„Konventioneller Ethik- oder Sozialkundeunterricht hat keine Effekte auf das Niveau moralischen Urteilens“ (vgl. Montada: 1995, 639).
„Nur brauchbare psychologische Theorien eröffnen die Chance (aber noch keineswegs die Gewissheit) einer sinnvollen Praxis im Unterricht“ (Edelstein: 2001, 13).
Daher soll im folgenden dargestellt werden, wie sich eine Moralerziehung denken lässt, die auf Kohlbergs gut bewährter Theorie der kognitiven Entwicklung moralischen Urteilens beruht. Auch die bemerkenswerte Kritik Nunner-Winklers hinsichtlich der affektiv-motivationalen Entwicklung von moralischer Motivation kann für die pädagogische Praxis bedeutsam sein.
Wie sich diese psychologischen Ansätze in pädagogische Kontexte „übersetzen“ lassen, soll anhand der ihnen eigenen Implikationen für das pädagogische Vorgehen dargestellt werden. Im letzten Teil der Arbeit werde ich zwei Konzepte der Moralerziehung kurz vorstellen, die auf Kohlbergs Theorie aufbauen: Dilemma-Diskussionen und den Just-community-Approach.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Entwicklungspsychologische Grundlegungen: Kohlbergs kognitionszentrierte Theorie der Moralentwicklung
2.1 Grundannahmen kognitionszentrierter Entwicklungspsychologie
2.2 Gegenstand Kohlbergs Theorie: moralisches Urteilen
2.3 Kohlbergs Untersuchungsdesign: Dilemma-Situationen
2.4 Kohlbergs Stufenmodell
2.4.1 Charakteristika der Stufentheorie
2.4.2 Darstellung der empirisch nachweisbaren Stufen
2.5 Entwicklungsmotoren moralischen Lernens
3 Nunner- Winklers moralische Motivation – die affektiv-motivationale Seite der Moral
4 Pädagogische Implikationen der Ansätze
5 Pädagogische Konzepte zur Moralentwicklung
5.1 Dilemma-Diskussionen: Der „Blatt-Effekt“
5.2 Der „Just community approach“ – Kohlbergs pädagogische Umsetzung der entwicklungspsychologischen Grundlagen
6 Resumé
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit und die pädagogischen Konsequenzen von Lawrence Kohlbergs kognitionszentrierter Theorie der Moralentwicklung. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich Moralerziehung gestalten lässt, die über rein kognitive Ansätze hinausgeht und die affektiv-motivationale Dimension des moralischen Lernens sowie die Bedeutung einer "gerechten Gemeinschaft" (Just-community-approach) für die Entwicklung autonomer moralischer Urteilsfähigkeit einbezieht.
- Kohlbergs kognitionszentrierte Theorie und das Stufenmodell moralischer Entwicklung
- Kritik und Ergänzung durch Nunner-Winklers Forschung zur moralischen Motivation
- Bedeutung der Perspektivübernahme und moralischer Konflikte
- Pädagogische Interventionsformen: Dilemma-Diskussionen und ihre Grenzen
- Der "Just community approach" als demokratische Umsetzung schulischer Moralerziehung
Auszug aus dem Buch
5.1 Dilemma-Diskussionen: Der „Blatt-Effekt“
Der Kohlberg-Schüler Moshe Blatt verwendete ab 1968 die moralischen Dilemmata, die konfligierende Normen enthalten, um die kognitive Entwicklung von Schülern zu stimulieren. „Die Arbeit Blatts zeigte, dass die Entwicklung des moralischen Urteilens durch pädagogische Maßnahmen beeinflusst werden kann und dass eine solche Wirkung kein vorübergehendes Phänomen ist.“ (Kuhmerker: 1996, 130). Indem er die Schüler über drei Monate wöchentlich mit den Dilemmata konfrontierte, schuf er die Gelegenheiten, dass sich ihre bisherigen Argumentationsstrukturen als unzureichend erweisen konnten. Dieses Ungleichgewicht zwischen den Strukturen des Denkens und den Situationserfordernissen kann eine Weiterentwicklung nach sich ziehen. Tatsächlich stellte Blatt fest, dass „sich durch diese Art sokratischer Diskussion im Durchschnitt ein Drittel der Kinder um eine Stufe und die meisten Kinder um eine Drittel-Stufe weiterentwickelten“ (Kohlberg: 1986, 22). Diesen Effekt nennt Kohlberg den „Blatt-Effekt“.
Dieser Ansatz stellt weder eine Indoktrination bestimmter Werte dar, noch wird unterstellt, dass jedwede Lösung der Konflikte akzeptabel ist. So kann eine eigenständige, autonome Kompetenz aufgebaut werden, bei moralischen Kontroversen eine angemessene Lösung zu finden. Besonders gute Effekte erzielte man bei der Beschäftigung mit moralischen Begründungen, die eine Stufe höher liegen als bisher erreichte Stufe. Dieser Effekt ging als die +1-Konvention in die Literatur ein (vgl. z.B. Oser: 2001, 79).
Diese Darbietung moralischer Dilemmata erwies sich allerdings nur bei einer längerfristigen Dauer der pädagogischen Intervention als hilfreich. Kritikwürdig ist auch, dass motivationale Bedingungen moralischen Handelns nicht in den Blick genommen werden. Der Ansatz bleibt bei der rein kognitiven Förderung stehen, was wie Nunner-Winkler gezeigt hat, zu einer mangelnden Verknüpfung des Urteils mit der nachfolgenden Handlung führen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die These auf, dass konventioneller Unterricht kaum Auswirkungen auf das Niveau moralischen Urteilens hat, und leitet zur Untersuchung von Kohlbergs kognitiver Theorie sowie Nunner-Winklers Kritik über.
2 Entwicklungspsychologische Grundlegungen: Kohlbergs kognitionszentrierte Theorie der Moralentwicklung: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen von Kohlbergs Stufentheorie, den Fokus auf moralische Begründungsmuster sowie das Untersuchungsdesign mittels Dilemma-Situationen.
3 Nunner- Winklers moralische Motivation – die affektiv-motivationale Seite der Moral: Hier wird die Revision der präkonventionellen Stufen durch Nunner-Winkler vorgestellt, wobei besonders die Bedeutung der moralischen Motivation und Gefühle für das tatsächliche Handeln betont wird.
4 Pädagogische Implikationen der Ansätze: Das Kapitel diskutiert, warum indoktrinative Ansätze unzureichend sind und warum eine Ko-Konstruktion moralischer Regeln unter Einbeziehung affektiver Bindungen für die Moralerziehung notwendig ist.
5 Pädagogische Konzepte zur Moralentwicklung: Es werden zwei konkrete Ansätze vorgestellt: die Dilemma-Diskussion zur kognitiven Anregung und der Just-community-approach als ganzheitliches demokratisches Erziehungskonzept.
6 Resumé: Das Resumé zieht das Fazit, dass Moralentwicklung voraussetzungsreich ist und durch die Kombination kognitiver und affektiver Ansätze, wie in der "gerechten Gemeinschaft", am besten gefördert werden kann.
Schlüsselwörter
Moralentwicklung, Kohlberg, kognitive Entwicklung, moralische Urteilsfähigkeit, moralische Motivation, Nunner-Winkler, Dilemma-Diskussionen, Just-community-approach, Perspektivübernahme, Gerechtigkeit, pädagogische Intervention, Sozialisation, affektive Bindung, Autonomie, Wertvermittlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Lawrence Kohlbergs kognitionszentrierte Theorie der Moralentwicklung und ihre Anwendung in der Pädagogik, unter kritischer Berücksichtigung der affektiven Aspekte moralischen Handelns.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen das Stufenmodell Kohlbergs, die Rolle der moralischen Motivation nach Nunner-Winkler, die Bedeutung von Perspektivübernahme sowie pädagogische Konzepte wie Dilemma-Diskussionen und der Just-community-approach.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Moralerziehung theoretisch fundiert und praktisch umgesetzt werden kann, um eine autonome moralische Urteilsfähigkeit bei Heranwachsenden zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Literaturarbeit, die psychologische und erziehungswissenschaftliche Theorien analysiert und in pädagogische Kontexte einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der kognitionszentrierten Theorie, die Kritik hinsichtlich der moralischen Motivation, die Erörterung pädagogischer Implikationen sowie die Vorstellung spezifischer erzieherischer Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Moralentwicklung, moralische Urteilsfähigkeit, Just-community-approach, Perspektivübernahme und kognitive Entwicklung.
Warum kritisieren Nunner-Winkler die Forschung Kohlbergs?
Kritisiert wird, dass Kohlberg sich zu stark auf die kognitive Entwicklung konzentriert und die affektiv-motivationale Seite vernachlässigt, was für die Vorhersage von moralischem Handeln jedoch essenziell ist.
Was unterscheidet den Just-community-Ansatz von Dilemma-Diskussionen?
Während Dilemma-Diskussionen primär auf die kognitive Stimulierung in Übungsformaten abzielen, integriert der Just-community-Ansatz die demokratische Partizipation und Verantwortungsübernahme direkt in den Alltag der Institution.
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- Michaela Stahl (Author), 2007, Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85229