Schulwahlverhalten deutscher Eltern

Analyse des Schulwahlverhaltens als innerfamiliärer Prozess anhand von vier Fallbeispielen


Magisterarbeit, 2004
95 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung.

2 Soziale Selbstpositionierung
2.1 Zum Begriff der sozialen Selbstpositionierung
2.2 Die Genese der Begriffe Klasse und Schicht in der Soziologie
2.3 Die Schichtstruktur der heutigen Gesellschaft

3 Familie als dialektischer Prozess von Bindung und Ablösung

4 Methode
4.1 Datenerhebung (Interviews)
4.2 Auswertung

5 Interviewauswertung
5.1 Interview mit Herrn und Frau L.
5.1.1 Allgemeiner Eindruck von Frau und Herrn L.
5.1.2 Milieuzugehörigkeit/Soziale Selbstpositionierung/Aufstiegschancen
5.1.3 Ihre Rolle als Schuleltern und das Verhältnis zu anderen Eltern
5.1.4 Informationsbeschaffung
5.1.5 Faktoren für „gute Schule“/Zufriedenheit versus „schlechte Schule“
5.1.6 Gründe für die Schulwahl
5.1.7 Haltung zu Schulleistungen
5.1.8 Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern/Zukunftserwartungen
5.1.9 Eigene Schulerfahrungen
5.2 Interview mit Frau B
5.2.1 Allgemeiner Eindruck von Frau B
5.2.2 Soziale Milieuzugehörigkeit/Selbstpositionierung/Aufstiegschancen
5.2.3 Eigene Ansicht zum System der Schulwahl
5.2.4 Informationsbeschaffung
5.2.5 Faktoren für „gute Schule“/Zufriedenheit versus „schlechte Schule“
5.2.6 Gründe für die Schulwahl
5.2.7 Verhältnis zu anderen Eltern/zu Lehrern
5.2.8 Haltung zu Schulleistungen
5.2.9 Mutterrolle und Bindung/Ablösung im Verhältnis zur Tochter
5.2.10 Zukunftserwartungen
5.2.11 Eigene Schulerfahrungen
5.3 Interview mit Frau F. und ihrer Tochter
5.3.1 Bemerkungen vorab und allgemeiner Eindruck
5.3.2 Milieuzuordnung und soziale Selbstpositionierung
5.3.3 Informationsbeschaffung
5.3.4 Kriterien für „gute Schule“/Zufriedenheit versus „schlechte Schule“
5.3.5 Gründe für die Schulwahl
5.3.6 Bedeutung von Schulleistung
5.3.7 Prozess von Bindung und Ablösung im Mutter-Kind-Verhältnis
5.3.8 Eigene Schulerfahrungen
5.3.9 Zukunftsvorstellungen
5.4 Interview mit Frau A.
5.4.1 Allgemeiner Eindruck von Frau A.
5.4.2 Milieuzuordnung/eigene soziale Positionierung
5.4.3 Informationsbeschaffung
5.4.4 Faktoren für „gute Schule“/Zufriedenheit versus „schlechte Schule“
5.4.5 Gründe für die Schulwahl
5.4.6 Haltung zu Schulleistungen
5.4.7 Prozess von Bindung und Ablösung im Verhältnis zur Tochter
5.4.8 Zukunftserwartungen für die Tochter
5.5 Zentrale Themen und wiederkehrende Motive im Vergleich
5.5.1 Soziales Milieu und Selbstpositionierung mittels Schulwahl
5.5.2 Bedeutung der Schulleistung
5.5.3 Bindungs-/Ablösungsthematik

6 Schlussbemerkungen und Ausblick..

Abbildung 1

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenngleich die Schule unter verschiedenen Perspektiven im Blickfeld der Forschung steht und es eine Vielzahl an Literatur zu einzelnen Themenfeldern gibt (beispielsweise die schulpolitische Entwicklung zu mehr Autonomie und Wettbewerb und die daraus entstehende Veränderung der Schullandschaft hin zu Quasimärkten; Diskussionen um die Leistungsmessung, zu der zuletzt durch PISA wieder eine neue Flut von Literatur auf den Markt geraten ist; Untersuchungen zur Sozialisation von Immigranten- und ausländischen Kindern), so ist doch dem Prozess der Schulwahl am Übergang zur Sekundarstufe I bisher wenig Beachtung geschenkt worden. Daher gibt es zum Schulwahlverhalten in Deutschland bislang kaum Untersuchungen. Dabei bietet die genauere Beleuchtung dieser Phase die Möglichkeit, Zusammenhänge und gewisse wiederkehrende Grundstrukturen elterlicher Vorgehensweisen besser zu verstehen und in der Folge auch adäquater auf bestimmte Sachverhalte in einem übergeordneten Kontext eingehen zu können. Zum Beispiel ist der Vergleich des Schulwahlverhaltens je nach sozialer Herkunft eine geeignete Herangehensweise, um über Bildungsaspiration, die soziale Selbstpositionierung und damit über Aufstiegschancen Aussagen machen zu können. Auch wäre es für die Wettbewerbsdiskussion förderlich zu wissen, welche Kriterien bei der Schulwahl für Eltern und Kinder in den Blickpunkt rücken und vor allem, welche tatsächlich am Ende ausschlaggebend sind. Oder, um bei den oben genannten Beispielen zu bleiben, es würde sich lohnen, die Auswirkungen von schulischem Leistungsdruck auf Familien und in der Folge auf ihr Verhältnis zur Schule genauer zu untersuchen. Auch für das Problem der Ghettoisierung mancher Schulen könnten Interviews mit Eltern über ihre Wahrnehmung der Schulen erkenntnisfördernd sein.

In der vorliegenden Arbeit sollen daher Erkenntnisse über das Schulwahlverhalten im Allgemeinen gewonnen werden, indem es exemplarisch an verschiedenen Eltern anhand von Interviewanalysen untersucht wird. Dabei versteht sich die Untersuchung, wenn auch die erwartungsoffene, fallbezogene Beobachtung und Beschreibung im Vordergrund steht, zugleich als Beitrag zur Diskussion um die Bildungschancengleichheit, da ich auf die soziale Herkunft und deren Einfluss auf die Bildungschancen des Kindes gesondert eingehen werde.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Bildungschancengleichheit ist angesichts der Situation an den Schulen nach wie vor geboten, denn heute, 40 Jahre nach dem Beginn der Bildungsexpansion, lassen die statistischen Untersuchungen erkennen, dass in der Folge der Reformen zwar das Gesamtbildungsniveau angestiegen, eine Angleichung der Chancen jedoch nicht erfolgt ist, sondern sich im Gegenteil die Unterschiede noch verschärft haben[1]. Die Ursachen für diese andauernde Ungleichheit scheinen komplexer und fester in ein Gesamtgeflecht eingebunden und daher nicht mit einer bloßen Neustrukturierung des Systems zu beseitigen zu sein, wie man zunächst wohl gehofft hatte. Es genügt nicht allein, Angebote zu schaffen, sondern eine entscheidende Rolle spielt darüber hinaus auch die Wahrnehmung der Schule und das Bildungsinteresse in den Familien (Bildungsaspiration). Denn nach wie vor ist in Deutschland der Einfluss des Elternhauses von herausragender Bedeutung für die Schullaufbahn des Kindes. Von diesem Zusammenhang zeugt nicht zuletzt der ungebrochen hohe Grad an ständischer Reproduktion. In den Interviews wird daher zu prüfen sein, inwieweit diese Mechanismen zu erkennen sind.

Darüber hinaus wird als zweiter übergeordneter Faktor der Einfluss der beginnenden Adoleszenz, die für die gesamte Familie eine spezifische, potenziell konflikthafte Dynamik in Gang setzt, bei der Auswertung des Vorgehens bei der Schulwahl berücksichtigt. Es ist anzunehmen, dass die Eltern, je nachdem, welche Entwicklung sich bei ihrem Kind abzeichnet und wie zufrieden oder besorgt sie darüber sind, sich verstärkt für bestimmte Kriterien interessieren werden und gegebenenfalls auch gegen den Willen ihrer Kinder handeln.

Da ich für den Prozess der Schulwahl diesen beiden Faktoren eine feste Bedeutung zumesse, werden sie in eigenen Kapiteln am Ende der Interviewauswertung besprochen. Außerdem werde ich den Leistungsbegriff als dritten übergreifenden Faktor diesen dazustellen, denn ich gehe davon aus, dass auch das Thema Schulleistungen übergreifend in jedem Interview auftauchen wird, da die Schulwahl durch die bisherigen Noten und die Empfehlung der Lehrer einen äußeren Rahmen erhält, welcher auf die Fähigkeiten des Schülers abzielt. An diesen Rahmen kann man sich halten, muss es nach Berliner Schulgesetz aber nicht zwingend.

Zur Bedeutung der Adoleszenz und zu den mit ihr zusammenhängenden Veränderungen in der Beziehung zwischen Eltern und Kind werde ich daher zunächst ein einführendes Kapitel vorweg stellen. Ebenso werde ich zur Einteilung der Menschen in soziale Gruppen wie Klassen, Schichten und Milieus zunächst einen Überblick geben und dann dasjenige Modell vorstellen, auf welches ich mich bei der Auswertung der Interviews beziehe. So dass sich die Arbeit wie folgt aufbaut:

Zunächst erfolgt eine Einführung in Begriffe und Strukturentwicklung der sozialen Lebenslagen, sowie eine Einführung in die Bedeutung des Ablösungsprozesses während der Pubertät; darauf folgt ein kurzer Methodenteil, in welchem die Vorgehensweise bei der Datenerhebung und Auswertung erläutert wird. Im sich anschließenden Hauptteil werden die vier Interviews einzeln analysiert und am Ende bezüglich der drei übergeordneten zentralen Themen „Soziales Milieu und Selbstpositionierung mittels Schulwahl“, „Bedeutung der Schulleistung“, „Bindung/Ablösung“ verglichen. Im Schlussteil werden die Ergebnisse dann zusammengefasst.

2. Soziale Selbstpositionierung

2.1 Zum Begriff der sozialen Selbstpositionierung

In der vorliegenden Arbeit interessiert unter anderem die Frage, welchem soziokulturellen Milieu die Interviewten sich selbst zugehörig fühlen (wollen). Mit anderen Worten: mit welcher Schicht identifizieren sie sich, von welcher Lebenswelt grenzen sie sich ab, in welche Richtung orientieren sie sich.

Diese Selbstpositionierung findet gerade auch über die Wahl der Schule statt. So kann man sich bei der Suche primär darauf konzentrieren, eine Schule in einem anderen Wohnumfeld oder Bezirk zu suchen, um dem momentanen sozialen Umfeld zu entkommen, bzw. sich ein konkretes neues Umfeld zu erschließen. Man kann bewusst sein Kind auf ein Gymnasium schicken, auch wenn es keine entsprechende Empfehlung hat, weil man ihm einen sozialen Aufstieg ermöglichen will. Anderen wiederum ist es am wichtigsten, die bisherigen Kontakte aus der Klasse des Kindes aufrecht zu erhalten. Dann werden sie sich vor allem daran orientieren, auf welche Schule die Klassenkameraden der Kinder gehen wollen, oder die Anmeldung in Abstimmung mit anderen Eltern vornehmen.

Da solche sozialen Orientierungen mitsamt ihren Voraussetzungen in die Schulwahl mit einfließen, gehören sie als einer der drei Hauptpunkte zum zentralen Erkenntnisinteresse dieser Arbeit. Um die Zuordnung zu bestimmten Schichten oder Milieus zu deuten und auch selbst vornehmen zu können, möchte ich zunächst eine Definition dessen vorwegnehmen, was ich unter den Begriffen Klasse, Schicht und Milieu verstehe, bzw. worauf ich mich bei der Verwendung dieser Begriffe beziehe.

2.2 Die Genese der Begriffe Klasse und Schicht in der Soziologie

Zum Beschreiben und zur Analyse sozialer Ungleichheiten wurde der Begriff der Klasse von Karl Marx bereits Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt. Er verwendet ihn noch in einem statisch-deterministischen Sinne, nach dem Prinzip „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ und stellt vor allem die Arbeiterklasse der Klasse der Besitzenden gegenüber oder anders ausgedrückt, das Arbeitspotential der Kaufkraft.

Der Begriff der Schicht wurde in den 1930-er Jahren von Theodor Geiger in der Auseinandersetzung mit Marx eingeführt:

Im Laufe des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein gesellschaftlicher Wandel, den Geiger als Einschmelzung der Klassengesellschaft bezeichnet. Die Gesellschaftsstruktur und mit ihr die sozialen Unterschiede wurden differenzierter und komplexer. Der Wechsel von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft, der sich bereits zu Marx’ Zeiten vollzog, und die Weiterentwicklung, die sich durch immer neue, spezialisiertere Technologien fortsetzte, schufen spezialisiertere Arbeitsbereiche, die unterschiedliche Qualifikationen verlangten und auch unterschiedliche Entlohnung zur Folge hatten. Dies und auch die Sozialgesetzgebung Bismarcks, welche zunehmende Sicherheiten für Arbeitnehmer schuf, führten dazu, dass die solidarisierende, einende Kraft der Arbeiterklasse abnahm. Der Wohlstand mehrte sich auch unter der Arbeiterklasse, die Grenzen zwischen den Klassen im Marxschen Sinne verloren an Schärfe. Der Erwerbstätigenanteil des alten Mittelstands, bestehend vornehmlich aus kleineren Selbständigen, schrumpfte um etwa zwei Drittel von 25,6% 1882 auf 9,6% 1994[2] und machte Erwerbstätigen aus anderen Bereichen Platz, die nun ebenfalls in den mittleren Bereich aufstiegen. Auch die Aufgaben und Funktionen des Beamtentums differenzierten sich und beschränkten sich, so Geißler, „immer weniger auf die traditionellen Sicherungs- und Ordnungsfunktionen“[3], sondern weiteten sich zunehmend auf „soziale Vor- und Fürsorgeaufgaben“[4], Bildung und Wissenschaft und öffentliche Dienstleistungen aus.

Durch diese zunehmende Vielfalt können auch innerhalb der Klassen verschiedene Schichten voneinander abgrenzt werden.

Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft hat sich kontinuierlich fortgesetzt und es überschneiden sich zunehmend verschiedene soziale Faktoren wie Einkommensgröße, Sozialstatus, Prestige der einzelnen sozialen Schichten. Die Grenzen sind vielfältiger geworden, aber auch durchlässiger, sowohl nach oben als auch nach unten.

2.3 Die Schichtstruktur der heutigen Gesellschaft

Ebenso wie es zur Entwicklung der Sozialstruktur Deutschlands kontroverse Ansichten und Theorien gibt[5], existieren auch verschiedene Modelle zur Darstellung der heutigen Sozialstruktur. Ein Grund dafür ist, dass keine Einigkeit darüber herrscht, welche Kriterien mit einbezogen werden müssen, um die Schichtzugehörigkeit zu bestimmen.

Zusätzlich zu den klassischen Faktoren Beruf/Qualifikation und Einkommen bestimmen auch andere Faktoren wie Schulbildung, Geschlecht, Alter, Familienverhältnisse, Region, Staatsangehörigkeit den sozialen Status eines jeden Einzelnen. Nicht jede Untersuchung und nicht jedes Modell bezieht die gleichen Faktoren mit ein.

Diese horizontalen Differenzierungsmerkmale (horizontal, weil sie nicht zwischen den in ihrer Wertigkeit aufsteigenden Merkmalen der beruflichen Position und des Einkommens verlaufen, sondern quer dazu) sind, wie Geißler betont, nicht etwa neu, sie hätten nur bis Mitte des 20. Jahrhunderts und zum Teil auch darüber hinaus keine weitere Beachtung in der Klassen- und Schichtanalyse gefunden. Dies ist sicherlich vor allem damit zu begründen, dass die vertikalen Differenzierungsmerkmale bis Anfang des letzten Jahrhunderts in Bezug auf die soziale Lage die entscheidenden waren.

Durch die Pluralisierung und Individualisierung von Lebenslagen und Lebensformen jedoch, wie sie unter anderem Ullrich Beck sehr ausführlich diagnostiziert[6], wird es zunehmend schwieriger für Soziologen, mit ihren Beschreibungsmodellen Schritt zu halten:

„Auf der einen Seite tritt für das Handeln der Menschen die Bindung an soziale Klassen eigentümlich in den Hintergrund. Ständisch geprägte Sozialmilieus und klassenkulturelle Lebensformen verblassen. Es entstehen der Tendenz nach individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu zwingen, sich selbst [...] zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu machen.“[7]

Ob soziale Ungleichheit bereits klassenlos sei, wie Beck weiter ausführt, und „in der Konsequenz Systemprobleme in persönliches Versagen abgewandelt“[8] werden, möchte ich jedoch als grundsätzlich Geltendes noch bezweifeln.

So bestätigt auch Geißler, dass reichlich empirische Untersuchungen belegen, „dass schichttypische Soziallagen, Subkulturen und Lebenschancen [...] fortbestehen [ und ] die traditionelle vertikale Hierarchie, die mit den Zuweisungskriterien Beruf und Bildung verknüpft ist, in der komplexen Struktur der sozialen Ungleichheit weiterhin dominiert.“[9] Die Individualisierung der Lebenslagen und -formen ist daher nicht zu verstehen als eine von traditionellen Klassen- und Schichtdeterminanten losgelöste Neugestaltung der eigenen Soziallage, es bilden sich vielmehr neue soziale Milieus aufgrund der Kombination von vielfältigeren Faktoren.

Der Ansatz der „Sozialen Milieus“ wurde seit 1979 von Ueltzhöffer/Flaig[10] als lebensweltlich orientiertes System für die anwendungsbezogene Markt- und Sozialforschung konzipiert und soll das zugrunde liegende Modell sein, an dem sich diese Arbeit bei der Beschreibung der Interviewten und deren Einordnung in soziale Milieus orientiert. Denn es entspricht durch seine spezifische Art der Herangehensweise, die vor allem die Eigenwahrnehmung und -positionierung berücksichtigt, genau ihrem programmatischen Vorhaben. Der Ausgangspunkt dieses Modells ist das subjektive Bewusstsein und die Lebensweise der Menschen und nicht, wie sonst üblich, deren objektive Soziallage. Die soziokulturelle Identität des Einzelnen, welche sich aus Faktoren wie Wertorientierungen, Lebensstil, Freizeit- und Konsumverhalten, Einstellung zu Arbeit, Familie und Partnerschaft und politischen Grundüberzeugungen konstituiert, bildet hier ein bestimmtes soziales Milieu. Sie entsteht natürlich nicht losgelöst von den objektiven sozialen Merkmalen wie Berufsstatus, Einkommen, Bildung, Alter, etc., vielmehr werden individuelle Lebensentwürfe vor dem Hintergrund dieser Faktoren wie auch des eigenen Herkunftsmilieus gebildet. Es wird aber mit diesem Modell dem Umstand Rechnung getragen, dass „gleiche sozioökonomische Lebensbedingungen [...] im Alltag offensichtlich ungleiche Stilwelten“ produzieren und dass oftmals „die Unterschiedlichkeit von Lebensstilen [...] für die Alltagswirklichkeit von Menschen – und somit für die Prozesse subjektiver Sinnkonstitution – vielfach bedeutsamer [ist] als die Unterschiedlichkeit sozioökonomischer Lebensbedingungen“[11].

Die so entstandenen sozialen Milieus (zunächst waren es neun, in der aktuellsten, hier verwendeten Studie, die im Auftrag des Baden-Württembergischen Sozialministeriums vom SIGMA-Institut[12] für eine empirische Untersuchung zur lebensweltlichen Struktur des Freiwilligenwesens in Deutschland zugrunde gelegt wurde, sind es zehn) sind in einer veranschaulichenden Abbildung in einem zweidimensionalen Raum angesiedelt, dessen vertikale Achse die soziale Lage und dessen horizontale Achse die subjektiven Wertorientierungen darstellt[13]. Die Soziallage (Schichtzugehörigkeit) ist nach der gängigen Praxis in der Sozialstrukturanalyse in Unterschicht, Untere Mittelschicht, Mittlere Mittelschicht, Obere Mittelschicht, Oberschicht aufgeteilt und die Wertorientierung wird nach traditionell-materiellen und postmateriellen Grundorientierungen differenziert.

Im Folgenden seien die zehn verschiedenen sozialen Milieus in komprimierter Form dargestellt, übernommen aus dem Bericht des SIGMA:

1. Etabliertes Milieu

Ein „eher konservativ orientiertes Elitemilieu mit traditioneller Lebensführung [...]. Die meisten Angehörigen des Etablierten Milieus verfügen über eine überdurchschnittlich hohe Formalbildung. Es finden sich dort viele leitende Angestellte und höhere Beamte sowie selbständige Unternehmer und Freiberufler. Im Vordergrund der Wertorientierungen stehen traditionelle gesellschaftliche Werte und eine meritokratische Lebensphilosophie: beruflicher und materieller Erfolg durch Leistung, Zielstrebigkeit und – wo nötig – Härte. Ein ausgeprägtes Leistungsträgerbewusstsein prägt die subjektiv wahrgenommene Stellung im gesellschaftlichen Gefüge des Landes. Wichtig sind ein distinguierter Lebensstil, gute Umgangsformen, Understatement und Diskretion. Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben, aktives Engagement in Vereinigungen und Verbänden gilt vielen Milieuangehörigen als ethische und soziale Verpflichtung.“[14]

2. Traditionelles bürgerliches Milieu

„Niedrige bis mittlere Formalbildung und klassische Ausbildungsberufe (Facharbeiter, kleine und mittlere Angestellte und Beamte, Landwirte) [...]. Der gerade in diesem Milieu lange akzeptierten Rollenteilung zwischen Mann und Frau folgend, haben die Frauen des Milieus ihren Beruf häufig schon recht früh zugunsten von Haus und Familie aufgegeben. Geregelte familiäre und finanzielle Verhältnisse, die traditionellen (deutschen) Tugenden, Pflichterfüllung, Verlässlichkeit, Ordnung und Anstand, bleibende Werte schaffen, materielle Sicherheit, kurz: ein geordneter, bürgerlicher Lebensrahmen, den es zu bewahren gilt, stehen im Mittelpunkt der Wertorientierungen. Das Sicherheitsbedürfnis in allen Lebenslagen ist im Traditionellen bürgerlichen Milieu besonders stark ausgeprägt. Wie auch im Traditionellen Arbeitermilieu haben zudem viele Angehörige dieses Milieus den Eindruck, trotz ernsthafter Bemühungen mit der schönen, neuen Welt des Internet-Zeitalters nicht mehr mitzukommen. Auf entsprechende Überforderungen im Alltag [...] reagieren viele mit (wachsendem) Unwillen oder Resignation: Ändern kann man ja doch nichts.“[15]

3. Traditionelles Arbeitermilieu

Steht in enger Verwandtschaftsbeziehung zum Traditionellen bürgerlichen Milieu. „Typisch für dieses Milieu ist Volks- bzw. Hauptschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung, bzw. Hausfrauentätigkeit. Hier ist der Facharbeiteranteil auch am höchsten im Milieuvergleich. Ein befriedigender Lebensstandard, ein gutes Auskommen, soziale und materielle Absicherung [...] stehen ebenso im Mittelpunkt der Wertorientierungen und Lebensziele wie die ,klassischen’ Solidarwerte der gewerkschaftlich geprägten Arbeiterkultur des Industriezeitalters, Solidarität, soziale Integration, anerkannt sein bei Freunden, Kollegen und Nachbarn. [...] Gegenseitige Hilfe im sozialen wie auch im örtlichen Nahbereich sind [...] von hoher Bedeutung, ebenso das traditionelle Vereinsleben.“[16]

4. Traditionsloses Arbeitermilieu

„Man kann es als das Milieu der wirtschaftlich und sozial Randständigen mit vergleichsweise geringen Chancen am Arbeitsmarkt nachindustrieller Gesellschaften bezeichnen. [...] Die Formalbildung ist zumeist gering, der Arbeitslosenanteil dagegen überdurchschnittlich hoch. Geld und Konsum spielen in diesem Milieu naturgemäß eine entscheidende Rolle. Entsprechend stark ausgeprägt ist die konsum-materialistische und konsum-hedonistische Grundorientierung, die im Alltag für nicht unbeträchtliche Frustrationspotentiale sorgt. Die wenig begünstigte objektive soziale und wirtschaftliche Lage verbindet sich bei nicht wenigen mit dem subjektiven Bewusstsein gesellschaftlicher und kultureller Marginalisierung.“[17]

5. Aufstiegsorientiertes Milieu

„Es umfasst jene, die die wirtschaftliche Dynamik des Landes unter allen Umständen für den persönlichen finanziellen und sozialen Aufstieg nutzen wollten. Das Erreichen des Lebensstandards ,gehobener Schichten’ gilt den meisten Milieuangehörigen auch heute noch als Maßstab des persönlichen Erfolges. Andere Lebensansprüche treten zumeist hinter dieses primäre Ziel zurück. Prestige, Luxuskonsum und die Zugehörigkeit zur Welt der ,Reichen und Schönen’ stellen zentrale Werte dar [...], niedrige und mittlere Bildungsabschlüsse überwiegen. Während man den arrivierten Teil des Milieus, also jene, die es ,geschafft’ haben, in hohen und höchsten Einkommensklassen findet, haben die Angehörigen im unteren Drittel des Milieus [...] ihre milieutypischen Aufstiegs- und Erfolgserwartungen den neuen (widrigen) Verhältnissen anpassen müssen.“[18]

6. Modernes Arbeitnehmermilieu

„Zusammen mit dem Modernen bürgerlichen Milieu bildet das Moderne Arbeitnehmermilieu die Moderne Mitte des Landes. Beide Milieus zusammen repräsentieren seinen neuen sozialen Schwerpunkt. [Da es eines der jüngsten Milieus ist,] ist der Anteil Lediger, Auszubildender, Schüler und Studenten [entsprechend hoch]. In beiden Milieus ist der Anteil Berufstätiger bei beiden Geschlechtern jedoch [ebenfalls] ausgesprochen hoch. ,Moderne Arbeitnehmer’ verfügen in der Regel über mittlere bis höhere Formalbildung und sind häufig in High-Tech-Branchen oder in modernen Dienstleistungs- und Sozialberufen tätig. Vorrangiges Lebensziel ist für fast alle Milieuangehörigen ein selbstbestimmtes, möglichst angenehmes und harmonisches Leben, Selbstverwirklichung ohne materiellen Verzicht. Dazu gehört eine Arbeit, die Spaß macht, die sinnvoll ist und angemessen bezahlt wird, damit man sich leisten kann, was einem gefällt, genügend Freizeit, um Spaß zu haben [...], aber auch um sich zurückzuziehen und erholen zu können. Man ist dabei ausgesprochen gemeinschaftsorientiert, der Freundeskreis als ,virtuelles Dorf’, das emotionale Sicherheit, menschliche Nähe, Geborgenheit und natürlich Unterhaltung bietet. Charakteristisch für die vorherrschende Lebensstrategie ist, dass Beruf, Partnerschaft, Freizeit und Gemeinschaftsleben gleichrangige Ziele sind. Hinzu kommt eine grundsätzliche Offenheit anderen Lebensweisen und Erfahrungen gegenüber: man möchte neues ausprobieren, den eigenen Horizont erweitern, viele verschieden Dinge nebeneinander tun – jedenfalls ,nicht stehen bleiben’.“[19]

7. Modernes bürgerliches Milieu

Man kann es „als moderne Metamorphose des eher konservativen Traditionellen bürgerlichen Milieus verstehen. ... Mehrpersonenhaushalte sind überrepräsentiert, häufig mit Kleinkindern oder Kindern im schulpflichtigen Alter. Das Moderne bürgerliche Milieu ist eine ausgesprochen harmonieorientierte Lebenswelt. Innerlichkeitswerte und soziale Beziehungen haben einen hohen Stellenwert. Man strebt ein harmonisches, angenehmes, behütetes Leben an, ohne Risiken und Extreme. Die innere Zufriedenheit – und nicht so sehr der äußere materielle Erfolg – gelten als Maßstab des Erreichten [...]. Das auch für dieses Milieu nicht untypische Sicherheitsdenken umfasst daher materielles wie auch sozial [ sic! ] und emotionales Wohlergehen. Kinder gelten als sinnstiftender Lebensinhalt, die Familie als Glücksgemeinschaft von (nicht unbedingt verheirateten) Erwachsenen und Kindern.“[20]

8. Intellektuelles Milieu

Hier finden sich „überdurchschnittlich viele Menschen mit hoher bis höchster Formalbildung. Soziokulturell vielfach geprägt von Alt- und Nach-68-ern, werden hier häufig „grüne“ im engeren Sinne postmaterialistische Überzeugungen und Lebensphilosophien, „alte“ Solidar- und „neue“ Gemeinschaftswerte gepflegt, wenn nicht länger in Form der großen (linken) Narrative, so doch als Versuch, deren Menschenbild im postmodernen Mikrokosmos von neuen sozialen Bewegungen und Projekten weiter zu tragen. Persönliche Selbstentfaltung und sinnstiftende Identität in Beruf und Freizeit bilden wichtige Lebensziele, ebenso: verantwortungsbewusster Umgang mit sich und der Welt, soziale Gerechtigkeit, ökologische und politische Korrektheit. Als selbstverständlicher Anspruch an sich selbst und an andere gelten darüber hinaus Weltoffenheit wie auch die Toleranz unterschiedlicher Bedürfnisse, Überzeugungen und Lebensweisen.“[21]

9. Hedonistisches Milieu

Es ist zwar „ein jugendkulturelles Milieu“, das heißt aber nicht, „dass es nicht auch Milieuangehörige gäbe, die diese Altergrenze bereits weit überschritten haben, sich aber (immer noch) mit den unkonventionellen Lebensformen, die das Milieu prägen, identifizieren. Eskapismus und Stilprotest gelten als Wege zur Identität. Einfache und mittlere Bildungsabschlüsse sind überrepräsentiert, zudem findet sich ein vergleichsweise hoher Anteil von Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Darüber hinaus zahlreiche Auszubildende und überdurchschnittlich viele junge Arbeitslose. Freiheit, Ungebundenheit und Spontaneität (sich von niemandem etwas vorschreiben lassen) sind zentrale Werte. Man möchte das Leben genießen, intensiv leben, nach Möglichkeit aus den Zwängen des Alltags ausbrechen. Die ständige Suche nach Kommunikation, Abwechslung und Unterhaltung [...] prägt die Freizeitansprüche. Normen, Konventionen und Verhaltenserwartungen der Gesellschaft [...] werden – teilweise aggressiv – zurückgewiesen. Vielfach pflegt man demonstrative Unangepasstheit, im Outfit, im Verhalten, in der Sprache usw. Die alternative, teilweise postmaterialistische gefärbte Lebensphilosophie der „frühen Jahre“ des Milieus ist heute aber einer recht unverkrampften Konsumbegeisterung gewichen, der man im Alltag – aus Sicht vieler Milieuangehöriger – mangels entsprechender finanzieller Mittel allerdings nur ungenügend frönen kann.“[22]

10. Postmodernes Milieu

„Das Postmoderne ist ein junges, formal zumeist hoch gebildetes Avantgarde-Milieu mit Schwerpunkt in den großen Metropolen. ... Entsprechend hoch ist der Anteil an Single-Haushalten. Mit avantgardistischem Selbstbewusstsein scheinen die Angehörigen dieses Milieus in der Tat von den großen Sinnentwürfen der Moderne Abschiede genommen zu haben, um ihre gesamte physische und soziale Umwelt aus der Sicht der Bedürfnisse des Selbst zu interpretieren: der einzelne als „Ingenieur“ seines eigenen Universums, die Außenwelt (Kunst, Konsum, Philosophie, aber auch Religionen und gar Mitmenschen) als Baukasten. Multiple Identitäten gehören dabei ebenso zum Konstruktionsschema wie die beständige Wandelbarkeit und Reversibilität der meisten seiner Einzelelemente. Widersprüche in den eigenen Lebensentwürfen werden toleriert, ja lebensphilosophisch und alltagsästhetisch gepflegt. Man liebt es, mit unterschiedlichen Lebensstilen zu experimentieren, in verschiedenartigen Szenen, Welten und Kulturen zu leben. Etwas überspitzt formuliert könnte man behaupten, dass Angehörige des Postmodernen Milieus nichts und niemanden so richtig ernst nehmen. Das Leben als Realsatire gilt manchen als die höchste Lebenskunst.“[23]

Im Hauptteil werden die Interviewten auf der Grundlage dieser Unterscheidung sozialen Milieus zugeordnet, wobei nicht vergessen werden sollte, dass solche Milieus idealtypisch zu verstehen sind und reale Personen mit ihrem Lebensstil und ihren Orientierungen sich diesen nicht immer in allen Aspekten eindeutig zuordnen lassen.

3.Familie als dialektischer Prozess von Bindung und Ablösung

Der zweite wichtige Punkt, auf den in dieser Arbeit im Zusammenhang mit den Beobachtungen zum Schulwahlverhalten eingegangen werden soll, ist die besondere Entwicklungsphase, in der die Kinder sich am Übergang zur Oberschule befinden. Denn in doppelter Hinsicht nehmen sie nun Abschied von der Kindheit: einmal durch das Ende der Grundschulzeit und dann auch entwicklungsbedingt durch den Eintritt in die Pubertät.

Der damit beginnende, die ganze Familie erfassende Prozess wirkt praktisch im Hintergrund, ebenso wie das soziale Milieu, auf das Verhältnis zur Schule ein. So dass beispielsweise mittels hoher Leistungserwartungen Druck auf das Kind ausgeübt wird oder eine ganz neue Schule in einem fremden Bezirk Hoffnungsträger für ein neues, den elterlichen Vorstellungen entsprechenderes Umfeld wird. Bevor aber genauer über solche Zusammenhänge gesprochen werden kann, möchte ich zunächst die Adoleszenzzeit und ihre spezifische Bedeutung für das Konstrukt Familie genauer beleuchten.

Als erster schrieb Sigmund Freud über die Phase der Adoleszenz. Er betrachtete sie aus seiner psychoanalytischen Perspektive als ein „Wiederaufleben der ödipalen Triebkonflikte aus der frühkindlichen Entwicklungsphase“, so Fend.[24] Ausführlich mit dieser Entwicklungsphase beschäftigt hat sich dann seine Tochter Anna Freud. Wie Fend schreibt, bestehe die Aufgabe des Jugendlichen nach ihr darin, die ödipalen Phantasien zu überwinden und die libidinöse Bindung zu den Eltern zu lösen und auf außerfamiliäre Objekte zu richten. Die Ablösung von den Eltern hat also zum Ziel die Verselbständigung des Jugendlichen, um nicht zuletzt neue affektive Bindungen zu ermöglichen. Fend schreibt dazu weiter, der Jugendliche müsse lernen, andere außer den Eltern zu lieben und dabei auch Enttäuschungen zu verkraften und die Eltern wiederum müssten den Liebesentzug ihres Kindes verkraften. Daraus ergäben sich innerhalb der Familie Beziehungsveränderungen, wie auch für den Adoleszenten eine Reorganisation der eigenen Persönlichkeit[25] (wobei angemerkt sei, dass „Reorganisation“ hier m. E. zu kurz greift, da die Persönlichkeitsentwicklung einen gewaltigen Schub erfährt, der nicht zuletzt auch durch neu wahrgenommene und aufgenommene äußere Quellen entsteht, so dass die Persönlichkeit nicht lediglich umstrukturiert, sondern auch komplexer wird). Die auftretenden Konflikte bestehen vor allem in der damit verbundenen Verlustangst. Daher ist diese Lebensphase von vielen Ängsten, Ausbrüchen und Problemen geprägt. Denn der Verlust dieser bis dahin so entscheidenden Konstante im Leben des Kindes, der Elternbindung, schwächt zunächst auch die Ich-Kontrolle. Weshalb, so Fend, gerade Jugendliche anfällig für deviantes und risikoreiches Verhalten seien[26], wie auch ebenso empfänglich für neue Orientierung gebende „Führer“ oder Ideen, was wiederum Schäfers stärker herausstellt.[27] Zu enge Bindungen (vor allem an die Mutter) können jedoch ebenso schädlich sein wie ein fehlendes Mutterbild, da sie den Jugendlichen daran hindern können, eine selbständige, unabhängige Persönlichkeit aufzubauen und neue Bindungen zu anderen Menschen einzugehen.

Als weiterer Vertreter der Psychoanalyse setzte sich Erikson mit den Krisen der Adoleszenz auseinander. Er beobachtete vor allem klinische Fälle und stellte die auftretenden Symptome in einen Zusammenhang mit bestimmten Störungen in der frühkindlichen Entwicklung. Sein besonderes Verdienst gilt jedoch dem von ihm verfolgten transdisziplinären Ansatz, die psychologischen und soziologischen Beobachtungen und Theorien zusammenzuführen. Denn nicht allein die Ich-Entwicklung auf der Basis der frühkindlichen Erfahrungen und der Beziehung zu Vater und Mutter ist seiner Ansicht nach entscheidend für die Suche und Herausbildung einer eigenen Identität, sondern dies seien ebenso die gesellschaftlichen Normen und Werte und die geschichtliche Vergangenheit der jeweiligen Gesellschaft, in welcher der Jugendliche aufwächst, sowie das soziale Milieu, welchem er angehört.

In dieser Linie sind nun die Forschungen von Fend selber zu sehen, vor allem seine aktuell umfassendste Untersuchung zur Entwicklung im Jugendalter. Sie wurde im Zeitraum von 1979 bis 1983 durchgeführt, erstreckt sich auf den Zeitraum von der 6. bis zur 10. Klasse und umfasste jährlich um die 2000 Kinder aus zwei voll erfassten ländlichen Regionen[28]. Und hier ist der Bogen zum Interesse der vorliegenden Arbeit und der folgenden Fragestellung hergestellt: Inwiefern zeigen sich durch den Ablösungsprozess bedingte Konflikte in den Interviews bzw. inwiefern spiegelt sich die Bindungs-/Ablösungsthematik im Thema Schulwahl wieder? Die für diese Perspektive relevanten Ergebnisse aus Fends Untersuchung sollen daher kurz zusammengetragen werden:

Zunächst ist festzuhalten, dass die Eltern weniger als ihre Kinder dazu neigen, Dissens wahrzunehmen. Das bedeutet für uns, auch wenn die Eltern meinen, über keine Probleme klagen zu können, heißt das noch nicht, dass die Kinder ein ebenso harmonisches Bild von ihrer Beziehung zu den Eltern zeichnen würden. Diese Beobachtung ist nicht weiter erstaunlich, da ja gerade die Kinder sich in einer Lebensphase befinden, in der sie sich selbst definieren wollen und nach neuen Orientierungen suchen. Das geschieht natürlich in Abgrenzung zu den oder in kritischer Hinterfragung der Eltern, wohingegen diese dazu neigen werden, die Veränderung und die Distanz ihrer Kinder weniger wahrzunehmen oder wahrnehmen zu wollen, weil es ihnen schwer fällt, sie gehen zu lassen. In der vorliegenden Arbeit geht es zwar ausschließlich um die Wahrnehmung der Eltern, aber dieser häufige Unterschied zur Wahrnehmung ihrer Kinder sollte daher gerade im Kopf behalten werden.

Und nun zu den Auswirkungen des Familienverhältnisses auf die Schulleistungen: Fend teilte die Familien in vier verschiedene Typen, die „harmonische Familie“ (hohe Beziehungsqualität, geringer Dissens), die „kämpfende Familie“ (hohe Beziehungsqualität, hoher Dissens), die „streitende Familie“ (geringe Beziehungsqualität, hoher Dissens) und die „gleichgültige Familie“ (geringe Beziehungsqualität, geringer Dissens). Bei den Kindern aus „harmonischen Familien“ war der Leistungsstand am höchsten und in der eben aufgeführten Reihenfolge nahm er ab, bis zu den Kindern aus „gleichgültigen Familien“, bei denen er am niedrigsten war. Was ist daraus zu schließen? Offenbar wirken sich Diskussionen und Auseinandersetzungen positiv auf die schulische Entwicklung aus, so dass bei problematischen Familien, deren Beziehungsqualität niedrig ist, die Kinder bessere Leistungen zeigen, in dessen Familien zumindest auch gestritten wird, wohingegen jene Kinder noch schlechtere Noten haben, in deren Familien nicht einmal mehr diskutiert wird.

Leistungsabfälle wirkten sich bei Jungen tendenziell negativ auf das Verhältnis zu den Eltern aus (sie sind auch die größte Sorge bei Eltern von Jungen), bei Mädchen sorgten sich die Eltern darum weniger, dafür wirkte sich vor allem eine gute soziale Einbettung in Freundschaften positiv aus.

Auch andere Unterschiede in der Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung bei Jungen und Mädchen stellte Fend bei seinen Untersuchungen fest. Bei 13-jährigen waren es zunächst zwei, bei 15-jährigen schon sechs verschiedene Bereiche (die hier nicht aufgeführt werden, da das interessierende Alter in den Interviews 11 bis 13 war): Unter den 13-jährigen thematisierten Mädchen stärker gegengeschlechtliche Freundschaften, bei Jungen gab es stärkere Konflikte zum Thema Taschengeld; die generelle Konfliktstruktur bei Mädchen fasst Fend zusammen als „Kämpfe um außerhäusliche Risiken“[29].

Im vergleichenden Teil sollen die in den Interviews erkennbaren Tendenzen im Eltern-Kind-Verhältnis und der jeweilige Umgang damit in einem eigenen Kapitel zusammengefasst werden. Darüber hinaus soll geprüft werden, ob in Bezug auf die bei Fend vorgetragenen Ergebnisse auch aus den Interviews Zusammenhänge erkennbar sind.

4. Methode

Bei der Durchführung der Interviews wollte ich den Befragten möglichst viel Raum geben, von sich aus zu erzählen, und möglichst ohne vorgefertigte Fragen auskommen. Denn gerade durch das „Frei-erzählen-lassen“ wird die individuelle Auswahl dessen, was für die jeweilige Person von Bedeutung ist, gut sichtbar. So lässt sich beispielsweise eine stark untergeordnete Rolle der Leistungsbewertung schon daran erkennen, dass die Interviewte erst nach einer halben Stunde und nachdem sie bereits über viele andere Kriterien gesprochen hat, auf die Schulleistungen ihres Kindes zu sprechen kommt. Es zeigt sich außerdem auch die Kompetenz im Umgang und die Intensität der Beschäftigung mit der Schulwahl an der Ausführlichkeit der Erzählung und den von selbst angesprochenen Themen. Ebenso sind auf diese Art Rückschlüsse auf den sozialen Status und die eigene soziale Positionierung möglich.

Lediglich für den Einstieg habe ich eine Eingangsfrage bereitgehalten, die sich auch schon bei den Befragungen während eines vorangegangenen Forschungsseminars bewährt hatte.

Im Verlauf des Interviews habe ich mich an einem Leitfaden mit den folgenden Punkten orientiert, zu denen von den Eltern direkt oder indirekt Aussagen gemacht werden sollten:

1. soziale Schichtzugehörigkeit
2. soziale Selbstpositionierung/Statusorientierung
3. bisherige Grundschulerfahrungen
4. welche Oberschulempfehlung hat das Kind bekommen
5. welcher Schultyp wurde gewählt
6. Vorgehen bei der Schulwahl – welche Informationsquellen werden erwähnt (Norm) und welche werden tatsächlich genutzt
7. Kriterien für die Entscheidung/Mitspracherecht des Kindes
8. Verhältnis zur Schule – Hilfe bei Hausaufgaben, Elternengagement in der Schule, Vertrauen in die Lehrer, Verhältnis zu den Lehrern, welche Erwartungen haben sie an die Schule
9. eigene Schulerfahrungen
10. Zukunftserwartungen für das Kind

4.1 Datenerhebung (Interviews)

Für das Anliegen der Arbeit erschien eine qualitative Untersuchung fraglos als angemessene Vorgehensweise. Ich wollte Interviews mit verschieden Eltern durchführen und dabei auf eine möglichst ausgewogene Zusammenstellung von zukünftigen Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialkindern achten, entsprechend der tatsächlichen Aufteilung in ungefähr jeweils ein Drittel pro Schultyp.

Den Zugang verschaffte ich mir auf zweierlei Weise. Zum einen wollte ich strategisch und ökonomisch vorgehen und wandte mich daher an Grundschulen aus dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Dieser Bezirk wurde bereits im vorangegangenen Forschungsseminar „Schulwahl und soziale Segregation“ hinsichtlich der Schullandschaft und der Zusammensetzung der Sozialstruktur recht gut erfasst, auch wurden schon Interviews mit Eltern sowie mit Lehrern durchgeführt, so dass ich darauf Bezug nehmend an die Direktoren der Grundschulen, zu denen wir bereits Kontakt geknüpft hatten, herantreten konnte. Ich wollte in allen sechsten Klassen ein Schreiben an die Eltern mitgeben lassen, auf dem ich meine Arbeit kurz vorstelle und um Interessenten werbe.

Die Zeit der Kontaktaufnahme fiel jedoch in die letzten Schultage vor den großen Ferien, so dass die Resonanz erwartungsgemäß schwach war. An zwei Schulen erhielt ich eine bzw. zwei Rückmeldungen, ansonsten gar keine. Auch lehnten viele Schulen von vornherein eine Mithilfe mit der Begründung ab, so kurz vor den Sommerferien sei keine Zeit mehr für solche Anliegen, sowohl für sie als auch für die Eltern. So ging ich zusätzlich Vorgehensweise Bourdieus über, den Zugang zum soziologischen Forschungsfeld über Freunde, Bekannte und wiederum deren Bekannte zu finden und konnte dadurch zwei weitere Interviews in Zehlendorf durchführen. Außerdem wollte ich Interviews verwenden, die schon während des Forschungsprojekts entstanden waren.

Wie eingangs erläutert, hat das Interesse der Arbeit einen schichtsoziologischen Aspekt, da Unterschiede im Schulwahlverhalten im Zusammenhang mit der Milieuzugehörigkeit untersuchen werden sollten. Diesbezüglich muss nun jedoch aufgrund der Auswahl der Interviewpartner eine Einschränkung gemacht werden, da sich unter den Eltern zukünftiger Hauptschüler niemand bereit fand und ebenfalls auch keine Familien aus unteren sozialen Schichten zu Interviews bereit waren. So muss (wie in den meisten Fällen von Untersuchungen dieser Art, in denen Eltern zum Thema Schule zu Wort kommen) diese Klientel von den Beobachtungen und Aussagen, die im Folgenden gemacht werden, unberücksichtigt bleiben.

Es kann vermutet werden, dass gerade das spezifische soziale Umfeld ein Desinteresse oder zuweilen auch misstrauische Abneigung gegen solche womöglich als Einmischung oder Aushorchen empfundene Befragungen impliziert, da die Distanz zwischen dem eigenen Lebensraum und dem Universitätsbetrieb zu groß ist, als dass eine realistische Vorstellung davon bestehen könnte, inwieweit studentische Abschlussarbeiten funktionalisiert werden oder einen bestimmten „Zweck“ erfüllen sollen, der darin besteht, im Ergebnis Lösungen/Verbesserungen für die eigene Situation bereit zu halten.

So wurden nur Interviews mit Eltern zusammengetragen, deren Kinder entweder auf ein Gymnasium oder eine Realschule gehen werden. Der Sozialstatus der Eltern reicht von der Unteren bis zur Oberen Mittelschicht. In der Regel waren die Mütter die Interviewpartner, nur in einem Interview waren beide Elternteile anwesend und in einem erwarteten mich Mutter und Tochter gemeinsam.

Die Interviews dauerten zwischen zwanzig Minuten und knapp anderthalb Stunden und wurden alle bei den Familien zu Hause durchgeführt.

4.2 Auswertung

Die auf Tonband aufgenommenen Interviews wurden transkribiert und als einzelne Fälle vorerst jedes für sich interpretiert. Das heißt, es wurde explizit auf die Spezifik des sich darstellenden Falles eingegangen mit dem Anspruch, ihn inhaltlich in bezug auf die ausgehenden Fragen, aber auch mit größter Erwartungsoffenheit hinsichtlich der individuellen Thematisierungen und Darstellungen zutreffend zu deuten. Während eines zweiten Interpretationsdurchlaufs wurden die Interviews hinsichtlich der drei zentralen Dimensionen durchleuchtet, zu denen verlässlich in jedem Interview Aussagen, Einstellungen und Deutungen zu finden waren, da sie mit der Wahl der Oberschule verknüpft sind. Diese zentralen Bezugspunkte bei der vergleichenden Analyse waren, wie schon in der Einleitung erläutert:

- das soziale Milieu und die Selbstpositionierung mittels Schulwahl
- die Bedeutung der Schulleistung
- die Bindungs- /Ablösungsthematik innerhalb der Familie

Die Technik, mit der bei der Interpretation vorgegangen wurde, hatte sich im Laufe des dreisemestrigen Forschungsseminars „Schulwahlverhalten und soziale Segregation“ herausgebildet. Sie kann als ein analytisches Interpretationsverfahren eingestuft werden. Das bedeutet, dass die Interviews Satz für Satz sehr genau durchgegangen und dahingehend interpretiert werden, welche Bedeutung den Aussagen zugrunde liegt. Also beispielsweise: Wovon grenzt sich die Befragte mit einer positiven Aussage negativ ab? Aus welchem Kontext heraus sind bestimmte Erwartungen zu verstehen? Was sagen bestimmte Strategien bei der Wahl der Schule über das familiale Innenverhältnis aus?

Voraussetzung ist bei dieser Art der Textanalyse also die Einbeziehung der „subjektiven Sichtweisen, Deutungsmuster und Denkschemata der Erforschten als Bestandteil ihrer Lebenswelt“[30], wie Kromrey für interpretative Verfahren generell innerhalb der Sozialforschung treffend festhält.

Jedes Interview steht für sich selbst und wurde auf seine spezifischen Inhalte hin interpretiert. In diesem Sinne sind auch die Ergebnisse nicht als deduktive Aussagen zu verstehen. Vielmehr handelt es sich in der vorliegenden Arbeit um Fallstudien, die einige Möglichkeiten des Umgangs mit Schule und der Wahl der Oberschule darbieten, in denen zum Teil auch bereits gewisse Grundmuster zu erkennen sind, welche eine allgemeine Tendenz bestätigen, die aber trotzdem in ihrer komplexen Gesamtstruktur keine verallgemeinerbaren Aussagen zulassen.

5. Interviewauswertung

5.1 Interview mit Frau und Herrn L.

„wie manche Eltern da [...] nach Höherem streben ...“

5.1.1 Allgemeiner Eindruck von Frau und Herrn L.

Zu meiner Überraschung wurde ich nicht von Frau L. allein, sondern zusammen mit ihrem Mann empfangen. Sie hatten sich merklich auf das Treffen vorbereitet, die Essecke für das Interview frei geräumt und wirkten anfangs leicht nervös. Wir benötigten eine kurze Aufwärm- und Entspannungsphase, bis wir mit dem Interview beginnen konnten.

Frau L. ist allgemein auf eine positive, unproblematische Darstellung bedacht. Ihre Antworten sind meist recht kurz und oft nicht sehr aussagekräftig, sondern bleiben eher im Vagen, auf Allgemeinplätzen. So antwortet sie zum Beispiel auf die Frage nach den bisherigen Erfahrungen mit der Grundschule: „Ja, was ham wa für Erfahrungen gemacht. Eigentlich gute.“ (Z. 3). Oder auf mein Nachfragen, was bei der Auswahl der Schule außer dem bereits genannten eine Rolle gespielt hat, sagt sie: „Die Hugo wollten wa irgendwie nich’ mehr.“ (Z. 99)

Zwischen solchen kurzen, unkonkreten Aussagen tauchen aber auch aussagekräftige Passagen auf, aus denen zum Beispiel die Sorge herauszulesen ist, ob die Entscheidungen, die sie als Eltern fällen, auch die richtigen für ihre Söhne sind. Dies wird vor allem in einer Anekdote deutlich, in der sie erzählt, wie der ältere Sohn sich eines Tages bei seinen Eltern dafür bedankt, dass sie ihn auf die Realschule geschickt haben. Das hat sie sehr gerührt („’S fanden wa ganz niedlich, ja.“, Z. 53 ff.). Solche Bestätigungen braucht sie, um das eigene Tun zu rechtfertigen. So bemerkt sie auch an späterer Stelle noch einmal, dass es eine „ganz gute Schule“ für ihn gewesen sei, da er es geschafft hat, sich dort zu behaupten. Es bestärkt sie sichtlich in dieser Entscheidung, dass sie auch im Interview noch einmal davon erzählen kann.

Bei der Auswahl der Aspekte, die für sie von Bedeutung sind, kommt die Harmoniebedürftigkeit, die mütterliche Rolle, die sie beispielhaft repräsentiert, deutlich zum Ausdruck. Sie begründet zum Beispiel die Entscheidung, den jüngeren Sohn trotz anfänglicher Hoffnung, er würde vielleicht auf ein Gymnasium gehen können, auch auf eine Realschule zu schicken, im nachhinein unter anderem damit, dass es auf diese Art wenigstens keine Konkurrenz zwischen den Brüdern gibt. An anderer Stelle bezeichnet sie die beiden als unzertrennlich.

Von beiden Elternteilen ist sie die weniger leistungsorientierte, die in erster Linie darauf bedacht ist, zu ihren Kindern zu stehen, auch wenn sie nicht die besten Zensuren nach Hause bringen („Dass er glatt durch-, meine, wenn er ’ne Ehr’nrunde macht, reißen wa ihm o’ nich’, äh, den Kopf ab, ja ...“, Z. 362 ff.). Sie wirbt um Verständnis, hält Erklärungen bereit („Bei Kevin muss man eben halt noch ’n bisschen am Ball bleiben, der is’ etwas phlegmatischer.“ Z. 359 ff.). Auch zu den anfänglichen Problemen des Älteren äußert sie sich ähnlich (s. S. 2; S. 12). Die Differenz, die bezüglich der Leistungsorientierung zwischen Herrn und Frau L. auffiel, kann als eine rollentypische Verteilung gedeutet werden. Frau L. repräsentiert das Mütterliche, ist auf Harmonie und Einigkeit bedacht und ihre Aufmerksamkeit gilt mehr dem diffus-privaten, emotional-familiären Bereich. So ist ihr ein gleichermaßen verteiltes Mittelmaß lieber als die „Gefahr“, ein Sohn könnte einen besseren Bildungsabschluss als der andere erlangen und so Eifersucht und Missgunst heraufbeschwören.

Im Laufe des Interviews unternimmt sie mehrmals Versuche, ein Thema noch zu vertiefen, mehr dazu zu erzählen, und zwar ebenfalls aus einer diffus-privaten, familiären Perspektive heraus (s. S. 1 unten; S. 5 Mitte; S. 7 Mitte), wird aber vom Ehemann unterbrochen und redet dann nicht weiter.

Herr L. ist redseliger als seine Frau, beziehungsweise fällt es ihm leichter, auf Anhieb ausführlicher und konkreter auf eine Frage zu antworten. Wenn beide zugleich reden, oder einer dem anderen ins Wort fällt, dann gewinnt fast ausschließlich er die Oberhand. Vor allem schwenkt er gerne um auf seine eigenen beruflichen Erfahrungen mit den Tempelhofer Schulen und der Schulpolitik im Allgemeinen. Vor allem bei ihm vermischt sich die Elternrolle öfter mit seiner Berufsrolle. So zum Beispiel, wenn er im Zusammenhang mit der Begründung, warum sie die Gesamtschule grundsätzlich ablehnen, die Nachmittagsbetreuung zwar lobt, aber dann hinzufügt: „Is’ natürlich och ’ne Kostenfrage, ne?“ (Z. 159), was ja nicht für sie als Eltern gilt, sondern aktueller Diskussionspunkt an seinem Arbeitsplatz ist. Oder wenn er sagt, „und zwar nebenan die Schule“ (Z. 68), und damit meint, die Schule befindet sich im Nebengebäude der Grundschule, an der seine Frau arbeitet. Er verwendet hier das „nebenan“, welches aus dem Kontext und der Interviewsituation heraus als „nebenan von unserer Wohnung“ zu deuten ist, um die Nachbarschaft der Schule zum Arbeitsplatz der Mutter zu bezeichnen.

[...]


[1] vgl. z. B. Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 2002

[2] vgl. Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 1996, S. 111, Abb. 6.1

[3] ebd., S. 150

[4] ebd.

[5] vgl. Geißler, S. 71 ff.

[6] vgl. Beck, Risikogesellschaft, 1986

[7] Beck, Risikogesellschaft, 1986, S. 116 ff.

[8] ebd., S. 118

[9] Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 1996, S. 78

[10] Ueltzhöffer/Flaig, Soziale Milieus in Ost- und Westdeutschland, 1992

[11] Ueltzhöffer, Soziale Milieus in der Bürgergesellschaft, 2000, S. 16

[12] Sozialwissenschaftliches Institut für Gegenwartsfragen Mannheim; führende Position in der internationalen Milieuforschung, hat den Ansatz der „sozialen Milieus“ inzwischen auch auf andere große Länder der EU ausgedehnt, sowie auf die USA, Japan und andere südostasiatische Länder

[13] siehe Abb. 1

[14] Ueltzhöffer, Soziale Milieus in der Bürgergesellschaft, 2000, S. 18 ff.

[15] ebd., S. 19 ff.

[16] ebd., S. 20

[17] ebd., S. 20 ff.

[18] ebd., S. 21

[19] ebd., S. 22

[20] ebd., S. 23

[21] ebd., S. 23 ff.

[22] ebd., S. 24

[23] ebd., S. 24 ff.

[24] Fend, Soziale Entwicklung im Jugendalter, 1998, S. 10

[25] ebd., S. 13

[26] ebd., S. 11

[27] Schäfers, Soziologie des Jugendalters, 1998

[28] Fend, Vom Kind zum Jugendlichen, 1992

[29] vgl. dazu auch Hagemann - White

[30] Kromrey, Empirische Sozialforschung, 2000, S. 519

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Schulwahlverhalten deutscher Eltern
Untertitel
Analyse des Schulwahlverhaltens als innerfamiliärer Prozess anhand von vier Fallbeispielen
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Pädagogik )
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
95
Katalognummer
V85304
ISBN (eBook)
9783638892292
ISBN (Buch)
9783638893206
Dateigröße
996 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulwahlverhalten, Eltern
Arbeit zitieren
Anne Burkhardt (Autor), 2004, Schulwahlverhalten deutscher Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85304

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