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Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren

Poetologische "Berechnungen" und politische Dimensionen im Roman "Das steinerne Herz"

Title: Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren

Term Paper (Advanced seminar) , 1997 , 24 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Jana Thiele (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Der Roman "Das steinerne Herz" birgt auch noch rund fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung eine innovative Kraft, die die Lektüre faszinierend macht. Dem Autor gelingt eine anschauliche Darstellung des Zeitgeschehens der 50er Jahre, die den ironisierenden Untertitel „historischer Roman“ voll gerechtfertigt erscheinen läßt. Die Arbeit nähert sich dem Roman von zwei Seiten:
Erstens werden Schmidts poetologische Voraussetzungen betrachtet. Anhand der 1955/56 erschienenen "Berechnungen" wird untersucht, wie Schmidts präzise Wirklichkeitsbeschreibung gelingt. Reinhard Baumgart schreibt, „daß Schmidts Prosa Trümmerstruktur hat“, seine Kunst „Sprengkunst sein“ will. Bewußtseinsvorgänge bilden die Form, die Schmidt als Vorbild seiner modifizierten Schreibweise ansieht. Mit der Formulierung der Prosagrundsätze geht die Analyse der Wahrnehmungsmodi einher; beides kann mit den Begriffen ‘Diskontinuität’ und ‘Partikularität’ beschrieben werden. In Schmidts Prosa werden alltägliche, historische und kognitive Wirklichkeitspartikel so verfugt, daß die Frage aufkommt, wie die „Bedeutung des Unbedeutenden“ entsteht.
Das zweite Kapitel dieser Arbeit, "Themen der Teilung", widmet sich der historisch-politischen Dimension des Romans, sowie der Teilung des Ich-Erzählers in Körper und Geist. Als Verbindendes zwischen den Teilen der Arbeit mag vielleicht die Selbstimagination Schmidts als Landvermesser/Geodät fungieren. Zum einen ist sie ganz wörtlich zu verstehen: Schmidts Erzählerfiguren treten oft nur mit einer Katasterkarte bewaffnet ihre Abenteuer an und frönen ihrer Faszination an der Weltvermessung. Neben dem Raum aber wird historische Zeit vermessen: In wissenschaftlicher Anmutung wird präzise Detailkenntnis eingestreut, und das kontinuierliche Interesse an abstrusen Fakten gibt dem diskontinuierlichen Alltag Halt. Eggers, Schmidts Ich-Erzähler, wird zum politischen Landvermesser, als er in "Das steinerne Herz" im „Jahre 1954 nach Christi“ eine Reise durch das geteilte Deutschland unternimmt, die ihm Anlaß zum Systemvergleich gibt. Schmidt gelingt ein zeittypisches Bild der 50er Jahre: Das Buch ist ein „Herbarium der bundesdeutschen Nachkriegszeit“. Jedoch gehört auch der Blick auf die ostdeutsche Wirklichkeit genauso zu diesem Roman wie die systemübergreifende Dimension: „Die Erfahrung der existentiellen Diskontinuität ist über die desaströsen persönlichen Erfahrungen des Autors hinaus authentisch für die Zeit.“

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Voraussetzungen der Prosa

2.1. Wissenschaftliches Paradigma und Präzision

2.2. Erinnerung als Grunderfahrung: Diskontinuität und Partikularität

2.3. Gegen Handlung

3. Themen der Teilung

3.1. Kursbestimmung Ost/West

3.1.1. Unfreiwillige Selbstkontrolle

3.2. GeistKörper: ich/moi

4. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“ im Kontext der 1950er Jahre unter besonderer Berücksichtigung seiner poetologischen Grundsätze und der politischen Dimensionen der deutschen Teilung. Im Zentrum steht die Analyse, wie Schmidt durch Konzepte der Diskontinuität und Partikularität eine spezifische Wirklichkeitsbeschreibung konstruiert und die Identitätsspaltung seines Protagonisten Eggers als Spiegelbild gesellschaftlicher Entfremdung darstellt.

  • Poetologische Voraussetzungen und die „Berechnungen“ Arno Schmidts
  • Wirklichkeitswahrnehmung durch Partikularität und Diskontinuität
  • Die historisch-politische Dimension der deutschen Teilung im Roman
  • Analyse der Ich-Erzähler-Spaltung in Geist (Ich) und Körper (Moi)
  • Die Rolle der Zensur und der Erstausgabe von „Das steinerne Herz“

Auszug aus dem Buch

3.2. GeistKörper: Ich und moi

In der Forschung herrscht im allgemeinen Einvernehmen darüber, daß durch die zeitweilige Aufspaltung Eggers’ in Ich-Erzähler und Moi-Beobachter Körperhaß und Ekel dargestellt werden. Stellvertretend sei hier Dietz zitiert: „Die Dissoziation von Kopf und Rumpf, Körper und Bewußtsein in den ‘Ich’-’Moi’-Partien des Romans hat sicher auch noch andere Aspekte [...]: den des Ekels (und das heißt auch der Angst) und des puritanischen Körperhasses“.

Damit wäre deutlich, daß Eggers sich den Bedürfnissen seines Körpers nur unter Abscheu widmen kann. Es gibt aber einen Punkt, an dem die Dissoziation dem Erzähler entgegenkommt, nämlich durch die Einvernahme des beschreibenden Ichs. Objektivation im philosophischen Sinn ist derjenige Vorgang, durch den das Bewußtsein etwas zu seinem Gegenstand und damit zu einem Objekt des wahrnehmenden und wissenden Subjekts macht. In „Das steinerne Herz“ ist dies das „moi“ des Erzählers. Mir scheint, bei allen abwertenden Äußerungen über die körperlichen Angelegenheiten, daß das staunende Beobachten der Fremdheit noch vor den Affekten liegt. Schmidt läßt das subjektive Erzähler-Ich sprechen, das den Körper und seine Funktionen auf Abstand hält und so objektiviert: „Moi auf grünem Objektträger (oben die blaue Deckplatte); und ich beobachtete mißfällig mich Präparat.“ (StH, S. 20) Eggers macht sich ganz wörtlich zum Objekt, zum Anschauungsmaterial, er legt sich als „moi“-Präparat unter das Mikroskop.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Arbeit führt in die poetologischen und politischen Fragestellungen ein, die Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“ für die Analyse der 1950er Jahre relevant machen.

2. Voraussetzungen der Prosa: Dieses Kapitel erörtert die wissenschaftlichen und wahrnehmungstheoretischen Grundlagen, die Schmidts Schreibweise durch Prinzipien wie Diskontinuität und Partikularität definieren.

2.1. Wissenschaftliches Paradigma und Präzision: Hier wird untersucht, wie Schmidt das Zeitalter der Physik für seine literarische Selbstvergewisserung nutzt und den Beruf des Landvermessers als Metapher für präzises Erzählen einsetzt.

2.2. Erinnerung als Grunderfahrung: Diskontinuität und Partikularität: Die Analyse konzentriert sich auf den Prozess der Erinnerung und wie Schmidt durch die „Perlenketten-Metapher“ das epische Kontinuum als Fiktion entlarvt.

2.3. Gegen Handlung: Dieses Kapitel befasst sich mit der Abkehr Schmidts von konventionellen Handlungsstrukturen zugunsten einer assoziativen Montage von Alltagsbeobachtungen und Triebdarstellungen.

3. Themen der Teilung: Der Fokus liegt hier auf der historisch-politischen Dimension des Romans und der Erfahrung der Zweistaatlichkeit aus der Perspektive des Protagonisten Eggers.

3.1. Kursbestimmung Ost/West: Das Kapitel analysiert, wie Eggers die politische Spaltung Deutschlands wahrnimmt und inwieweit er den Vergleich zwischen den Systemen nutzt, um Entmündigung und Restauration zu kritisieren.

3.1.1. Unfreiwillige Selbstkontrolle: Hier wird der editorische Prozess beleuchtet, bei dem das Typoskript zur Erstausgabe aufgrund politischer und kirchenkritischer Äußerungen stark zensiert wurde.

3.2. GeistKörper: ich/moi: Die dualistische Spaltung des Erzählers in „Ich“ und „Moi“ wird als Ausdruck einer existentiellen Entfremdung und als Wunsch nach einer mineralischen, körperlosen Geistesexistenz interpretiert.

4. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Arno Schmidt durch die Verbindung von formaler Experimentierfreude und gesellschaftskritischer Präzision ein authentisches Bild der deutschen Nachkriegszeit gezeichnet hat.

Schlüsselwörter

Arno Schmidt, Das steinerne Herz, Nachkriegsliteratur, Poetologie, Diskontinuität, Partikularität, Ich-Erzähler, deutsche Teilung, Entfremdung, Zensur, Bewusstsein, Schreibweise, Körper-Geist-Dualismus, Literaturanalyse, Systemkritik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht den Roman „Das steinerne Herz“ von Arno Schmidt, wobei insbesondere der Zusammenhang zwischen seiner speziellen poetischen Schreibweise und der politischen Situation in Deutschland während der 1950er Jahre analysiert wird.

Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?

Im Zentrum stehen die poetologischen Prinzipien (Diskontinuität, Partikularität), die Darstellung der deutschen Teilung, das Verhältnis von Ich und Körper (Ich/Moi) sowie der Einfluss der zeitgenössischen Zensur auf das Werk.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, wie Schmidt durch eine gezielte „Berechnung“ seiner Prosa eine präzise Wirklichkeitsabbildung erreicht und wie dies mit der politischen Dimension des Romans korrespondiert.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Die Autorin stützt sich auf eine Analyse von Schmidts poetologischen Schriften („Berechnungen I und II“) und setzt diese in Bezug zur Romanpraxis sowie zur vorhandenen Forschungsliteratur über Arno Schmidt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Schreibweise Schmidts und eine inhaltliche Analyse der politischen und psychologischen Dimensionen im Roman, inklusive der spezifischen Identitätsspaltung des Protagonisten Eggers.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Arno Schmidt, Das steinerne Herz, Diskontinuität, Partikularität, politische Dimension, Entfremdung und die dualistische Teilung in Ich und Moi.

Welche Bedeutung hat die editorische Nachbemerkung für das Verständnis des Romans?

Sie belegt, dass die Erstausgabe des Romans durch den Verlag gegen den Willen Schmidts „kastriert“ wurde, um politisch heikle Äußerungen über Adenauer und die Kirche zu entschärfen, was die Brisanz des Originals unterstreicht.

Wie deutet die Autorin den Titel „Das steinerne Herz“?

Die Autorin interpretiert ihn als Ausdruck einer Sehnsucht des Erzählers nach einem mineralischen Zustand, der frei von leiblichen Bedürfnissen und somit resistent gegen gesellschaftliche Anforderungen ist.

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Details

Title
Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren
Subtitle
Poetologische "Berechnungen" und politische Dimensionen im Roman "Das steinerne Herz"
College
Free University of Berlin
Grade
1,7
Author
Jana Thiele (Author)
Publication Year
1997
Pages
24
Catalog Number
V85590
ISBN (eBook)
9783638015752
ISBN (Book)
9783638918411
Language
German
Tags
Arno Schmidts Kursbestimmung Jahren
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Jana Thiele (Author), 1997, Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85590
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