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Der Einfluss der Märchen auf die Frauen der Moderne

Title: Der Einfluss der Märchen auf die Frauen der Moderne

Diploma Thesis , 2007 , 86 Pages , Grade: 2

Autor:in: Antonia Turi (Author)

Ethnology / Cultural Anthropology
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Summary Excerpt Details

In den meisten Märchen der BRÜDER GRIMM mit weiblichen Märchenhelden wird in irgendeiner Form der schwierige Prozess des Reifwerdens der Protagonistinnen thematisiert. Die Mädchen und jungen Frauen befinden sich entweder im pubertären Alter oder in der Entwicklungsphase und Ausbildung zur heiratsfähigen Frau, wobei „heiratsfähig“ nicht allein das Alter der Frau meint, sondern vielmehr auf ihre innere bewusste und unbewusste Auseinandersetzung mit sich selbst hindeutet. Während dieses kurzen Ausschnitts in dieser wichtigen Lebensphase passieren auf recht unterschiedliche Art und Weise alle entscheidende Dinge für das weiter Leben der Mädchen: So schlafen sich die passive Dornröschen- und Schneewittchenfigur (KHM 50, KHM 53) gewissermaßen in den Hafen der Ehe hinein, ein Rapunzel (KHM 12) kann in völliger Abgeschiedenheit das Kommen eines Bräutigams, der sich dann noch als Sohn eines Königs entpuppt, erwarten. Die goldene Jungfrau in Frau Holle (KHM 24) hingegen erledigt allerlei Haus- und Hofarbeit in einer wundersamen Unterwelt und kommt schließlich als ausgereifte, ausgelernte Frau zurück nach Hause, wo ihr noch vor kurzem harte Gegenspielerinnen das Leben schwer gemacht hatten. Analog versucht auch ein Aschenputtel (KHM 21), die Zeit bis zur Eheschließung nicht ganz unbeteiligt und passiv an sich vorbei ziehen zu lassen: Sie vermag ihr Schicksal mithilfe übernatürlicher Helfer entscheidend zu beeinflussen, und ihr Engagement wird schließlich auch mit der Gunst des Prinzen belohnt, der sie als Gattin wählt und ihre beiden Stiefschwestern, deren Wangen nicht von Asche geschwärzt sind, verschmäht. Dies sind Geschichten, die meistens jungen Mädchen zu Hause oder in der Schule oder über die Medien, noch heute vor ihrem eigenen Reifeweg ins Erwachsenleben erzählt werden. Sie könnten zu diesem Zeitpunkt unterschiedliche Strategien oder abschreckende Modelle zur Bewältigung des oft holprigen und steinigen Wegs durch die Pubertät ins geschlechtsreife Alter darstellen. Möglicherweise fand der Modellcharakter für die nun schon erwachsene Frau der Moderne bereits statt und prägt deren Lebensgestaltung. Vielleicht erkennt sich die ein oder andere Frau der Gegenwart heute noch in einigen Verhaltensweisen der in dieser Arbeit vorgestellten Märchenheldinnen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

A) Theoretischer Teil

0 Einleitende Gedanken

0.1 Titelinterpretation

0.2 Übersicht über die vorliegende Arbeit

1 Thematische Reflexion

1.1 Abklärung der verwendeten Termini

1.2 Versuch einer Abgrenzung der Begriffe Volks- bzw. Kunstmärchen vs. Buchmärchen

2 Abriss der Geschichte der Märchen innerhalb der einschlägigen Forschung

3 Typische Formalia und Aufbau der Märchen

4 Analytische Darstellung von ausgewählten Frauenmärchen in der Literatur

4.1 Der gegensätzliche Reifeweg der Protagonistinnen Rapunzel und Aschenputtel

4.1.1 Die Ausgangssituationen der beiden Märchenheldinnen

4.1.2 Unterdrückung der Protagonistinnen: „Turm-Gefangenschaft“ vs. „Erniedrigung in der Asche“

4.1.3 Die Befreiung aus der Gefangenschaft: passive vs. aktive Lösungsstrategien

4.2 Interpretation der Bilder in Schneewittchen

4.2.1 Das Familiendrama: Sneewittchen als Opfer der einer mordlustigen Stiefmutter

4.2.2 Loslösung von der Familie: Sneewittchen entwickelt sich vom Kind zur Frau

4.3 König Drosselbart: Analyse der Aufenthaltsorte

4.3.1 Im väterlichen Schloss: Beleuchtung der Persönlichkeit der Prinzessin

4.3.2 Im Hause des Bettelmanns

4.3.3 Im Schloss des Königs Drosselbart

B) Empirischer Teil

1 Analyse der ausgewählten Märchen

1.1 Rapunzel, „die unbewegte Märchenheldin“ vs. Aschenputtel, „Eine Frau geht ihren Weg“

1.2 Schneewittchen: Familienaspekte

1.3 König Drosselbart: Bedeutungsmöglichkeiten der Aufenthaltsorte

2 Untersuchung zur Frage „Inwieweit beeinflusst das Märchen die Frauen der Moderne?“

2.1 Auswertung der allgemeinen Fragen zu den Märchen: „Teil A des Fragebogens“

2.2 Auswertung der „Fragen zu ausgewählten Märchen mit Protagonistinnen“: „Teil B des Fragebogens“

2.3 Auswertung des Teils mit den Fragen, die die aktuellen Eindrücke zum Märchen König Drosselbart betreffen: „Fragenbogen Teil B. 2“

3 Ausgewählte Märchen im vergleichenden Moment: Ihr Einfluss auf die Frauen der Moderne

C) Resümee und Schlussbemerkung

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht den diachronen und synchronen Einfluss der Märchen der Brüder Grimm auf das Selbstverständnis und die Lebenswelt moderner Frauen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, inwieweit Frauenmärchen, die einer vergangenen Zeit entstammen, heute noch in den Vorstellungen und Gefühlen von Frauen präsent sind und deren Lebenssicht oder Einstellungen beeinflussen.

  • Analyse der Reifeprozesse ausgewählter weiblicher Märchenfiguren (Rapunzel, Aschenputtel, Schneewittchen, König Drosselbart).
  • Untersuchung der Bedeutung von Symbolen und Aufenthaltsorten für die Identitätsbildung.
  • Empirische Erhebung durch Befragung von 20 Frauen zur Identifikation mit Märchenrollen.
  • Gegenüberstellung literaturwissenschaftlicher Interpretationen mit persönlichen Wahrnehmungen heutiger Frauen.
  • Reflexion über die anhaltende Präsenz patriarchaler Werte und Rollenbilder in der modernen Lebensgestaltung.

Auszug aus dem Buch

4.1.2 Unterdrückung der Protagonistinnen: „Turm-Gefangenschaft“ vs. „Erniedrigung in der Asche „

Der Begriff Aschenputtel „bezeichnet (diachronisch betrachtet) ursprünglich eine niedrige, schmutzige Küchenmagd, die sich um die Asche im Herd zu kümmern hatte.“ Ihrem staubigen und schmutzigen Aussehen, das durch ihre Arbeit in der Küche herrührt, zu der sie von ihren Stiefschwestern gezwungen wird, verdankt sie diesen Namen. Zwischen den Orten der Asche am Herd und dem Turm Rapunzels ist nach DREWERMANN (1994: 187) „ (...), symbolisch betrachtet, an sich gewiß kein Unterschied – beide Chiffren stehen für ein Leben, das kein Leben mehr ist, für ein Dasein in Einsamkeit und Gefangenschaft, (...)“, denn beide Heldinnen werden von ihrer Außenwelt ausgegrenzt und in ihrer Entwicklung blockiert.

„Aber die Art und die Ursache der seelischen Einengung sind hier wie dort auf charakteristische Weise verschieden.“ So wird Aschenputtel nach BETTELHEIM (2006: 275) aus einer Geschwisterrivalität heraus an den Herd verbannt, und das „zu einem Zeitpunkt an dem bereits ein gewisses Maß an Selbstständigkeit auf seiten des heranwachsenden Mädchens vorauszusetzen ist.“, wie DREWERMANN (1994: 188). Durch den Tod ihrer leiblichen Mutter, muss Aschenputtel lernen, für sich selbst zu sorgen und folglich Verantwortung zu übernehmen. Das Leben in der Asche symbolisiert nach BETTELHEIM (2006: 302) auch die Trauer über den Tod der Mutter, mit der der innere Entwicklungsprozess der Protagonistin ins Rollen gebracht wird.

Für Rapunzel hingegen stellt das Erlangen dieser Selbstständigkeit durch eine innere Entwicklung eine größere Hürde dar, da die Ursache ihrer Gefangenschaft im Turm nach DREWERMANN die Beziehung zwischen der Zauberin oder der „ (...) (Stief-)Mutter und Tochter hier nach Art einer Dualunion auf Identifikationen beruht, die noch weit unterhalb der Schwelle angesiedelt sind, an der es so etwas wie Konkurrenz und Eifersucht geben könnte.“ (ebd., 1994: 188). Das erklärt schließlich auch die Tatsache weshalb Rapunzel, im Gegensatz zu Aschenputtel, schön sein darf und die Zauberin auf diese Eigenschaft stolz ist: Sie identifiziert sich völlig mit ihrer Tochter.

Zusammenfassung der Kapitel

0 Einleitende Gedanken: Einführung in den Reifeprozess weiblicher Märchenfiguren und Darstellung der Relevanz dieser Geschichten für das moderne Frauenleben.

1 Thematische Reflexion: Definition der Gattung Märchen sowie Abgrenzung zwischen Volks-, Kunst- und Buchmärchen.

2 Abriss der Geschichte der Märchen innerhalb der einschlägigen Forschung: Überblick über die historische Entwicklung der Märchenerzählkultur vom Altertum bis zur Romantik.

3 Typische Formalia und Aufbau der Märchen: Beschreibung der strukturellen Merkmale und des „roten Fadens“ in europäischen Volksmärchen.

4 Analytische Darstellung von ausgewählten Frauenmärchen in der Literatur: Psychologische und literaturwissenschaftliche Analyse von Rapunzel, Aschenputtel, Schneewittchen und König Drosselbart.

B) Empirischer Teil: Durchführung und quantitative sowie qualitative Auswertung der Befragung von 20 Frauen zu ihrem Märchenbezug.

C) Resümee und Schlussbemerkung: Zusammenführung der theoretischen Befunde mit den empirischen Ergebnissen und Reflexion der erarbeiteten Schlussfolgerungen.

Schlüsselwörter

Märchen, Gebrüder Grimm, Reifeprozess, Frauenbild, Rapunzel, Aschenputtel, Schneewittchen, König Drosselbart, Sozialverhalten, Tiefenpsychologie, Weiblichkeit, Geschlechterrolle, Identifikation, Erziehung, Patriarchat

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss Märchen der Gebrüder Grimm auf das Selbstverständnis und die Einstellungen von Frauen der Moderne haben.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentral sind der Reifeprozess weiblicher Protagonistinnen, die Bedeutung von Symbolen in Märchen sowie die Identifikation moderner Frauen mit klassischen Märchenfiguren.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, diachronisch und synchron zu eruieren, inwieweit traditionelle Märchenstoffe auch heute noch Vorstellungen, Gefühle und Lebensentwürfe von Frauen prägen.

Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?

Die Arbeit verknüpft eine theoretische Literaturanalyse (psychologisch/literaturwissenschaftlich) mit einem empirischen Teil, bestehend aus einer Befragung von 20 Frauen unterschiedlicher Altersgruppen und Lebensphasen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse ausgewählter "Frauenmärchen" und eine darauf aufbauende empirische Untersuchung, die das heutige Rezeptionsverhalten widerspiegelt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Schlüsselwörter sind unter anderem Märchen, Reifeprozess, Weiblichkeit, Geschlechterrollen, Identifikation und psychologische Symbolik.

Welche Rolle spielt "König Drosselbart" im Vergleich zu den anderen Märchen?

Im Gegensatz zu den anderen untersuchten Zaubermärchen ist König Drosselbart den meisten Befragten kaum bekannt. Er wird als "Erziehungsmärchen" und "Zähmung der Widerspenstigen" analysiert, wobei die Prinzessin eine massive Transformation durchläuft.

Warum spielt die Stiefmutter eine so zentrale Rolle bei der Identifikation?

Die Stiefmutter wird von den befragten Frauen meist als Inbegriff von Bosheit und Neid wahrgenommen und dient oft als negatives Projektionsfeld für Erfahrungen mit Konkurrenz unter Frauen.

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Details

Title
Der Einfluss der Märchen auf die Frauen der Moderne
College
LMU Munich  (für Deutsche und vergleichende Volkskunde)
Grade
2
Author
Antonia Turi (Author)
Publication Year
2007
Pages
86
Catalog Number
V85588
ISBN (eBook)
9783638900454
Language
German
Tags
Einfluss Märchen Frauen Moderne
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Antonia Turi (Author), 2007, Der Einfluss der Märchen auf die Frauen der Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85588
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