"Der Zauberberg" von Thomas Mann als Geschichte einer erotisch-geistigen Steigerung unter hermetischen Bedingungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hermetik als Vor aussetzung für die Entstehung einer ÄGegengesellschaft“ auf dem Zauberberg, dargestellt an Zeitempfinden und sexueller Enthemmung der Bewohner
2.1 Verändertes Zeitempfinden in der Abgeschlossenheit des Bergsanatoriums
2.2 Sexualsymbolik und Enthemmung in der hermetischen Umgebung des Zauberbergs

3 Von der Prüderie zur sexuellen Emanzipation: Hans Castorps erotisch- sexuelle Steigerung
3.1 ÄNatürlich, ein Frauenzimmer!“: Projektion früher homoerotischer Empfindungen als Auslöser der Gefühlssteigerung gegenüber Clawdia Chauchat
3.2 Die Zuneigung zu Clawdia Chauchat als Auslöser für das Interesse am Äwissenschaftlichen Eros“
3.3 Die Walpurgisnacht als Höhepunkt erotischer Steigerung
3.4 Die sexuelle Emanzipation Hans Castorps

4 Schluss

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Zauberberg von Thomas Mann ist ein 1000 Seiten langes Epos über ÄLust, Liebe, Krankheit, Tod“1 in einem vom Flachland abgetrennten Bergsanatorium. Auslöser zur Schaffung des Werks war ein dreiwöchiger Kurzaufenthalt Thomas Manns im Waldsanatorium zu Davos im Jahre 1912, um seine wegen Temperaturschwankungen eingelieferte Ehefrau Katja zu besuchen. Diese Anstalt sollte ihm als Vorbild für das im Mittelpunkt des Zauberbergs stehende Sanatorium dienen, Thomas Mann hatte sich während seines kurzen Gastspiels Ämit der ihm eigenen Akribie jene Einzelheiten notiert, die zwischen 1912 und 1914, sowie 1919 und 1924 ins Romanwerk eingehen sollten“2. Das ursprünglich als satirisches Gegenstück zum Tod in Venedig konzipierte Mammutwerk - Mann arbeitete 12 Jahre daran, mit einer vierjährigen Unterbrechung von 1915 bis 1919 - Äbietet zugleich Welthaltigkeit und Geschlossenheit, einen bemerkenswert internationalen Figurenreigen und mit dem Sanatoriumsschauplatz einen Handlungsraum, (...) in dem die Existenzen der Fürsten- und Künstler-Helden zentriert sind“3.

Die hermetische Abgeschlossenheit des Berghofs, unter der sich das Kurleben abspielt, ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Romanfiguren: So können sich abseits der gängigen Normen und Verhaltensweisen der Welt außerhalb des Sanatoriums (von den Patienten in herablassendem Ton schlicht als ÄFlachland“ betitelt) Alternativen zu diesen herausbilden, der Zauberberg ist geradezu ein ÄLaboratorium zur Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen“4 unter diesen besonderen Bedingungen. Daher soll im ersten Teil dieser Seminararbeit die durch die Hermetik entstandene ÄGegengesellschaft“ auf dem Zauberberg untersucht werden, diese wird anhand des unterschiedlichen Zeitempfindens der Berghofbewohner und der dort vorherrschenden sexuellen Enthemmung verdeutlicht. Dies sind die Vorrausetzungen, die unabdingbar für den Hauptteil der Arbeit sind, in dem der Ädurchschnittliche und erfahrungslustige Hans Castorp, herausgenommen aus den Beschränkungen des Flachlandlebens und in katalysierende Umgebung versetzt“5, zu geistigen, aber vor allem erotisch-sexuellen Höhenflügen ansetzt. Es soll herausgestellt werden, wie aus dem bei seiner Ankunft auf dem Zauberberg prüden ÄFamiliensöhnchen und Zärtling“ (12) vor dem Hintergrund der hermetischen Bedingungen im Laufe einer schwindelerregenden Steigerung ein liebeserfahrener und sexuell emanzipierter Mann wird.

2 Hermetik als Voraussetzung für die Entstehung einer „Gegengesellschaft“ auf dem Zauberberg, dargestellt an Zeitempfinden und sexueller Enthemmung der Bewohner

2.1 Verändertes Zeitempfinden in der Abgeschlossenheit des Bergsanatoriums

ÄDie springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen sind wie ein Tag vor ihnen. Du wirst schon sehen. [...] Man ändert hier seine Begriffe“ (16).

Diese als Einstimmung in die besondere Atmosphäre des Bergsanatoriums gedachten Sätze Joachim Ziemßens stoßen bei seinem gerade angekommenen Vetter Hans Castorp zunächst auf taube Ohren. Weder kann dieser zu jenem frühen Zeitpunkt das unterschiedliche Zeitempfinden zwischen dem Flachland, seiner bisherigen Welt, und der noch unbekannten Sphäre des Bergsanatoriums nachvollziehen, sieht vielmehr ÄZynismus in der Auskunft des Vetters, der nichts zynisch meint, sondern nur versucht, die Alltäglichkeit der Welt dort oben (...) dem Besucher aus dem Flachlande einigermaßen verständlich zu machen“6, noch versteht Hans Castorp die Andeutung auf eine Bewusstseinsveränderung, das ÄÄndern seiner Begriffe“, dessen Eintreten Joachim sich so sicher zu sein scheint.

Wie Hermann Weigand in ÄThe Magic Mountain“ treffend heraus gestellt hat, lässt sich die Verschiebung der zeitlichen Sphären, de facto eine Steigerung des Erzähltempos, schon an formalen Kriterien fest machen: Während die Ankunft Hans Castorps und der erste Tag im Sanatorium 116 Seiten im Buch einnehmen, werden die darauf folgenden drei Wochen in nur noch 150 Seiten beschrieben, bis hin zu einer Raffung der Zeitspanne der letzten viereinhalb Jahre auf lediglich 295 Seiten7. Daran kann man bereits ablesen, dass Hans Castorp, zunächst beschäftigt mit den fremdartigen Eindrücken bei seiner ereignisreichen Ankunft auf dem Zauberberg und noch durchdrungen mit seinem im Flachland erlernten, durchstrukturierten Empfinden von Zeit, das diese als knappes, kostbares Gut (ÄEin halbes Jahr! Bist du toll? (...) Man hat doch nicht so viel Zeit-!“(16)) ansieht, nach und nach großzügiger mit dem Zeitbegriff umgeht, und schließlich, Äwie so die Jährchen wechselten“ (938), der Zeit überhaupt keine Beachtung mehr schenkt (Laut Ruprecht Wimmer beginnt die Zeit Ämit dem zunehmenden Interesse für Madame Chauchat (...) zu gleiten“, Castorp übernimmt ihren Ä‘asiatische(n)‘, (...) achtlos-unstrukturierte(n) Umgang mit der Zeit“8 ). Stellvertretend für die sich ändernde Zeitempfindung sei hier Hans Castorps wechselnde Bedeutung des Wortes Äneulich“ angeführt: Während er - am ersten Tage nach seiner Ankunft im Berghof - seinen Vetter auf Grund der laxen Verwendung des Wortes penibel kritisiert (ÄAber neulich, es ist nun (...) acht Wochen her-“ ÄDann kannst du nicht neulich sagen“ (77)), verwendet Castorp den selben Begriff nach etwas über einem halben Jahr in noch unangemesseneren Größendimensionen (ÄUranus ist ja erst neulich mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren“(509)). Parallel zu Hans Castorps verändertem Zeitempfinden versucht der Autor durch die immer weiter auseinander klaffende Lücke zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit auch den Leser aufs Glatteis zu führen: Entweder dieser erkennt aufmerksam die Äsubjektiv schneller verlaufende Zeit und merkt (...), daß er das Opfer einer Erzählstrategie geworden ist“, oder er gerät Äwie Hans Castorp hoffnungslos ‚aus der Zeit‘, er weiß nicht mehr, wie lange ihn die Geschichte schon ‚umsponnen hält‘“9. Thomas Mann macht sich also alle Mühe, das ÄAus-der- Zeit-Geraten (...), immobile Stagnation“ zu demonstrieren, Äam Helden wie am Leser“10.

Schon bald beginnt Hans Castorp, als Repräsentant des aufstrebenden und geschäftigen, auf Ordnung und Pünktlichkeit bedachten deutschen Bürgertums, zu begreifen, dass auf dem Zauberberg andere Regeln gelten, dass man hier, wie sein Vetter ihm prophezeite, Äseine Begriffe ändern“ muss. Parallel zur geistigen Veränderung, die Castorp im Zauberberg erfährt, bedeutet die Abkehr von seinem im Flachland erlernten Umgang mit der Zeit - denn Äer verbarg (...) sein Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit sich selbst“ (747) - auch eine Abkehr von seinem bisherigen Leben als Kind einer reichen Hamburger Kaufmannsfamilie, kurz vor Äseinem Eintritt in die Praxis bei Tunder & Wilms (Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede)“ (12), und dessen Gepflogenheiten, er wurde in der Abgeschlossenheit von seinem gewohnten Umfeld Äfühllos gegen Ziele, Abschnitte, Markierungen“ (747). Wie sehr er sich bereits von seinen im Bürgertum verankerten Wurzeln entfernt hat und sich mit den auf dem Zauberberg gültigen Auffassungen identifiziert, wird deutlich, als sein Onkel James Tienappel ihn im Sanatorium besucht und sich die gleiche Szene wie bei der Ankunft Hans Castorps im Bergsanatorium abspielt, nur das dieser nun die Rolle seines Vetters Joachim Ziemßen übernimmt und auch dessen Ausdrucksweisen, über die er bei seiner eigenen Ankunft noch so entsetzt war. Auf die Aussage Tienappels, dass man Äin des allmächtigen Gottes Namen doch nicht so viel Zeit (habe)“ (589), also der beinahe akkurat gleiche Wortlaut wie ihn Hans Castorp bei seiner Ankunft gegenüber Joachim gebraucht hat, entgegnet dieser lachend, dass ÄJames seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müsse(n)“, und dass ÄOnkel James rede (...) wie einer von unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er seine Gedanken schon ändern“ (589). Aus dieser Aussage geht also hervor, dass sich Hans Castorp schon voll und ganz mit der Berghofgesellschaft identifiziert und Personen nach dem binären Entscheidungsmuster wir hier oben-die da unten klassifiziert, er wurde durch den Standortwechsel entwurzelt und erlebt Äeine nicht umkehrbare Distanzierung von seiner Pflanzstätte“11, wie man an der Distanz zwischen ihm und seinem Onkel erkennen kann, hervorgerufen durch die unterschiedlichen Vorstellungen von Zeit und ihrem Nutzen. Es ist Hans Castorp selbst, der den Zusammenhang zwischen Hermetik und Zeit aufdeckt, wenn auch am Beispiel von Konservendosen, wenn er feststellt, Ädaß das Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer auf seinem Bort“. Indirekt rekapituliert er damit auch seine Situation im Bergsanatorium, denn auch Castorp ist von der Zeit des Flachlandes ausgeschlossen, unter der Hermetik des Zauberbergs und dem immer gleichen Alltag, dessen Zeitverlauf Äzum schwindelnd kreisförmigen Einerlei“12 mutiert, verliert die Zeitrechnung an Bedeutung. Erst im letzten Kapitel Donnerschlag, Äso lief wieder einmal, (...) zum siebentenmal - er wußte es nicht - das Jahr in sich selber“ (975), wird durch den bevorstehenden Weltkrieg Äder aus der Zeit geratene Held in die (...) Zeit zurückversetzt; Der Donnerschlag hält das Rad an“13, und Hans Castorp muss die Rückkehr ins Flachland antreten, der Krieg ist die ÄWiedergeburt der Ordnung aus dem Chaos.“14

Abschließend lässt sich also sagen, dass Thomas Mann die Zeit in seinem Roman bewusst eingesetzt hat, um den Zauberberg als eine Art Gegenentwurf zum Flachland darzustellen, ein Ort, an dem die Zeit anders läuft, dem die Zeit nichts anhaben kann. Der Berghof befindet sich wie unter einer Glocke hermetisch abgeriegelt, jeder der in diese abgeschlossene Sphäre eindringt muss sich früher oder später den Gepflogenheiten, die sich unter deren speziellen Bedingungen entwickelt haben, anpassen.

2.2 Sexualsymbolik und Enthemmung in der hermetischen Umgebung des Zauberbergs

Dem aufmerksamen Zauberberg-Leser entgeht sicher nicht die sexuelle Aufladung des Romans, wobei Ä ‚aus der Tiefe redende‘ Erotik hier überall zu finden (ist), die direkte Darstellung von Sexualität dagegen kaum“15. So ist dieses, mit den Worten von Walter Jens, ÄTodes- und Lustreich der Schwindsüchtigen (...) ein Buch von wahrhaft verwegener Zwei-Deutigkeit (...), wo, weit entfernt von aller Flachland-Normalität (...) jedes Ding neben der eigentlichen noch eine zweite Bedeutung hat (...)“16.

So nimmt der zu Beginn des Romans noch recht sittenspröde Hans Castorp, für dessen erotische Steigerung an späterer Stelle in dieser Arbeit ein eigenes Kapitel vorhergesehen ist, gleich am Morgen seiner ersten Nacht auf dem Zauberberg Geräusche wahr, Ädie aus dem Nachbarzimmer (...) kamen und gleichfalls nicht zu dem heiteren, frischen Morgen passen wollten, sondern ihn irgendwie klebrig zu verunreinigen schienen. [...] Es war ein Ringen, Kichern und Keuchen, [...] es gab ein Klatschen und Küssen (...)“ (58f). Das russische Paar, das nach Joachims Angaben in diesem Zimmer wohnt, Äsucht nicht die bergende, romantisch verklärte Nacht, sie bevorzugt die Helligkeit des Tages“17 für ihre sexuellen Aktivitäten. Durch dieses frühe ÄSchockerlebnis“, das die Äalles in Mitleidenschaft ziehende Frivolität des Zauberberg“18 ankündigt, ist der Leser nun vorgewarnt und sensibilisiert für die zahlreichen Anspielungen erotischer-sexueller Natur, das frühmorgendliche Treiben dieser Äunmanierliche(n) Leute“ (62) ist auch zugleich die direkteste Darstellung von Sexualität im Roman, von nun an geht es subtiler, doppeldeutiger zu, alltägliche Dinge werden in der fiebrig-körperlichen Atmosphäre sexuell aufgeladen. Die Zigarre beispielsweise, die Äbräunliche Schöne“ (350), unter Freudschen Vorzeichen gelesen phallisches Symbol schlechthin, Äerweist sich als ein überaus geeignetes Lustobjekt für den Spieltrieb von Logos und Eros“19. Ihr werden (Charakter-)Eigenschaften unterstellt, die eine Bezugnahme auf das Sexuelle geradezu aufdrängen. Zwar Ähat sie ihre kleinen Launen“, ist dennoch Äsehr zuverlässig in ihren Eigenschaften (...) (und) hat Rasse (...), Temperament, (...) Saft und Kraft.“ Jedoch gebietet Hofrat Behrens etwas ÄZurückhaltung im Verkehr (...), man kann nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft.“ (350) Es scheinen sowieso die phallischen Symbole zu sein, die es Thomas Mann angetan haben, auffallend oft verwendet er Ädiese Zigarren und Spritzen, Thermometer und Crayons“20, die als eine Art Bindeglied fungieren zwischen der Wirklichkeit und einer im Unterbewusstsein liegenden, scheinbar omni-präsenten, sexuell aufgeladenen Ebene, die hier in der Abgeschlossenheit des Zauberbergs, fernab der gesellschaftlichen Normen des Flachlands, einen optimalen Nährboden gefunden hat. Beispielhaft dafür Hans Castorps erste Messung seiner Temperatur, Ädie Beschreibung der ersten sechs Minuten dieses Vorgangs (gleicht) der eines Geschlechtsaktes“21.

Dass auch das zum Beginn des 20. Jahrhunderts äußerst populäre Gedankengut Sigmund Freuds und dessen Sexualtheorie und Psychoanalyse Einzug in den Roman gefunden haben, ist offensichtlich. Thomas Mann lässt mit der Romanfigur des ÄSeelenzergliederers“ Dr. Krokowski sogar einen Alter Ego Freuds auftreten, dieser hält im Sanatorium gut besuchte Vorträge über die ÄUntergründe der Seele“, den ÄWiderstreit zwischen den Mächten der Keuschheit und der Liebe“, befürwortet darin die ÄDurchleuchtung des Unterbewussten“ (179ff) und gewährt ÄEinblicke in psychoanalytische Sexualtheorien“22. In der enthemmten Atmosphäre des Zauberbergs - denn das Krankheitssymptom sei, nach Dr. Krokowski, Äverkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe“ (179) - treffen diese Themen natürlich auf eine aufnahmebereite Zuhörerschaft, auch schärft Thomas Mann dem Leser die Sinne für Unterbewusstes, Doppeldeutiges, was, wie vorher beschrieben, auch große Verwendung findet im Roman. Kurz erwähnt sei noch die Ergiebigkeit der Anwendung der psychoanalytischen Literaturtheorie auf das Werk, wie es beispielsweise Peter Dettmering gemacht hat23, was jedoch den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen würde.

Die Enthemmung der Zauberberg-Patienten offenbart sich auch in der allgemeinen Lachlust, die im Sanatorium vorherrscht, ihr Ähomerisches Gelächter“ (411) offenbart ihre Ämorbide Neigung zur möglicherweise letzten ausgelassenen Lebenslust“24. Selbst die Berghof-Besucher sind diesen besonderen Bedingungen im Sanatorium hilflos ausgesetzt, was nicht einer gewissen Komik entbehrt: Dem etwas steif wirkenden Konsul James Tienappel, nur für wenige Tage zum Besuch seines Neffen auf dem Zauberberg und stets darum bemüht Haltung zu bewahren und flachländische Sitten aufrecht zu halten, geschah es, Ävöllig unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene auf alle Weise zu vertuschen“ (591f). Sinnlos und unerwartet für ihn, der sich erst seit kurzem im Sanatorium befindet und für den diese in der Hermetik entstandene Atmosphäre etwas Neues darstellt, jedoch nicht für den schon eingesessenen Hans Castorp, der nicht aus Höflichkeit über den Vorfall hinwegsieht, sondern aus Äreine(r) Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, (...) wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen“ (592), da er sie am eigenen Leib erfahren hat und durch die Alltäglichkeit solcher Ereignisse gegenüber abgestumpft ist. Tatsächlich wird Hans Castorp bereits kurz nach seiner Ankunft im Sanatorium von einem Lachanfall übermannt, er gerät auf die Auskunft Joachim Ziemßens hin, dass Leichen im Winter per Bobschlitten ins Tal befördert werden, Äin ein heftiges, unbezwingliches Lachen, das seine Brust erschütterte und sein vom kühlen Wind etwas steifes Gesicht zu einer leise schmerzenden Grimasse verzog“ (19).

Die allgemeine Enthemmung in der Hermetik des Zauberbergs lässt sich auf ein Äpsychodynamisches Vakuum“, in dem die Berghof-Patienten leben, zurückführen, Ädessen einzige Wirkungskräfte das durch Krankheit verursachte Leiden und die durch Enthaltsamkeit intensivierte Leidenschaft darstellen“25. Es ist also diese besondere Konstellation, die dem Zauberberg eine vom Flachland so grundverschiedene Atmosphäre beschert, dass Menschen, Insassen wie Besucher, dort eine meist ungewollte Enthemmung erfahren, was dazu führt, dass Themen wie Sexualität und Erotik aus den Grauzonen der Tabus jener Zeit ausbrechen können und an die Oberfläche treten, es entsteht in der Hermetik des Berghofs eine Stimmung, die das Zustandekommen zwischengeschlechtlicher Erotik, Sexualität und die geistige Beschäftigung damit begünstigt. Da wundert es kaum, dass der ÄHauptvertreib zwischen den Mahlzeiten (...) das Bereden und Praktizieren erotischer Affären (ist), nicht Krankheit und Geist reimen sich hier, sondern Temperatur und Flirt“26.

Abschließend einen Satz aus dem Handbuch der Tuberkulose, zitiert von Walter Jens, der zeigt, dass man sich zu jener Zeit dieses Zusammenhangs durchaus bewusst war:

[...]


1 Jens (1989): 55

2 Ebd.: 55

3 Schneider (1999): 201

4 Lubich (1986): 82

5 Schneider (1999): 201

6 Koopman (1983): 41

7 Weigand (1965): 15

8 Sprecher (1997): 255

9 Sprecher (1997): 254

10 Ebd.

11 Koopmann (1983): 38

12 Sprecher (1997): 255

13 Ebd.: 271

14 Härle (1986): 152

15 Schneider (1999): 165

16 Jens (1989): 56ff

17 Schneider (1999): 295

18 Lubich (1986): 79

19 Lubich (1986): 94

20 Jens (1989): 57

21 Eisele (1984): 190

22 Lubich (1986): 79

23 In seinem 1969 erschienenen Buch ÄDichtung und Psychoanalyse“ interpretiert Dettmering den Zauberberg ausgiebig mit den Methoden der Psychoanalyse

24 Lubich (1986): 81

25 Lubich (1986): 83

26 Schneider (1999): 213

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
"Der Zauberberg" von Thomas Mann als Geschichte einer erotisch-geistigen Steigerung unter hermetischen Bedingungen
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Erotische Poesie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
31
Katalognummer
V85343
ISBN (eBook)
9783638006453
ISBN (Buch)
9783640856992
Dateigröße
2599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zauberberg, Thomas, Mann, Geschichte, Steigerung, Bedingungen, Erotische, Poesie
Arbeit zitieren
Christian Selzer (Autor), 2007, "Der Zauberberg" von Thomas Mann als Geschichte einer erotisch-geistigen Steigerung unter hermetischen Bedingungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85343

Kommentare

  • Gast am 3.10.2012

    Leider enthält der Text viele Orthografiefehler (inklusive solcher, die auf missverstandenen Regeln der Rechtschreibreform beruhen). Auch die Rechtschreibung in Zitaten sollte idealerweise auf der Erstausgabe von Thomas Manns "Zauberberg" beruhen. Dies schließt beispielsweise "daß" anstelle von "dass" ein.

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