Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren

Poetologische "Berechnungen" und politische Dimensionen im Roman "Das steinerne Herz"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Voraussetzungen der Prosa
2.1. Wissenschaftliches Paradigma und Präzision
2.2. Erinnerung als Grunderfahrung: Diskontinuität und Partikularität
2.3. Gegen Handlung

3. Themen der Teilung
3.1. Kursbestimmung Ost/West
3.1.1. Unfreiwillige Selbstkontrolle
3.2. GeistKörper: ich/moi

4. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

„Das steinerne Herz“ birgt auch noch rund fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung eine innovative Kraft, die die Lektüre faszinierend macht. Dem Autor gelingt eine anschauliche Darstellung des Zeitgeschehens der 50er Jahre, die den ironisierenden Untertitel „historischer Roman“ voll gerechtfertigt erscheinen läßt. Dementsprechend wird sich diese Arbeit dem Roman von zwei Seiten nähern:

Erstens haben mich vor allem die poetologischen Voraussetzungen interessiert, die Arno Schmidt für seine Prosa in dieser Zeit formuliert. Hauptsächlich anhand der 1955/6 erschienenen Berechnungen wird untersucht, wie Schmidts präzise Wirklichkeitsbeschreibung gelingt. Reinhard Baumgart schreibt,: „daß Schmidts Prosa Trümmerstruktur hat“, seine Kunst „Sprengkunst sein“[1] will. Man könnte im Sinne Schmidts vervollständigen: Unser Bewußtsein ist ein Trümmerhaufen. Denn Bewußtseinsvorgänge bilden die Form, die Schmidt als Vorbild seiner modifizierten Schreibweise ansieht. Mit der Formulierung der Prosagrundsätze geht die Analyse der Wahrnehmungsmodi einher; beides kann mit den Begriffen ‘Diskontinuität’ und ‘Partikularität’ beschrieben werden. In Schmidts Prosa werden alltägliche, historische und kognitive Wirklichkeitspartikel so verfugt, daß die Frage aufkommt, wie die „Bedeutung des Unbedeutenden“[2] entsteht; in Abschnitt 2.3. wird dieser Frage nachgegangen.

Ausgeklammert bleibt hierbei die Poetologie der Prosaformen „Längeres Gedankenspiel“ und „Traum“, da sie zu anderen „Versuchsreihen“ als „Das steinerne Herz“ gehören. Außerdem sind Erläuterungen zum „sprachlichen und rhythmischen Feinbau dieser Elemente“[3], die auch aus den Berechnungen ausgespart werden, nicht vorgesehen. Die Untersuchungen zur Wortebene werden auch deshalb ausgelassen, weil sich eine ernsthafte „Etym“-Wende erst seit „Kaff auch Mare Crisium“, also etwa um 1960, nachweisen läßt. Im Zusammenhang damit fand auch Schmidts systematische Beschäftigung mit der psychoanalytischen Theorie, die für seine Werkgenese von großer Bedeutung ist, statt - auch sie bleibt an dieser Stelle unberücksichtigt.

Das zweite Kapitel dieser Arbeit, „Themen der Teilung“, widmet sich der historisch-politischen Dimension des Romans, sowie der Teilung des Ich-Erzählers in Körper und Geist. Als Verbindendes zwischen den Teilen der Arbeit mag vielleicht die Selbstimagination Schmidts als Landvermesser/Geodät fungieren. Zum einen ist sie ganz wörtlich zu verstehen: Schmidts Erzählerfiguren treten oft nur mit einer Katasterkarte bewaffnet ihre Abenteuer an und frönen ihrer Faszination an der Weltvermessung. Neben dem Raum aber wird historische Zeit vermessen: In wissenschaftlicher Anmutung wird präzise Detailkenntnis eingestreut, und das kontinuierliche Interesse an abstrusen Fakten gibt dem diskontinuierlichen Alltag Halt. Eggers, Schmidts Ich-Erzähler, wird zum politischen Landvermesser, als er in „Das steinerne Herz“ im „Jahre 1954 nach Christi“ eine Reise durch das geteilte Deutschland unternimmt, die ihm Anlaß zum Systemvergleich gibt. Schmidt gelingt ein zeittypisches Bild der 50er Jahre: Das Buch ist ein „Herbarium der bundesdeutschen Nachkriegszeit“[4]. Jedoch gehört auch der Blick auf die ostdeutsche Wirklichkeit genauso zu diesem Roman wie die systemübergreifende Dimension: „Die Erfahrung der existentiellen Diskontinuität ist über die desaströsen persönlichen Erfahrungen des Autors hinaus authentisch für die Zeit.“[5]

Da ich Das steinerne Herz als bekannt voraussetzen kann, habe ich auf das Referieren der Handlungsstränge und die Vorstellung des Personals weitgehend verzichtet. Die Betrachtung ist orientiert an der Perspektive des Erzählers Eggers, dessen Identität Schmidt im Abend mit

Goldrand preisgibt: Walter Eggers[6].

alter ego

Die Forschungsliteratur zu Arno Schmidt ist vielfältig, die verschiedenen Aspekte des Werks sind gut untersucht. Dabei reichen die Arbeiten von den Mühen der „Dechiffrierung“, der Recherche und Bereitstellung von Materialien zu Werk und Leben, u. a. von den Autoren des „Bargfelder Boten“, bis zu breit angelegten Motivstudien und erzähltheoretischen Untersuchungen, etwa Reimer Bulls Anwendung von Eberhard Lämmerts Bauformen des Erzählens auf die Prosa Schmidts. Durch die hohe Dichte von intertextuellen Bezügen bietet sich sicherlich eine Einflußforschung an; vor allem Schmidts Joyce- und Freud-Rezeption sind hierbei von Bedeutung. Aber schon eine Aufzählung der Bandbreite der vorhandenen Literatur sprengt den Rahmen einer Hausarbeit. Von Nutzen für die hier vorliegende Arbeit war an erster Stelle die Arbeit Josef Huerkamps, der zum Roman Das steinerne Herz einen Kommentar- und Materialienband verfaßt hat. Auch wenn dieser nicht explizit erwähnt ist, war er doch die wichtigste Verständnishilfe.

2. Voraussetzungen der Prosa

2.1. Wissenschaftliches Paradigma und Präzision

In seinen poetologischen „Berechnungen“ I und II unternimmt Arno Schmidt Mitte der 50er Jahre den Versuch einer Selbstvergewisserung als Autor. Wie schon im Titel angedeutet, zielt er darin auf eine wissenschaftliche Art der Erarbeitung seiner Texte. Dabei beruft er sich auf die Zeichen der Zeit, die ein (natur)wissenschaftliches Paradigma vorgeben:

„es ist natürlich viel bequemer, die ‘Primitiven’ zu verehren, und flink einen ‘Bankerott des aufklärerischen Intellekts’ festzustellen; viel behaglicher, in der beliebten ägyptischen Finsternis eines ‘Neuen Mittelalters’, eines metaphysiktriefenden, herumzutappen, als sich schneidend eindeutig darüber klar zu werden, daß das Zeitalter der Physik nicht nur nicht ‘am Ende’ ist, sondern im Gegenteil kaum erst begonnen hat!“[7]

Dem Zeitalter der Physik entsprechend, mutet auch die Bezeichnung „Versuchsreihen“[8] für seine Prosaarbeiten an, die den Ablauf von systematischen Experimenten evoziert. Vor allem aber der Wille zur Präzision, der sowohl beim Schriftsteller Schmidt als auch bei vielen seiner Figuren zur Besessenheit wird, deutet auf das Erfüllen eines wissenschaftlichen Paradigmas hin: „So haben seine Helden eine beinahe fetischistisch anmutende Neigung für alte Papiere, Urkunden und Staatshandbücher, die in ausführlichen Personen- und Ortsregistern von der Vergangenheit berichten.“[9] Walter Eggers, Hauptfigur aus „Das steinerne Herz“ bekennt: „ich habe die Gabe, über Statistiken wahnsinnig werden zu können !“[10] Diese Leidenschaft begründet er mit dem Lustgewinn, den er aus der Beschäftigung mit den Fakten zieht: „Hinzu kam noch meine wahnsinnige Lust an Exaktem : Daten, Flächeninhalte, Einwohnerzahlen; [...] Wer die Sein=setzende Kraft von Namen, Zahlen, Daten, Grenzen, Tabellen, Karten, nicht empfindet, tut recht daran, Lyriker zu werden; für beste Prosa ist er verloren“ (StH, S. 46). Hier vermischt sich poetologische Reflexion des Autors Schmidt mit dem Bekenntnis seiner Hauptfigur. Der Erzähler, so wird suggeriert, hat sich an das real existierende Material zu halten, ansonsten taugte er allenfalls zum Lyriker. Von diesem Zitat ausgehend, bemerkt Schauder, daß Schmidt so in eine Ersatzreligion flüchtet: „Hier wird die metaphysische Komponente, ein Hang zum Absoluten, im Schaffen Schmidts sichtbar. Die seinsetzenden Kräfte sind, so wenig er das natürlich wahrhaben möchte, ein moderner Glaubensersatz, eine Umschreibung des Absoluten.“[11] Damit wäre Schmidts Bemühen, die Metaphysik zugunsten der Physik zu distanzieren, gescheitert, da er selbst hinter seinen Anspruch zurückfällt. Schmidt verschreibt sich aber durchaus einem aufklärerischen Impetus und man kann ihm keineswegs Wissenschaftsgläubigkeit vorwerfen, wie z. B. „Schwarze Spiege“l und „Die Gelehrtenrepublik“, die in einer post-atomaren, post-apokalyptischen Zukunft angesiedelt sind, belegen.

Wir müssen uns also fragen, wozu Schmidts Präzision, die Detailbesessenheit seiner Protagonisten dienen. Die Verarbeitung entlegenster Fakten brachte ihm den Vorwurf ein, daß er mit zunehmendem Werkfortschritt zunehmend Leser auszugrenzen schien und die Erschließung der Texte für Interpretatoren nur durch aufwendige Dechiffrierungsanstrengungen ermögliche. Neben den vielfältigen Wissenschaftler-Imagines, die Schmidt als Autodidakt mimetisch annimmt (Astronom, Historiker, Mathematiker usw.), dient ihm vor allem der Beruf des Landvermessers zur metaphorischen Selbstbeschreibung: „Schmidt [...] sieht im Dichter vor allem einen Beobachter und Topographen. In seinen Büchern ist daher Ort und Zeit der Handlung jeweils genau festgelegt, oft unter Angabe des Längen- und Breitengrades oder mit Hilfe eines eigens gefertigten Lageplans.“[12] Mit globaler Geste wird der Poesie eine ähnliche Omnipräsenz zugeschrieben wie der Vermessung: „Tja. Die Poesie ist doch wohl, - wie die Geodäsie - ein allgegenwärtiges Wesen !“[13] Vor dem Hintergrund der aristotelischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung, die zwar nicht mehr normativ für das literarische Schaffen, aber dennoch unverzichtbar für die Konstruktion jedweder Wirklichkeit ist, finden wir eventuell den Grund für die Sehnsucht nach Vermeßbarkeit. Unumstößliche Fakten wie z. B. geographische Breite und Länge bilden das Raumkontinuum, in dem die Diskontinuität der Handlung die genaue Orientierung ermöglicht. Die Präzision als Modus der Verarbeitung des seinsetzenden Stoffs soll dem Wegfall einer bindenden Erzählung entgegenwirken. Denn man kann davon ausgehen, daß dieser Wegfall zunächst Verunsicherung verursacht, beim Leser genauso wie beim Autor. Schmidt begegnet der partiellen Auflösung, die unter dem Stichwort ‘Diskontinuität’ abgehandelt wird, mit seiner Deskriptionswut: Je mehr sich das epische Kontinuum auflöst, desto exakter müssen die verbleibenden Versatzstücke beschrieben werden.

[...]


[1] Reinhard Baumgart: Böll, Koeppen, Schmidt - diese Drei. In: Ders.: Deutsche Literatur der Gegenwart. München 1995, S. 20

[2] Hans-Georg Pott: Neue Theorie des Romans. Sterne - Jean Paul - Joyce - Schmidt. München 1990, S. 11

[3] Arno Schmidt: Berechnungen I. In: Ders.: Ausgewählte Werke. Berlin 1990. Bd. 3, S. 510

[4] Wolfram Schütte: Robinsonaden und Bibliomania oder: Kopf-Welten. Notizen zu den Anfängen Arno Schmidts. In: Literaturmagazin 7. Nachkriegsliteratur. Reinbek 1977, S. 300

[5] Ebd., S. 300f.

[6] Arno Schmidt: Abend mit Goldrand. Frankfurt/M. 1981, S. 132

[7] Arno Schmidt: Berechnungen I, S. 513

[8] Ebd., S. 510

[9] Karlheinz Schauder: Arno Schmidts experimentelle Prosa. In: Neue Deutsche Hefte, Nr. 99, Mai/Juni 1964, S. 57

[10] Arno Schmidt: Das steinerne Herz. Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi. In: Ders.: Werke (Bargfelder Ausgabe). Zürich 1992. Bd. I/2, S. 42. Im folgenden im Text zitiert als (StH, S. x)

[11] Karlheinz Schauder: Arno Schmidts experimentelle Prosa, S. 58

[12] Ebd., S. 57

[13] Arno Schmidt: Ein Leben im Voraus. In: Ders.: Werke (Bargfelder Ausgabe). Zürich 1992. Bd. I/4, S. 11

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren
Untertitel
Poetologische "Berechnungen" und politische Dimensionen im Roman "Das steinerne Herz"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
1997
Seiten
24
Katalognummer
V85590
ISBN (eBook)
9783638015752
ISBN (Buch)
9783638918411
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arno, Schmidts, Kursbestimmung, Jahren
Arbeit zitieren
Jana Thiele (Autor), 1997, Arno Schmidts Kursbestimmung in den 50er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85590

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