Dvorák, die Musik der „nordamerikanischen Wilden“ und die „Negermusik“


Seminararbeit, 2006

9 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Historische, politische Situation in Amerika

3 Dvoraks progressive „Amerikanische Musik“

4 Weltanschauliche Bewertungen von Dvoraks Musik
4.1. Bewertung in Amerika
4.2. Bewertung vor und wahrend des dritten Reiches in Europa
4.3. Bewertung in der Nachkriegszeit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Dvorak komponierte 1893 seine neunte Symphonie „Aus der Neuen Welt“ Op.95 und lehnte sich dabei (ebenso in anderen Werken) bewusst an „amerikanische“ Elemente an. Dies ist eine unbestrittene Tatsache. Inwieweit er sich mit der Musik dieser Randgruppenauseinander gesetzt hat und dabei authentische, autochthone Musik gehort hat, ist nicht ganz klar. Der politische Akt von Dvorak, diesen musikalischen „Randgruppen“ Platz in seinen Werken einzuraumen, ist zum AnstoB weltanschaulicher Diskussionen bis zur Gegenwart geworden.

Im Folgenden soil die historische, politische Situation am Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika erlautert werden, Dvoraks typisch amerikanische Kompositionsweise gezeigt und ein Uberblick zu den verschiedenen Bewertungen dazu gegeben werden.

2Historische, politische Situation in Amerika

Nach der Beendigung des Biirgerkriegs 1865, den die Nordstaaten fur sich entscheiden konnten, trat die als Reconstruction-Periode bezeichnete Ubergangsphase bis zur Zeit des „Laissez-Faire“ ein.1 Am 18. Dezember 1865 hatte die Regierung dem verfassungserganzenden Verbot der Sklaverei zugestimmt. Ab April 1866 garantierte das neue Biirgerrechtsgesetz alien in den USA geborenen Menschen die biirgerlichen Rechte, wozu aber nicht das Wahlrecht zahlt. Den Indianem wurden diese Rechte aber erst 1924 zuerkannt.2 All diese Gesetze anderten jedoch nichts an der Diskriminierung der schwarzen Menschen, die immer noch unter katastrophalen Arbeitsbedingungen zu leiden hatten. Vide dieser Benachteiligungen wurden von offentlicher, staatlicher Seite bewusst ignoriert. Bezeichnend ist der Ausspruch des Vize-Prasidenten Andrew Johnson, in welchem er sogar als „Nordstaatler“ die Sklaverei verteidigte: „Ich bete zu Gott, er moge jeder amerikanischen Familie einen Sklaven anvertrauen... “3

Ein anderes schwieriges Kapitel der amerikanischen Geschichte ist die brutale Unterdriickung der Indianer. Sie ist die Folge von Goldsuche und Landhunger der aus Europa herbeistromenden Siedler. Viele Abkommen zwischen den Regierenden und den Indianern wurden gebrochen, und so kam es unter anderem 1876 zur Schlacht am Little Big Horn. Die Indianer besiegten die 265 Mann starken Bundestruppen, wurden aber im darauf folgenden Jahr unterworfen. Die Vernichtung ihrer Lebensbasis, der Jagdmoglichkeiten, ihrer Familienformen oder der inzwischen unter Strafe stehenden Religionsausiibung ermoglichten kaum ertragliche Existenzbedingungen. Ein letztes Aufbegehren endete 1890, zwei Jahre bevor Dvorak nach Amerika reiste, in der Schlacht bei Wounded Knee. 200 wiederstandslose Manner, Frauen und Kinder wurden schonungslos ermordet.4 Die Uberlebenden wurden, wie alle anderen Indianer auch, in Reservaten untergebracht.

3 Dvoraks progressive „Amerikanische Musik“

Dvorak beniitzte musikalische, liedhafte Floskeln, die wie Musik von Indianern und Farbigen klingen, um sich davon inspirieren zu lassen, und verarbeitete diese dann in seinen Kompositionen. In einem Zeitungsinterview meinte er dazu:

„Ich habe keine einzige von diesen Melodien verwendet. Ich habe einfach eigenwuchsige Themen geschrieben, denen ich die Eigentumlichkeiten der Indianermusik einverleibt habe, und indem ich diese Themen zum Vorwurf nahm, habe ich sie mit alien Errungenschaften der modernen Rhythmengebung, Harmonisierung, kontrapunktischer Fuhrung und orchestralen Farbungen zur Entwicklung gebracht. “ (Dvorak in: NewYorkHerald, 12.12.1893)5

Diese Motive verwendete er aber nicht nur in der neunten Symphonic sondern in so gut wie alien seinen Werken, die er wahrend der amerikanischen Zeit komponiert hatte, also auch im Streichquartett op.96 F-Dur, im Streichquintett op.97 Es-Dur und der Violinsonate op. 100, um nur die beriihmtesten aufzuzahlen. Ein Hauptthema des ersten Satzes der neunten Symphonic verdeutlicht dies: So stimmen die ersten vier Takte angeblich sogar mit dem Spiritual Swing low, sweet chariot iiberein.6 Das erste Thema im Finale des Streichquartettes op.96 F-Dur ahnelt zum Beispiel sehr dem Spiritual Somebody Knockin' at Yo'Door, wie man an folgenden Notenbeispielen7 gut erkennen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben dem punktierten und dem synkopierten Rhythmus, der ja dariiber hinaus ebenso ein Merkmal der slawischen Musik ist, charakterisieren pentatonische Skalen, die auch den Indianergesangen zu Grunde liegen, das Komponieren dieser Stilepoche Dvoraks. Das beriihmteste Beispiel dafiir ist das Englischhorn Solo zu Beginn des zweiten Satzes der neunten Symphonie. Das Umspielen von einzelnen Tonen, die Erniedrigung von Leittonen und die daraus resultierende haufige Verwendung der kleinen Septim, plagale Wendungen und Modulationen in die parallele Molltonart sind ebenso typisch fur Dvoraks Kompositionsideen wie die bordunartigen Begleitmotive.

Alle diese Kompositionstechniken spiegeln Dvoraks Amerika-Eindrucke wieder. Trotzdem blieb er in der Tradition der tschechischen Nationalmusik verhaftet.

Die Idee sich mit Musik der Indianer zu befassen, war zu diesem Zeitpunkt noch relativ ungewohnlich. Kurz zuvor veroffentliche Theodore Baker seine Studien „Uber die Musik der Nordafrikanischen Wilden“. Vorbehalte gegen dieser Musik und die „Denkungsart“ der Indianer begegnen dem Leser bereits zu Beginn. Die Einleitung beispielsweise beginnt folgendermaBen:

„Durch die Musik, sowohl unter den Wilden wie unter Culturmenschen [sic!], gewinnen die Gefiihlsdufierungen eine Intensitdt, welche ihnen durch Worte und Geberden [sic!] cdlein nicht verliehen werden kann. Da aber der Wilde, anstatt der Mannigfcdtigkeit der Empfindungen, welche in der civilisirten [sic!] Welt rege sind, verhdltnismdssig [sic!] wenige geistige und sinnliche Triebe fiihlt, so bleibt seine Sprache, und mit dieser seine Musik, die Sprctche des Gefiihls, eine einfache und beschrdnkte. “8 9

[...]


1 Sautter, Geschichte, 1991, Seite 234 f.

2 Sautter, Geschichte, 1991, Seite 245.

3 Ohne Autor, Restoration, Internet, unpaginiert, Blatt 2.

4 Sautter, Geschichte, 1991, Seite 244 f.

5 In: Sourek, Dvorak, 1954, Seite 150.

6 Sirp, Dvorak, 1939, Seite 109.

7 Sirp, Dvorak, 1939, Seiten 107 ff.

8 Sirp, Dvorak, 1939, Seite 108 und Doge, MGG, 2001 Spalte 1746.

9 Baker, Uber die Musik der nordamerikanischen Wilden, 1882, Seite 7

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Dvorák, die Musik der „nordamerikanischen Wilden“ und die „Negermusik“
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Musik und Weltanschauung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2006
Seiten
9
Katalognummer
V85208
ISBN (eBook)
9783638011488
ISBN (Buch)
9783638916035
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dvorák, Weltanschauung, amerikanische Musik, "aus der neuen Welt"
Arbeit zitieren
Mag. Art; Mag. Phil Heike Sauer (Autor), 2006, Dvorák, die Musik der „nordamerikanischen Wilden“ und die „Negermusik“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85208

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