Zwei Nationalstaaten, Serbien und Bulgarien, versuchen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ihre nationale Identität (bzw. ihre Herrschaft) unter den makedonischen orthodoxen SüdslawInnen zu verbreiten. Das Osmanische Reich befindet sich in einer Umbruchzeit, die durch Modernisierungsversuche, wechselnde Macht- und Herrschaftsverhältnisse und wirtschaftliche Stagnation gekennzeichnet ist. Religiöse, ökonomische und ethnische Identitäten werden neu definiert. Diese Arbeit versucht mittels einer Untersuchung der im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv gesammelten Konsularberichte den Konflikt des serbischen und des bulgarischen „nationalen Projektes“ in der Eparchie Üsküb am Beispiel des Kirch- und Schulwesens zu schildern. An Hand dieses Beispiels wird die Rolle von Schule und Kirche im balkanischen Nation-Building des 19. Jahrhunderts analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Theoretisch-methodischer Ansatz
3. Forschungsstand
4. Quellenkritik
5. Nationaler Werdegang in Serbien und Bulgarien
5.1. Serbien
5.2. Bulgarien
6. Das Entstehen des bulgarischen Exarchats
7. Die Kirchen im Konflikt
8. Das Schulwesen in Mazedonien
9. Konfliktlinien und Kampfstrategien
10. Rolle der Großmächte
10. 1. Österreich – Ungarn
10.2. Russland
10.3. Frankreich
10.4. Großbritannien
11. Die osmanische Position
11.1. Einstellung zur serbischen Seite
11.2. Einstellung zur bulgarischen Seite
12. Conclusio
13. Anhang: Quellenauswahl
1. 15. Februar 1898 – Telegramm
2. 16. Februar 1898 – Bericht
3. 12. März 1898 – Telegramm
4. 16. März 1898 - Telegramm
5. 6. April 1898 - Bericht
6. 18. April 1898 - Telegramm
7. 2. Mai 1898 - Bericht
8. 27. Mai 1898 – Bericht
9. 5. August 1898 – Bericht
10. 22. August 1898 – Bericht
11. 1. Oktober 1898 – Telegramm
12. 17. November 1898 – Bericht
13. 26. November 1898 – Telegramm
14. 9. Dezember 1898 – Bericht
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den serbisch-bulgarischen Konflikt um nationale Identität und territoriale Ansprüche in der Eparchie Üsküb am Ende des 19. Jahrhunderts, wobei die Rolle von Kirche und Schule als zentrale Instrumente der Nationsbildung im Fokus steht.
- Rolle von Kirche und Schule im balkanischen Nation-Building.
- Analyse der serbisch-bulgarischen Konkurrenz in Mazedonien.
- Einfluss der osmanischen Verwaltungspolitik auf ethnische Spannungen.
- Interessen und diplomatische Aktivitäten der europäischen Großmächte.
Auszug aus dem Buch
8. Das Schulwesen in Mazedonien
Eine zweite Komponente der serbischen und bulgarischen nationalen Agitation und Propaganda in der Eparchie von Üsküb war das Schulwesen. Das Entstehen von modernen Nationalstaaten steht in einem engen Verhältnis mit dem Durchsetzen der kapitalistischen Produktionsweise, mit dem Aufbau einer umfassenden Verwaltung und einer stehender Armee aber auch mit einem nationalen Bildungssystem. Durch die Schule, wenn es sich auch um eine einfache vier- oder sechsjährige Volksschule handeln mag, wurden und werden auch heutzutage nationale Werte vermitteln. Hier werden Daten, Fakten, Traditionen, Vorstellungen, kollektive Erinnerungen und kollektive Versuche des Vergessens an Kinder und Jugendliche vermittelt, die diese wiederum an die nächste Generation weiter tragen werden. Die serbische, als auch die bulgarische Regierung hat richtig erkannt, dass nur durch das Aufbauen von einem umfassenden Schulnetz in Mazedonien, dieses Gebiet in ihre Einflusssphäre und möglicherweise auch unter ihre Herrschaft gelangen würde.
Die Schulen repräsentieren bekanntlich ein Haupt-Agitationsmittel sowohl der Serben, als auch der Bulgaren im ottomanischen Reiche. Aus ihrer Vertheilung und Dichte lässt sich nicht nur auf das thatsächliche Strärkenverhältnis zwischen Serben und Bulgaren, sondern auch auf die Prätentionen des einen oder anderen Volksstammes in gewissen Gegenden schließen (Quelle: 6. April 1898).
Inwiefern wir die eher dichtere oder eher dünner Verteilung von entweder serbischen oder bulgarischen Schulen im jeweiligen Amtsbezirke in Verbindung mit tatsächlichen Zahlen der „SerbInnen“ und „BulgarInnen“ bringen können, bleibt unbeantwortet. Wir können entweder argumentieren, dass dort, wo eher das Exarchat die Vormacht hatte, bulgarische Schulen vorherrschten, während in den vom Patriarchat dominierten Gebieten überwiegend serbische Schulen zu finden waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Arbeit beleuchtet die wechselseitigen nationalen Projekte Serbiens und Bulgariens in der Eparchie Üsküb am Beispiel von Kirche und Schule unter osmanischer Herrschaft.
2. Theoretisch-methodischer Ansatz: Grundlage ist das Konzept der Nation als "vorgestellte politische Gemeinschaft" nach Benedict Anderson, ergänzt durch die Analyse zeitgenössischer Konsularberichte.
3. Forschungsstand: Ein Überblick über die Literatur zur Makedonischen Frage, wobei Adanirs Werk als zentrale Ausnahme in der expliziten Behandlung des Schul- und Kirchenkampfes hervorgehoben wird.
4. Quellenkritik: Bewertung der österreichisch-ungarischen Konsularberichte als wertvolle, wenngleich subjektiv beeinflusste Quelle für die politische Lage im Jahr 1898.
5. Nationaler Werdegang in Serbien und Bulgarien: Eine historische Skizze der Entwicklung serbischer und bulgarischer Staatlichkeit und Identität vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert.
6. Das Entstehen des bulgarischen Exarchats: Analyse der kirchenpolitischen Gründung des Exarchats im Jahr 1870 als zentrales Ereignis für den nachfolgenden nationalen Kampf um Mazedonien.
7. Die Kirchen im Konflikt: Untersuchung der Instrumentalisierung kirchlicher Institutionen durch serbische und bulgarische Eliten zur Ausweitung ihres jeweiligen Einflussbereichs.
8. Das Schulwesen in Mazedonien: Darstellung des Schulnetzes als zweites Hauptinstrument der nationalen Agitation und Propaganda, inklusive einer detaillierten statistischen Betrachtung.
9. Konfliktlinien und Kampfstrategien: Analyse der mobilisierenden Techniken, wie die Gründung von Bildungsstätten und die Verwendung nationalistischer Argumente in der Region.
10. Rolle der Großmächte: Untersuchung des Einflusses von Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich und Großbritannien auf den regionalen Konflikt.
11. Die osmanische Position: Analyse der spätosmanischen Verwaltungspolitik, die zwischen Ohnmacht und punktueller, oft gewaltsamer Repression schwankte.
12. Conclusio: Zusammenfassung der Untersuchung, die den nordmazedonischen Fall als ein typisches Beispiel für den bewussten Prozess der Nationskonstruktion und das Scheitern osmanischer Ordnungsstrukturen einstuft.
Schlüsselwörter
Mazedonien, Eparchie Üsküb, Serbien, Bulgarien, Nationalismus, Kirchenkampf, Schulwesen, Osmanisches Reich, Nationsbildung, Konsularberichte, Großmächte, Identität, Exarchat, Ethnizität, 1898
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den kirchlichen und schulischen Wettbewerb zwischen Serbien und Bulgarien um die nationale Beeinflussung der slawischen Bevölkerung in der osmanischen Eparchie Üsküb am Ende des 19. Jahrhunderts.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentral sind der Einfluss von Religion und Bildung auf die nationale Identitätsbildung, die Rolle ausländischer Agenten und Konsuln sowie die ohnmächtige Reaktion der osmanischen Verwaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den "Nation-Building"-Prozess im 19. Jahrhundert auf dem Balkan anhand der Eparchie Üsküb exemplarisch zu verdeutlichen und die Strategien der rivalisierenden Nationalstaaten zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer empirischen Auswertung österreichisch-ungarischer Konsularberichte aus dem Jahr 1898, eingebettet in einen theoretischen Rahmen zur Nationsbildung nach Benedict Anderson.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der nationalen Entwicklungen, die Untersuchung der kirchlichen Jurisdiktion, die Rolle des Schulwesens, die politischen Strategien der Großmächte und die osmanische Verwaltungspraxis.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nationalismus, Ethno-Phyletismus, Eparchie, Exarchat, Agitation, osmanische Reformen und das Spannungsfeld zwischen religiöser und nationaler Zugehörigkeit.
Welche Rolle spielt die "Kirchenbesetzung" in Kumanovo?
Der Vorfall in Kumanovo dient als exemplarisches Fallbeispiel, das zeigt, wie lokale Kirchengebäude als Streitobjekte zwischen den nationalen Lagern instrumentalisiert wurden und die Handlungsunfähigkeit der lokalen osmanischen Behörden unterstrich.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Albaner?
Die Albaner werden als eine vom Osmanischen Reich als "staatserhaltend" betrachtete Gruppe beschrieben, deren religiöser Fanatismus von osmanischen Beamten teils geschürt wurde, um den Einfluss der christlichen Balkanstaaten einzudämmen.
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- Mag. Viseslav Raos (Author), 2006, Der serbisch-bulgarische Konflikt im Kirch- und Schulwesen in der Eparchie Üsküb, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85138