Ist politische "Steuerung" der Gesellschaft möglich? Wird Gesellschaft angemessen begriffen, wenn man sie als System begreift? Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Bedingungen, von denen der Erfolg ernsthafter politischer Steuerungsversuche in der Gesellschaft beeinflusst wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft
3. Externe Unsteuerbarkeit gesellschaftlicher Funktionssysteme
4. Zum Begriff der Steuerung
4.1. Systemtheoretische Perspektive
4.2. Handlungstheoretische Perspektive
5. Voraussetzungen wirksamer politischer Steuerung
6. Systemtheoretische Steuerungsmodelle
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen politischer Steuerung in hochkomplexen, funktional differenzierten Gesellschaften, wobei sie das Spannungsfeld zwischen systemtheoretischem Steuerungspessimismus und handlungstheoretischen Ansätzen beleuchtet. Die zentrale Forschungsfrage lautet, unter welchen Bedingungen eine erfolgreiche Einwirkung der Politik auf gesellschaftliche Strukturen und Prozesse trotz autopoietischer Funktionssysteme denkbar ist.
- Analyse der funktionalen Differenzierung nach Niklas Luhmann
- Gegenüberstellung systemtheoretischer und handlungstheoretischer Steuerungsbegriffe
- Identifikation notwendiger Voraussetzungen für wirksame politische Steuerung
- Untersuchung von Steuerungsmodellen wie dezentraler Kontextsteuerung
- Diskussion der Bedeutung von Akteurskonstellationen und institutionellen Rahmenbedingungen
Auszug aus dem Buch
4.1. Systemtheoretische Perspektive
Die systemtheoretische Perspektive von Steuerung macht zunächst deutlich, dass es sich bei allen Steuerungsbestrebungen um Versuche handelt, eine beobachtete Differenz zu minimieren (vgl. Luhmann 1989: 5). Es geht dabei um die Verringerung der Differenz eines Zustandes, der eintreten würde, wenn es keine Veränderung bzw. keinen Steuerungseingriff gäbe. Zum besseren Verständnis dieses Sachverhalts ist es ratsam, sich Klarheit über die Bedeutung von Gegenwart für die Differenzierung von System und Umwelt zu verschaffen.
Wie weiter oben bereits aufgeführt, weist Luhmann darauf hin, dass Systeme mit ihrer Umwelt gleichzeitig existieren und gleichzeitig operieren (ebd.: 6). Das bedeutet auch, dass sich die Umwelt eines Systems, die ja die anderen Systeme darstellen, laufend verändert, da in der Gegenwart Systemereignisse und Umweltereignisse koinzidieren. Dadurch wird das System seinerseits gezwungen, sich zu verändern, indem es auf die Veränderungen in seiner Umwelt reagiert, denn bliebe es in einem spezifischen Zustand, in dem es sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet, liefe es Gefahr, dass sich die Differenz, die in gewisserweise lebensnotwendig für das System ist, aufgrund der Veränderungen in seiner Umwelt verringert. Ein aktiver Steuerungseingriff bedeutet daher nach systemtheoretischer Auffassung immer die Verringerung der Differenz.
Anders als der handlungstheoretische Ansatz geht die Systemtheorie bei Fragen der Steuerung allerdings nicht von einer Steuerungssubjekt/Steuerungsobjekt-Beziehung aus. Im Gegenteil: Luhmanns Steuerungstheorie verzichtet weitestgehend auf das Konstrukt handlungsfähiger Akteure und stellt stattdessen Kommunikationssysteme in den Mittelpunkt aller theoretischen Bemühungen. In Luhmanns Vorstellung von autopoietisch organisierten Funktionssystemen ersetzt Kommunikation die Handlung als das basale Element systemübergreifender Operationen (Luhmann 1988: 299). Die Kommunikation als selektives Ereignis wird nach dieser Vorstellung von einem System aus der Systemumwelt aufgenommen und gemäß seinem binären Code als Mitteilung verstanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Problematik ein, ob politische Steuerung in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft möglich ist, und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2. Funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert Luhmanns Systemtheorie, insbesondere die Konzepte der Autopoiesis und operativen Geschlossenheit funktionaler Teilsysteme.
3. Externe Unsteuerbarkeit gesellschaftlicher Funktionssysteme: Es wird dargelegt, warum autopoietische Systeme aufgrund ihrer spezifischen Codierung gegenüber externen Einflüssen weitgehend immun sind.
4. Zum Begriff der Steuerung: Das Kapitel vergleicht den systemtheoretischen Steuerungsbegriff (Differenzminderung) mit dem klassischen handlungstheoretischen Ansatz (Steuerungssubjekt/Steuerungsobjekt).
5. Voraussetzungen wirksamer politischer Steuerung: Es werden Bedingungen wie effektive Instrumente, klare Ansprüche und das Wissen über das zu steuernde System als Voraussetzungen für politische Interventionen identifiziert.
6. Systemtheoretische Steuerungsmodelle: Hier werden Konzepte wie die dezentrale Kontextsteuerung und reflexive Selbststeuerung zur Überbrückung von Kommunikationsbarrieren zwischen Systemen vorgestellt.
7. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass eine Kombination aus systemtheoretischen und handlungstheoretischen Perspektiven den größten Erkenntnisgewinn für die Analyse von Steuerungschancen bietet.
Schlüsselwörter
Politische Steuerung, Systemtheorie, Niklas Luhmann, funktionale Differenzierung, Autopoiesis, operative Geschlossenheit, Handlungstheorie, Steuerungspessimismus, Kontextsteuerung, Selbststeuerung, soziale Systeme, Strukturkopplung, Akteurskonstellation, Steuerungsinstrumente, institutioneller Rahmen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Voraussetzungen und praktischen Möglichkeiten, die moderne Gesellschaft durch politisches Handeln zu beeinflussen, angesichts der zunehmenden Eigenständigkeit funktionaler Teilsysteme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, die Handlungstheorie (u.a. Mayntz, Scharpf) sowie Konzepte der gesellschaftlichen Steuerung und Governance.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, ob und unter welchen Bedingungen erfolgreiche politische Steuerung möglich ist, wenn man die Gesellschaft als ein komplexes, aus autopoietischen Subsystemen bestehendes Konstrukt begreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse und den Vergleich verschiedener politikwissenschaftlicher und systemtheoretischer Ansätze zur Steuerungsproblematik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Differenzierung von Gesellschaft, dem Begriff der Steuerung, den Voraussetzungen für erfolgreiche Interventionen und Modellen für eine indirekte, kontextuelle Steuerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind politische Steuerung, Systemtheorie, Autopoiesis, funktionale Differenzierung, Kontextsteuerung und Handlungsfähigkeit.
Wie unterscheidet sich die systemtheoretische Perspektive von der handlungstheoretischen Sicht auf Steuerung?
Während die Systemtheorie Steuerung als rein systeminterne Selbststeuerung (Differenzminderung) ohne externe Akteurssteuerung betrachtet, setzt die Handlungstheorie auf Steuerungssubjekte, die durch gezielte Instrumente auf ein Steuerungsobjekt einwirken.
Welche Rolle spielt Geld als Instrument der Steuerung in der Arbeit?
Geld wird als ein Mittel der "kontextuellen Steuerung" beschrieben, das durch die Veränderung von Umweltbedingungen zwar quantitative Einflüsse auf Teilsysteme ausüben kann, aber aufgrund der autopoietischen Logik der Systeme kaum qualitativ steuernd wirkt.
- Quote paper
- Josip Pejic (Author), 2007, Ist politische Steuerung der Gesellschaft möglich? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85646