Vereine als Produzenten sozialen Kapitals?!


Hausarbeit, 2006

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Soziales Kapital
2.1. Begriff von Bourdieu
2.2. Begriff von Putnam

3. Vereine in Deutschland

4. Soziales Kapital der Vereine?

5. Resumé

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein begüterter Herr spendet jährlich 2000 EUR an den Greenpeace e.V., während seine Nachbarin im lokalen Kegelverein den Vorsitz des Vergnügungsausschusses übernimmt. Beide sind somit Mitglied in einem der zahlreichen deutschen Vereine.

Worin besteht aber ein größerer Gewinn für die Allgemeinheit?

Wer leistet einen höheren Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt?

Diesen Fragen will diese Arbeit unter Einführung in das Konzept des „sozialen Kapitals“ beantworten, das besonders durch die verschiedenen Perspektiven Bourdieus und Putnams betrachtet werden soll. Als soziales Kapital werden dabei die Gewinne bezeichnet, die aus sozialen Beziehungen resultieren. Im folgenden wird der Verein als ein möglicher Ort der Produktion von sozialem Kapital näher charakterisiert sowie anschließend diskutiert, welche speziellen Eigenschaften der Vereine dazu führen, dass besonders dort das so wertvolle Kapital akkumuliert werden kann.

2. Begriffsbestimmung „soziales Kapital“

Zu Beginn dieser Arbeit soll zunächst der Begriff des sozialen Kapitals bestimmt werden. Diese grundsätzlich wichtige Definitionsarbeit ist für das Sozialkapital besonders vonnöten, da sich das Sozialkapital auf mehreren Ebenen der gesellschaftlichen Realität ausweisen lässt. Daher sind auch verschiedenartige Diskurse in der Literatur über das soziale Kapital zu finden, die nicht bedingungslos miteinander in Einklang gebracht werden können. Zum einen ist hier der französische Philosoph, Ethnologe und Soziologe Pierre Bourdieu zu nennen, der sich mit der Beschreibung sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft beschäftigt und dabei soziales Kapital (neben ökonomischem und kulturellem) in erster Linie als personale Ressource von Individuen begreift. Dagegen liegt in neueren Forschungen der Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem sozialen Kapital im makrosoziologischen Vergleich des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Beurteilung der Effizienz moderner Verwaltungen. Besonders der Politikwissenschaftler Robert David Putnam, der hierfür James Samuel Colemans Theorie erweitert hat, steht für diesen Ansatz, der das soziale Kapital als zentrale Ressource einer Gesellschaft begreift. Da beide Ansätze wichtige Aspekte für die Betrachtung des Begriffes liefern, sollen sie zunächst kurz dargestellt werden. In dieser Arbeit wird dabei die ebenfalls sehr weitreichende und wichtige Arbeit Colemans vernachlässigt, da es für die Analyse der Rolle der Vereine im Prozess der Bildung von sozialem Kapital ausreichend erscheint, die über Colemans Theorie hinausgehende, empirische Perspektive Putnams als Gegenposition zu Bourdieu darzustellen. BRAUN führt in einer Fußnote dazu aus, dass Coleman ferner „keine vergleichbare gesellschaftspolitische Wirkung erzielte wie Bourdieu und Putnam“. (BRAUN, 2001, 338).

2.1. Begriff von Bourdieu

Bourdieu behandelt das soziale Kapital im Rahmen seiner Gesellschaftstheorie, die „die Mechanismen der Produktion und Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen in der sozialen Praxis, also im Handeln der Individuen“ (BRAUN, 2001, 341) aufzeigen will.

Bourdieu geht dabei davon aus, dass bestimmte Zwänge die Handlungsmöglichkeiten des Individuums beeinflussen: Zum einen verinnerlicht das Individuum, das Bourdieu „soziale Praxis“ nennt, seine spezifische gesellschaftliche Position. Die Vermittlung zwischen der Makroebene des sozialen Raumes und der Mikroebene der sozialen Praxis geschieht durch die Ausbildung eines Habitus, der im wesentlichen durch verinnerlichte gesellschaftliche Bedingungen und persönliche Sozialisationserfahrungen bestimmt wird. Der Habitus besteht aus spezifischen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsschemata, durch die die jeweiligen Möglichkeiten und Zwänge der einzelnen gesellschaftlichen Positionen in den Handlungen der Individuen erkennbar werden.

Neben dem Habitus, der die inneren Handlungsgrundlagen der einzelnen Individuen widerspiegelt, sieht Bourdieu aber auch noch in den sozialen Feldern, d.h. in der ausdifferenzierten Umwelt der Individuen regulierende Elemente, die die Handlungschancen der Individuen mitbestimmen. Zum einen unterliegt jegliche Handlung im sozialen Feld bestimmter Regeln, die das Miteinander der Akteure koordinieren.

„Dadurch dass [die Regeln] den Rahmen möglicher und unmöglicher Spiel-Praktiken festlegen, stellen diese feldspezifischen Regeln eine Form von Zwang dar, dem sich die Akteure nicht entziehen können, ohne das Spiel zu verlassen, d.h., ohne aus dem entsprechenden Feld auszutreten.“ (SCHWINGEL, 2000, 82).

Zum anderen führt Bourdieu weitere Zwänge für den Einzelnen auf die Knappheit der Ressourcen zurück, die dem Akteur zur Verfügung stehen. Die Verfügungsgewalt über knappe Ressourcen, die der Akteur strategisch sinnvoll einsetzt, um seine Ziele zur erreichen, nennt Bourdieu Kapital. Er führt dazu aus:

„Die zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Verteilungsstruktur verschiedener Arten und Unterarten von Kapital entspricht der immanenten Struktur der gesellschaftlichen Welt, d.h. der Gesamtheit der ihr innewohnenden Zwänge, durch die das dauerhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Wirklichkeit bestimmt und über die Erfolgschancen der Praxis entschieden wird.“ (BOURDIEU, 1983,183).

Bourdieu definiert zwar seinen Kapitalbegriff dabei auch als „akkumulierte Arbeit“ (ebd., 182), betont aber die Wichtigkeit der Ausdifferenzierung des Kapitalbegriffs über den üblichen ökonomischen Begriff hinaus: Reduziert man den Kapitalbegriff auf die ökonomischen Ressourcen, erklärt man „implizit alle anderen Formen sozialen Austauschs zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen“ (ebd., 184).

Um aber dem Umstand gerecht zu werden, dass „auch scheinbar unverkäufliche Dinge ihren Preis“ (ebd.) haben, führt Bourdieu drei grundlegende Arten von Kapital ein: ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital und soziales Kapital.

Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu verschiedene Formen materiellen Reichtums, die einen Geldwert besitzen. Kulturelles Kapital dagegen kann in objektivem Zustand (Bilder, Kunstwerke, Bücher), inkorporiertem, d.h. körpergebundenen Zustand (Bildung und einhergehende Fähigkeiten) oder institutionalisiertem Zustand vorliegen (formelle Bildungstitel, Abschlüsse,...). Das hier interessierende soziale Kapital eines Akteurs definiert Bourdieu wie folgt:

„Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“ (ebd, 190).

Die Solidarität in einem Netzwerk beruht gerade darauf, dass die Beziehung für jeden Akteur einen Profit darstellt. Der Profit in einer Gruppe wie z.B. der Familie, Clubs, Clans, etc. kann dabei aus Loyalitätsverpflichtungen, Unterstützungen oder sogar institutionalisierten Rechtsansprüchen bestehen. Durch soziales Kapital, das von den anderen beiden Kapitalarten für Bourdieu untrennbar scheint, kann zudem der Profit, der aus kulturellem und ökonomischen Kapital resultiert, gesteigert werden. Er spricht hier von einem Multiplikatoreffekt sozialen Kapitals. Beispielsweise könnte durch das persönliche Kennen eines Personalchefs eine Einstellung erleichtert werden, was den Wert von kulturellem Kapital in Form von einer Berufsausbildung steigern kann und wiederum mit einem verbesserten Einkommenspotential einher gehen kann.

Der Umfang, in dem einem Akteur soziales Kapital zur Verfügung steht, bestimmt sich dabei durch den Umfang seiner Netzwerke, in denen er auf Unterstützung zurück greifen kann. Voraussetzung für den Erhalt und den Aufbau solcher Netzwerke ist eine Investition in die Beziehung sowie „fortlaufende Institutionalisierungsarbeit“ (ebd, 192) durch den Austausch von Worten, Geschenken, etc, was gegenseitige Anerkennung und wechselseitiges Vertrauen fördert. Den Begriff des Kapitals wählt Bourdieu hier aber auch um zu verdeutlichen, dass auch diese soziale Beziehungsarbeit nicht als uneigennützig gesehen werden kann, sondern dass das Beziehungsnetz „das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien [ist], die bewusst oder unbewusst auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen.“ (ebd.).

Zu Bedenken ist dabei, dass Bourdieu bei seinem Begriff des sozialen Kapitals in erster Linie von den französischen Eliten ausgeht.

„Ihr soziales Kapital manifestiert sich nicht nur in Förderungs- und Solidaritätsverpflichtungen oder im abgestimmten Ausschluss Gruppenfremder, sondern trägt auch dazu bei, die Transaktionskosten im politisch-administrativen und ökonomischen System zu senken, da es im Sinne von „Kreditwürdigkeit“ Vertrauen erzeugt, das unabhängig von der bekleideten Spitzenposition als Loyalitätsgarantie fungiert.“ (BRAUN, 2001, 344).

Während dieses Vertrauen innerhalb des Netzwerkes also für eine wechselseitige Unterstützung sorgt, die sehr weitreichend sein kann, kann der Ausschluss von Gruppenfremden auch zu Misstrauen unter denjenigen führen, die nicht an diesem Netzwerk teil haben. Gruppenfremde können durch die (für sie undurchschaubaren) Profite schwer beurteilen, ob ein Erfolg auf Leistungen oder sozialem Kapital beruht. Dies kann die Kommunikation und das Vertrauen der Netzwerke untereinander erschweren, was wiederum zu einem Erstarken bestehender Gruppenzugehörigkeit und damit auch einer Reproduktion sozialer Ungleichheit führen kann.

Das Sozialkapital im Bourdieu´schen Sinn wird heute umgangssprachlich mit „Vitamin B“ bezeichnet. Zweifelhaft bleibt, ob sich Bourdieus Begriff des sozialen Kapitals auch auf Netzwerke von Menschen mit schwächerer sozialer Position ausweiten lässt: „There was no place in his theory for the possibility that other, less privileged individuals and groups might also find benefit in their social ties“ (FIELD, 2003, 20).

2.2. Begriff von Putnam

Putnams Beschäftigung mit dem sozialen Kapital hat eine enorme Wirkung in der Wissenschaft, aber auch in der Gesellschaftspolitik erzielt. Insbesondere seine „idea of association and civic activity as a basis of social integration and well-being“ (FIELD, 2003, 13) scheint zu diesem durchschlagenden Erfolg beizutragen, da sie „im politischen Raum die Vorstellung, es gäbe in Zeiten leerer Kassen ein kostenloses Kapital zur Lösung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme“ weckt (BRAUN, 2001, 348).

Putnams Ausgangspunkt der Entwicklung seines Verständnisses von sozialen Kapitals liegt dabei in Italien: 1993 veröffentlichte Putnam die Studie „Making democracy work: Civic traditions in Modern Italy“, die die Ursachen für die höherer Effizienz der Verwaltung der Provinzregierungen in Norditalien verglichen mit den süditalienischen Behörden untersucht. Darin geht Putnam davon aus, dass dieses Gefälle nicht nur mit verschiedenen wirtschaftlichen Strukturen, sondern auch mit dem höheren „sozialen Kapital“ zu erklären ist.

Er wendet sich in den folgenden Jahren seinem Heimatland (USA) zu und veröffentlicht 2000 sein prominentestes Werk „Bowling Alone“. Dort stellt er die mit zahlreichen empirischen Indikatoren gestützte These auf, dass in den USA das Sozialkapital seit den 60er Jahren ständig abnimmt.

Was versteht Putnam aber unter sozialem Kapital?

2.2.1. interner und externer Nutzen sozialer Netzwerke

Mit Bourdieu (und Coleman) teilt Putnam die grundlegenden Aspekte sozialen Kapitals: “Im Mittelpunkt der Theorie des Sozialkapitals steht ein außerordentlich schlichter Gedanke: Soziale Netzwerke rufen Wirkungen hervor” (PUTNAM, 2001, 20). Übereinstimmend mit seinen Vorgängern sieht auch Putnam einen „internen“ Nutzen für das interagierende Individuum. Sei es die Hilfe bei der Suche eines neuen Arbeitsplatzes oder die berühmte „shoulder to cry on“, „vor allem weisen Netzwerke für die ihnen angehörenden Menschen einen Wert auf“ (ebd.).

Über diese geteilte Perspektive geht Putnam aber hinaus. Putnam sieht im sozialen Kapital nicht nur die individuelle Ressource, sondern auch ein hoch bedeutsames öffentliches Gut, da das Sozialkapital auch „externen“ Nutzen mit sich bringt. Um diesen Nutzen zu konkretisieren, errechnet Putnam Korrelationen zwischen dem von ihm entwickelten SCI (einem Index, der das soziale Kapital eines Bundesstaates messen soll) und verschiedenen gesellschaftlichen Effekten: Zum einen führt er die Kriminalitätsrate an, die in Wohnbezirken mit hoher Dichte der sozialen Beziehungen sinkt. „Sogar Bewohner, die sich selbst nicht an nachbarschaftlichen Aktivitäten beteiligen, [profitieren] von den präventiven Wirkungen dieses informellen Sozialkapitals“ (PUTNAM, 2001, 21). Auch die Gesundheit und das Wohlbefinden der Gesellschaftsmitglieder, sowie das Kindeswohl hänge mit dem Umfang des Sozialkapitals der Gesellschaft zusammen. Unter Hinweis auf seine Studie in Italien verweist Putnam auch auf die gesteigerte Effektivität öffentlicher Verwaltungen und eine bessere Demokratiefähigkeit, sowie auf eine höhere Qualität öffentlichen Lebens bei hohem sozialem Kapital. Nicht zuletzt geht er auch von einem Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Vereine als Produzenten sozialen Kapitals?!
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Soziologisches Institut)
Veranstaltung
Soziales Kapital und soziale Ungleichheit
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V85233
ISBN (eBook)
9783638003063
ISBN (Buch)
9783640922130
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vereine, Produzenten, Kapitals, Soziales, Kapital, Ungleichheit
Arbeit zitieren
Michaela Stahl (Autor), 2006, Vereine als Produzenten sozialen Kapitals?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85233

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