Die Typologie der Frauenfiguren in Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung

2. Huren, Jungfrauen, Mütter. Brechts Frauenfiguren in der Literaturkritik

3. Mütter, Töchter, Huren. Frauentypen in „Trommeln in der Nacht“
3.1. Die bürgerlichen Frauenfiguren
3.1.a. Die Mutter: Amalie Balicke
3.1.b. Die Tochter: Anna Balicke
3.2. Die Prostituierten

4. Brechts Kritik vom Bürgertum anhand der Frauenfiguren
in „Trommeln in der Nacht“

5. Nachwort

6. Bibliographie

1. Einführung

In der Forschung zur Rolle der Frau im brechtschen Theater findet sich wiederholt die Ansicht, Brechts Frauenfiguren zeugten von einem negativen Weiblichkeitsverständnis des Autors. Brecht scheint eine Lieblingszielscheibe für die feministische Literaturkritik ab den siebziger Jahren zu sein, was man an einer Reihe von ständig wiederkehrenden Vorwürfen festmachen kann.

Am häufigsten wird die stereotype Konzeption der Frauenfiguren bei Brecht hervorgehoben und kritisiert[1]. Dieser Vorwurf bezieht sich vor allem auf die späten Dramen. Obwohl gerade im Spätwerk Brechts meistens Frauen die Heldinnen sind, oder wenigstens Hauptrollen haben, werden sie als entpersonalisiert und vor allem als „entweiblicht“ gesehen[2].

Auf der anderen Seite wird den frühen Stücken vorgeworfen, Frauen seien ausschliesslich als Rand- und Nebenfiguren ohne dramatisches Gewicht dargestellt. Abgesehen davon seien sie klischeehaft als (Sexual-)Objekte, Märtyrerinnen oder Opfer gezeichnet.[3]

Diese Kritik wirkt oft vorbelastet und undifferenziert und, wie Angelika Führich in ihrem Aufsatz zu Brechts Frauengestalten ausführt:

Diese Untersuchungen (...) versäumten jedoch, die Präsentation der dramatischen Frauenfiguren mit seinem [Brechts] Weiblichkeits-verständnis in Zusammenhang zu bringen und im Hinblick auf die bürgerliche Geschlechterauffassung im historischen Kontext der zwanziger Jahre zu hinterfragen.[4]

In dieser Arbeit soll am Beispiel eines der frühen Stücke untersucht werden, ob die Frauenfiguren tatsächlich so stereotypisch sind, wie die Forschung es oft darstellt und mit welchem Ziel eine mögliche Stereotypisierung von Brecht eingesetzt worden sein könnte. Dafür soll die Typologie der weiblichen Figuren in „Trommeln in der Nacht“ im Zusammenhang mit Brechts Kritik am Bürgertum gebracht werden, mit der Fragestellung, ob Brecht nicht „anhand der Beziehungen dieser Frauen zu ihrer männlichen Umwelt einen sexualpolitischen Diskurs entwickelt“.[5]

Bei der Recherche zu dieser Arbeit ergaben sich verschiedene Probleme. Die Literatur zu frauenspezifischen Themen befaßt sich überwiegend mit den großen Parabeln und hauptsächlich mit den berühmten Müttern Brechts. Die wenigen Arbeiten zu den Frauenrollen in den frühen Stücken konzentrieren sich meistens auf „Baal“ und „Im Dickicht der Städte“, als Beispiele für die (angeblich) frauenverachtende Einstellung des jungen Autors. Die Kritik scheint eher von der bereits vorhandenen Sekundärliteratur beeinflußt als von den Stücken selbst und die Ergebnisse der Forschungen zu den späten Stücken färben sich auf die Literatur zum Frühwerk ab. Darum scheint es an dieser Stelle sinnvoll, im Vorfeld einen Blick auf den vorherrschenden Diskurs der (feministischen) Literaturkritik zu Brecht zu wagen, von dem sich diese Arbeit zu distanzieren versucht.

2. Huren, Jungfrauen, Mütter. Brechts Frauenfiguren in der Literaturkritik

Die Sekundärliteratur zu Brechts Theater unterscheidet grundsätzlich zwischen den protagonistischen Frauenfiguren der späteren (marxistischen) Stücke und den Frauen in Nebenrollen in den frühen Stücken. Hellmuth Karasek ist einer der ersten Autoren, der in dieser Unterscheidung eine Entwicklung sieht, in der die Politisierung der Stücke parallel zu einem Verlust der Sinnlichkeit bei den Frauenfiguren verläuft. In seiner Abhandlung über den „Theaterklassiker“ beschreibt er die drei weiblichen Stereotypen, die seiner Meinung nach in Brechts Dramen zu finden seien: „Mütter, Jungfrauen und Huren“. Diese Dreiteilung ist wichtig für die Auseinandersetzung mit den Frauenfiguren bei Brecht, weil sie in späteren Analysen oft genauso übernommen wurde. Dabei wird übersehen, dass Karasek sich auf die späten Stücke bezieht und dass die Stereotypen, wie sie von ihm beschrieben werden, auf die frühen Stücke nicht zutreffen, wie wir am Beispiel von „Trommeln in der Nacht“ sehen werden. Karasek zufolge hat Brecht seinen Frauenfiguren „mehr und mehr die ursprüngliche Sinnlichkeit ausgetrieben“[6], um sie von einer privatistischen Liebe zu einer menschlichen Liebe zu bringen, was mehr der revolutionären Ausrichtung seiner großen Parabeln entspräche. Demnach wären die heldenhaften Frauen in Brechts Stücken an erster Stelle die Jungfrauen, die fast Heilige sind. Karasek bezieht sich auf Figuren wie „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ oder Grusche aus „Der Kaukasische Kreidekreis“. Die zweite große dramatische Frauenfigur ist die der Mutter. Brechts Mütter sind nach Karasek ältere Frauen, in deren Leben Sexualität keine Rolle mehr spielt. Sie stellen einen soziologischen Typus dar, keine individuelle Gestalt. Brecht gehe es mit seinem Theater um die Revolutionierung der Mütter, deswegen handeln sie in Stücken wie „Die Mutter“ oder „Die Gewehre der Frau Carrar“ klassenkämpferisch, das heißt „allgemein mütterlich, (...) als die Mutter aller Söhne.“[7] Mutterliebe und Menschenliebe fallen zusammen und aus dem Mutter-Sohn Verhältnis wird eine Klassenfrage. Diese Mütter haben sehr wenig mit denen aus dem Frühwerk Brechts gemeinsam. Auch die Jungfrauen sind in den frühen Stücken nicht existent, trotzdem wirft Karaseks Aufsatz ein Licht auf ein Thema, das in „Trommeln in der Nacht“ schon angedeutet wird: die Trennung zwischen privater Liebe und revolutionären Gefühlen.

Brechts Huren beschreibt Karasek zum einen als Opfer der Männerwelt, zum anderen als die einzigen, die „ganz aufrichtig und gar nicht hurenhaft“[8] lieben. Somit ist dieser von Karasek beschriebene Stereotyp des Spätwerks (z.B. Shen Te in „Der Gute Mensch von Sezuan“) derjenige, der am ehesten einem Frauentypus der frühen Stücke ähnelt.

Karasek wird als einer der ersten Autoren, die Ende der siebziger Jahre versucht haben, das Konzept des ‚Weiblichen‘ in Brechts Werk zu problematisieren, genannt.[9] Dennoch kann man sagen, dass er keine (feministische) Kritik an die Frauenfiguren Brechts richtet. Er sieht sie sogar als positive Zeichnungen und sieht die Stereotypisierung als Methode innerhalb eines politischen Konzepts. Das ist der Grund, weshalb seine Analyse, obwohl sie hauptsächlich auf die späten Stücke gerichtet ist, auch für die Analyse von „Trommeln in der Nacht“ interessant ist.

Raddatz Aufsatz „Ent-weiblichte Eschatologie“ untersucht das „Archetypische der Frauengestalten“ bei Brecht:

Ein großes Ideal von Unschuld, Demut und Tugend prägt Brechts Frauengestalten. Es ist eher die Idee einer Frau als ihre konkrete Gestalt.[10]

Auch dessen Ansicht nach zeichnet der Stückeschreiber seine Frauen äußerst positiv als „Ideenträger, Hoffnungsziele“. Eines aber gehe den Figuren dabei verloren: Ihre ‚Weiblichkeit‘.

Sie sind alles: Dirne oder Heilige, Mutter, Kämpferin und Genossin; eines sind sie nicht: Frauen.[11]

Was Karasek als Verlust der Sinnlichkeit beschreibt, sieht Raddatz als „Purifikationsprozeß“, durch den Brecht seine Frauengestalten treibe, indem sie sich zunehmend einem Ideal annähern, durch gleichzeitige Entfernung vom Realen. Dies sei ein Prozeß der Entweiblichung, der darin mündet, dass es in Brechts Werk „keine Erotik“ gäbe.[12]

Hingestellt sei es, dass eher Raddatz Weiblichkeitsverständnis zu hinterfragen wäre, wenn sein Bild der Frau unvereinbar ist mit den Figuren der “Dirne, Heiligen, Mutter, Kämpferin, Genossin“, solange die Erotik wegfällt. Problematischer ist die Verallgemeinerung, die Brechts Werk auf seine späten Stücke reduziert.

In der späteren Forschung werden die Frauenfiguren des frühen und des späten Brechts differenziert. Ute Wedel sieht im Frühwerk Brechts „Frauen ausschließlich als Rand- und Nebenfiguren dargestellt, die oft klischeehaft gezeichnet sind.“[13] David Mairowitz sieht im frühen Werk eine Erotik und im späteren Werk einen Übergang zu den berühmten weiblichen Figuren: Joan Dark, Pelagea Vlassova, Shen Te, Grusha, Mutter Courage. Die Figuren werden „asexualisiert“ und das ist der hohe Preis, den sie für ihre Position im Zentrum der revolutionären Erfahrung bezahlen müssen.[14]

Angelika Führich geht in derselben Richtung ein Schritt weiter, indem sie den Stücken der verschiedenen Epochen zwei verschiedene politische Diskurse zuweist:

In seinen marxistischen Stücken ersetzt der Diskurs der Arbeit und Klasse den Diskurs des Geschlechtes in den frühen Stücken. Die protagonistischen Frauenfiguren reflektieren wohl die reale Situation, die sinnliche Dimension ihres alltäglichen Lebens als Hausfrau und Mutter und entlarven die „Knechtschaft“ der Frau in der Familie, nur wird der Aspekt der Erotik und Sexualität völlig ausgespart.[15]

Was alle diese Analysen zu vernachlässigen scheinen ist, dass in einem Stück wie „Trommeln in der Nacht“ der Diskurs des Geschlechtes und der Diskurs der Klasse eng miteinander verwoben sind und dass man den Aspekt der Erotik und der Sexualität nicht von Brechts Kritik am Bürgertum trennen kann.

Die meisten KritikerInnen lesen den Unterschied zwischen den weiblichen Rollen des Früh- und Spätwerks als einen positiven Schritt in Richtung Brechts Reife und politischer Entwicklung.[16] Dies wird dem starken emanzipatorischen Ansatz seines Frühwerks nicht gerecht.

3. Mütter, Töchter, Huren. Frauentypen in „Trommeln in der Nacht“

Wenn man Stücke wie „Trommeln in der Nacht“, „Die Kleinbürgerhochzeit“ und „Die Dreigroschenoper“ vergleicht, beobachtet man eine gewisse Typologie von Frauenfiguren, die sich wiederholt und von der späterer Werke unterscheidet. In Anlehnung an Karaseks Typen der Huren, Jungfrauen und Mütter könnte man die weiblichen Figuren solcher Stücke in Mütter, Töchter und Huren unterteilen. Wichtig ist, dass Mütter und Töchter als Repräsentantinnen des Bürgertums auftreten und dadurch der Gegensatz vor allem zwischen bürgerlichen Frauen und Prostituierten entsteht.

Für Ute Wedel gehört „Trommeln in der Nacht“ zu den Stücken, in denen die Frau zwar nicht als Objekt, aber dennoch (klischeehaft) negativ gezeichnet wird, was in der Darstellung der bürgerlichen Anna Balicke und Amalie Balicke zu sehen ist.[17] Sie betrachtet dies nicht als Kritik am Bürgertum sondern als Kritik an den Frauen.

Wedel zufolge ist die Mittelpunktfigur des Stücks der Kriegsheimkehrer Andreas Kragler. Der totgesagte Soldat kehrt 1919 nach vier Jahren an der Afrika Front ins Berlin der revolutionären Strassenkämpfe zurück. Seine ehemalige Verlobte Anna Balicke feiert dort Verlobung mit dem Kriegsgewinnler Friedrich Murk, von dem sie schwanger ist. Aus Enttäuschung über sein privates Unglück schließt sich Kragler kurzfristg den revolutionären Aufständischen an. Als Anna ihren Verlobten verlässt und zu Kragler zurückkehrt, verrät dieser die Revolution, deren Bedeutung er nicht erfasst hat.

Während Brecht die schwankende Haltung seines Anti-Helden Kragler (...) nicht ohne Sympathie behandelt (...), zeichnet er die in ihrem Handeln einzig von ökonomischen Erwägungen geleiteten Kleinbürger und Kriegsgewinnler Balicke und Murk und ‚ihre Frauen‘ (...) ‚kalt und ordinär, skrupellos und geschäftstüchtig‘.[18]

Eigentlich gibt Wedel, ohne es zu beabsichtigen, in diesem Satz den Schlüssel zur Interpretation des Stückes. Dem jungen Brecht geht es darin um die Darstellung des Bürgertums und dafür verwendet er alle Charaktere, sowohl Männer wie auch Frauen. Dabei stimmt es nicht, „daß Brecht Frauen (auch soziologisch) ausschließlich über (ihre) Männer definiert.“[19] Im Gegenteil, er kritisiert die gesellschaftlichen Zwänge, welche die Geschlechterbeziehungen bestimmen.

Und obwohl Andreas Kragler eine zentrale Rolle in „Trommeln in der Nacht“ zukommt, handelt es sich hierbei nicht ausschliesslich um dessen Drama sondern um die Darstellung der Gesellschaft anhand der Beziehungen aller Figuren untereinander.

[...]


[1] Vgl. Führich: Aufbrüche des Weiblichen, S. 14

[2] Vgl. Raddatz: Ent-weiblichte Eschatologie, S. 152-159

[3] Vgl. Wedel: Rolle der Frau, S. 125 Ff.

[4] Führich: Aufbrüche des Weiblichen, S. 13

[5] Ebd., S. 14

[6] Karasek: Bertolt Brecht, S. 62

[7] Ebd., S. 67

[8] Ebd., S. 61

[9] Führich: Aufbrüche des Weiblichen, S. 13

[10] Raddatz: Ent-weiblichte Eschatologie, S. 155

[11] Ebd., S. 155

[12] Ebd., S. 159

[13] Wedel: Rolle der Frau, S. 122

[14] Mairowitz: Brechts Women, S.

[15] Führich: Aufbrüche des Weiblichen, S. 34

[16] Vgl Mairowitz: Brechts Women

[17] Vgl. Wedel: Rolle der Frau, S. 143

[18] Ebd., S. 143

[19] Ebd., S. 143

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Typologie der Frauenfiguren in Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Gendering Brecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V85152
ISBN (eBook)
9783638005951
ISBN (Buch)
9783656567738
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Typologie, Frauenfiguren, Bertolt, Brechts, Nacht“, Gendering, Brecht
Arbeit zitieren
MA Karin de Miguel Wessendorf (Autor), 2005, Die Typologie der Frauenfiguren in Bertolt Brechts „Trommeln in der Nacht“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85152

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