Die vorliegende Arbeit will, grob ausgedrückt, Theorie und Anwendung der Sozialphilosophie Sartres – im Rahmen einer Theorie der Intersubjektivität – anhand zweier ausgewählter Teile untersuchen. So befasse ich mich im ersten Teil mit der berühmten phänomenologischen Untersuchung des Blicks in Sartres erstem Hauptwerk Das Sein und das Nichts , wobei ich zunächst in knapper Weise die wesentlichen Haltestellen der Argumentation darstellen will, um dann die sozialphilosophischen Implikationen betreffend eine Theorie der Intersubjektivität zusammenzufassen.
Obwohl es sich im Kontext sozialphilosophischer Untersuchungen anbieten würde, im Anschluss die Kritik der dialektischen Vernunft zu behandeln, da sie als Sartres genuin sozialphilosophisches Werk gilt, werde ich die Ergebnisse meiner ersten Untersuchung stattdessen auf Sartres „Alterswerk“, in diesem Falle seine Flaubertstudie Der Idiot der Familie , anwenden. Da eine Untersuchung, die auch nur annähernd dem gewaltigen qualitativen und auch quantitativen Umfang gerecht zu werden versucht, fast zum Scheitern verurteilt ist, jedenfalls aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, will ich mich auf ausgewählte Aspekte aus dem ersten Band der deutschen Ausgabe beschränken. Ziel meiner Untersuchung soll sein, die ausgewählten Teile miteinander zu vergleichen. Dabei soll geklärt werden, ob das Verhältnis der Schriften zueinander eher als Spannungsverhältnis zweier verschiedener Intersubjektivitätskonzepte verstanden werden muss, oder ob sich im Gegenteil die Darstellung in Der Idiot der Familie auf die grundlegenden sozialphilosophischen Implikationen in dem Blick-Kapitel aus Das Sein und das Nichts gründen lässt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Intersubjektivität in Das Sein und das Nichts
1. Hinführung: Grundgedanken in Das Sein und das Nichts
2. Sartres Voruntersuchungen zur „Fremdexistenz“
3. Der Andere als Gegenstand
4. Der Blick und die Scham
5. Der Subjekt-Andere
6. Die Konstitution des Ich durch den Anderen
7. Auswertung
II. Intersubjektivität in Der Idiot der Familie
1. Hinführung: Fragen der Methode
2. Die Kindheit Flauberts
3. Die Mutter als die Andere
III. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktische Anwendung der Sozialphilosophie von Jean-Paul Sartre im Kontext einer Theorie der Intersubjektivität. Ziel ist es, durch einen Vergleich der phänomenologischen Analyse des „Blicks“ in Das Sein und das Nichts mit der Flaubert-Studie Der Idiot der Familie zu klären, ob ein Spannungsverhältnis zwischen diesen Konzepten besteht oder ob die spätere Anwendung auf die grundlegenden sozialphilosophischen Implikationen des Frühwerks zurückgeführt werden kann.
- Phänomenologische Ontologie des „Für-Sich“ und „An-Sich“.
- Die Konstitution des Subjekts durch den Blick des Anderen.
- Die Anwendung der progressiv-regressiven Methode auf Flauberts Kindheit.
- Die Rolle der Mutter in der Primärsozialisation als Fundament der Intersubjektivität.
- Verhältnis von Freiheit, Faktizität und Entwurf.
Auszug aus dem Buch
4. Der Blick und die Scham
Zunächst einmal bleibt zu bestimmen, was überhaupt „der Blick“ ist. Sartre erweitert – oder konkretisiert – unsere unklare Sprache: Der Blick ist keine Eigenschaft der Dinge, etwa eines Augapfels, noch ist er dieses Auge selbst, noch irgendein „weltlicher“ Bezug zwischen mir und dem Anderen. Vielmehr handelt es sich bei einem Auge um den „Träger“ des Blicks, der Blick selbst kann nur erlebt, nicht erkannt werden. Für mich ist also das „Erblickt werden“ ein Erlebnis, das für den Anderen die Wahrnehmung von mir ist: „Wahrnehmen ist nämlich anblicken, und einen Blick zu erfassen ist nicht ein Blick-Objekt in der Welt erfassen (außer, wenn dieser Blick nicht auf uns gerichtet ist), sondern Bewusstsein davon erlangen, angeblickt zu werden“. An dieser Stelle wird nun deutlich, was der Blick außer seiner Eigenart ist, von Gegenständen „getragen“ zu werden: Er macht das, was er trifft, zu einem Objekt, zu einem Gegenstand. Damit werde ich zum Objekt des Anderen, während mir gleichzeitig meine Seite, die für den Anderen Objekt ist, verborgen bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung nach der Intersubjektivität in Sartres Werk vor und erläutert die methodische Entscheidung, das Frühwerk Das Sein und das Nichts mit dem Alterswerk Der Idiot der Familie zu vergleichen.
I. Intersubjektivität in Das Sein und das Nichts: Dieses Kapitel analysiert Sartres ontologische Grundlagen, insbesondere die phänomenologische Untersuchung des „Blicks“ als konstituierende Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Anderen.
II. Intersubjektivität in Der Idiot der Familie: Hier wird die progressiv-regressive Methode angewandt, um anhand der Kindheit Flauberts und der Rolle seiner Mutter die soziale Konstitution des Individuums zu verdeutlichen.
III. Fazit: Das Fazit führt die beiden Konzepte zusammen und zeigt auf, dass die Intersubjektivität bei Sartre eine stetige Dialektik von Objektivierung und Selbst-Subjektivierung darstellt, die für das Verständnis der menschlichen Existenz grundlegend ist.
Schlüsselwörter
Intersubjektivität, Jean-Paul Sartre, Phänomenologie, Blick, Scham, Für-Sich, An-Sich, Gustave Flaubert, Sozialphilosophie, Primärsozialisation, Subjektkonstitution, Existenzialismus, Freiheit, Ontologie, progressive-regressive Methode
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Sartres Theorie der Intersubjektivität, indem sie die abstrakte phänomenologische Darstellung in seinem Frühwerk mit der konkreten biographischen Anwendung in seiner Flaubert-Studie vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Natur des „Blicks“, das Verhältnis von Freiheit und Faktizität, sowie die Bedeutung der frühkindlichen Prägung durch Andere für die Konstitution des Ich.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Darstellung der Intersubjektivität in Der Idiot der Familie als Spannungsverhältnis zu Das Sein und das Nichts verstanden werden muss oder ob sie sich auf dessen sozialphilosophische Implikationen gründen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor verwendet eine phänomenologische Analyse, um Sartres Begriffe zu untersuchen, und setzt sich mit der von Sartre selbst in Fragen der Methode entwickelten „progressiv-regressiven Methode“ auseinander.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der ontologischen Struktur des Blicks und Schamgefühls im Frühwerk sowie eine Anwendung dieser Theorie auf Flauberts Kindheitserfahrungen und das Verhältnis zu seiner Mutter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Intersubjektivität, Phänomenologie, Freiheit, Subjektkonstitution, der Blick und die progressive-regressive Methode charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Mutter von einer rein negativen Objektivierung?
Die Untersuchung zeigt, dass die Objektivierung durch die Mutter im Gegensatz zur oft konflikthaften Sicht auf den „Anderen“ im Frühwerk eine positive „Valorisierung“ darstellt, da das Kind hier als „absolutes Ziel“ erfahren wird.
Warum spielt das Beispiel Gustave Flauberts eine so wichtige Rolle für das Fazit?
Flaubert dient als Beleg dafür, dass das Fehlen einer „normalen“ Primärsozialisation und einer stabilen Ich-Konstitution dazu führen kann, dass ein Mensch kein Grundvertrauen in die Welt entwickelt und ihm der „Hunger“ auf Praxis fehlt.
- Arbeit zitieren
- Daniel Zorn (Autor:in), 2007, Intersubjektivität in Sartres "Das Sein und das Nichts" und "Der Idiot der Familie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85034