Rezension zu Peter Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" - Grenzerfahrungen eines geisteskranken Torwarts lassen über existentielle Zusammenhänge nachdenken


Rezension / Literaturbericht, 2006
2 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Grenzerfahrungen eines geisteskranken Torwarts lassen über existentielle Zusammenhänge nachdenken

„Dem Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann gewesen war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, dass er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, dass bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände.“

Mit diesem Ereignis, das nur in der Wahrnehmung des Protagonisten in Peter Handkes Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ stattfindet, zerfällt das wohl geordnete Leben des ehemaligen Torwarts von einem Tag auf den anderen. Er weiß von nun an nichts mit sich anzufangen, lungert herum, sieht nur zu, ohne einzugreifen. Alles stört ihn, denn er scheint eine gesteigerte Sinneswahrnehmung zu haben, die sich allerdings auf Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen beschränkt. Er versucht, das Agieren seines Gegenübers einzuschätzen und vorwegzunehmen, so, wie es auch ein guter Torwart tun sollte, wenn er einem Elfmeterschützen gegenübersteht. Doch offensichtlich nahm Blochs Karriere mit einer solchen Situation ein jähes Ende und er ließ den Ball ins Tor gehen. Seitdem verliert er in zunehmendem Maße den Bezug zur Realität. Die Dinge geschehen, doch sie bedeuten nichts. Die Grenze zwischen Wichtigem und Unwichtigem verwischt, verschwindet letztendlich. Alles ist gleichberechtigt. Aber wenn alles wichtig ist, ist auch alles unwichtig und der Protagonist endet im Chaos.

Bloch findet sich in der offenbar funktionierenden Welt nicht mehr zurecht, nichts scheint einen Sinn zu ergeben, alles verstört ihn. Somit wird die Umgebung für ihn zur existentiellen Qual. Bloch flüchtet sich ins dunkle Kino, verliebt sich in die Kassiererin, mit der er schließlich im Bett landet. Trotzdem hält er alle Menschen auf Distanz, da ein freundschaftliches Verhältnis seine ständigen Einschätzungen erschweren und gar behindern könnte. Schließlich muss auch ein Torwart den Schützen richtig einschätzen, um zielgerichtet reagieren zu können. Auf die Frage der Kassiererin, ob er am heutigen Tag arbeiten ginge, antwortet er mit Mord. Er würgt die Frau ohne jegliche Gefühlsäußerung. Seine Reaktion ist schnell erläutert: Bloch müsste sich mit seiner eigenen Schätzung, dass er gekündigt sei, auseinander setzen und hätte Angst, dass sie falsch sein könnte. Um diesem Scheitern, das er nur erahnt, zu entkommen, bringt er die Kassiererin kurzerhand um ihr Leben.

Mord und (körperliche) Liebe stehen direkt nebeneinander, erscheinen in gleichem Maße banal, die Dinge bedeuten nichts, nicht für Bloch. Er nimmt sich selbst überdeutlich und doch wie einen Fremden wahr. Er sucht nach Zusammenhängen, Begründungen, einem Sinn.

Die Erzählung enthält nur selten direkte Rede, denn der Protagonist beobachtet die Interaktion vielmehr und versucht sie zu deuten.

Der Rezipient muss sich vollständig auf die Realitätsentfremdung einlassen, da er sonst den Geist des Romans verfehlt und nicht verstehen kann. Die Entfernung des Protagonisten von der Wirklichkeit gipfelt in der Darstellung der Sprache: Bloch verliert die Verknüpfung der Wörter und ihrer Bedeutung. Handke nutzt Piktogramme als Ausdrucksmöglichkeit. Hier findet also eine weitere Reduzierung der Wahrnehmungs- um die Abstraktionsebene statt: Zuerst wird die Syntax aufgelöst, dann verliert Bloch die Arbitrarität der sprachlichen Zeichen, so kann er das geschriebene Wort Stuhl nicht mehr mit dem Gegenstand verbinden und nutzt dafür Zeichnungen. Die Wahrnehmung des Protagonisten und damit auch des Rezipienten wird entautomatisiert, er macht sich Gedanken um die Illustration von Realität. Bloch erkennt demnach die Unzulänglichkeit sprachlicher Abbildungen und versucht, über die graphische Darstellung der Realität näher zu kommen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 2 Seiten

Details

Titel
Rezension zu Peter Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" - Grenzerfahrungen eines geisteskranken Torwarts lassen über existentielle Zusammenhänge nachdenken
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
2
Katalognummer
V85489
ISBN (eBook)
9783638013697
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Peter, Handkes, Angst, Tormanns, Elfmeter, Grenzerfahrungen, Torwarts, Zusammenhänge
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Isabelle Strohkamp (Autor), 2006, Rezension zu Peter Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" - Grenzerfahrungen eines geisteskranken Torwarts lassen über existentielle Zusammenhänge nachdenken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85489

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