Zu Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd"


Seminararbeit, 2006
30 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Biographie
2.1. Kindheit und Jugend
2.2. Studium und Tätigkeiten beim Süddeutschen Rundfunk
2.3. Die Gruppe 47
2.4. Der freie Schriftsteller

3. „Ein fliehendes Pferd“
3.1. Die Novelle
3.2. Nacherzählung
3.2.1. Das erste Treffen der Ehepaare Halm und Buch
3.2.2. Gemeinsame Unternehmungen
3.2.2.1. Das Abendessen – mit Halms Wein und Zigarre und Buchs Salat und Mineralwasser
3.2.2.2. Ausflüge
3.2.2.3. Ein fliehendes Pferd
3.2.2.4. Die Segeltour
3.2.3. Das Ende
3.3. Interpretation
3.3.1. Helmut
3.3.2. Klaus
3.3.3. Sexualität
3.3.4. Höhepunkt bzw. Die zweite „unerhörte Begebenheit“
3.3.5. Ausklang

4. Der öffentliche Schriftsteller

5. Seine Liebe zum Schreiben

6. Literaturverzeichnis

Martin Walser

Der große Dichter der kleinen Leute

1. Einleitung

Um in etwa eine Vorstellung von der Persönlichkeit Martin Walsers und seiner Position in der deutschen Literatur zu erhalten, möchte ich zwei einleitende Zitate anführen, die diesbezüglich treffender wohl kaum sein könnten:

„Martin Walser ist nicht der gute Herbergsvater der deutschen Literatur. Dazu gibt es zuviel Aufregung schon beim Frühstück. Dazu fröstelt einem zu sehr in seinen Romanen. Dazu ähnelt die Innenausstattung seiner erzählten Welt zu sehr dem

Seelenhaushalt unserer gelebten Welt. Nur daß man bei ihm immer damit rechnen muß, zusammen mit der Nachttischlampe auch die Naturgewalt anzuknipsen. Wie tückisch ist der Lebensfriede in seiner Novelle „Das fliehende Pferd“, in dem der Autor einmal die Natur lebensbedrohlich gegen das Soziale aufruft und jeder Leser merkt, daß die vernichtende Kraft der Natur gar nichts ist im Vergleich zu den entfesselten Gewalten des Sozialen. Walsers literarische Naturkatastrophen, die Unfälle, Krankheiten oder Seestürme, sind . . . Hälmchen im Wind im Vergleich zu den orkanhaften Elementargewalten des Sozialen und seiner Ich-Bedrohungen. „Weiterschlafen“, denkt eine seiner Figuren bei Tagesanbruch, weiterschlafen, und hoffen, in einer besseren Wirklichkeit aufzuwachen."

Frank Schirrmacher[1]

„Er ist ein Apologet des Daseins, der sich als Skeptiker tarnt. Seine Verdrossenheit entspringt der Lebensbejahung. Er ist ein herzlicher Spötter, ein jovialer Aggressor, ein warmherziger Ironiker mit einer unverkennbaren Schwäche für die Zerrissenen und Getriebenen. In seinen Romanen verbindet er Sprachkunst mit Scharfsinn, Intuition mit Erkenntnisvermögen. Seine Aufsätze und Reden, zumal über große Schriftsteller der Vergangenheit, zeugen von geradezu jugendlicher Leidenschaftlichkeit und von unerschöpflicher Lust an der Verehrung, es sind Konfessionen eines Betroffenen und Getroffenen.“

Marcel Reich-Ranicki[2]

Martin Walser ist einer, wenn nicht der meistdiskutierte und umstrittenste deutsche Autor und gehört zugleich zu den erfolgreichsten. Warum das so ist und in welchem Zusammenhang beide Seiten miteinander stehen, möchte ich in der folgenden Ausarbeitung zu klären versuchen. Eines sei schon vorweggenommen: Beide Seiten - der streitbare Autor und dessen Erfolg - sind untrennbar miteinander verbunden.

Hinzufügend muss erwähnt werden, dass die Person Martin Walser nicht vollständig wiedergegeben werden kann, dies ist in einem Rahmen von ca. 15 Seiten ganz einfach nicht möglich. Vor allem Walser ist hinsichtlich seines literarischen Schaffens und der enormen Präsenz in Form seiner öffentlichen Darstellung, sei sie nun ausgehend von Literaturkritik und Medien, aber auch von den Menschen, wie Du und Ich, als deren Autor sich Walser ja versteht, oder auch ausgehend von ihm selbst, solch ein facettenreicher und auch streitbarer Schriftsteller und Mensch; so wird schnell deutlich, dass es gilt, Schwerpunkte zu setzen. Und der Schwerpunkt hier liegt neben einer kurzen Darstellung der Biographie Walsers, d.h. der offensichtlich prägenden Ereignisse für seine Persönlichkeit, auf seiner nicht nur aufgrund ihres Erfolgs überaus bedeutenden Novelle „Ein fliehendes Pferd“; gibt doch diese einen wunderbaren Einblick auch in die Person Martin Walser.

Vor allem in den ersten dreißig Jahren von Walsers Schaffen trifft man in der Literaturkritik immer wieder auf folgende Aussagen: Er hat Talent, ist begabt wie nur Wenige, kann dies aber nicht umsetzen. Er ist ein an sich selbst scheiterndes Genie. Ihm fehlt als einer der größten deutschen Schriftsteller das Werk, das „im Gedächtnis bleibt“, also DAS überragende Werk.

Und: Er ist ein realistischer Beobachter aktueller menschlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse. Sein bevorzugter Erzählbereich ist die gesellschaftliche Mittel- oder besser Zwischenschicht in der Bundesrepublik Deutschland.

Es zwingt sich einem die Frage förmlich auf: Warum ist das so? Außerdem: Wie ist es dazu gekommen und ganz naiv gefragt: Was bedeutet das alles, für Walsers Leben, sein Gesamtwerk und seine Person in der Öffentlichkeit?

2. Biographie

2.1. Kindheit und Jugend

Martin Walser wurde am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee als Sohn eines Gastwirts geboren. Er erlebte eine Kindheit, die von Alltagsproblemen und zusätzlich von geschichtlichen Ereignissen geprägt worden ist. Seine Eltern betrieben neben einer Gastwirtschaft einen Kohlenhandel, in dem Walser schon in seiner frühen Kindheit aushelfen musste. Als sein zuckerkranker Vater mit 49 Jahren starb, war Walser 11 Jahre alt. Nach dem Tod des Vaters übernahm die Mutter die Leitung der Gastwirtschaft und des Kohlengeschäfts, die jedoch ohne die Hilfe ihrer Kinder nicht möglich gewesen wäre. „Mein Vater war tot, mit meinem Bruder, der zwei Jahre älter war, habe ich das ganze Kohlengeschäft ohne Angestellte betrieben ... Als mein Bruder schon eingezogen war, habe ich das Geschäft mit Abrechnungen, Zuteilungsscheinen, mit der ganzen Bewirtschaftungs-Bürokratie neben der Schule gemacht, ich habe mit einem Kriegsgefangenen pro Jahr 36 Waggons Kohlen ausgeladen und in die Keller und Dachböden der Witwen und Bäckereien geschleppt...“[3] Walsers Familie litt schon zu Lebzeiten des Vaters unter einer Schuldenlast, die wohl auf den schlechten Geschäftssinn des Vaters zurückzuführen war. Nach eigener Aussage lernte Walser so schon früh „Konkurrenzdenken auch auf der untersten Ebene hassen“[4].

Zwischen '38 und '43 besuchte Walser die Oberschule in Lindau. Zu seiner Schulzeit davor sind leider keine Angaben zu finden. Doch es ist erkennbar, dass sich seine Schulzeit fast genau mit der Zeit des Dritten Reiches deckt. Noch bevor er sein Abitur absolvieren konnte, wurde er '43 in einem Alter von 16 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen, zunächst als Flakhelfer und danach im Arbeits- und Wehrdienst. Damit gehört Walser wie auch Günter Grass der sogenannten „Flakhelfergeneration“ an. '45 geriet Walser in Garmisch-Partenkirchen in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er bekam dort eine Stelle als Bibliothekar in der Bibliothek des ehemaligen Reichsrundfunks München. Hier entdeckte er Heinrich Heine und dieser war der Grund dafür, dass Walsers 1946 abgelegtes Abitur nachträglich beinahe aberkannt wurde. Denn Walser trug auf der Abiturfeier ein von Heine beeinflusstes Gedicht vor und dieser war zu diesen Zeiten als „Vaterlandsverräter“ verpönt. Der Schuldirektor verließ die Feier vorzeitig und berief am darauf folgenden Tag eine Lehrerkonferenz ein, um über die Aberkennung von Walsers Abitur abzustimmen. Walser hat es dem Einspruch seines damaligen Deutschlehrers zu verdanken, dass er sein Abitur schließlich dennoch erhielt.

2.2. Studium und Tätigkeiten beim Süddeutschen Rundfunk

Anschließend nahm er das Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie in Regensburg auf. 1948 wechselte er nach Tübingen, wo er drei Jahre später mit einer herausragenden Arbeit über Franz Kafka („Beschreibung einer Form. Versuch über Franz Kafka“) promovierte. Kafka sollte auch weiterhin noch einen großen Einfluss auf Walser ausüben. Doch dazu später mehr.

Zwischen 1949 und 1957 war Walser beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) als Reporter, Regisseur und Hörspielautor tätig. Hier erhielt er vor allem als Reporter die Möglichkeit, die neue Gesellschaftsordnung in Deutschland kennenzulernen. Dazu Walser: „Ich bin herumgefahren und habe jeden Tag einen anderen Bürgermeister interviewt ... Damals wurden ja über jedem Bach die Brücken wieder eingeweiht, die habe ich alle mit eingeweiht. Ich konnte Brücken-Einweihungsreportagen auswendig, und zwar von allen Gesprächspartnern, vom Architekten, vom Bürgermeister, vom Pfarrer ...“[5]

Dieses direkte „Dabeisein“ bei der Aufbauphase, Umstrukturierung, Restaurierung bzw. Neuschaffen der Bundesrepublik sollte entscheidend für Walsers Persönlichkeit und sein späteres literarisches Schaffen sein.

Zusätzlich unternahm Walser im Rahmen seiner Tätigkeit beim SDR Reisen nach Italien, Frankreich, England, Polen und in die damalige CSSR.[6]

2.3. Die Gruppe 47

Es sei nur kurz erwähnt, dass die Gruppe 47 (benannt nach ihrem Gründungsjahr) unter der Leitung von Hans Werner Richter eine Zusammenkunft war, in der sich Schriftsteller nach einer persönlichen Einladung durch Richter während einer Tagung gegenseitig ihre Arbeiten vorlasen und sich anschließend der Kritik der anderen Schriftsteller bzw. Kritiker stellen mussten. In loser Folge wurde ein Preis vergeben, der zwar finanziell kaum von Bedeutung war, sich aber von Jahr zu Jahr mehr und mehr zu einer wichtigen Empfehlung bei Medien und Verlagen entwickelte.

Es gibt eine schöne Anekdote zu dem ersten Aufeinandertreffen zwischen Walser und Hans Werner Richter im Oktober 1951, als eine Tagung der Gruppe 47 in der Laufenmühle bei Schondorf stattfand. Walser war dort als freier Mitarbeiter des SDR tätig. Während einer Pause ging Richter zum Übertragungswagen, wo ein junger Mann saß, den Richter für einen Techniker hielt. Er fragte ihn: „Na, wie läuft das?“ „Technisch einwandfrei“, antwortete der junge Mann, „aber was da gelesen wird, das kann ich besser.“ Der junge Mann war der besagte freie Mitarbeiter des SDR, Martin Walser.

1953 war er das erste Mal als „aktives Mitglied“ bei einem Treffen der Gruppe 47 dabei. Walser wurde verrissen, hervorgerufen durch das Vortragen eines von Kafka beeinflussten Textes. Er musste sich den Vorwurf des Kafka-Epigonentums gefallen lassen, was wahrlich einem vollkommenen Verriss gleichkommt, bedeutet dies doch, er hätte lediglich eine schwächere Nachahmung geschaffen. Dieser Erfahrung folgte jedoch der Preis der Gruppe im Jahr '55 für seine Erzählung „Templones Ende“ aus dem Band „Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten“, mit dessen Erscheinen er erstmals von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

2.4. Der freie Schriftsteller

Seit 1957 lebt und arbeitet Martin Walser als freier Schriftsteller am Bodensee.

Bereits Walsers frühe Romane „Ehen in Philippsburg“ (1957) und „Halbzeit“ (1960), welcher mit „Das Einhorn“ (1966) und „Der Sturz“ (1973) zur so genannten „Anselm-Kristlein-Trilogie“ erweitert wurde (benannt nach ihrem Protagonisten Anselm Kristlein), begründeten Walsers Ruf als einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit. Dabei stellte er zumeist Antihelden in den Mittelpunkt.

Die ersten Reaktionen der Kritiker auf Walsers ersten Roman „Ehen in Phillipsburg“ waren eher negativ. Als Besonderheit des Romans kann erwähnt werden, dass die Erzählperspektive von „Ehen in Phillipsburg“ in jedem Teil des Romans verschieden ist. Der erste Teil, „Bekanntschaften“, wird aus der Perspektive des jungen Journalisten Hans Beumann erzählt und enthält die ersten Eindrücke, die ein naiver Außenseiter von der Phillipsburger Gesellschaft erhält. Der zweite Teil, „Ein Tod muss Folgen haben“, schildert einen Tag im Leben des Gynäkologen Dr. Benrath, wobei die Ereignisse ausschließlich aus dessen Sicht erzählt werden. Hier wird vom Selbstmord Birgas, Benraths Frau, berichtet und den Folgen, die dieses Verhängnis für das Verhältnis Benraths zu seiner Geliebten Cécile hat. Der dritte Teil, „Verlobung bei Regen“, präsentiert Beumanns Verlobungsfeier ausschließlich vom Standpunkt des Rechtsanwalts und aufstrebenden Politikers Dr. Alwin, der Benrath bei Cécile aussticht. Der vierte und letzte Teil, „Eine Spielzeit auf Probe“, weicht von der bisherigen Erzählstruktur ab. Die Ereignisse werden hier zwar aus der Perspektive Beumanns gesehen, doch durch Präsentation der Tagebücher von Berthold Klaff, der Selbstmord begangen hat, und von Marga, der Animierdame, werden zwei zusätzliche Perspektiven eingeflochten.[7]

Für „Ehen Phillipsburg“ erhält Martin Walser 1957 den Hermann-Hesse-Preis.

1961 startet Walser als erster Publizist (noch vor Günter Grass) eine Wahlinitiative für die SPD. Von ihr spaltet er sich aber im Jahre ´66 ab. 1978 zieht Walser nach Nußdorf am Bodensee, das später eines der Schauplätze in „Ein fliehendes Pferd“ werden soll. Walser fährt 1973 für sechs Monate in die USA, um das Middleburg Collage in Vermont und die University of Texas in Austin zu besuchen. 1976 erscheint sein viel beachteter Roman „Jenseits der Liebe“. Im selben Jahr hält Walser sich für vier Monate an der University of West Virginia in den USA auf.[8]

[...]


[1] Literaturseiten.de, 1998: Ein Schriftsteller, der uns zeigt, was es heißt, in der Geschichte zu leben – Laudatio von Frank Schirrmacher. http://www.literaturseiten.de/laudatio.htm.

[2] Der Kanon, 2003: Martin Walser. http://www.derkanon.de/erzaehlungen/w-z.html.

[3] Anthony Waine, 1980: Martin Walser – Autorenbücher. München, Verlag Edition Text und Kritik. S.8

[4] Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie: Walser, Martin Johannes. ©1993-1998 Microsoft Corporation

[5] Anthony Waine, 1980: Martin Walser – Autorenbücher. München, Verlag Edition Text und Kritik. S.17

[6] Vgl. Deutsches Historisches Museum, 2000: Martin Walser. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/ WalserMartin/

[7] Vgl. Rhys W. Williams: Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ – Versuch einer Neubewertung. In: Text + Kritik, Heft 41/42, 1983: Martin Walser. München, edition text + kritik GmbH. Seite 38f.

[8] Vgl. Deutsches Historisches Museum, 2000: Martin Walser. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/ WalserMartin/

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Zu Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
30
Katalognummer
V85254
ISBN (eBook)
9783638003223
ISBN (Buch)
9783638911252
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin, Walsers, Pferd
Arbeit zitieren
Gunther Wilms (Autor), 2006, Zu Martin Walsers "Ein fliehendes Pferd", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85254

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