Die Rundfunklandschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen. In Deutschland soll das analoge Fernsehen nach dem Willen der Bundesregierung bis zum Jahr 2010 abgeschaltet und durch die digitale Übertragungstechnik ersetzt werden. Bevor die analoge Fernsehübertrag ausläuft, werden digitale Programme und Dienste sukzessive ausgebaut und in der Übergangsphase gleichzeitig mit dem analogen Programm übertragen. Bei Erreichen des klar definierten Zeithorizonts am Ende dieses Jahrzehnts soll die Digitalisierung des Fernsehens über Kabel, Satellit und den terrestrischen Weg dann vollständig abgeschlossen sein. Die Vorteile des technischen Generationswechsels in den Übertragungskapazitäten lassen sich kurz durch die beiden Begriffe "Erweiterung" und "Differenzierung" des Angebots auf den Punkt bringen. Dies trifft für frei empfangbare Programme ebenso wie für das Bezahlfernsehen zu. Keineswegs handelt es sich beim digitalen Fernsehen nur um kostenintensives Pay-TV - ein Irrglaube, der durch aufwändige Werbekampagnen der Pay-TV-Veranstalter in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung verfestigt wurde - sondern um die technische Weiterentwicklung des gesamten analogen Fernsehens.
Durch die digitale Übertragungsform in Verbindung mit der Datenreduktionstechnik wird eine Steigerung der Übertragungskapazität erreicht - bis zum Faktor 10 - die sowohl quantitative als auch qualitative Veränderungen in der Kommunikationsstruktur, bei den Kommunikationsangeboten sowie hinsichtlich der Nutzungsmöglichkeiten für das Publikum bewirken wird. Es sind also nicht nur die technischen Parameter der Übertragungsform die sich ändern, sondern auch der Fernsehmarkt wird sein Gesicht grundlegend verändern. Neue Angebotsformen im Fernsehen, wie z.B. Video-on-demand oder neue Abrechnungsformen, wie z.B. Pay-per-view, werden durch die digitale Technik erst realisierbar. Außerdem ermöglicht die digitale Übertragungstechnik aufgrund ihrer reduzierten Datenmenge ein Angebot neuer multimedialer Dienste auf einem Distributionsweg, der bislang nur dem Rundfunk vorbehalten war. Dazu zählen z.B. E-Mail-Dienste, Bildtelefon oder Internet. Der Zugriff des Publikums auf einen Fundus von TV-Programmen, interaktiven Anwendungen sowie Online-Applikationen wird nahezu unbegrenzt sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Problemlage aus technischer Sicht
3 Die Problemlage aus rundfunkrechtlicher Sicht
4 Zum Aufbau der Arbeit
5 Die drei potentiellen Zugangshürden
5.1 Multiplexing
5.1.1 Das Problem des freien Zugangs
5.1.2 Regelung durch den Gesetzgeber
5.1.3 Exkurs: Das „Must-Carry-Modell“ für Netzbetreiber
5.1.4 Regelungen durch die Landesmedienanstalten
5.2 Navigationssysteme
5.2.1 Das Problem des freien Zugangs
5.2.2 Regelung durch den Gesetzgeber
5.3 Conditional Access
5.3.1 Das Problem des freien Zugangs
5.3.2 Regelung durch den Gesetzgeber
5.3.3 Regelungen durch die Landesmedienanstalten
6 Der offene Standard Multimedia Home Platform (MHP)
6.1 Exkurs: Die „offene“ Schnittstelle
6.2 Die Tragweite des offenen Standards
6.2.1 Offenheit durch Common Interface
6.2.2 Überwindung der Zugangshürden durch MHP?
6.2.2.1 Regulierungsbedarf beim Multiplexing
6.2.2.2 Regulierungsbedarf bei anbietereigenen Navigatoren
6.2.2.3 Regulierungsbedarf beim Conditional Access
7 Resümee
Zielsetzung und Themenbereiche
Die Arbeit analysiert den Veränderungsbedarf bei der Regulierung der digitalen Rundfunkübertragung, um unter veränderten technischen Bedingungen die medienpolitische Zielsetzung eines chancengleichen und diskriminierungsfreien Zugangs zu gewährleisten. Dabei werden technische Gatekeeper-Funktionen und deren wettbewerbsrechtliche sowie verfassungsrechtliche Implikationen detailliert untersucht.
- Technische Zugangshürden: Multiplexing, Navigationssysteme und Conditional Access.
- Die Rolle der Gatekeeper bei der digitalen Programmverbreitung.
- Verfassungsrechtliche Anforderungen an die Medienordnung und Chancengleichheit.
- Regulierungsinstrumente wie Must-Carry-Regelungen und Landesmedienverträge.
- Der offene Standard Multimedia Home Platform (MHP) als Lösungsansatz.
Auszug aus dem Buch
5.1 Multiplexing
Das Multiplexing an sich stellt eine inhaltsneutrale, technische Dienstleistung dar. Es findet im so genannten Play-Out-Center statt, wo einzelne Inhalte digitalisiert und zu einem einheitlichen Transponderdatenstrom, dem Multiplex, gebündelt werden. Pro Multiplex, der bis zu zehn Einzelprogramme enthalten kann, wird bei digitaler Verbreitung nur eine Sendefrequenz benötigt. Der Zuschauer muss das empfangene Multiplexsignal in ein analoges Signal umwandeln, um es auf einem herkömmlichen Fernsehgerät sichtbar zu machen. Dafür ist die Set-Top-Box zuständig, in die ein entsprechender Konverter integriert ist.
Die Veranstaltung von Digitalem Fernsehen ist vom Zugang zu einem Multiplex abhängig. Da nicht jeder einzelne Programmanbieter selbst über diese technische Notwendigkeit verfügt, entstehen Abhängigkeiten zu Dritten. Zugangsprobleme kann es immer dann geben, wenn ein Veranstalter seine Sendesignale über die Sendeplattform eines anderen Veranstalters verbreiten möchte, dieser aber primär an der Aufbereitung seiner eigenen Inhalte interessiert ist. Da der technische Dienstleister über die Zuteilung von Bitraten an andere Veranstalter selbst entscheiden darf, bestimmt er dadurch die Übertragungsqualität anderer Programme mit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt den technologischen Wandel der Rundfunklandschaft hin zum digitalen Fernsehen und dessen Auswirkungen auf die Marktstruktur.
2 Die Problemlage aus technischer Sicht: Erläutert die neuen technischen Dienstleistungen (Multiplexing, Navigationssysteme, Conditional Access) und die damit verbundenen Abhängigkeiten für Programmanbieter.
3 Die Problemlage aus rundfunkrechtlicher Sicht: Analysiert die verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Meinungsbildung und Chancengleichheit in der digitalen Welt.
4 Zum Aufbau der Arbeit: Gibt einen methodischen Ausblick auf die Untersuchung der Regulierungsnotwendigkeiten und der Rolle offener Standards.
5 Die drei potentiellen Zugangshürden: Detaillierte Untersuchung von Multiplexing, Navigationssystemen und Conditional Access hinsichtlich ihrer Missbrauchspotenziale und der bestehenden Regulierungsansätze.
6 Der offene Standard Multimedia Home Platform (MHP): Bewertet MHP als technologische Lösung zur Vereinheitlichung des Marktes und zur Förderung des Wettbewerbs durch offene Schnittstellen.
7 Resümee: Fasst den anhaltenden Regulierungsbedarf zusammen, um trotz technischer Fortschritte eine pluralistische Medienordnung zu sichern.
Schlüsselwörter
Digitales Fernsehen, Rundfunkregulierung, Multiplexing, Navigationssysteme, Conditional Access, Multimedia Home Platform, MHP, Gatekeeper, Rundfunkfreiheit, Chancengleichheit, Medienpolitik, Set-Top-Box, Zugangshürden, Wettbewerbsrecht, Pay-TV.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die Regulierung der digitalen Rundfunkübertragung angepasst werden muss, um trotz neuer technischer Voraussetzungen und marktbeherrschender Gatekeeper die Meinungsvielfalt und Chancengleichheit für alle Programmveranstalter zu sichern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die technischen Dienstleistungsketten beim digitalen Fernsehen, rechtliche Regulierungsmodelle, der Einfluss von Standards auf den Marktzutritt sowie das Spannungsfeld zwischen ökonomischem Wettbewerb und verfassungsrechtlichem Rundfunkauftrag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie ein diskriminierungsfreier und chancengleicher Zugang zu digitalen Fernsehdiensten verfassungs- und rundfunkrechtlich gestaltet werden kann, um eine marktbeherrschende Informationskontrolle zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medienpolitische und rechtliche Analyse, die den aktuellen Regulierungsstand (wie den Rundfunkstaatsvertrag) und technische Entwicklungen (wie MHP) auf ihre Konformität mit dem Ziel der Sicherung von Kommunikationschancen prüft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Betrachtung der drei kritischen Zugangshürden – Multiplexing, Navigationssysteme und Conditional Access – und diskutiert anschließend, inwieweit offene Standards wie MHP diese Hürden abbauen oder neue Regulierungsbedarfe schaffen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Digitales Fernsehen, Gatekeeper, Multiplexing, Multimedia Home Platform (MHP), Rundfunkfreiheit und Chancengleichheit.
Warum spielt die Kirch-Gruppe in der Analyse eine Rolle?
Die Kirch-Gruppe dient als Fallbeispiel für einen Betreiber proprietärer Systeme (D-Box), an dem verdeutlicht wird, wie technische Standards und die Kontrolle über den Zugang (Conditional Access) den publizistischen und ökonomischen Wettbewerb auf dem digitalen Fernsehmarkt segmentieren können.
Was ist der Vorteil eines offenen Standards wie MHP für den Verbraucher?
Ein einheitlicher Standard wie MHP ermöglicht es dem Rezipienten, Programme und interaktive Dienste verschiedener Anbieter über ein einziges Gerät zu empfangen, anstatt für jeden Anbieter eine spezifische Set-Top-Box anschließen zu müssen.
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- Patrick Hafner (Author), 2002, Digitales Fernsehen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8514