Institutionen als Problemlösung - Zu Abram de Swaans "Der sorgende Staat"


Seminararbeit, 2006

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Institutionen kommunaler Fürsorge
2.1 Das Problem des kollektiven Handelns
2.2 Der Wechsel von der kommunalen Fürsorge zu einem regionalen Gleichgewicht
2.3 Ein Spielmodell mit 2 Personen
2.4 Die Institution des Arbeitshauses und die Rolle zentraler Behörden
2.5 Der Einfluss des Arbeitshauses im Spielmodell

3 Institutionen der Bildung und Kommunikation
3.1 Die Blütenfiguration von Kommunikationsnetzen
3.2 Eine statistische Betrachtung der Kommunikationspotentiale
3.3 Die Rolle des Klerus und des Landadels im Erziehungswesen
3.4 Die Institutionen zur Massenerziehung in den untersuchten Ländern

4 Institutionen im Gesundheitswesen
4.1 Die Cholera als Beispiel für Interdependenz
4.2 Die stadtweite Ausdehnung der kollektiven Einrichtungen

5 Institutionen zur Vorsorge: Arbeiterhilfsvereine und die Sozialversicherung
5.1 Der Wechsel von den Hilfsvereine zur staatlichen Sozialversicherung
5.2 Die Akkumulation von Transferkapital in einer vierseitigen Figuration
5.3 Die Zwangsakkumulation
5.4 Risiken des Erwerbslebens
5.5 Die Entstehung der Sozialversicherung in den untersuchten Ländern
5.6 Die Kollektivierung nach 1945

6 Die Entwicklung der Mittelschicht, Expertenregimes und der Zivilisation
6.1 Die Rolle der Ärzteschaft
6.2 Kollektivierung und Zivilisation

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dimensionen der Armut im Europa der frühen Neuzeit;
Quelle: De Swaan (1993), Der sorgende Staat, S. 33

Abbildung 2: Lokale behörden und Vagabunden;
Quelle: De Swaan (1993), der sorgende Staat, S. 53

Abbildung 3: Kommunalbehörden und die Lösung des Arbeitshaus;
Quelle: De Swaan (1993), Der sorgende Staat, S. 64

Abbildung 4: Blütenfiguration der Sprachen;
Quelle: De Swaan (1993), Der sorgende Staat, S. 81.

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Institutionen als Problemlösung und dabei mit den Erklärungsansätzen von Abram de Swaan in seinem Werk „Der sorgende Staat“. De Swaan untersucht die Kollektivierung im Gesundheits-, Bildungs- und Fürsorgewesen in Großbri-tannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und den USA in einem historischen Vergleich, den er mit der Theorie kollektiven Handelns verbindet.[1] Um die Gründe für die Etablierung kollektiver und landesweite Einrichtungen gegen Risiken und Defizite zu erläutern, werden die die Ansätze der Wohlfahrtsökonomik (externe Effekte), sowie der Soziologie von Norbert Elias (Interdependenzketten) herangezogen. Dabei spielt ein Muster voneinander abhängiger Menschen eine zentrale Rolle (Figuration). Mit der Wohlfahrtsöko-nomik analysiert De Swaan komplexe Konstellationen von Interdependenzen und mit der historischen Soziologie den Einfluss externer Effekte auf die gesellschaftliche Entwicklung.[2] Die Interdependenz zwischen Bürgern durch Staatenbildung, Kapitalismus, Urbanisierung und Säkularisation führte zu neuen externen Effekten durch individuelle Risiken und Defizite. Im Kollektivierungsprozess spielen die Interdependenzen zwischen Armen und Reichen eine zentrale Rolle. Die Armen stellten für reichere Bevölkerungsteile sowohl Gefahren als auch Chancen dar, weshalb Wohlhabende durch die externen Effekte der Armut kollektiv betroffen waren. De Swaan zeigt das Dilemma der Wohlfahrtsökonomik, wonach jede gemeinsame Anstrengung der Reichen gegen die Folgen der Armut auch den Menschen nutzte, die nichts dazu beigetragen hatten.[3]

Er zeigt drei Hauptaspekte der Kollektivierung von Fürsorgemaßnahmen auf wonach die Maßnahmen im Lauf der Zeit ganze Nationen in ihr Spektrum einschlossen oder bestimmte Gruppen abgrenzten.[4] Daneben wurden die Maßnahmen immer kollektiver und vom Staat oder öffentlichen Anstalten getragen. Der Staat erreichte so genügend Autorität um sich den Verwaltungsapparat zu schaffen. Für die Durchsetzung kollektiver Zwangsvorkehrungen definiert De Swaan Bedingungen, die diese Maßnahmen beschleunigen: Zum einen die Ungewissheit über den Zeitpunkt und das Ausmaß der Notlage, die Ungewissheit über die Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen, sowie die Ungewissheit über das Ausmaß und die Reichweite externer Effekte für nicht Betroffene.[5] Stärke und Umfang der Effekte hängen dabei von der Dichte und Verzweigung des sozialen Netzes ab. Ungewissheit über den Zeitpunkt und die Wirksamkeit lässt sich in breit gefächerten Kollektiven am besten bewältigen, wo das Wohlergehen vieler die Not weniger aufwiegt. Die kollektiven Maßnahmen müssen dabei nicht zwingend sein. Eine kollektive aber freiwillige und kommerzielle Versicherung gegen Risiken ist möglich. Externe Effekte sind aber über den Markt oder freiwillige Regelungen schwerer einzudämmen, da sie die beteiligten Parteien nicht direkt betreffen. So sind die auftretenden Konflikte des kollektiven Handelns nur durch Vertrauen oder Zwang lösbar.[6] Die Untersuchung von De Swaan behandelt die entscheidenden Phasen der institutionellen Bereiche (Fürsorge, Erziehung, Gesundheits-wesen) in ihrer chronologischen Abfolge.

2 Institutionen kommunaler Fürsorge

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Abschnitt werden die Erklärungsansätze De Swaans zu den Wohltätigkeitseinrich-tungen im späten Mittelalter und der Entstehung von Armenhäusern in der frühen Neuzeit dargestellt. Das Bewohnen eines gemeinsamen Lebensraumes setzte ein gewisses Maß struktureller Interdependenz zwischen Besitzlosen und Besitzenden voraus. Im 16. und 17. Jahrhundert war in einem freiwilligen Spendensystem der Reichen zur Umverteilung des „Surplus“ Vertrauen die Voraussetzung.[7] Dabei wurden die Armen nach den Kriterien Unvermögen, Nähe und Fügsamkeit zur behördlichen Unterscheidung zwischen würdigen und gefährlichen Armen eingeteilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dimensionen der Armut im Europa der frühen Neuzeit;
Quelle: De Swaan (1993), Der sorgende Staat, S. 33.

Unvermögen bedeutete, dass jemand seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft leisten konnte, was ihn bedürftig machte.[8] Nähe und Fügsamkeit rechtfertigten den Anspruch, wobei Nähe die Zuständigkeit und Versorgung festlegte und Vertreibung der Armen als Lösung ausschloss. Fügsamkeit definierte, ob die Armen aktiv auf Unterstützung drängten. Es wurden schamhafte Arme, die nichts erbettelten, sowie aktive Arme unterschieden, die bettelten oder stahlen und im Extremfall als kräftige Banden die Bauern terrorisierten.[9] Den schwachen, sesshaften, untätigen Armen (unterstützt aus den 3 Gründen) standen die wandernden, aktiven, kräftigen Armen gegenüber, die es zu bekämpfen galt.

2.1 Das Problem des kollektiven Handelns

Sich um Arme zu kümmern wurden zunächst als Christenpflicht angesehen und die Unterstützung diente einem Kollektivgut, denn Besitzende und Besitzlose waren in einer komplementären Beziehung aneinander gekettet. Arme waren einerseits Arbeitskräfte, andererseits potentielle Räuber.[10] Durch Spenden vermied man Aufstände und konnte potentielle Arbeiter ernähren. Die Armenhilfe stellte eine Versicherung gegen Risiken dar.[11] Von kräftigen Arbeitern profitierten jedoch auch Bauern die nichts gaben. So schuf das kollektive Handeln ein unteilbares Gesamtgut. Darauf hin bildeten Bauern und Gemeinden zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert Schutzgemeinschaften mit individuellen Abgaben oder Zwangsalmosen. Freiwillige Fürsorgeinitiativen kamen auch in den mittelalterlichen Städten auf. Dort gab es zwar keine Zwangsabgabe, doch die Kommunen wurden gezwungen die Armen zu ernähren. De Swaan analysiert das freiwillige kollektive Handeln zur Überwindung des internen Dilemmas im Sinne einer Figuration von Menschen, die durch Inderdependenz miteinander verbunden sind.[12] Er erläutert, dass das Dilemma kollektiven Handelns ein Übergangsphänomen ist. Die interdependierten aber unkoordinierten Menschen gehen in einen koordinierten Verband über, der Maßnahmen wirksam gegen einzelne Mitglieder durchsetzen kann.[13] Im Übergang von unkoordinierter Interdependenz zu erzwungener Koordination durch das Kollektiv tritt das Dilemma auf. Solange Misstrauen herrscht, wird niemand an einem kollektiven Projekt teilnehmen. Erst die positive Erwartung einer Mehrheit kann das Vertrauen in den Erfolg des kollektiven Handelns bei anderen auslösen.[14] Die Lösung bei der mittelalterlichen Armenhilfe stellt der christliche Glaube dar, durch den man für die Gaben mit Seelenrettung rechnete. Durch das öffentliche Spenden konnte das Kollektiv Sanktionen verhängen.

2.2 Der Wechsel von der kommunalen Fürsorge zu einem regionalen Gleichgewicht

Die Gefahren dieser Lösung stellten externe Störungen, Feindseligkeiten, Kriege, Seuchen, Missernten, sowie falsche Erwartungen an Lohn der Kooperation dar.[15] Es herrschte eine dreifache Balance, die von relativ ungestörtem Handel mit dem Umland, einer ausgewogenen Verteilung der Führsorgepflicht, sowie einer wohl bemessenen Höhe der Unterstützung geprägt war.[16] Es hing vom wechselseitigen Vertrauen der Wohlhabenden ab, was zur Instabilität des Fürsorge-Gleichgewichts führte. Der Boykott der Fürsorge durch Einzelne führte zu Fehden und bedeutete den Zusammenbruch des Fürsorgesystems. Konnten sich die Reichen nicht auf Spenden einigen vertrieb man die Bettler. Die Schwäche der freiwilligen Fürsorge war, dass sich individuelles Ausscheren kurzfristig auszahlte. Der Zusammenbruch in einer Gemeinde setzte sich oft in Nachbarkommune fort und die gegenseitige Abhängigkeit wurde deutlich. Die Institutionen des Mittelalters waren Klöster und Höfe, die bei Katastrophen Bedürftige aufnahmen um das Führsorgegleichgewicht aufrecht zu erhalten.[17] Ab dem 16. Jahrhundert spielten Großstädte eine ähnliche Rolle für das Gleichgewicht der Fürsorge und städtische Armenhäuser wirkten die autonomen Gemeinden der Gegend wie Klärwerke. So waren die Städte von Hilfesuchenden überflutet.

Zur Stärkung des Gleichgewichts wurden Gesetze erlassen und Anstalten eingerichtet. Mit den Elisabethanischen Armengesetzen von 1601 ersetzte ein Zwangsabgaben-System die unstabile, freiwillige Fürsorge.[18] Für die Eintreibung waren nun nicht mehr die Kirchen, sondern Behörden zuständig. Mittellose wurden der Obhut ihrer Heimatorte unterstellt, was die Abschiebung erleichterte. Offene Dörfer wurden durch Ausgesperrte belagert und von Vagabundierenden ging Seuchengefahr aus. Die Zwangsabgaben lösten das Dilemma der freiwilligen kollektiven Hilfe und ersetzten religiöse Barmherzigkeit. Das regionale Gleichgewicht war zwar nicht stabil, doch die Gefahr des Zusammenbruchs wurde gemindert.

2.3 Ein Spielmodell mit 2 Personen

Zur Analyse der Konflikte der Armenfürsorge bei relativ autonomen Kommunen verwendet De Swaan ein Spielmodell mit den Merkmalen des Gefangenendilemmas. Dabei stellt er ein 2-Personen-Modell auf, bei dem die Akteure zwischen dem Aufnehmen und Abweisen der Vagabunden entscheiden können.[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Lokale behörden und Vagabunden;
Quelle: De Swaan (1993), der sorgende Staat, S. 53.

Das Modell verdeutlicht, dass das Ausscheren bei einem unstabilen Gleichgewicht der Kooperation zwar verlockend bleibt (Feld links oben), da aber alle wissen, dass für andere der gleiche Anreiz besteht, müssen sie mit einem schlimmen aber stabilen Gleichgewicht als Endzustand rechnen.[20] Das Misstrauen könnte zum frühen Ausbrechen verleiten, aber die Nachahmung könnte die eigennützige Strategie verhindern. Dieser Teufelskreis könnte nur durch gegenseitiges Vertrauen durchbrochen werden. Das Zwangssystem führt zur Lösung des Dilemmas und die Figuration geht in eine mit untergeordneten statt autonomen Akteuren über. Zwar lädt ein unstabiles Gleichgewicht der Kooperation zu zentralen Maßnahmen (Zuschüsse durch Behörden) ein, da die Zentralbehörde aber mit einem steigenden Kostenanteil rechnen muss, sollte sie Eingriffe vermeiden – ein ähnliches Dilemma wie bei den einzelnen Kommunen.

[...]


[1] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 11.

[2] Vgl. De Swaan (1993), S. 12.

[3] Vgl. De Swaan (1993), S. 13.

[4] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 17.

[5] De Swaan (1993), S. 17.

[6] Vgl. De Swaan (1993), S. 18.

[7] Vgl. De Swaan (1993), S. 27.

[8] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 28.

[9] Vgl. hierzu und in folgendem Satz De Swaan (1993), S. 31.

[10] Vgl. De Swaan (1993), S. 34.

[11] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 35.

[12] Vgl. De Swaan (1993), S. 38.

[13] Vgl. hierzu und in folgendem Satz De Swaan (1993), S. 39.

[14] Vgl. hierzu und in folgendem Satz De Swaan (1993), S. 40.

[15] Vgl. De Swaan (1993), S. 41.

[16] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 42.

[17] Vgl. hierzu und dem folgenden Satz De Swaan (1993), S. 46.

[18] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 48.

[19] Vgl. De Swaan (1993), S. 52.

[20] Vgl. zu diesem Absatz De Swaan (1993), S. 54.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Institutionen als Problemlösung - Zu Abram de Swaans "Der sorgende Staat"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Privatissimum aus Methoden der empirischen Sozialforschung
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V85038
ISBN (eBook)
9783638007931
ISBN (Buch)
9783638913881
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Institutionen, Problemlösung, Abram, Swaans, Staat, Privatissimum, Methoden, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Manuel Herold (Autor), 2006, Institutionen als Problemlösung - Zu Abram de Swaans "Der sorgende Staat", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85038

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