Theorie- Praxisverhältnis, welches sich problematisch gestaltet. „Die Verwissenschaftlichung der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft hat bekanntlich nur in Ansätzen stattgefunden und sie konnte auch nicht wirklich erfolgreich sein, weil von ihr weiterhin Pädagogik erwartet wird.“1 Die Frage ist, was ein Erziehungswissenschaftler macht, was ihn vom Pädagogen unterscheidet. Der eine untersucht die Theorie der Erziehung und Bildung, der andere betreibt die sogenannte Kunstlehre, die Didaktik. Der Autor bezweifelt, ob ersteres das Zeug zum wissenschaftlichen Charakter hat, weil die in der Praxis Tätigen diese Fragestellungen längst durchdrungen haben müssten. Außerdem sei die Erziehungswissenschaft auf ihre Nachbarwissenschaften angewiesen, die Psychologie oder die Soziologie etwa. Leistet die Erziehungs­wissenschaft am Ende „nur“ Reflexionsarbeit und philosophische Standpunkte über Erziehung und Bildung? Ich denke allerdings, dass gerade das eine wichtige Aufgabe der Erziehungswissenschaft ist, wenngleich auch das die noch zu erwähnende These von Peter Winch, dass die Sozialwissenschaften letztlich zur Philosophie zu rechnen sind, erhärtet.

Ein weiteres Problem der sich mit Bildung befassenden Wissenschaft, welches hier aber nur gestriffen werden soll, ist der öffentliche Anspruch an die Bildungszunft. Zahlreiche Tests über deren Leistungsfähigkeit, die unsinnigerweise an den scheinbaren Indizien dafür, den Leistungen der Schüler (die nur die Spitze des Eisbergs sind) gemessen wird, konstatieren: Das Bildungssystem hat versagt, die Schüler (bezieht man die Aussage auf das deutsche Bildungssystem) sind in den gemessenen Bereichen zu schlecht. Der Sinn solcher Tests sei hier dahingestellt, zumal auch hiermit die Effizienzprüfung einer Wissenschaft deutlich wird, die meiner Meinung nach nicht auf die effiziente Produktion von immer mehr Spitzenleistungen aus sein sollte, sondern auch eine gewisse Naturwüchsigkeit der Bildungsprozesse bewahren sollte.

Das bisher erwähnte soll auf den problematischen Charakter einer Sozialwissen­schaft, speziell der Erziehungswissenschaft, der auch ein Kapitel gewidmet ist, hinweisen. Worin dieser Charakter besteht, soll zunächst aber erst einmal allgemeiner am Beispiel der Sozialwissenschaften an sich beleuchtet werden. Dazu dienen die Ausführungen von Peter Winch.

2. Die Probleme der Sozialwissenschaften

2.1. Peter Winch: Sozialwissenschaften sind letztlich Philosophie

Stehen Sozialwissenschaften neben der Philosopohie oder sind sie letztlich identisch?

Peter Winch sieht in der Sozialwissenschaft eigentlich die Philosophie. Warum das so ist, soll nun hergeleitet werden. Die folgenden Ausführungen weisen zumindest manchen, besonders den empirisch arbeitenden Sozialwissenschaften einen Platz zu, den sie vielleicht nicht einzunehmen glauben. Die Empiriker stützen sich ja bekanntlich auf die Erfahrungstatsachen, denen sie zum Beispiel durch Beobachtung auf die Spur gekommen sind. Dabei gelten empirische Tatsachen als das sozialwissenschaftliche Pendant zur experimentell gesicherten Tatsache beispielsweise in der Physik. Dass aber gerade die Beobachtung sowie generell die Methodik einer mit sozialen Gegebenheiten befassten Wissenschaft ihre Tücken hat, wird noch einmal aufgegriffen.

Letztlich ist die Beschäftigung mit sozialen „Gegenständen“ ein philosophieren, so dass „... viele der wichtigen theoretischen Streitfragen, die in sozialwissen­schaftlichen Untersuchungen aufgeworfen worden sind, mehr der Philosophie als der Wissenschaft angehören und daher nicht durch empirische Forschung, sondern durch apriorische Begriffsanalyse zu entscheiden sind.“1 Genau das ist der Philosophie eigen, sich mit Bedingungen einer Begrifflichkeit zu befassen, die im jeweiligen Verwendungszusammenhang stehen und in gewisser Weise einerseits erfahrungsunabhängig sind, weil man die Begründung bestimmter Werte und Begriffe (zum Beispiel Ehrlichkeit und Zeit) nicht erfahren kann, andererseits

aber das erfahrungsabhängig ist, was einen unmittelbar betrifft, zum Beispiel Teil eines sozialen Ganzen zu sein.

Winch unterscheidet außerdem nicht zwischen sozialwissenschaftlichen und philosophischen Problemen, wie es üblicherweise getan wird. Die Philosophie wird als Begleitreflexion neben den wissenschaftlichen Bemühungen gesehen, die sozusagen schmückendes Beiwerk ist. Winch aber meint, dass die sozialwissenschaftlichen Forschungsgegenstände nicht unter den philosophischen Belangen verdeckt und eigenes wissenschaftliches Terrain, sondern selber Teil philosophischer Auslotungen sind.1 Anders formuliert besteht kein Unterschied zwischen den Aussagen über Kommunikation, Verhalten und soziales Miteinander sowie philosophischer Begriffsanalyse, die eben diese mit all ihren Bedingungen und Implikationen auslotet. Die Philosophie ist bemüht, Erkenntnis zu ermöglichen, wobei Winch konstatiert: (Anlehnung an Wittgenstein?) „Philosophische Streitfragen drehen sich in weitem Maße um den richtigen Gebrauch bestimmter sprachlicher Ausdrücke; die Klärung eines Begriffes ist weitgehend eine Auflösung sprachlicher Konfusionen.“2 In den Sozialwissenschaften haben wir es weitestgehend mit einer Interpretationsleistung zu tun, die soziale Begrifflichkeiten und Gegebenheiten im Entstehungs- und Verwendungszusammenhang erklären muss, wie noch gezeigt werden wird. Dabei spielt eine hermeneutische Analyse eine Rolle, die sich doch vom streng reproduzier- und definierbaren naturwissenschaftlichen Experiment unterscheidet. Soziale Phänomene erwachsen aus dem Kontext der Personen und historischen Umstände, in denen sie auftauchen beziehungsweise konstatiert werden. Die Sicht auf diese Dinge stellt eine Reflexion dar, wie sie auch der Philosophie eigen ist.

Allerdings will Winch die Philosophie weder als reine Spekulation noch als sogenannte Handlangerin der Wissenschaften verstanden wissen. Spekulation würde bedeuten, etwas anzunehmen, ohne Wissen darüber zu haben. Spekulation würde weiterhin bedeuten, über soziale Tatsachen nachzudenken, ohne je mit ihnen in Berührung gekommen zu sein. Die Handlangerposition stammt aus Aufgaben, die der Philosophie zugewiesen werden, wie zum Beispiel: Hindernisse für das Fortschreiten des wissenschaftlichen Verstandes wegzuräumen, Problemlösetechnik oder Werkzeug zur sprachlichen Entwirrung.1 Handlangerin sei die Philosophie aber schon deswegen nicht, weil sie neben Erkenntnissen über die Welt und der darin befindlichen Phänomene auch den Sinn und die Einordnung solcher Erkenntnisse liefert. Das heißt, sie liefert Metaerkenntnisse.

Welche Probleme im Speziellen stellen sich nun den Sozialwissenschaften? Winch führt dazu mehrere Kategorien wissenschaftlicher Durchdringung der sozialen Realität an, darunter vor allem das Problem des Verstehens, welches auch bei J. Habermas noch zur Sprache kommen wird.

[...]


1 Gruschka 2006 Gruschka, Andreas: Anmerkungen zur Zukunft der Pädagogik als wissenschaftlicher Disziplin. Tagung des Vorstandes der DgfE zur Lage der Erziehungswissenschaft in Berlin am 20.01.2006

1 Winch, Peter: Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1966, S.28.

1 Winch, Peter: Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1966, S.58.

2 ebd., S. 21.

1 Winch, Peter: Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1966, S.13.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Problematik der sozialwissenschaftlichen Methode des verstehenden Interpretierens
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
"keine"
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V85018
ISBN (eBook)
9783638002943
ISBN (Buch)
9783638911160
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problematik, Methode, Interpretierens, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Anne Missbach (Autor), 2006, Die Problematik der sozialwissenschaftlichen Methode des verstehenden Interpretierens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85018

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