Die Invasion des Irak betrachtet mit Carl von Clausewitz


Seminararbeit, 2007
24 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Invasion
2.1. Die Koalition
2.2. Saddam Husseins letztes Aufgebot

3. Die Besatzungszeit

4. Strategische Analyse

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Zusammen mit der „Kunst des Krieges“ des antiken chinesischen Heerführers Sun Zi, stellt General von Clausewitz Werk „Vom Kriege“ eines der bekanntesten Bücher über die Kriegskunst dar. Doch all zu oft werden nur Platitüden wie „Krieg ist die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln“ oder gar „ Angriff ist die beste Verteidigung“ genannt, falls von Clausewitz die Rede ist. Wie wenig seine zentralen Gedanken sogar Professionellen vertraut sind, zeigt die folgende Antwort des damaligen CENTCOM Gen. Tommy Franks, auf die Frage eines Studenten im Jahre 2002, was eigentlich die Natur des Afghanistan-Feldzugs gewesen sei:

That´s a great question for historians. Let me show you what we´re doing[1].“

Und fuhr fort über taktische Fragen wie das Ausräuchern von Höhlenkomplexen zu reden.

Überhaupt scheint manchen in der amerikanischen politischen und militärischen Führung, der fundamentale Unterschied zwischen strategischer und taktischer Ebene, bisweilen nicht wirklich klar zu sein. So bestand die „Grand Strategy“ im Irak, besonders nach dem überraschenden Veto der Türken, im wesentlichen nur noch daraus möglichst schnell durch die südliche Wüste Richtung Bagdad zu preschen. Weite Teile des restlichen Landes, insbesondere die Sicherung der Westgrenze zu Syrien, kamen in der Planung überhaupt nicht vor. Weiterhin machte der für den Angriffsplan verantwortliche General Franks gar neun operative Centers of Gravity im Irak aus[2]. Natürlich hat sich seit den Zeiten der offenen Feldschlachten viel verändert, doch derart viele wird Clausewitz wohl kaum gemeint haben als er von dem Schwerpunkt des Gegners sprach[3].

So soll denn auch das Ziel dieser Arbeit im Rahmen des Seminars sein, zentrale Vorgänge des Irakkrieges, sowohl seitens der Angreifer und auch der Verteidiger, jedenfalls soweit möglich angesichts deren oft undurchsichtiger Natur, unter Rückgriff auf „Vom Kriege“ zu betrachten.

Und zwar um zu klären, ob sich ein derart moderner und dynamischer Konflikt noch unter die 200 Jahre alte Terminologie und Logik subsumieren läßt. Relevant für diese Arbeit sind dabei insbesondere die Kapitel sechs, sieben und acht. Das Augenmerk wird besonders auf der Invasion selbst liegen und auf dem bewaffneten Widerstand danach, auch wenn jener seit dem Frühjahr aus verschiedenen Gründen stark abgeflaut ist, zumindest was einige sunnitisch dominierte Provinzen wie Anbar angeht.

Dazu werden jeweils die Handlungen der Angreifer und der Verteidiger gegenübergestellt, um zu sehen ob sie sich mit „Vom Kriege“ erklären lassen, wobei der Kontinuität halber die von den Amerikanern dominierte Koalition auch in der zweiten Phase des Krieges als Angreifer bestimmt wird, auch wenn sie des öfteren in die Defensive gedrängt worden zu sein scheint. Schließlich stellt Guerilla, wörtlich Kleinkrieg, eine Defensivstrategie gegen eine überlegene Streitmacht dar, die man im Feld nicht schlagen kann, auch wenn sie taktisch oft äußerst aggressiv vorgeht. Darüber hinaus starteten die USA nach dem Ausbruch der schweren Kämpfe im Frühjahr 2004, auch eine „Sicherheitsoffensive“ nach der andern und gehen bis heute teils äußerst massiv gegen Widerstandsnester vor, genannt sei nur die Belagerung von Falludscha und der Sturm auf die Stadt Ende 2004.

Am Ende der Arbeit erfolgt eine strategische Analyse über den gesamten Feldzug, wobei aber ein großes Caveat besteht. Zum einen fand die Invasion gegen einen schon stark angeschlagenen Gegner statt, wie später noch zu zeigen sein wird. So haben Überlegungen, ob die Offensive der Defensive neuerdings überlegen sei, kaum wirkliche Berechtigung. Zum andern hat sich mitten im Krieg der Charakter desselben geändert, nämlich von einem Aufstand einer Ethnie gegen die Besatzungsmacht, zu einem veritablen Bürgerkrieg aller Ethnien, jeder gegen jeden und die Besatzungsmacht.

Eine ähnliche Gegenüberstellung eines amerikanischen Feldzuges mit von Clausewitz´ Prinzipien, wenn auch in einem natürlich viel größerem Umfang, wurde bereits von Col. Summers Jr. in seinem Buch „On Strategy“ von 1982 über Vietnam verfaßt, und hat die Reorganisation der US-Army nach dem Krieg nicht unmaßgeblich mitbeeinflußt.

Wie wenig die Kernthemen des General von Clausewitz aber bei der höchsten Militärführung verstanden wurden, zeigt unter anderem der laxe Umgang mit den Centers of Gravity, wobei diese von General Franks, der immerhin die zwei letzten Feldzüge geplant hat, meistens mit der gegnerischen Hauptstadt gleichsetzt wurden, aber eben nicht mit der Armee[4].

In der Praxis jedoch bedeutete das Ausbleiben der physischen Vernichtung und oder Gefangennahme der feindlichen Streitmacht in Afghanistan, das Wiedererstarken der Taliban und Al-Qaida. Und Operation Desert Storm 1991 im Irak führte eben nicht zur Zerstörung von Saddam Husseins Armee und insbesondere der republikanischen Garde, so daß er den folgenden Aufstand der Kurden und Schiiten relativ leicht niederschlagen konnte. Letztendlich führte die überraschend schnelle Einnahme Bagdads 2003 ohne wirklich große Gefechte zuvor, zum „Kriegsende“, ohne daß die immer noch zahlreiche irakische Armee je zerschlagen worden wäre. Zusammen mit anderen politischen Fehlentscheidungen bescherte dies dem Widerstand ein riesiges militärisches Rekrutierungspotential.

Meine These jedenfalls ist, daß sich mit Carl von Clausewitz´ unvollendetem Hauptwerk „Vom Kriege“ durchaus der Verlauf des Krieges erklären läßt.

Zwar hat die nicht zuletzt von Männern wie General Franks vorangebrachte Revolution in Military Affairs, einige aber beileibe nicht alle der klassischen Friktionen obsolet gemacht oder zumindest abgeschwächt. Zu nennen wären da etwa die beinah vollständige Battlefield Awareness vom General bis hinunter zum einfachen Trooper in seinem Gefechtsfahrzeug, der immer häufiger vorkommende Einsatz von ferngesteuerten Drohnen und Kampfrobotern, der generelle Einsatz von „Smart Bombs“ im Gegensatz zu Massenabwürfen von ungelenkten Bomben wie noch im ersten Golfkrieg und davor, und natürlich eine beinah perfekte weltumspannende Logistik.

Dennoch hätte ein rechtzeitiger Abgleich des politischen Zweckes des Krieges, also der avisierten demokratischen Neuordnung der ganzen Region, mit den operativen Zielen der Militärs, nämlich Regime Change und WMD-Removal, und den dafür eingesetzten relativ schwachen Mitteln, den Krieg womöglich ganz verhindert, weil die eingesetzten fünf Divisionen unmöglich für einen tiefgreifenden Umbau des Irak reichen konnten. Oder zumindest bis zum Eintreffen drastischer Verstärkungen aufgeschoben, welche aber aus verschiedenen Gründen eher unwahrscheinlich waren. Am Ende war ohnehin nur eine weitere schwere Division auf dem Weg als strategische Reserve.

Weiterhin hätte man unter Berufung auf Clausewitz, den Schwerpunkt des Angriffs wohl etwas anders gesetzt. Anstatt schnellstens in Richtung Hauptstadt zu stürmen, unter Auslassung des Großteils der irakischen Armee, hätte man dann wohl erst eben diese aufgerieben, um dann erst die Stadt selbst zu attackieren. Mit anderen Worten:

Statt einem vermeintlich kostengünstigen Enthauptungsschlag gestützt auf überlegene Technik und Moral, hätte man die Iraker sehr viel gründlicher geschlagen, und dadurch dem späteren Guerillakrieg, der aufgrund der politischen und kulturellen Verhältnisse wohl kaum zu vermeiden war, zumindest die Kraft genommen.

Worauf sich diese Thesen stützen, soll im Folgenden gezeigt werden, indem der Krieg selber kurz nachgezeichnet und dann analysiert wird.

2. Invasion

Unbestreitbar war die Invasion des Irak seitens der Koalitionstruppen im März 2003, ein glänzendes Beispiel für die Führung eines veritablen Blitzkrieges. In nur drei Wochen nahmen gerade mal fünf Divisionen Bagdad am 9. April nach zwei kurzen Gefechten ein. Die befürchtete Belagerung der Stadt blieb aus, ebenso wie ein monatelanger Luftkrieg zur Vorbereitung der Invasion. Zur Invasion selbst setzte die amerikanisch dominierte „Koalition der Willigen“ insgesamt 290.000 Mann ein[5], davon ungefähr die Hälfte Kampftruppen, im Gegensatz zu den 665.000 Mann im Golfkrieg von 1991, wo die USA ebenfalls die Hauptlast trugen. Durch den „Surge“ haben die USA nun wieder 170.000 Mann im Irak, die meiste Zeit waren es jedoch deutlich weniger. Trotz der ausufernden Berichterstattung gibt es aber noch kaum harte Zahlen, was die Gesamtstärke der Iraker und ihre Verluste während der Invasion angeht. Geht man von den meist genannten rund 350.000 Regulären und einigen Zehntausend Fedayeen aus[6], so sind die Verluste von höchstens 10.000 Mann allenfalls minimal[7]. Ganz ähnlich sah es auch 12 Jahre früher aus, bei rund einer Million Mann unter Waffen verloren die Iraker nur knapp über 20.000, erstaunlich wenig angesichts der massiven Feuerkraft auf beiden Seiten.

Auf Seiten der Koalition starben während der Invasion ebenfalls ähnlich wie in Desert Storm knapp 200 Mann, kein Vergleich zu den aktuellen fast genau 4.000 Toten und 27.000 schwer Verwundeten[8]. Man beachte, daß die Koalition im Irak damit umgerechnet auf eingesetzte Truppen und die Dauer des Konflikts, schon jetzt ganz ähnliche Verluste wie die Sowjets in Afghanistan erlitt[9], wobei die aktuell rund 650 toten Allierten und 1500 Verwundeten dort noch hinzu kommen. Und das, obwohl die Sowjets weder den gleichen Stand der medizinischen Versorgung erreichten, noch effektive Body Armor hatten. Bezeichnend für den Unterschied von Operation Iraqi Freedom zu Desert Storm auch die unterschiedliche Zahl an Kriegsgefangenen. Nahm man 1991 noch 86.000 Iraker gefangen[10], so begab sich 2003 nur eine einzige reguläre Division in Gefangenschaft, nämlich die mechanisierte 51. welche Basra schützen sollte, als sich deren General bereits am 2. Kriegstag persönlich ergab[11], obwohl Teile seiner Einheit noch tagelang weiter kämpften.

Zeit die Strategien der Kontrahenten näher zu betrachten.

2.1. Die Koalition

Der Golfkrieg 1991 hatte die Vertreibung der irakischen Armee aus Kuwait zum Ziel[12], und war somit ein klassisch begrenzter Krieg, zumal keine der damals reichlich vorhandenen Massenvernichtungswaffen eingesetzt wurden. Voran ging der sechs Monate dauernde Aufmarsch einer breiten internationalen Koalition, auch aus arabischen Ländern, begleitet durch systematische Luftangriffe, bekannt als Operation Desert Shield. Desert Storm selbst war ein klassisches Flankenmanöver[13], das zweifellos zur nahezu völligen Zerstörung der irakischen Streitkräfte geführt hatte, wenn sich denn die Amerikaner entschieden hätten, den „Kessel dicht zu machen“ und den Rückzugsweg aus Kuwait abzuschneiden.

2003 hingegen ging es um weit mehr. Mit dem 11. September bekamen die sogenannten „Neocons“ die Chance ihre Ideen von einem neuen demokratischen Nahen Osten in die Tat umzusetzen und von der klassischen US-Realpolitik dort abzurücken.

Jene bestand seit dem Sturz des Schahs 1979, im wesentlichen aus der Eindämmung der Schiiten, und zwar indem man sunnitische Regime aufrüstete, sogar Saddam Hussein während des Krieges von 1980-88. Besonders eifrige Vertreter der neuen Strategie des forcierten Regimewechsels waren weniger Donald Rumsfeld, man erinnere sich nur an das berühmte Foto auf dem er Saddam während des Iran-Irak-Krieges die Hand schüttelt, sondern seine Staatssekretäre im Department of Defense/DoD, der bis kurzem als Weltbankchef agierende Paul Wolfowitz und Douglas Feith, sowie eine Reihe von Think Tanks wie das American Enterprises Institute oder die Heritage Foundation[14]. Wolfowitz und Feith waren auch verantwortlich für die bewußte Gleichsetzung des Baath -Regime mit dem Dritten Reich[15], was angesichts ihrer Vita, beide hatten Angehörige im Holocaust verloren, der Vorkriegsplanung eine gewisse persönliche Note gab.

Operative Ziele des Militärs hingegen waren Regime Change und WMD-Removal, und für nichts anderes planten die Militärs im Centcom unter General Franks, die sich noch dazu mitten im Afghanistanfeldzug befanden und daher zwei Kriege gleichzeitig planen und führen mußten.

Die komplexe Phase 4 oder Post-Conflict-Planung fiel jedoch nicht nur dem engen Zeitrahmen zum Opfer, sondern auch dem chronischen Dauerkonflikt zwischen Verteidigungs- und Außenministerium.

[...]


[1] Ricks, Thomas E.: Fiasco. The American Military Adventure in Iraq, New York 2006, S. 127-28

[2] Franks, Tommy/ McConnell Malcolm: American Soldier, 2004, S. 337-41

[3] Für die Diskussion darüber innerhalb der Militärs siehe Strange/Iron: Center of Gravity. What Clausewitz really meant. Joint Forces Quarterly 35 und Clausewitz: Vom Kriege, Buch 8, Kapitel 4, 2003

[4] Franks: American Soldier, 2004, S. 165 u. 400

[5] nützliche Übersicht aller Koalitionstruppen jeweils mit Höchststand http://en.wikipedia.org/wiki/Multinational_force_in_Iraq, Stand September 07

[6] Franks: American Soldier, S. 349

[7] Conetta: The Wages of War, 2003

[8] siehe http://www.cnn.com/SPECIALS/2003/iraq/forces/casualties/, Stand 15.8.07

[9] Franks: American Soldier, S. 251

[10] Summers: Persian Gulf War Almanac, 1995, S. 216

[11] siehe http://www.globalsecurity.org/military/ops/iraqi_freedom_d1.htm, Tage 1-3, Stand April 2005

[12] Summers: Persian Gulf War Almanac, 1995, S. 148-50 u. 239

[13] Franks: American Soldier, S. 151-165, Karte auf 152

[14] für einen typischen Artikel dieser Institute aus der unmittelbaren Vorkriegszeit siehe Hulsman/Philipps: Forging a Durable Post-War Political Settlement in Iraq, 7. März 2003, http://www.heritage.org/Research/Iraq/bg1632.cfm, abgerufen August 2007

[15] Ricks: Fiasco , S. 30-34, 47-48 u. 75-78

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Invasion des Irak betrachtet mit Carl von Clausewitz
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (GSI)
Veranstaltung
Hauptseminar IB Klassiker der internationalen Beziehungen I:
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V85151
ISBN (eBook)
9783638005944
ISBN (Buch)
9783638912983
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Invasion, Irak, Carl, Clausewitz, Hauptseminar, Klassiker, Beziehungen
Arbeit zitieren
Philipp-Henning v.Bruchhausen (Autor), 2007, Die Invasion des Irak betrachtet mit Carl von Clausewitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85151

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