Sexueller Kindesmissbrauch. Folgeschäden und Therapiemöglichkeiten


Hausarbeit, 2006
55 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Darstellung des Aufbaus der Arbeit:

Einleitung

1. Kindesmisshandlung und sexueller Kindesmissbrauch
1.1 Formen der Kindesmisshandlung
1.2 Sexueller Kindesmissbrauch

2. Die Folgen sexuellen Missbrauchs bei Kindern
2.1 Folgen aus entwicklungspathologischer Sicht
2.2 Längerfristige psychische Entwicklungsfolgen
2.3 Psychische Störungen als Langzeitfolgen
2.4 Ehemalige Missbrauchsopfer als Täter
2.5 Bewertung der Folgen bei Gutachten

3. Verarbeitung von sexuellem Missbrauch bei Kindern
3.1 Psychosoziales Befinden nach sexuellem Missbrauch
3.1.1 Variablen des Kindes
3.1.2 Reaktionen des sozialen Umfeldes

4. Therapie bei sexuellem Kindesmissbrauch
4.1 Aufbau einer therapeutischen Beziehung
4.2 Familientherapie bei sexuellem Missbrauch
4.3 Therapeutische Ziele und Interventionsmöglichkeiten
4.3.1 Interventionstechniken bei posttraumatischen Belastungsstörungen
4.3.2 Begleitende Psychopharmakatherapie
4.4 Beendigung der Therapie

Fazit

Quellenangaben

Literatur

Internet

Darstellung des Aufbaus der Arbeit:

(Punkte 1 und 2 erarbeitete Hans-Peter Tonn, Punkte 3 und 4 erstellte Britta Daniel.

Die Einleitung und das Fazit wurden gemeinsam formuliert.)

Einleitung

In dieser Prüfungsleistung werden wir uns mit den Folgen sexuellen Missbrauchs für die Opfer und mit Therapiemöglichkeiten beschäftigen. Die Folgen von sexuellem Missbrauch sind wissenschaftlich gesehen noch ein recht junges Thema. Nachdem Freud erste Versuche mit der Psychoanalyse unternahm, um auf diesem Gebiet zu forschen, begannen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Forscher mit der Aufarbeitung von Entwicklungsschäden. In den 70er Jahren gab es erstmals breitere Fachliteratur. In den 80er Jahren erfuhr das Thema in den USA bereits unsachliche Überbewertung. Die Folgen sexuellen Missbrauchs werden heute teils vernachlässigt, teils überschätzt, teils bagatellisiert, teils politisiert. In der öffentlichen Diskussion um sexuellen Missbrauch vermischen sich zwei Betrachtungsweisen: zum einen der sexuelle Missbrauch als ein Verstoß gegen die sozialen Normen, zum anderen sexueller Missbrauch als schädigendes Verhalten mit der Annahme, dass etwas, was ich als besonders abscheulich empfinde, auch besonders starke Schädigungen hervorrufen muss.

In dieser Hausarbeit werden wir versuchen herauszufinden, was die heutige Wissenschaft zum jetzigen Zeitpunkt über die Folgen sexuellen Missbrauchs, z.B. die Entstehung späterer Krankheiten, und die Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten, sagt.

Dazu werden wir in Kapitel eins zunächst sexuellen Missbrauch definieren. Ebenso halten wir eine Definition von Kindesmissbrauch und dessen möglicher Formen überhaupt für sinnvoll, da sexueller Missbrauch häufig von anderen Gewaltformen des Kindesmissbrauchs begleitet wird. Dieser Hintergrund ist wichtig für die Betrachtung der Folgen von sexuellem Missbrauch, die unter diesem Aspekt differenzierter und nicht eindimensional und monokausal betrachtet werden müssen.

Am Ende dieser Arbeit werden wir ein Fazit über den bisherigen Forschungsstand ziehen und aus diesen Ergebnissen Schlussfolgerungen für unsere sozialpädagogische Arbeit ziehen.

1. Kindesmisshandlung und sexueller Kindesmissbrauch

1.1 Formen der Kindesmisshandlung

Kindesmisshandlung

Eine Kindesmisshandlung ist nach Anette Engfer eine gewaltsame körperliche oder psychische Beeinträchtigung von Kindern durch Eltern oder Erziehungsberechtigte. Hervorgerufen werden diese Beeinträchtigungen durch Missbrauchshandlungen wie sexuellem Missbrauch und körperlichen Misshandlungen oder durch Unterlassung, z.B. emotionale und psychische Vernachlässigung.

Es gibt zwei Begriffe von Misshandlung, einen engeren und einen weiteren. Von Misshandlungen „im engeren Sinn“ spricht man dann, wenn Kinder körperlich verletzt werden. Bei psychischer Misshandlung, aber auch bei den meisten Fällen von sexuellem Missbrauch, können diese körperlichen Zeichen nicht beobachtet werden. Aus diesem Grund wird versucht, den Stärkegrad des schädigenden Verhaltens abzuschätzen. Hierfür wird bewertet, wie stark ein im Rahmen der Misshandlung gefordertes oder erduldetes Verhalten des Kindes von kulturell normativem Verhalten abweicht. Bei sexuellem Missbrauch zählt hierzu z.B. versuchter oder erzwungener Geschlechtsverkehr. Der Begriff der Misshandlung ist vor allem bei strafrechtlichen Entscheidungen grundlegend von Bedeutung. Durch die Feststellung, ob eine Kindesmisshandlung vorliegt oder nicht (weil das Kind z.B. durch Krankheit oder Unfall verletzt wurde), soll falschen Diagnosen und Strafen für Eltern bzw. für andere Täter vorgebeugt werden.

Kindesmisshandlung „im weiteren Sinn“ liegt dann vor, wenn es um Handlungen oder Unterlassungen geht, die nicht zwangsläufig physische oder psychische Schädigungen bei Kindern zur Folge haben. Sie weichen deutlich weniger von der Norm ab und werden heute noch von vielen Eltern ausgeübt (z.B. Schlagen, Bestrafen mit Liebesentzug, häufiges Schimpfen). In bezug auf sexuellen Missbrauch zählen hierzu Fälle ohne Körperkontakt wie Exhibitionismus oder einmalige, kaum schädigende Handlungen wie Küsse in sexualisierter Form oder die Berührung der Brust eines Mädchens.

Es gibt verschiedene Formen von Gewalt gegen Kinder. Dazu zählen körperliche Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch und emotionale Vernachlässigung. In bezug auf die Häufigkeit des Vorkommens lässt sich feststellen, dass Vernachlässigung deutlich mehr vorkommt als körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch.

In den USA sind alle genannten Misshandlungsformen meldepflichtig. Dort wurden 1995 etwa drei Millionen Misshandlungsfälle gemeldet. Von diesen wurde etwa ein Drittel bis die Hälfte statistisch ausgewertet. Bei dieser Auswertung von Emery und Laumann-Billings (1998) kam man zu folgenden Ergebnissen, bezogen auf die Häufigkeit der unterschiedlichen Gewaltformen:

54% körperliche Vernachlässigung

25% körperliche Misshandlung

11% sexueller Missbrauch

3% emotionale Vernachlässigung

7% nicht eindeutig einstufbar

Zwar können diese us-amerikanischen Verhältnisse nicht eins zu eins auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland übertragen werden. Es gibt jedoch deutsche Studien von Wetzels aus dem Jahr 1997, die zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, nämlich, dass doppelt so viele Kinder körperliche Gewalt erfahren im Verhältnis zu der Zahl der Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs werden.

Die oben genannten Gewaltformen voneinander zu trennen, ist nicht ohne weiteres möglich, da es zwischen den einzelnen Formen von Gewalt oft zu Überschneidungen und zeitlichen Verkettungen kommt. In Fällen, die in amerikanischen Kinderschutzregistern gelistet sind, konnte eine Überschneidung und Verkettung in 36 – 94 % der Fälle festgestellt werden. Dies führt dazu, dass sich die spezifischen Auswirkungen der verschiedenen Gewaltformen nur schwer nachweisen lassen. Ebenfalls ist es dadurch kaum möglich, die Frage zu beantworten, welche Form von Gewalt die schädlichsten Folgen verursacht (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 3f).

Um Kinder vor Kindesmisshandlung zu schützen und in bekannt gewordenen Fällen zu intervenieren, gibt es in Deutschland Kinderschutzzentren, Jugendämter und präventiv ausgerichtete Einrichtungen wie Mütterzentren, Besuchsdienste von Säuglingsschwestern und pädiatrische Einrichtungen.

In den Kinderschutzzentren werden die meisten der heute üblichen Therapieformen bei den Kindern praktiziert: Familientherapie, Gesprächs- und Verhaltenstherapie, Partnerschaftsberatung, Kriseninterventionstherapie, Spieltherapie und Traumatherapie. Ob und wie effizient diese Maßnahmen wirken, kann bislang nicht ausreichend festgestellt werden, da die wissenschaftliche Auswertung auf diesem Gebiet gerade erst begonnen hat.

Eine Analyse von Präventionsprogrammen in den USA hat ergeben, dass vor allem diejenigen Programme Wirkung zeigen, die

- mindestens sechs Monate Betreuung und mehr als zwölf Familienkontakte beinhalten
- soziale Unterstützung auf Basis eines ressourcenorientierten Ansatzes bieten
- eine aktive Beteiligung der betroffenen Familien gewährleisten.

Präventive Kinderschutzmaßnahmen sind dieser Analyse zu Folge wirksamer als reaktive Maßnahmen (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 11).

Vernachlässigung

Nach Anette Engfer findet eine Vernachlässigung von Kindern dann statt, wenn Eltern oder betreuende Personen Kinder nicht ausreichend ernähren, pflegen, fördern, gesundheitlich versorgen, beaufsichtigen oder vor Gefahren schützen.

Vernachlässigung ist die häufigste Form von Kindesmisshandlung. Sie verläuft meist chronisch und tritt oft in Verbindung mit anderen Gewaltformen wie körperlichen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch auf (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 4f).

Psychische Kindesmisshandlung

Von psychischer Misshandlung spricht man nach Engfer, wenn Handlungen oder Unterlassungen stattfinden, bei denen Eltern oder betreuende Personen Kinder überfordern, ängstigen oder ihnen das Gefühl geben, wertlos zu sein.

Nach Glaser können hierzu folgende elterliche Verhaltensweisen zählen:

- Ignorieren des Kindes
- emotional nicht verfügbar sein
- Ablehnung und Abwertung des Kindes
- Entwicklungsunangemessene Verhaltensweisen gegenüber dem Kind (z.B. das Kind überfordern, überbehüten, einengen, mangelhaft vor traumatischen oder verwirrenden Erfahrungen schützen)
- Individualität und psychische Grenzen nicht akzeptieren (z.B. wenn das Kind zur Befriedigung elterlicher Bedürfnisse benutzt wird)
- Mangelhafte Förderung kindlicher Sozialkompetenz

Hinter diesen elterlichen Verhaltensweisen stehen im wesentlichen zwei grundlegende Aspekte, nämlich zum einen die Abwertung und Ablehnung des Kindes (emotionale Misshandlung) und zum anderen die mangelhafte Förderung der Sozialkompetenz des Kindes (psychische Vernachlässigung). Weitere Aspekte sind Bedrohung bzw. Einschüchterung und soziale Isolierung.

Bei der Definition von emotionaler und psychischer Misshandlung gibt es folgende Probleme:

- Es ist schwer festzulegen, welches Elternverhalten noch als normativ tolerierbar gelten soll und welches nicht mehr (z.B. Liebesentzug, Ignorieren des Kindes).
- Es ist abhängig vom Alter und der individuellen Persönlichkeit des Kindes, wie diese Werturteile ausfallen.

Psychische Misshandlung ist nach Garbarino und Vondra (1987) die häufigste und gleichzeitig schädlichste Form von Gewalt an Kindern. Die Begründung liegt darin, dass alle Gewaltformen in der Regel mit psychischer Misshandlung einhergehen. Wenn Kinder geschlagen werden, werden sie zumeist auch beschimpft und angeschrien. Bei sexuellem Kindesmissbrauch demonstriert ein Täter bzw. eine Täterin in vielfältiger Weise seine Überlegenheit und Macht gegenüber dem Kind, z.B. durch Drohungen, mangelnden Respekt, Abwertung des Kindes und allein dadurch, dass er bzw. sie seine/ ihre sexuellen Bedürfnisse über die des Kindes stellt.

Psychische Gewalterfahrungen steigern außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder, die diese Gewalt erfahren haben, zusätzlich Opfer sexuellen Missbrauchs werden. Pädophile Opfer wissen, dass diese Kinder sich nach Liebe und Anerkennung sehnen, und nutzen diese Tatsache für sich (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 6f).

Körperlicher Missbrauch

Mit körperlicher Misshandlung sind laut Engfer gewaltsame Handlungen wie Schläge, Stöße, Schütteln, Verbrennungen, Stiche und andere physische Einwirkungen gemeint, die körperliche Verletzungen beim Kind zur Folge haben.

Dabei ist nicht allein die Intensität der Gewalteinwirkung entscheidend, sondern auch die situativen Umstände (z.B. ein Kind wird gegen eine Mauer geschubst und nicht auf das Sofa). Ebenso spielt die Empfindlichkeit des Kindes eine wichtige Rolle (z.B. kann heftiges Schütteln eines Säuglings zu lebensbedrohlichen Hirnblutungen führen).

Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass körperliche Bestrafung bei der Hälfte bis zwei Dritteln der deutschen Eltern Bestandteil des von ihnen praktizierten Erziehungsstils ist. Zehn bis fünfzehn Prozent der deutschen Eltern bestrafen ihre Kinder körperlich sogar relativ oft und intensiv. Verhaltensauffällige und geistig oder körperlich behinderte Kinder unterliegen dabei einem bis zu dreimal höheren Risiko, körperliche Bestrafung zu erleben. (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 7ff).

Sexueller Missbrauch

Bei sexuellem Missbrauch handelt es sich um sexuelle Übergriffe, die in der Regel gegen den Willen des Kindes stattfinden. Der Täter bzw. die Täterin ist dem Opfer in den meisten Fällen überlegen in Bezug auf Alter, Reife oder Macht.

Es gibt einige sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die sexuellen Missbrauch über sexuelle Handlungen oder Erfahrungen operationalisieren und nach dem Grad ihrer Intensität in Kategorien einordnen. Diese können wie folgt gegliedert sein:

a) leichte Formen von sexuellem Missbrauch

Hiermit sind Missbrauchsformen gemeint, die keinen Körperkontakt beinhalten. Darunter fällt z.B. Exhibitionismus, anzügliche Bemerkungen, das Opfer entgegen dessen Willen beim Baden oder Anziehen beobachten oder das Zeigen von Pornos.

b) wenig intensive Formen von Missbrauch

Hierunter fällt z.B., die Berührung der Brust oder die versuchte Berührung der Genitalien des Opfers sowie Küsse in sexualisierter Form.

c) intensiver Missbrauch

Dazu zählt das Vorzeigen und Berühren der Genitalien, das Masturbieren des Opfers vor dem Täter oder des Täters vor dem Opfer.

d) intensivster Missbrauch

Hierunter fällt die versuchte oder vollzogene orale, anale oder vaginale Vergewaltigung.

Andere Studien unterscheiden nur in drei Kategorien, nämlich sexueller Missbrauch ohne oder mit Körperkontakt sowie als drittes mit Versuchter oder vollzogener Penetration. Weitere Indikatoren für Intensität können sein: Dauer, Häufigkeit, die Beziehung zwischen Opfer und Täter und das Alter des Opfers bei Missbrauchsbeginn (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 11f).

1.2 Sexueller Kindesmissbrauch

Häufigkeit und Dunkelfeld

Für Aussagen über die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs in Deutschland kann man zum einen die polizeiliche Kriminalstatistik auswerten. Zum anderen gibt es Dunkelfeldstudien im sozialwissenschaftlichen Bereich, aus denen sich Zahlenwerte ergeben. Klinische Studien eignen sich nach Engfer nicht zur Auswertung, da die Missbrauchsopfer in therapeutischen Einrichtungen in der Regel untypisch für die übrige Gesamtbevölkerung sind (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 12).

Die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2005 wies 13.962 Fälle (entspricht 17 Fällen pro 100.000 Einwohner) sexuellen Missbrauchs an Kinder im Sinne von §176 StGB aus. Gegenüber 2004 stellt diese Zahl eine Abnahme der Fälle um 8,5% dar (2004: 15.255 Fälle). Gleichzeitig ist es die niedrigste festgestellte Zahl seit 1993. Bei sexuellem Missbrauch (vollendet oder versucht) lag der Verwandtenanteil bei 18,2 %, der Bekanntenanteil bei 30,7%. Etwa 37% der angezeigten Missbrauchsfälle wurden von Fremdtätern verübt. In den übrigen Fällen blieb der Status des Täters ungeklärt (Quelle: Bundesministerium des Inneren, http://www.bmi.bund.de, 29.07.2006).

In den Dunkelfeldstudien der Sozialwissenschaften machen Fremdtäter dagegen nur einen Anteil von 20-30% der Gesamtfälle aus.

In sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, bei denen jüngere Erwachsene rückblickend schriftlich über eigene Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen befragt wurden, ergab dies bei Frauen eine Missbrauchsquote zwischen 6% und 25%, bei Männern zwischen 2% und 8%. Die Differenz zwischen den jeweils festgestellten Werten liegt an den unterschiedlichen verwendeten Definitionen von sexuellem Missbrauch, welche Handlungen einbezogen und welche Altersgruppe befragt wurden.

Sehr hohe Missbrauchsquoten wurden dann festgestellt, wenn:

- leichte Formen sexuellen Missbrauchs (ohne Körperkontakt) einbezogen wurden
- geringe Altersunterschiede zwischen Tätern und Opfern, bzw. sexuelle Erlebnisse mit Gleichaltrigen berücksichtigt wurden
- sexuelle Erfahrungen bis zum 16. bzw. 18. Lebensjahr mit einbezogen wurden

Werden nur Opfer bis zum 14. Lebensjahr berücksichtigt und die Handlungen jugendlicher Täter ausgeschlossen, so fallen die Missbrauchsquoten mit 6% bis 10% bei Frauen und 2% bis 3,4% bei Männern deutlich niedriger aus.

Laut Engfer lässt sich feststellen, dass die Häufigkeit des Vorkommens von sexuellem Missbrauch in Deutschland inzwischen von sozialwissenschaftlicher Seite recht ausreichend untersucht wurde. Engfer vermutet aber bei den festgestellten Zahlen eher eine Unterschätzung, da in einmalig stattfindenden Befragungen nach ihrer Erfahrung nicht alle Erlebnisse erinnert oder benannt werden. Zudem besteht der Verdacht, dass insbesondere innerfamiliärer Missbrauch häufig aus Scham oder Angst nicht von den Opfern berichtet wird, und hier eine hohe Dunkelziffer vorliegt.

Bezüglich eines historischen Trends der Zu- oder Abnahme von sexuellem Missbrauch lassen sich wissenschaftlich keine eindeutigen Aussagen treffen. Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass sexueller Missbrauch bereits vor hundert Jahren in ähnlicher Häufigkeit stattfand wie heute (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 12f).

Opfer von sexuellem Missbrauch

In früheren Studien Anfang der achtziger Jahre vermutete man beim Verhältnis der Opfer sexuellen Missbrauchs einen Mädchenanteil von 9:1. Heute schwanken die angenommenen Zahlenverhältnisse zwischen 2:1 und 6:1. In allen Studien überwiegt der Anteil weiblicher Opfer. Durchschnittliche Stichproben ergaben, das 15% bis 30% aller Mädchen und 3% bis 15% aller Jungen Gewalt in Form von sexuellem Missbrauch erlebt haben.

Bezogen auf den Grad der Intensität des erlebten sexuellen Missbrauchs gehen die meisten Studien davon aus, dass beide Geschlechter zu etwa 20% den intensivsten Missbrauch mit Penetration erfahren. Bei Jungen liegt häufiger als bei Mädchen sexueller Missbrauch ohne Körperkontakt vor. Mädchen erleben in der Hälfte aller Vorfälle die Berührung der Genitalien. Mädchen werden also nicht nur häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs, auch der Intensitätsgrad ist bei ihnen höher.

Bei Jungen findet der Missbrauch mehr als bei Mädchen außerhalb der Familie und durch Fremde statt. Jungen gehören öfter zu einer Gruppe von ebenfalls missbrauchten Jungen. Sie werden häufiger von Gleichaltrigen oder kaum älteren Jugendlichen missbraucht.

Bezüglich der Anwendung von Gewalt im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch gibt es widersprüchliche Studienergebnisse. Einige Studien belegen, dass Jungen mehr als Mädchen mit Drohungen und Gewalt zum sexuellen Missbrauch gezwungen werden. Andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass junge Frauen doppelt so oft wie junge Männer zum sexuellen Missbrauch gezwungen werden.

Im Bezug auf die soziale Schichtzugehörigkeit der Opfer lässt sich kein gesicherter Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht und dem Risiko, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden, feststellen.

Dagegen besteht für geistig bzw. körperlich behinderte Kinder ein erhöhtes Risiko, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. Durch ihre Behinderungen, die unter Umständen sogar Folge eines Missbrauchs sein können, ist die Aufdeckung von Missbrauchsfällen erschwert.

Zum Alter von sexuell missbrauchten Kindern lässt sich feststellen, dass grundsätzlich alle Altersklassen betroffen sind. Es ist jedoch eine besondere Häufung im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren zu beobachten. Bezogen auf das Gesamtvorkommen von sexuellem Missbrauch in den unterschiedlichen Altersgruppen ergibt sich folgende ungefähre Verteilung: bei Kindern im Kleinkind- und Vorschulalter bis fünf Jahre liegt der Anteil zwischen 8% und 14% der Gesamtfälle. Die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch sind in der Gruppe der 5 bis 14jährigen festzustellen. In dieser Altersstufe erfolgen 72,6% der gesamten Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch. Bei der Gruppe der über 14jährigen liegt der Anteil bei 19,3%.

Bei dem Anteil der Missbrauchsfälle im Kleinkind- und Vorschulalter könnte eine Unterschätzung der Lage vorliegen, da diese frühen Missbrauchserlebnisse im Erwachsenenalter rückblickend bei Befragungen schlechter erinnert werden können.

Mehrere Studien, unter anderem von Finkelhor (1990), kommen zu dem Ergebnis, dass Kinder insbesondere dann gefährdet sind, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, wenn in ihren Familien bereits andere Faktoren vorliegen wie z.B. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Partnerschaftskonflikte, psychische Vernachlässigung, übertriebene Strenge oder andere Gewaltformen. Ergebnisse aus Täterbefragungen lassen den Schluss zu, dass Täter sich genau diese Kinder mit den genannten Familienstrukturen aussuchen. Die Kinder sind oft für diese Kontakte sensibel, weil sie in ihren Familien keine ausreichenden Schutz und Fürsorge erleben (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 13f).

Täterinnen und Täter sexuellen Missbrauchs

Bei 78,7% der männlichen Missbrauchsopfer und bei 97,5% der weiblichen Missbrauchsopfer sind die Täter Männer. Bezogen auf den Anteil weiblicher Täterinnen ist anzunehmen, dass ihr Anteil unterschätzt wird. Dies liegt unter anderem an der Tatsache, dass es Frauen sozial eher gestattet wird, Körperkontakt zu Kindern zu haben. Dies gibt Täterinnen die Möglichkeit, ihre Missbrauchshandlungen besser zu verschleiern. Zum anderen sehen sich männliche Jugendliche, die sexuelle Erfahrungen mit älteren Frauen gemacht haben, seltener als Missbrauchsopfer.

In der öffentlichen Diskussion wird, wenn von „sexuellem Missbrauch“ die Rede ist, oft ein Inzestverhältnis zwischen Vater und Tochter in diesen Begriff hineininterpretiert. Tatsächlich werden aber nach internationalen Studien nur 2 % bis 3% der Mädchen von ihrem leiblichen Vater sexuell missbraucht. Deutlich höher ist das Risiko, durch einen Stief- oder Pflegevater zum Missbrauchsopfer zu werden. Deutsche Studien gehen von besonders schwerem Missbrauch durch Väter oder Stiefväter bei 1,3% bis 2,2% der Mädchen und bei 0,3% der Jungen aus.

Eine Studie von Bange (1992) an Dortmunder Studentinnen kam zu folgender Aufgliederung der Tätergruppen in der Reihenfolge ihrer Vorkommenshäufigkeit: die Hälfte aller Missbrauchsfälle erfolgt durch Bekannte, ein Viertel durch Verwandte und Angehörige (z.B. Väter, Großväter, Onkel, Brüder, Cousins). Bei einem Fünftel der Täter handelt es sich um Fremde. In der gleichen Studie wurden männliche Studenten befragt. Bei ihnen gibt es die gleichen Tätergruppen. Der Anteil der Angehörigen und Verwandten ist jedoch um ein Fünftel niedriger. Der Anteil fremder Täter ist dagegen um ein Drittel größer. Internationale Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Bei den meisten Fällen von sexuellem Missbrauch handelt es sich um einmalige Vorkommnisse. Dies trifft in den Studien von Bange (1992) und Bange und Deegner (1996) etwa bei 70% bis 75% der männlichen Opfer und bei 60% bis 66% der weiblichen Opfer zu. Sind die Täter Verwandte oder Angehörige, kommt es dagegen häufig zu wiederholtem sexuellem Missbrauch, der Tage, Wochen oder sogar Jahre dauern kann.

In etwa 6% bis 12% der Missbrauchsfälle dauert der Missbrauch ein Jahr oder länger. Häufig handelt es sich dann um intensivsten Missbrauch mit Penetration.

Angedrohte und ausgeübte Gewalt im Zusammenhang mit sexuellm Missbrauch geschieht vor allem durch Fremde und Bekannte. Dies geschieht dreimal so oft wie bei sexuellem Missbrauch durch Verwandte und Angehörige. Diese nutzen eher die Gefühle der emotionalen Zuwendung, um ihre Opfer gefügig zu machen. Diese Vermischung von Gefühlen und sexuellem Missbrauch kann zu einer erschwerten Verarbeitung des Missbrauchs führen (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 14f).

Erklärungen für sexuellen Missbrauch

Nach Engfer gibt es bislang kaum wissenschaftliche Modelle, die sexuellen Missbrauch ausreichend erklären. Zu den allgemeinen Erklärungen in deutschen Argumentationen wird z.B. die geschlechtsspezifische Sozialisation von Männern genannt. Daraus ergeben sich bestimmte Männlichkeitsbilder und bestimmte Ansichten zu männlicher Sexualität. Weitere Erklärungsansätze sind erotische Darstellungen von Kindern in den Medien und die Ausnutzung des Machtgefälles zwischen Täter und Opfer.

In einer Studie von 1986 kommen Araji und Finkelhor zu folgenden vier Bedingungen, die erklären sollen, warum Männer Kinder missbrauchen:

1. Gestörte sexuelle Entwicklung

Es kann eine unvollständige oder gestörte sexuelle Entwicklung beim Täter vorliegen, die dazu führt, dass sich die Täter besonders zu Kindern als Liebesobjekt hingezogen werden.

2. Klassische Konditionierung durch Kinderpornographie

Durch Masturbation in Verbindung mit kinderpornographischen Bildern kommt es zu einer klassischen Konditionierung der sexuellen Erregung mit Phantasien von sexuellen Handlungen mit Kindern. Diese werden später in konkreten Handlungen umgesetzt.

3. Kinder als „Ersatzpartner“

Kinder stellen für den Täter bzw. die Täterin einen Ersatz für erwachsene Sexualpartner dar, die ihnen aus diversen Gründen nicht zur Verfügung stehen.

4. Enthemmende Faktoren

Die soziale Norm, die sexuelle Kontakte zu Kindern verbietet, wird außer Kraft gesetzt. Dies kann durch fehlende Impulskontrolle, geistige Behinderung oder enthemmende Substanzen wie Alkohol oder Drogen geschehen.

Eine weitere Erklärungsmöglichkeit ist die Reinszenierung des früheren eigenen sexuellen Missbrauchs nun in der Rolle als Täter. Nach aktuellen Studien kann davon ausgegangen werden, dass 30% der Täter selbst sexuellen Missbrauch erfahren haben. Diese Zahl wird aber möglicherweise falsch interpretiert. Eine Schwierigkeit in der Täterforschung liegt darin, dass nicht alle Täter die eigenen sexuellen Missbrauchserfahrungen zugeben. Zudem kann die Gruppe der befragten Täter in Haftanstalten und psychiatrischen Einrichtungen nicht als repräsentativ für alle Täter angesehen werden. Dadurch wird eine Entwicklung von täterorientierten Interventions- und Präventionsmöglichkeiten erschwert (Engfer, Anette in Egle et al.2005, S. 15f).

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Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Sexueller Kindesmissbrauch. Folgeschäden und Therapiemöglichkeiten
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen  (Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit)
Veranstaltung
Gewalt in der Familie – Sexueller Missbrauch
Note
1,0
Autoren
Jahr
2006
Seiten
55
Katalognummer
V85508
ISBN (eBook)
9783638011662
ISBN (Buch)
9783638916615
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexueller, Kindesmissbrauch, Gewalt, Familie, Missbrauch
Arbeit zitieren
Britta Daniel (Autor)Hans-Peter Tonn (Autor), 2006, Sexueller Kindesmissbrauch. Folgeschäden und Therapiemöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85508

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