Tier und Natursymbolik in Martin Walsers "Der Schwarze Schwan"


Hausarbeit, 2006

13 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

In Martin Walsers Drama „Der Schwarze Schwan“, geschrieben zwischen 1961 und 1964, sind das Gedächtnis und die Erinnerungen ein Leitmotiv. Walser sagt selbst: „Das Stück könnte auch ‚Gedächtnisse’ heißen.“[1] Das Drama spielt nach dem 2. Weltkrieg in der Heilanstalt von Dr. Liberé. Das Stück „Der Schwarze Schwan“ dreht sich um den Abiturienten Rudi Goothein. Er erfährt durch einen Brief von der Mitschuld seines Vaters an den Nazi-Verbrechen. Dieser Brief ist ein Euthanasie-Einsatzbefehl der vom alten Goothein unterschrieben worden ist. Er hätte, wie alle anderen Belege der Vergangenheit, vernichtet werden sollen. „Goothein: Mein Gott, und ich glaubte, ich hätte alles vernichtet.“[2] Rudi Goothein bringt durch sein Verhalten seinen Vater in Verlegenheit, da er sich in einem Anfall von anscheinend geistiger Verwirrung selbst für den Täter hält. „Goothein: [...] Rennt herum, spielt ne fürchterliche SS Charge. Wie mir das peinlich ist Liberé! Jetzt wo die Leute allmählich vergessen.[3] Der Vater weist Rudi daraufhin in die Nervenheilanstalt seines alten Freundes Liberé ein. Dieser ist ebenfalls ein Kriegsverbrecher, der nach dem Krieg seine ärztliche Karriere unter falschem Namen und mit erfundener Vita nahtlos fortführt. Rudi setzt, darin Hamlet gleichend,[4] in der Heilanstalt gemeinsam mit anderen Anstaltsinsassen ein Erinnyenspiel in Szene, das seinem Vater und Liberé ihre Schuld vor Augen führen soll. Als Sohn seines verbrecherischen Vaters hält er sich grundsätzlich für fähig, die gleichen Verbrechen zu begehen. Schließlich begeht Rudi sogar Selbstmord. Er erschießt sich, um wenigstens einen der Nachkommen der Täter auszurotten. Folgenden Zitate belegen dieses.

Tinchen: [...] Schaut mich an. Schießt und trifft sich selbst. [...]

Dr. V. Trutz: Suizid[5] ,

Rudi: Wir rotten wenigstens die Kinder der Mörder aus.[6]

Im Mittelpunkt des Stücks steht die Frage nach der Schuld der Vatergeneration und nach den Möglichkeiten, mit ihr ‚fertig zu werden‘. Die Opfer finden nur im Zitat eines Euthanasie-Einsatzbefehls Erwähnung und tauchen schemenhaft in den Figuren der anderen Anstaltsinsassen auf.[7] Im Mittelpunkt des Dramas verbleibt der Blick immer auf die Täter und ihre Nachkommen gerichtet. Rudi Goothein, der Sohn des Täters Goothein, wird als derjenige gezeigt, der am meisten unter den Verbrechen seines Vaters leidet.

Liberé hat auch versucht, das Gedächtnis seiner Tochter Irm, deren wirklicher Name Hedi ist, soweit zu manipulieren, dass sie die vom Vater erfundene Vita für wahr und erlebt hält. Liberé fürchtet nun, dass durch Rudis Einlieferung in seine Heilanstalt, Irms Erinnerungen zurückkehren.

Liberé: [...] Rudi ist eine Gefahr für Irm. Was, wenn er sich an Irm erinnert? An Hedi, ihren frühren Namen, den ich ausradierte aus ihrem Gedächtnis? Wenn alles plötzlich aufbricht und sie Rosenwang vor sich sieht. Das ist in Indien nicht unterzubringen.[8]

Doch wie passen die von Walser verwendeten Tier- und Natursymbole zu den Leitmotiven Erinnerungen und Gedächtnis?

Walser hat seinen einzelnen Personen Tier- oder Natursymbole zugeordnet. An erster Stelle steht der schwarze Schwan. Dieses Tiersymbol spielt in den Erinnerungen von Rudi und Irm eine wichtige Rolle. Der schwarze Schwan ist im Stück kein reales Tier, das Rudi und Irm in ihrer gemeinsamen Jugend gesehen haben. Vielmehr ist er eine Erinnerung an den SS Offizier mit dem Rudi und Hedi im KZ gesprochen haben.

Irm: Sie rannten dem Mann nach. Dem schwarzen.

Rudi: Ich und Hedi mit dem Zopf. Schwarzer Mann, schwarzer Mann, riefen wir und der dreht sich um und lacht. Was heißt das SS? Haben wir gefragt. Schwarzer Schwan, sagt er und hielt die mit dem schwarzen Zopf an ihrem schwarzen Zopf.[9]

Auf dem Wäscheplatz der Heilanstalt treffen Rudi und Irm sich seit ihrer gemeinsamen Jugend zum ersten Mal wieder. Dass Irm seine damalige Jugendfreundin Hedi ist, erkennt Rudi nicht. Er beginnt ihr von seiner Kindheit und von seiner Jugendfreundin Hedi zu erzählen. Im Laufe des Gespräches beginnt Irm sich an ähnliche Szenen aus ihrer Jugend zu erinnern, kann aber die Verbindung zu ihrer gemeinsamen Jugend nicht herstellen.

Irm: Ich habe auch so was erlebt mit einem Frühstück.

Rudi: In Indien?

Irm: Vielleicht hatten wir da auch so’n Wäscheplatz.

Rudi: Wäscheplätze wird es überall geben.

Irm: Und Ruß?

Rudi: Ruß wahrscheinlich auch.[10]

[...]


[1] Beleg

[2] Walser, Martin: „Der Schwarze Schwan“ in Martin Walser Stücke. Berlin: Suhrkamp 1987 ; erster Akt, fünfte Szene; S.242.

[3] Walser, M.: „Der Schwarze Schwan“; erster Akt, erste Szene; S220

[4] Zu den Anlehnungen an die Hamlet-Gestalt vgl. Walser 1969a.

[5] Walser, M.: „Der Schwarze Schwan“; zweiter Akt, siebte Szene; S.270

[6] Walser, M.: „Der Schwarze Schwan“; zweiter Akt, siebte Szene; S.266

[7] Rudis Mitinsasse Gerold hat als Funker im Kessel von Tscherkassy eine „Stirnhirnverletzung“ erlitten; Bruno hat seine fünfjährige Anstellung als Gärtner auf dem Obersalzberg geistig nicht unbeschadet überstanden; Figilister ist als „[d]ebiler Epileptiker“ der Euthanasie entkommen, weshalb er nun unter Schuldgefühlen leidet; Seelschopp ist der einzige Jude des Stücks und befindet sich wegen seines „typische[n] K-Z-Syndrom[s]“ in der Nervenheilanstalt. Vgl. Walser, M.: “Der Schwarze Schwan“; zweiter Akt, sechste Szene, S. 249-251.

[8] Walser, M.: “Der Schwarze Schwan“; erster Akt, erste Szene; S.221.

[9] Walser, M.: “Der Schwarze Schwan“; erster Akt, vierte Szene; S.238.

[10] Walser, M.: „Der Schwarze Schwan“; erster Akt, vierte Szene; S.239.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Tier und Natursymbolik in Martin Walsers "Der Schwarze Schwan"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V85022
ISBN (eBook)
9783638894562
ISBN (Buch)
9783640871513
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tier, Natursymbolik, Martin, Walsers, Schwarze, Schwan
Arbeit zitieren
Mathias Koch (Autor), 2006, Tier und Natursymbolik in Martin Walsers "Der Schwarze Schwan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85022

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