Das Volk spielt in vielen Stücken des ausgehenden Mittelalters eine wichtige,
beziehungsweise immer wichtigere werdende Rolle. Die Zeit des Umbruchs und der
Rebellionen und Revolutionen in Europa hat begonnen und bestimmt zunehmend auch die
Literatur. In Shakespeares römischen Historiendrama Coriolanus widmet auch dieser sich der
Beziehung zwischen Volk und Herrscher. Versteckt unter dem Deckmantel der Antike zeigt
er in Anthony and Cleopatra, Julius Caesar und natürlich Coriolanus Parallelen zu der,
teilweise turbulenten, politischen Situation seiner Zeit auf.
William Shakespeare schrieb mit Coriolanus 1607/08 seine, wie angenommen wird, letzte
und wohl auch reifste Tragödie, ein Werk, das im antiken Rom spielt und dennoch ohne
Schnörkel und eher nüchtern daherkommt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Shakespeare Biographie
3. Inhalt Coriolanus
4. Parallelen Plutarch - Shakespeare
5. Shakespeares Zeit - politische Situation
6. Die Darstellung des Volkes im Coriolanus
6.1 Das Volk - Vorkommen im Text und Analyse
6.2 Annabel Patterson: The Popular Voice and the Jacobean State
7. Das Volk in Coriolanus im Vergleich zu anderen Shakespeare Stücken
8. Analyse body fable
9. Zusammenfassung, Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und die Rolle des Volkes in William Shakespeares spätem Historiendrama Coriolanus. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob Shakespeare das Volk als politisch bewusst agierende Masse zeichnet oder ob er ein von den Herrschenden manipuliertes, negatives Bild des „Pöbels“ transportiert, um aristokratische Interessen zu stützen.
- Analyse der Beziehung zwischen dem Volk und der herrschenden Aristokratie im antiken Rom.
- Untersuchung von Shakespeares persönlicher Haltung zum Volk vor dem Hintergrund seiner Zeit.
- Kontrastierung der Forschungsmeinungen, insbesondere zwischen Annabel Patterson und Uwe Klawitter.
- Analyse der rhetorischen Strategien und Machtinstrumente der Oberschicht (z.B. Menenius' „body fable“).
- Einordnung des Stücks in den Kontext zeitgenössischer politischer Unruhen (Hungersnöte und „Midland Insurrections“).
Auszug aus dem Buch
6.1 Das Volk – Vorkommen im Text und Analyse
Das Volk stellt in William Shakespeares Coriolanus den eigentlichen Gegenspieler der Hauptfigur dar. Shakespeare lässt es, wohl auch aufgrund seiner persönlichen Herkunft und Meinung, in einem relativ schlechten Licht dastehen.
Es betritt als wichtiger Faktor des Stücks die Bühne der Tragödie und ist nicht wie in der Literatur zuvor bloßes Beiwerk und beschränkt auf die komischen und niederen Genres. Dennoch beschreibt dieses Shakespearestück geradezu exemplarisch die Rolle, die das Volk in den folgenden Jahrhunderten einnehmen wird. So fassen Müller und Howald zusammen:
„Das Volk ist wankelmütig, opportunistisch, oft feige. Das Volk ist sprachlos, es redet durch und nebeneinander, es braucht darum herausragende Einzelne als seine Sprecher, Führer. Das Volk ist manipulierbar, von seinen Gegnern wie von seinen Führern. Das Volk ist uneins, weil es nicht sein Gesamtinteresse, sondern nur unmittelbare Partikularinteressen sieht.“
Dieses Bild des Volkes wird von Shakespeare als einem der ersten geformt, es folgen aber viele weitere.
Bezeichnet für die wichtige Rolle des Volkes in Coriolanus, ist das es die Eingangsszene des Dramas eröffnet. Dies ist einzigartig in der elisabethanischen Dramenliteratur. Das Volk klagt über die derzeitige Situation, die Hungersnot, und revoltiert. Sie werfen dem Patriarchat vor, Getreide zu horten, während sie Hunger leiden müssen, und verlangen, den Preis des Getreides selber festlegen zu dürfen, anstatt, den vom Senat vorgegebenen zu akzeptieren. Als den „chief enemy to the people“ bezeichnen sie den Kriegshelden Caius Martius, also Coriolanus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Vorstellung des Themas und der Forschungsrelevanz von Shakespeares Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Volk und Herrscher im Kontext der römischen Antike.
2. Shakespeare Biographie: Ein kurzer Überblick über das Leben des Dichters, seine Schulbildung, den Beginn seiner Theaterkarriere und seine Zeit in London.
3. Inhalt Coriolanus: Zusammenfassung der dramatischen Handlung, vom Aufstieg des Caius Martius bis zu seinem Verrat, der Verbannung und seinem Tod.
4. Parallelen Plutarch - Shakespeare: Erörterung der literarischen Quellen, insbesondere Plutarchs Biographien, und deren Einfluss auf die Charakterzeichnung des Coriolanus.
5. Shakespeares Zeit - politische Situation: Untersuchung der historischen Kontexte, insbesondere der Hungersnöte und Aufstände in England (Midland Insurrections), die zur Entstehung des Stücks beitrugen.
6. Die Darstellung des Volkes im Coriolanus: Analyse der Rolle des Volkes als Gegenspieler und politische Macht, unterteilt in eine direkte Textanalyse sowie die Interpretation nach Annabel Patterson.
7. Das Volk in Coriolanus im Vergleich zu anderen Shakespeare Stücken: Einordnung der Rolle des Volkes in Shakespeares Gesamtwerk und Kontrastierung mit den aristokratischen Charakteren.
8. Analyse body fable: Untersuchung der rhetorischen Funktion der berühmten Fabel von den Gliedern und dem Bauch, die Menenius Agrippa zur Manipulation des Volkes nutzt.
9. Zusammenfassung, Fazit: Synthese der Ergebnisse, die Shakespeares ambivalente Haltung und die tendenziell aristokratische Ausrichtung des Werkes unterstreicht.
Schlüsselwörter
William Shakespeare, Coriolanus, Römerdramen, Plebejer, Aristokratie, Machtverhältnisse, Politische Unruhen, Hungersnot, Annabel Patterson, Menenius Agrippa, Body Fable, Klassenkampf, Literaturwissenschaft, Dramenanalyse, Rhetorik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der plebejischen Schicht in Shakespeares letzter Tragödie Coriolanus und prüft, inwiefern das Volk als eigenständige politische Kraft oder als manipulierbare Masse dargestellt wird.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Dynamik zwischen Volk und herrschender Oberschicht, die Auswirkungen realer Hungersnöte auf die literarische Gestaltung, die Rolle der Rhetorik in politischen Diskursen sowie der Vergleich mit anderen Römerdramen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den ambivalenten Charakter der Volksdarstellung bei Shakespeare zu ergründen und die Hypothese zu prüfen, ob das Stück als Verteidigung der aristokratischen Ordnung oder als latente Kritik an sozialen Missständen verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur (etwa Annabel Patterson und Uwe Klawitter) sowie historischer Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Vorstellung, die biographischen und historischen Hintergründe, eine differenzierte Textanalyse der Volksrollen sowie eine spezifische Untersuchung der rhetorischen „body fable“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Neben dem zentralen Werk „Coriolanus“ sind dies „Plebejer“, „Aristokratie“, „politische Macht“, „Manipulation“ und „literaturwissenschaftliche Analyse“.
Inwieweit spielt die „body fable“ eine Rolle für die Machtverhältnisse im Stück?
Die Fabel dient Menenius Agrippa als Werkzeug, um die aufständischen Plebejer durch einen organischen Vergleich des Staates mit einem Körper zu beruhigen und von ihrem berechtigten Protest gegen die Getreideknappheit abzubringen.
Vertritt die Autorin die Auffassung, dass Shakespeare auf der Seite des Volkes stand?
Nein, die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Shakespeare trotz der Thematisierung sozialer Ungerechtigkeiten das Volk primär negativ und als manipulierbare Masse darstellt, womit er die Interessen der elisabethanischen Elite widerspiegelt.
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- Daniela Krämer (Author), 2006, Die Darstellung des Volkes in William Shakespeare’s 'Coriolanus', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85543