Krankheit als Konzept und Motiv bei Adolf Muschg


Seminararbeit, 1996

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Kunst als Symptom: Ganzheitliche Suche im segmentierten Dasein
2.1. Therapie als Schnittstelle: Produzent und Rezipient als Patient
2.2. Krankheitskonzepte bei Adolf Muschg und Susan Sontag
2.2.1. Die Kritik am modernen Krankheitskonzept

3. Das Krankheitsmotiv im Roman Das Licht und der Schlüssel
3.1. Mona
3.2. Samstag
3.3. Gezaghebber

4. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Krankheit, Therapie und ihr Verhältnis zu Kunst und Leben sind zentrale Begriffe sowohl in Adolf Muschgs literarischem Werk als auch Gegenstand seiner essayistischen und poetologischen Äußerungen. Jedem Gedanken an Heilung und Therapie geht eine bestimmte Vorstellung voraus, wo sie anzusetzen habe, welches die Ursachen der Krankheit sind. Die Aussage des Autors, daß die Krankheit des einzelnen symptomatisch für die Krankheit der Gesellschaft steht, verweist auf seinen zivilisationskritischen Impetus. Zwangsläufig muß bei einer Untersuchung des Krankheitskonzeptes und Krankheitsmotivs in seinen Werken den Themenfeldern Kunst und Therapie besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Kunst wird von ihm auf ihr therapeutisches Potenzial befragt und ihr wird eine Hinweisfunktion zugestanden, die das grundsätzliche Leiden des Menschen an der Zivilisation in Erinnerung ruft. Allerdings kann sich Kunst im Extremfall als lebensfeindlich darstellen. Grund dafür ist u. a. die autobiographische Erfahrung des Autors Muschg, der sich als dem Leben abhanden gekommen vorfand, gerade als er sich schreibend vergewissern wollte. Statt heillose Hoffnungen in die Literatur zu setzen, wuchs im Anschluß an dieses Initialerlebnis die Erkenntnis, daß sich Kunstproduktion aus einem Mangel ergibt.[1]

Der nicht aufzuhebenden Ambivalenz, mit der Kunst Leben entzieht und wieder an es heranführt, wird im Abschnitt Kunst als Symptom: Ganzheitliche Suche im segmentierten Dasein nachgegangen. Unter dem Begriff ‚Krankheitskonzept’ habe ich versucht, die Prämissen Muschgs zu isolieren, die ihn am metaphorischen Gehalt von Krankheit festhalten lassen. Meines Erachtens macht er sich Grundpositionen einer ganzheitlichen Sicht zu eigen, die einen bewußten Gegenentwurf zum praktisch dominierenden iatrotechnischen Krankheitskonzept darstellt.

Es erscheint mir vielversprechend, Muschgs Auffassung mit Susan Sontags Position zu kontrastieren, die in ihrem Essay Krankheit als Metapher[2] eine gegensätzliche Meinung vertritt. Für sie ist der metaphorische Gebrauch von Krankheiten immer ein zweckgebundener Mißbrauch.

Auf den ersten Blick naheliegender scheint bei einem Autor wie Muschg, der sich explizit mit der Psychoanalyse und deren therapeutischer Praxis auseinandergesetzt hat, ein Abgleich mit den Schriften Freuds, die sich mit der Verbindung von künstlerischer Produktivität und neurotischer Symptombildung befaßt haben.[3] Ich werde jedoch diese universelle Referenz gänzlich im Hintergrund der Betrachtung halten, da Muschg meiner Auffassung nach in erster Linie die Interdependenzen Gesellschaft - Individuum für die Ätiologie seiner beschriebenen Krankheiten geltend macht.

Im einzelnen soll das Krankheitsmotiv in Muschgs Roman Das Licht und der Schlüssel[4] untersucht werden. Dieser Roman verschränkt in charakteristischer Weise essayistisch anmutende Passagen mit erzählenden Teilen, die sich in Personal und Fabulierlust märchenhafter wie trivialmythischer Züge durchaus bewußt sind. Der Text ist insofern typisch, weil sich hier, wie in vielen Arbeiten Muschgs, die „oftmals irritierende Konfusion von Literatur und Theorie“[5] zeigt. In der Analyse des Werks habe ich mich auf die drei Figuren Mona, Samstag und Gezaghebber sowie auf ihre Beziehungen untereinander beschränkt, die das Leitmotiv exemplifizieren. Auch hier wird es nötig sein, das Motiv in der für den Autor typischen Verknüpfung mit den Themenfeldern Kunst und Leben zu behandeln.

2. Kunst als Symptom: Ganzheitliche Suche im segmentierten Dasein

Über Muschgs Bemühungen, seinen Problemen über Schreibexperimente näher zu kommen, gibt der Text Literatur als Therapie?[6] Auskunft. Muschg berichtet zunächst über seine Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Psychotherapie, als er erkennen mußte, daß seine Schreibarbeit dem empfundenen Mangel nicht abhelfen konnte: „Natürlich war ich in der Gruppe, weil mir meine ‚schönen Sätze’, will sagen: meine Schriftsteller-Leistung, nicht zum ausreichenden Leben geholfen hatten.“ (LaT, S. 57) Dabei wird das Schreiben selbst als Ausdruck einer Neurose typisiert:

„Dann ist ‚Schreiben’ natürlich soviel wie: neurotisches Verhalten. Als solches behandelt, hört es auf, behandelbar zu sein; denn wodurch wäre es zu ersetzen? Was bleibt vom Schriftsteller übrig, wenn man das Schreiben von ihm abzieht; und hält er sich nicht, weil er die Antwort fürchtet, am Schreiben fest?“ (LaT, S. 58)

Die Gleichsetzung von Schreiben und Leben impliziert, daß mit gelungenem Schreiben zwangsläufig auch das Leben gelingen sollte. In der Retrospektive aber muß er das Schreiben als Verhinderung von Leben, als Rüstung und als Panzerung (LaT, S. 58) gegen das Leben erkennen. Statt Lebensbereicherung und -erweiterung wurde ihm die Kunst Ersatz für das Leben.

In seinem Roman Mars, zu dem Muschg das Vorwort verfaßte und auf dessen Hintergrund auch eine Vielzahl der Überlegungen von Literatur als Therapie? geführt werden, gelangt Fritz Zorn zu einer ähnlichen Diagnose:

„Ich bekam also eine erste Ahnung davon, daß die Kunst vielleicht nur als ein Symptom für mangelnde Vitalität anzusehen sei, und begann zu argwöhnen (ohne daß ich von Sigmund Freud schon viel anderes gehört hätte als den Namen), daß es mit Gedichten keine andere Bewandtnis haben könnte, als daß man automatisch beginnt, Verse zu schreiben, wenn man nur genügend frustriert ist.“[7]

Der Gedankengang dieser Produktionstheorie wäre demnach in Kürze so zu fassen: Kunst ist Symptom für einen Lebensmangel; es wird versucht, ein durch Kunst vermitteltes Leben zu führen. Dieser Versuch muß scheitern, denn „[d]ie Kunst kann nicht hergeben, was das Leben schuldig blieb“[8]. Dieser Auffassung aber liegt ein Mißverständnis des Kunstproduzenten zugrunde, der dem Beruf eine übersteigerte Erwartungshaltung entgegenbringt, bzw. seine Tätigkeit nicht professionalisiert hat. Das Vorgehen, Schreiben zwischen den Positionen ‚pathologisches Symptom’ und ‚Heilserwartung’ zu lokalisieren, hat zwar lange Tradition, ist folglich jedoch eher selbst den professionellen Deformationen zuzuordnen.

Es ist der Verlust von Ganzheit, der hier kompensiert werden soll. Eine solche ganzheitliche Position hat utopischen Charakter und umfaßt sowohl Muschgs Verständnis von Kunst als auch von Krankheit.

„Natürlich will der Patient an seinem Symptom behandelt sein, und zentral an seinem Symptom. Dafür bietet er es an. Aber durch dieses Symptom spricht auch, auf charakteristische Weise, das Ganze seines Leidens.“[9] Der Kunst, „die den Verlust der Ganzheit des Menschen seit ihrem Bestehen als moderne Kunst beklagt und die Utopie des ganzen Menschen bewahrt“[10], wird in diesem Modell eine ambivalente Rolle zuteil. Zunächst soll sie die Erinnerung bewahren, daß es neben der aktuellen, den Menschen zerreibenden Lebensweise, einen den ganzen Menschen umfassenden Ursprung gegeben hat:[11]

„Das Kunstwerk, dessen Rezeption in Abwehr und Bewunderung gespalten ist, macht dem Kulturteilnehmer seine eigene Spaltung, wenn auch dunkel, bewußt. In dem Maß, als es ‚gelungen’ ist, kann es seinem Abnehmer nicht ganz gelingen, sich mit ihm und mit sich selbst zu versöhnen. Am Konsum hängt ein Rest, der nicht zur Versöhnung geschaffen ist, sondern zur Erinnerung an ein verlorenes Ganzes.“ (LaT, S. 139)

Der Angriffspunkt dieses Konzeptes ist nicht der einzelne, dem es nicht gelingt, sich in dieses verlorene Ganze einzufinden, sondern die Gesellschaft in ihrer jetzigen Ausprägung, die es dem einzelnen nicht gestattet, dorthin zu finden:

„Es ist das schlechte Gewissen der Industriegesellschaft, das den Kunstwerken ihre eigentümliche Wirkung garantiert. Und dieses schlechte Gewissen [...] ist vielleicht das beste Stück unseres sogenannten Kulturbetriebs. Denn in ihm steckt das Bewußtsein, daß wir nicht recht und ganz leben.“ (LaT, S. 139)

Diese Differenz zu einem „rechten und ganzen“ Leben ist es, die die Krankheit verursacht. Der aktuelle Zustand wird gekennzeichnet als Leben „inmitten eines Universums, dessen Teilbarkeit Epoche gemacht hat, das seine Geschöpfe auf Teilbarkeit hin konditioniert, weil sie soviel heißt wie: Funktionstüchtigkeit.“ (LaT, S. 140)

Der Gegensatz zwischen diesen beiden widerstrebenden Bewegungen - der um seine Einheit ringende Mensch und die durch die Aufsplitterung des Menschen funktionierende Gesellschaft - bildet den Hauptansatzpunkt von Muschgs Zivilisationskritik.

2.1. Therapie als Schnittstelle: Produzent und Rezipient als Patient

Bei der vorangegangenen Betrachtung scheint die Unterscheidung von Produzent und Rezipient, die man eigentlich erwartet, wenn von der Funktion der Literatur die Rede ist, ganz außer acht gelassen zu sein. Muschg selbst ist beides, die Masse seiner Leser dagegen ‚Nur’-Rezipienten. Sind die Aussagen, die er trifft, für diese Gruppe wenig relevant? Über die Rezipientenseite sagt Muschg:

„Auf der Ebene ihrer Rezeption gibt es keine notwendige Differenz zwischen Kunst und Lebenskunst. Denn eine Therapie, die ihren Namen verdient, führt zur Lebenskunst; und eine Kunst, die ihn verdient, steigert die Lebensfähigkeit.“ (LaT, S. 177)

Bemerkenswert ist meiner Meinung nach die unkritische Stellung zum Leseerlebnis:

„Findet der Leser in der Literatur nicht eben das, was er am meisten zum Leben, einem sinnvollen Leben benötigt: Spielanleitungen; Sinn für Grenzen - denn Kunst-Form ist Grenze; Mut zur Freiheit von der Norm, zum Eigensinn, zum Widerstand gegen die Ideologie; Einladung zur Lebendigkeit?“ (LaT, S. 176f.)

[...]


[1] Zur Verarbeitung des biographischen Hintergrunds vgl. bspw. Manfred Dierks: Festigen und Lösen. Über die Grundgeste im Werk Adolf Muschgs. In: Ders. (Hg.): Adolf Muschg. Frankfurt/M. 1989, S. 116-142, hier S. 125ff.

[2] Susan Sontag: Krankheit als Metapher. Frankfurt/M. 1993

[3] Vgl. dazu Renate Böschenstein: Schreiben nach und mit Freud. Zum Verhältnis von Text und Subtext in Romanen von Adolf Muschg. In: Manfred Dierks (Hg.): Adolf Muschg. Frankfurt/M. 1989, S. 56-81 sowie Renate Voris: Pathos und Pathologie. Adolf Muschg, Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare. In: Paul Michael Lützeler (Hg.): Poetik der Autoren. Frankfurt/M. 1994, S. 57-79

[4] Zitiert wird nach Adolf Muschg: Das Licht und der Schlüssel. Erziehungsroman eines Vampirs. Frankfurt/M. 1995,

das im folgenden verwendete Kürzel ist LuS

[5] Renate Voris: Pathos und Pathologie, S. 58

[6] Adolf Muschg: Literatur als Therapie? Frankfurt/M. 1995, im folgenden abgekürzt zitiert unter LaT

[7] Fritz Zorn: Mars. Frankfurt/M. 1980, S. 94

[8] Adolf Muschg: Geschichte eines Manuskripts (Vorwort). In: Fritz Zorn: Mars. Zürich 1977, S. 7-22, hier S. 11

[9] Adolf Muschg: Was mir fehlt - Plädoyer eines „Psychosomatikers“ für die Heilkunst. In: Manfred Dierks (Hg.): Adolf Muschg. Frankfurt/M. 1989, S. 275-292, hier S. 283

[10] Oliver Claes: Fremde, Vampire. Sexualität, Tod und Kunst bei Elfriede Jelinek und Adolf Muschg. Bielefeld 1994,

S. 182

[11] Vgl. Manfred Dierks: Festigen und Lösen, S. 116ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Krankheit als Konzept und Motiv bei Adolf Muschg
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,5
Autor
Jahr
1996
Seiten
20
Katalognummer
V85619
ISBN (eBook)
9783638006736
ISBN (Buch)
9783638913584
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krankheit, Konzept, Motiv, Adolf, Muschg
Arbeit zitieren
Jana Thiele (Autor), 1996, Krankheit als Konzept und Motiv bei Adolf Muschg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85619

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