Formen katholischer Frömmigkeit im Konfessionszeitalter als Disziplinarformen und Erlebnisräume


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Reformatoren und das Konzil von Trient (1545-1563)

2. Katholische Frömmigkeit als Praxis des „wahren katholischen Glaubens“

3. Wallfahrtsorte als Erlebnisräume

4. Katholische Frömmigkeit als Disziplinarpraxis

5. Fazit: Frömmigkeit und weltliche Herrschaft

Literaturverzeichnis

Einleitung

Frömmigkeit kommt aus dem Hang, um welchen Preis auch immer eine Rolle in der Welt zu spielen

(Montesquieu)

Pietate et iustitia

(Wahlspruch Ferdinands III.)

Frömmigkeit, pietas, galt schon in der Antike als eine der Kardinaltugenden, durch die sich ein gelungenes Leben auszeichnete. Ursprünglich von mhd. „fruma“, meinte „fromm“ zunächst „nützlich, gehorsam, leicht lenkbar“, bis es im 17. Jahrhundert die noch heute gebräuchliche Bedeutung annahm. Die beiden obenstehenden Zitate stehen für zwei Funktionen der Frömmigkeit, wie sie hier im weiteren Verlauf untersucht werden sollen: Drückt Baron de Montesquieu (1689-1755) in seinem lakonischen Kommentar über die Frömmigkeit deren Gebrauch für die eigene Selbstdarstellung und Eitelkeit aus, weil jener Fromme sich vor anderen auszeichnen will, so gibt der Wahlspruch Kaiser Ferdinands III. (1608-1657) die Verknüpfung religiöser und weltlicher Disziplinierung als Merkmal frühneuzeitlicher Herrschaft in bezeichnender Kürze wieder. Die frühe Neuzeit als Zeitalter der „gelenkten Religiosität“[1] ist damit die Keimstätte einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Glaubenspraxis, die sich schließlich als Merkmal des Zeitalters selber im Prozess der Konfessionalisierung niederschlägt. Katholische Frömmigkeit als staatliches Disziplinierungsmittel und als Mittel zur Selbstdisziplinierung des Gläubigen, das soll Thema der vorliegenden Arbeit sein. Dazu will ich zunächst die Streitpunkte zwischen Kirche und Reformatoren deutlich machen, die im Konzil von Trient zu einer Unvereinbarkeit der theologischen Grundlegungen und zur Ausbildung der katholischen Konfession als solcher führt (1). Dabei sollen die Frömmigkeitsformen als Differenzierungsmerkmale verstanden werden, derer sich die katholische Kirche bedient, um sich von den reformatorischen Bewegungen abzugrenzen. Besonders in den gegenreformatorischen Bemühungen wird das spezifisch Katholische als solches reflektiert und auch gezielt durchgesetzt. Im Folgenden will ich darstellen, welche Formen von Frömmigkeit sich besonders für die Abgrenzung eigneten (2). Dazu werden drei Formen katholischer Frömmigkeit – Heiligenverehrung, Marienkult und Wallfahrtswesen – vorgestellt um ihre Wirksamkeit im Zuge der Gegenreformation aufzuzeigen. Insbesondere die Wallfahrten sollen dann, basierend auf einem von Manfred Hettling entwickelten Konzept zur Analyse von Erinnerungskultur und Erinnerungsorten, als Zusammenspiel von Ritual, Mythos und Denkmal bzw. geographischem Ort begriffen werden, um die verschiedenen Ebenen des Ineinandergreifens von Disziplinierung, Macht und Glauben deutlich zu machen (3). Mit Textbeispielen aus Maurus Frieseneggers Tagebuch aus dem 30-jährigen Krieg will ich an einem konkreten Beispiel zeigen, wie sich diese Disziplinierungen fassen lassen und wie sie sich, besonders in chaotischen Kriegszeiten, auswirken (4). In meinem Fazit will ich die Ergebnisse der vorherigen Untersuchungen noch einmal zusammenfassen und versuchen, einen Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und staatlicher Disziplinierung herzustellen, der als ein Fundament der modernen Staatenbildung verstanden werden kann (5).

1. Die Reformatoren und das Konzil von Trient (1545-1563)

Das Verständnis der Messe als Ritual ohne wirklichen Gemeindebezug, die Instrumentalisierung religiöser Handlungen für weltliche Zwecke und Geldwirtschaft und vor allem das Ineinander von Kirche als Machtzentrum und Glaube als Machtmittel, sowie der Vorwurf der Götzenverehrung angesichts des Heiligen- und Bilderkultes; all das beeinflusste die reformatorische Bewegung, die von Martin Luther und später von Jean Calvin und Huldrych Zwingli ideell vertreten wurde. Das Ziel der Reformbewegung war zunächst nicht die Spaltung der Kirche; nachdem aber die Forderungen immer mehr an die theologisch-dogmatische Substanz gegangen waren und die reformatorischen Bewegungen an Zahl der Gläubigen zunahmen, sah sich die Kirche gezwungen, sich von den neuen Lehren abzugrenzen, um nicht innerlich durch Machtkämpfe zerrissen zu werden und gleichzeitig den innerkatholischen Reformbestrebungen durch klarere Differenzierung der eigenen Glaubensform entgegenzutreten. Die Reintegration der Protestanten, insbesondere der Lutheraner und Calvinisten in die katholische Kirche war eine der Hoffnungen, die mit dem Konzil von Trient (1545-1563) verbunden wurden. Doch in dessen Verlauf wurde schnell klar, dass sich dieses Ziel nicht mehr erreichen ließ: Zu groß waren die Unterschiede zwischen den Forderungen der Reformatoren und den Reformvorhaben der Kirche selbst. Damit waren die Schwerpunkte des Konzils vor allem „die Rechtfertigung des bisherigen Glaubensgutes, die Neuinterpretation unklarer Stellen sowie ein umfassendes [innerkirchliches] Reformprogramm“, das die Kirche effizienter und deutlicher hervortreten lassen sollte. Der Abgrenzungsprozess, der durch die im Tridentinum festgelegten Lehrvorschriften den gesamten Bereich katholischer Religiosität beeinflusste, zeichnete schließlich diese als Konfession in Abhebung zu den sich ebenfalls mehr und mehr differenzierenden reformatorischen Bewegungen heraus. Den spezifisch katholischen Frömmigkeitsformen galt dabei ein besonderes Augenmerk, waren sie doch die nach außen hin sichtbare Glaubenspraxis, an der man die Konfessionen voneinander unterscheiden konnte. Dabei spielten vor allem die Formen von Frömmigkeit eine Rolle, die von den Reformatoren rundweg abgelehnt wurden: „Die von den Reformatoren massiv angegriffene Glaubensäußerung Wallfahrt wurde nicht aus der Kultpraxis verbannt, sondern gerade wegen dieser Angriffe zum Ausdruck des Katholischen aufgewertet und damit als Medium konfessioneller Abgrenzung eingesetzt“[2].

Die drei Hauptsäulen der altkatholischen Frömmigkeit als Glaubenspraxis waren die seit dem Spätmittelalter populäre Heiligenverehrung, die Sakramente und Sakramentalien und die heilige Messe als spectaculum, in dem sich regelmäßig das Wunder der Fleischwerdung Christi wiederholte. Gleichzeitig war die Kirche vor ihrer Reform ein Nebeneinander verschiedener Möglichkeiten, den Glauben auszuleben: „Die religiöse Kultur des Spätmittelalters war tief in der Lebenswelt der Menschen verankert. Die Kirche verwaltete alle Heilsgüter, übte aber keinen normierenden Druck auf die Gläubigen aus. Sie hatten mehr oder weniger freie Hand, das reiche Angebot der Kirche nach ihren Wünschen und Interessen zu nutzen, wobei jeder darauf bedacht war, so viele Gnadenmittel wie möglich anzuhäufen“[3]. Dabei vermischten sich oft volksmagische Vorstellungen mit den Dogmen der Kirche, so dass ein buntes Durcheinander von Heiligen- und Patronenkulten, Sakramentenverehrung und magische Praktiken herrschte. Die Formen des katholischen Glaubens als Gnadenmittel wurden von den Reformatoren theologisch angegriffen; religionssoziologisch hat das Max Weber in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zusammengefasst[4]: Die guten Werke wurden nicht mehr als Mittel zur Abarbeitung der Erbsünde aufgefasst, sondern waren vielmehr selbst Ausdruck des Gnadenstandes vor Gott. Da aber der (protestantisch gläubige) Christ sich der Gnade Gottes nicht gewiss sein konnte, weil sie nach der reformatorischen Lehre prinzipiell uneinsehbar, nicht durch Wunder oder sonstige Zeichen sichtbar war, übte der Gläubige eine stetige Selbstkontrolle über sich aus; nur im vorbildlichen Leben und frommer Glaubenspraxis konnte er sich der Zugehörigkeit zu den von Gott vorher zur Gnade Auserwählten sicher sein. Dieser selbstdisziplinarische Charakter der protestantischen Lehre wird vor allem durch die Verknüpfung von weltlichem Erfolg und religiöser Praxis deutlich: die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Seite zeigt sich in einer bewussten Einbindung religiösen Handelns mit unmittelbaren Konsequenzen bei Nichtbefolgung. Dass die Funktion Glaube-Disziplinierung die reformatorische Theologie nicht benötigte, soll sich im folgenden zeigen, wenn katholische Frömmigkeitsformen als Disziplinarpraktiken untersucht werden sollen.

[...]


[1] Angenendt, Arnold: Heilige und Reliquien : die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München 1997, S. 256.

[2] Freitag, Werner: Volks- und Elitenfrömmigkeit in der Frühen Neuzeit. Marienwallfahrten im Fürstbistum Münster (Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volksforschung, Bd. 29). Paderborn 1991, S. 82.

[3] Dülmen, Kultur und Alltag, S. 61.

[4] Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1), Tübingen 81986.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Formen katholischer Frömmigkeit im Konfessionszeitalter als Disziplinarformen und Erlebnisräume
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Der Krieg aus der Nähe - Der 30-jährige Krieg im Spiegel von Selbstzeugnissen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V85035
ISBN (eBook)
9783638002974
ISBN (Buch)
9783638927499
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Frömmigkeit, Konfessionszeitalter, Disziplinarformen, Erlebnisräume, Krieg, Nähe, Krieg, Spiegel, Selbstzeugnissen
Arbeit zitieren
Daniel Zorn (Autor), 2007, Formen katholischer Frömmigkeit im Konfessionszeitalter als Disziplinarformen und Erlebnisräume, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85035

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