Das semantische Differential in der Dialektforschung

Untersuchung einer Methode


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
32 Seiten, Note: 1.0 (sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Was soll gemessen werden?

4. Das semantische Differential
4.1 Entstehung des semantischen Differentials
4.1.1 Wozu ein semantisches Differential?
4.1.2 Der Behaviorismus
4.1.3 Die Bedeutung von Bedeutung
4.1.4 Kurze Umreißung der Technik
4.2 Was misst das semantische Differential?
4.3 Die abstrakte Qualität des Eindrucksdifferentials
4.3.1 Der semantische Raum
4.3.2 Die Faktoren
4.4 Das semantische Differential als Instrument zur Einstellungsmessung
4.5 Methodische Probleme der Technik
4.5.1 Metrik
4.5.1.1 Linearitätsannahme
4.5.1.2 Intervallgleichheit
4.5.1.3 Nullpunktlage
4.5.2 Die Konzept-Skalen-Interaktion
4.6 Konzeptspezifisches oder universelles Eindrucksdifferential?

5. Dialektologie und das Eindrucksdifferential

6. Schluss

Teil II

1.Einleitung

2. Die Dialektkompetenz
2.1 Dialektgebrauch
2.2 Dialekte in ihrer gesellschaftlichen Bewertung

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das semantische Differential - auch Polaritätsprofil oder Eindrucksdifferential genannt - misst in der ursprünglichen von Charles Osgood entwickelten Form Bedeutungen von sprach- lichen Reizen (Begriffen). Es findet ein weites Anwendungsgebiet in den Bereichen von For- schung und Praxis. Bereits Peter Hofstätter (1959, 19) schreibt, dass sich die „Profilmethode“ „beängstigender Beliebtheit“ erfreue. Damit ist auch schon das Anliegen vorliegender Arbeit umrissen. Im Spannungsfeld zwischen der Isolierung der Phänomene und der Authentizität der Ergebnisse, erscheint das Eindrucksdifferential als ein valider Kompromiss. Die Anwen- dung dieser Technik, ohne deren grundlegende Parameter jemals kritisch hinterfragt zu haben, erscheint als bedenklich. Schon allein der Sprung in der Anwendung von der Bedeutungsmes- sung zur Einstellungsmessung, birgt viele Probleme in sich. Was genau soll gemessen wer- den? Einstellungen? Und was sind denn „Einstellungen“? Sind die Bewusstseinsinhalte, die den Probanden entlockt werden sollen, emotionaler Natur oder sind sie kognitiv? Hier herrscht nach wie vor große Unklarheit. Dementsprechend sind auch die Schlüsse, die wir aus den Ergebnissen der Durchführung von Studien mit Hilfe der Eindrucksdifferentiale erhalten, vage. Man könnte versucht sein - von diesem Standpunkt aus - der Methode die Validität, wie sie aufgrund der breiten Anwendung der Technik zu vermuten war, abzusprechen. Vor- liegende Arbeit stellt sich also die Aufgabe diese Validität kritisch zu hinterfragen. Im Mittel- punkt stehen dabei die methodischen Probleme. Doch hängt eine solche Theorie der Bedeu- tungsmessung nicht in der Luft. Sie ist letztendlich abhängig von empirischen Fragestellungen und insbesondere ihre Genese ist ausschließlich auf Empirie zurück zu führen. Diesen empiri- schen Rahmen soll die Dialektforschung und ihre Fragestellungen liefern.

2. Begriffsklärung

Polaritätsprofil, semantisches Differential und Eindrucksdifferential, alle drei Begriffe be- zeichnen dasselbe in dieser Untersuchung dargestellte Messinstrument. Die Begriffe lassen sich jedoch nicht alle gleich gut verwenden. Die von Hofstätter eingeführte Bezeichnung Po- laritätsprofil (Hofstätter 1955/56, 507) hat sich zunächst zwar durchgesetzt, ist aber wegen ihrer Mehrdeutigkeit unzweckmäßig. Einmal bezeichnet es die Skalierungsmethode Osgoods, ein andermal speziell das Material, das bei dieser Methode verwendet wird, also die Liste der Merkmale die das Beurteilungsmedium bilden. Und häufig kennzeichnet man damit auch das Profil, das man mit der Skalierung über mehrere Merkmale gewinnt (Ertel 1965, 23 f.). Dieser Begriff scheint mir deshalb ungeeignet. Semantisches Differential und Eindrucksdifferential werden hier nebeneinander verwendet, je nach Kontext. Handelt es sich um das von Osgood entwickelte Messinstrument wollen wir semantisches Differential benutzen, handelt es sich um eine weiterentwickelte Form nennen wir es Eindrucksdifferential (ED).

3. Was soll gemessen werden?

Bevor überhaupt eine Bewertung der Methode des Eindrucksdifferentials stattfinden kann, muss geklärt werden, welcher Natur denn die zu messenden Bewusstseinsinhalte sind. Grund- sätzlich können wir zwischen „kognitiv“/„rational“ und „affektiv“/„emotional“ unterscheiden. Diese Polarität soll für uns den Bewusstseinsrahmen abstecken, auf den das Eindrucksdiffe- rential beim Probanden zurückgreifen kann. Diese kategoriale Unterscheidung (kogni- tiv/affektiv) wird bei der Bestimmung von Bedeutungsarten häufig bemüht (Fuchs 1974 a, 53). In vorliegender Arbeit werden die Begriffe in einem herkömmlichen Sinne verwendet, um ein Mittel zur Differenzierung an der Hand zu haben, das auch mit dem Begriffsdualismus von Denotat und Konnotat kompatibel ist. Deshalb kommt wohl die Definition von Ogden und Richards von kognitiv und emotional wie wir sie verstehen, am nächsten:

„Als Kriterium, ob eine Äußerung primär referentiell bzw. kognitv oder emotional ist, gilt die Relevanz der Frage: ‚Ist dies wahr oder falsch im üblichen strikt wissenschaftlichen Sinne?’ Ist diese Frage relevant, handelt es sich um einen darstellenden Sprachgebrauch, ist sie ein- deutig irrelevant, hat man es mit einer emotionalen Äußerung zu tun.“ (Fuchs 1974a, 54)

Beides wird zuweilen von den Probanden in Dialektstudien verlangt. Manchmal geht es um tatsächliche, verifizierbare Fragen, etwa das Vorkommen der unterschiedlichen „R“- Artikulationen, meistens aber um emotional-affektiv gefärbte Bewertungen,1 in denen die Einstellungen verschiedener Landes- oder Bevölkerungsgruppen zu Dialekten festgestellt werden soll. Die abgefragten Bewusstseinsinhalte können also je nach Konzept - so scheint es - emotionaler oder rationaler Natur sein.

Wir können jedoch an dieser Stelle festhalten, dass die Frage, ob emotionale oder rationale Bewusstseinsinhalte dem Probanden entlockt werden sollen, nicht allein am Konzept liegt sondern an der Fragerichtung2. Diese ergibt sich aus dem Zusammenspiel, der Interaktion von Konzept und Skala. Je nachdem, welche Skalen ausgewählt werden, solche affektiver Natur3, oder solche tatsächlich beschreibender Natur, greift die Methode auf emotionale oder kogniti- ve Bewusstseinsinhalte zurück. Die Bewertung des Konzeptes (Begriffes) Stein mit der Skala „rund - eckig“ hat gewiss nichts Emotionales und kann als kognitiv bezeichnet werden. Hin- gegen impliziert die Bewertung des Konzeptes „Kugel“ als „angenehm-unangenehm“ emoti- onale Bewertung. Wir können also festhalten, dass Konzepte grundsätzlich nach beiden Richtungen befragt werden können, es mithin nicht in ihrer Natur liegt kognitive oder affekti- ve Beurteilungen auszulösen.

4. Das semantische Differential

4.1 Entstehung des semantischen Differentials

4.1.1 Wozu ein semantisches Differential?

Beachtung verdient zunächst die Frage, wozu überhaupt ein semantisches Differential zu entwickeln war. Bei Meinungserhebungen durch einfache Befragung ergeben sich folgende Probleme. Albert Fuchs schreibt:

„Jedoch wird auch sprachliches Material von verschiedenen Personen in ganz unterschiedli- chem Ausmaß und vor allem in sehr unterschiedlicher Differenziertheit produziert. Was Be- fragte infolgedessen als Bedeutung eines Ausdrucks angeben, ist immer noch schlecht ver- gleichbar. Man müsste daher Leuten, die man nach der Bedeutung eines Wortes oder einer Phrase befragt, für ihre Antwort eine Standardstichprobe von verbalen Reaktionen zur Verfü- gung stellen, aus denen sie zur Beantwortung der Fragen eine Auswahl machen können. Und zwar müssten die angegebenen Antwortmöglichkeiten repräsentativ sein für alle Aspekte, in denen die Bedeutung der betreffenden verbalen Zeichen variieren kann.“ (Fuchs 1974b, 70)

Bereits der Titel Osgoods Hauptwerk „The Measurement of Meaning“4 deutet in diese Rich- tung. Es geht also um das Messen von Bedeutung und Osgood nennt das semantische Diffe- rential eine „highly generalizable technique of measurement.“ (Osgood 1957, 76). Im Zentrum steht der Begriff der Bedeutung, die Theorie ist die des Behaviorismus.

4.1.2 Der Behaviorismus

Der Behaviorismus ist um 1920 in den USA entstanden und dominierte die amerikanische Psychologie bis in die 1950er Jahre. Hauptvertreter des Behaviorismus ist John B. Watson (Lexikon Psychologie 2005, 56 f.). Als Behaviorismus bezeichnet man die Richtung in der Psychologie, die sich mit dem objektiv feststellbaren Verhalten - ohne Bezugnahme auf Be- wusstseinsinhalte - befasst. Die Annahme vom leeren Organismus (Black-Box-Modell), bei dem nur Input-Output-Prozesse untersucht werden können, liegt dem Behaviorismus zugrun- de. Entscheidend sind die Begriffe Reiz (Stimulus) und Reaktion. Der Mensch gilt als eine nach festen Abläufen funktionierende Maschine, bei der die unterschiedlichsten Stimuli not- wendig bestimmte Reaktionen hervorrufen. Muskeln und Drüsen sind hierbei die einzigen „Effektoren“, es gibt keine zusätzliche „geistige Aktivität“. So sind verbale Reaktionen, die ja durch Muskelbewegungen hervorgebracht werden, ein objektiv messbares Verhalten, genauso aber geschriebene Wörter oder Kreuzchen auf einem Testformular. Die Reaktionen auf ver- schiedene Stimuli wird durch Konditionierung erlernt. Das gesamte menschliche Verhalten wird also anhand von erlernten Responses auf aus der Umwelt stammenden Stimuli erklärt. Dieses Modell wurde vor allem von Leonard Bloomfield auf die Sprachwissenschaft ange- wandt (Lewandowski 1 1990, 178). Sprache wird als Stimulus aufgefasst, der beim Hörer einen bestimmten Response hervorruft. Dieser Response wird mit der Bedeutung des Gesag- ten gleichgesetzt Osgoods Theorie baut auf diesem Behaviorismus auf und der Begriff Bedeu- tung wird zum Schlüsselwort:

„Of all the imps that inhabit the nervous system - that ‚little black box’ in psychological theorizing - the one we call ‚meaning’ is held by common consent to bet he most elusive. Yet, again by common consent among social scientists, the variable is one of the most important determinants of human behaviour.” (Osgood et al. 1957, 10)

4.1.3 Die Bedeutung von Bedeutung

Sowohl Bergler (1974, 16) als auch Osgood et al. (1957, 52) stellen ihren Ausführungen zum semantischen Differential die Frage von der Bedeutung von Bedeutung voran. Die allgemeine Problematik - insbesondere unter theoretischen Aspekten - beginnt bereits bei dem Verständ- nis dessen, was überhaupt unter der Bedeutung eines Zeichens also eines Wertes, einer Aus- sage, eines Objektes usw. zu verstehen ist. Fragt man nach der Bedeutung von Bedeutung trifft man auf die verschiedenartigsten Auffassungen, die immer auch spezifische theoretische Positionen einschließen und damit auch Auslöser unterschiedlicher Fragestellungen wie Hypothesenformulierungen geworden sind. Osgood schreibt: „There are at least as many meanings of ‚meaning’ as there are disciplines which deal with language, and of course, many more than this because exponents within discipline do not always agree with one another“ (Osgood et al. 1957, 2). Eine Darstellung der Diskussion der Bedeutung des Bedeutungsbeg- riffs würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, zumal and dieser Stelle nur gezeigt werden soll, wie Osgood sein semantisches Differential entwickelte. Es folgt hier deshalb zunächst eine Darstellung des Bedeutungsbegriffes, wie ihn Osgood verwendet.

„The meaning of ‚meaning’ for which we wish to establish an index in a psychological one - that process or state in the behavior of a sign-using organism which is assumed to be a necessarry consequenze of the reception of sign-stimuli and a necessarry antecedent for the production of sign-responses.” (Ossgood et al. 1957, 9)

Osgood definiert Bedeutung als den notwendigen mentalen Zustand, der sich nach Empfang des Reizes einstellt und aufgrund dessen dann eine Reaktion erfolgt. Die Bedeutung von Zeichen wird also vom beobachtbaren Verhalten gegenüber den bezeichneten Dingen hergeleitet. Um diesen Bedeutungsbegriff zu spezifizieren, müssen wir kurz die Verhaltenstheorie der Bedeutung von Zeichen, wie sie Osgood begriffen hat, darstellen. Dieses Verhaltensmodell nennt Osgood „repräsentational mediation theory“ (Osgood et al. 1957, 5 ff.). Das Entstehen von Zeichen wird wie folgt beschrieben:

„Das potentielle Zeichen S`, z.B. ein Wort, löst also nach raum-zeitlicher Verbindung mit ei- nem Ding S einen (reduzierten) Teil des Gesamtverhaltens auf S aus, der - bei alleiniger Dar- bietung des Zeichens - als repräsentationale Response rM die Funktion hat, ein Autostimula- tionsmuster sM zu vermitteln, das die zeichenspezifischen, dem bezeichneten Sachverhalt S Rechnung tragenden, offenen Verhaltensweisen Rx auslöst. Die Bedeutung eines Zeichens ist nach dieser Konzeption durch einen spezifischen repräsentationalen Vermittlungsprozess be- stimmt.“ (B. Schäfer 1984, 155)

Dieser „repräsentational mediation process“ ist also die Bedeutung eines Zeichens (Ertel 1964, 27). Hierbei handelt es sich freilich mehr um eine Lerntheorie als um eine Theorie von Bedeutung. Die vorliegende Version der Definition zeigt die Entwicklung sog. „primärer Zeichen“. Denkbar ist auch die Entwicklung „sekundärer Zeichen“, die sich nicht direkt von Dingen herleiten, sondern ebenfalls von Zeichen.

4.1.4 Kurze Umreißung der Technik

„Auf einer Stichprobe von meist 7-stufigen Rating-Skalen mit polar entgegengesetzten, aus der Gesamtheit aller möglichen Merkmale möglichst repräsentativ ausgewählten Adjektiven an den Enden, sind in eine Verbindung von Skalierungs- und (kontrolliertem) Assoziations- versuch die untersuchungsspezifischen (in der Regel verbal repräsentierten) Beurteilungsge- genständen (Konzepte) durch eine ebenfalls untersuchungsspezifischen Beurteilerstichprobe einzustufen. Das Ergebnis dieser Prozedur gilt als Operationalisierung der Bedeutung des je- weiligen Konzepts. Es handelt sich um eine dreimodale (Beurteiler x Konzept x Skalen) Kol- lektion von Markierungen auf den bipolaren Skalen; bei wiederholten Aufnahmen kommt als weitere Modalität noch die Zeit hinzu. Ordnet man jedem Abschnitt der Skalen Zahlen aus der Folge der ganzen Zahlen zu - üblicherweise die Zahlen 1 - 7, oder -3 über 0 bis +3 -, lassen sich alle Daten als Messwerte wiedergeben. Ein Messwert Xijk entspricht dem Skalenab- schnitt, der vom Beurteiler i zur Charakterisierung eines Konzeptes j auf einer bestimmten Skala k angekreuzt wurde.“ (A. Fuchs, 1974b, 70 f)

4.2 Was misst das semantische Differential?

In Kapitel 3 habe ich zu klären versucht, welcher Natur (affektiv/kognitiv) die mit dem ED potentiell zu messenden Einstellungen sind. Sie können grundsätzlich kognitiver/rationaler oder affektiver Art sein. Es bleibt nun zu bestimmen, was genau das semantische Differential in der Osgood`schen Konzeption messen soll. Zunächst kann folgende ganz allgemeine Aus- sage getroffen werden: Das semantische Differential misst die Bedeutung eines Wor- tes/Zeichens, wie sie in Kapitel 4.1.3 bestimmt wurde. Osgood et al. unterteilten dann die Bedeutung eines Zeichens in sein Denotat und sein Konnotat.5 Das erstere führt dazu, dass etwa auf die Anforderung hin: „Gib mir einen Apfel.“ das Kind einen Apfel reicht und nicht eine Birne. Das zweite ist die Ursache dafür, dass das Kind den Apfel im ED als „jung“, „stark“, „tief“ etc. bezeichnet. Die konnotative Bedeutung hat also eine größere interindividu- elle Varianz (Ertel 1964, 27).6

Bernd Schäfer ist allerdings der Ansicht, obwohl Osgood die Begriffe konnotativ und denota- tiv verwende, sei die Gewinnung einer „operationalisierbaren“ Definition dieser Begriffe un- möglich und die empirische Brauchbarkeit der Begriffe stark eingeschränkt. Er schreibt:

„Darüber hinaus wird die Verwendung dieser Begriffe, bezogen auf Merkmale einer Merk- malliste eines EDs dadurch problematisch, dass der denotative bzw. konnotative Charakter ei- nes Merkmals wegen der scale-concept-interaction überhaupt nicht festlegbar ist: ‚Eckig’ in Bezug auf einen Stein wäre demnach denotativ, in Bezug auf einen Menschen wohl eher kon- notativ und in Bezug auf ein Abstraktum wie ‚Liebe’ oder ‚Hass’ wohl erst recht konnotativ.“ (B. Schäfer 1971, 40).

Ich habe bereits auf diesen Zusammenhang hingewiesen (Kapitel 3). In der Konsequenz aber glaube ich Schäfer nicht folgen zu müssen. Ich greife hier wieder auf die Trennung der Beg- riffspaare emotional/rational und denotativ/konnotativ zurück. Die Einstellungsfärbung des Probanden, ob er etwa emotional urteilt oder eher rational, ist beim universellen ED tatsäch- lich abhängig von der Skalen-Konzept-Interaktion. Jedoch vertauscht Schäfer die Prioritäten, wenn er schreibt, dass somit eine Festlegung der Untersuchungsrichtung des Begriffes auf Denotat oder Konnotat unmöglich sei. Es bleibt legitim im Vorfeld der Untersuchung grund- sätzliche Überlegungen anzustellen, ob etwa das Denotat oder das Konnotat von Begriffen erfragt werden soll. Erst im zweiten Schritt wird dann diesem Ergebnis untergeordnet der Skalensatz ermittelt. Dieses Problem verweist uns also hier auf die - wie es scheint - ent- scheidende Frage, ob ein konzeptspezifisches oder ein universelles ED verwendet werden soll. Nur bei einem universellen ED kann sich das Problem der Skalen-Konzept-Interaktion ergeben. Die Unterscheidung denotativ/konnotativ ist also keinesfalls unsinnig oder nicht brauchbar. Sie gibt vielmehr der Untersuchung ihre Richtung und muss bei der Auswahl der Skalen, konzeptspezifisch oder universell, berücksichtigt werden. Fragen wir uns also, was das semantische Differential misst, so sagen wir: das Konnotat eines Begriffes.

4.3 Die abstrakte Qualität des Eindrucksdifferentials

So unkritisch und weit verbreitet das ED Anwendung findet, so ergeben sich doch massive Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Methode. Genannt sei nur das Problem der Skalen- Konzept-Interaktion. Die Bedeutung einzelner Skalen verändert sich mit wechselnden Kon- zepten. Der Anspruch der Methode messbare und vergleichbare Daten zwischen Konzepten zu liefern wird oft nicht erreicht. Fast erscheint es so, als seien die Ergebnisse beliebig steuer- bar, je nachdem wie man Skalen und Konzepte arrangiert (Ertel 1964, 29 / Hofstätter 1959, 21). Weshalb also festhalten an einer Methode, deren Mängel offensichtlich sind?

4.3.1 Der semantische Raum

Zur Klärung dieser Frage muss zunächst das Modell des semantischen Raumes eingeführt werden.

„[Der semantische Raum]…wird als linearer euklidischer Raum von unbekannter Dimensio- nalität postuliert. Jede Skala des semantischen Differentials definiert durch ein polares Adjek- tivpaar, soll eine lineare Funktion durch den Ursprung dieses Raumes darstellen, so dass eine Stichprobe solcher Skalen einen mehrdimensionalen Raum aufspannt.“ (Albert Fuchs 1974 b, 71).

Das Modell des semantischen Raumes ermöglicht es uns, die mit dem ED gewonnenen Daten in Beziehung zu setzen und diese somit grafisch sichtbar zu machen. Beim semantischen Dif- ferenzieren bedeutet also jedes Urteil eine Auswahl aus einem Satz gegebener Alternativen und dient dazu, ein Konzept als Punkt im semantischen Raum zu lokalisieren, da es auf jeder Dimension dieses Raumes einen Wert hat. Entscheidend ist es nun, die zu einem Konzept passenden Skalen zu finden. „Passend“ heißt hier, dass die Polaritäten/Adjektivpaare es in umfassender Weise ermöglichen, das Konzept zu differenzieren. Je repräsentativer also die Skalen für ein Konzept sind, je umfangreicher sie das Feld der Differenzierung abstecken, desto genauer ist der semantische Raum des Konzeptes bestimmt. Im idealen semantischen Raum sind deshalb alle denkbaren Möglichkeiten der Differenzierung eines Begriffes enthal- ten. Ein solches endgültiges, umfassendes Differential scheint unmöglich zu erreichen zu sein, da gerade bei den hier relevanten emotional-affektiven, metaphorischen Einstellungen, näm- lich dem Konnotat, die Bedeutungsdimensionen von Mensch zu Mensch stark variieren. An dieser Stelle, an der das semantische Differential so unsinnig wie bisher noch nicht erscheint, stoßen wir aber auf ein Phänomen, das die Methode rettet, und meiner Ansicht nach der ein- zige Grund ist, warum diese Methode am Leben erhalten wurde. Es sind die von Osgood et al. entdeckten sog. „Faktoren“.

4.3.2 Die Faktoren

Die im ED gewonnenen Daten wurden in ein geometrisches System transformiert (den semantischen Raum) und somit der mathematischen Auswertung zugänglich gemacht. In einer mathematischen Auswertung der Skalen die „Faktorenanalyse“ heißt, stießen Osgood et al. auf drei Grunddimensionen. Dieses Verfahren ist mathematisch höchst aufwendig und kann im Rahmen dieser Arbeit im Einzelnen nicht erläutert werden. Entscheidend ist das Ergebnis, das wiederum in einer Graphik (Ertel 1964, 5) sichtbar gemacht werden kann.

[...]


1 Der Arbeit von Stickel und Volz z.B. liegt folgende Fragestellung zugrunde: „Wie die deutsche Bevölkerung ihre eigene Sprache, deren derzeitige Entwicklung, die regionale Varianz der deutschen Sprache und ihr Ver- hältnis zu andern Sprachen im In- und Ausland einschätzt und bewertet. Es ging also nicht um die Fragestellung primär sprachlicher Fakten, etwa von Einheiten und Eigenschaften konkreten Sprachgebrauchs oder von Sym- ptomen für Sprachveränderungen, sondern um die Erfassung derzeit in der Bevölkerung verbreiteter Meinungen und emotionaler Einstellungen, besonders auch Laienmeinungen zur dominanten Sprache im eigenen Land.“ (Stickel/Volz 1999, 5).

2 Diesen Begriff führe ich hier ein. Er soll die Bewusstseinsdimension des Probanden bezeichnen, die sich aus Skala und Konzept ergibt und auf die das ED grundsätzlich zugreifen kann. Daneben verwende ich Denotat und Konnotat auf Begriffe.

3 Natürlich ergibt sich die Frage ob eine Skala z.B. affektiver Natur ist nicht aus der Skala selbst, sondern aus dem Zusammenspiel mit dem Konzept.

4 Osgood hat als erster dieses semantische Differential entwickelt. Seinem Werk kommt hier ganz grundlegende Bedeutung zu.

5 Was mit konnotativ und denotativ gemeint ist, wird erklärt als „lexikalische Bedeutung“ (denota- tiv=designativ=referential) und „affektive“ bzw. „metaphorische“ Bedeutung (konnotativ=emotive= metaphorical). Das semantische Differential soll nach Osgood et al. nicht die denotative Bedeutung eines Wortes messen, sondern die emotionale Reaktion eines Hörers auf ein Wort. (Osgood et al. 1967, 320-325).

6 Man könnte hier die Begriffe Denotat und Konnotat näher bestimmen. Dies erscheint allerdings nicht notwendig, da Osgood selbst diese Begrifflichkeit aufgibt (siehe Kapitel 4.3.2, Seite 11).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das semantische Differential in der Dialektforschung
Untertitel
Untersuchung einer Methode
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Regionale Standardvarietäten
Note
1.0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2007
Seiten
32
Katalognummer
V85452
ISBN (eBook)
9783638006644
ISBN (Buch)
9783638914208
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Differential, Dialektforschung, Regionale, Standardvarietäten, semantisches Differential, Faktorenanalyse
Arbeit zitieren
Florian Ilg (Autor), 2007, Das semantische Differential in der Dialektforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85452

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