Pastoraltheologische Reflexion zu Sinnfindung und Lebensgestaltung - Verdeutlicht an einem Praxisprojekt für junge Erwachsene

Berufen – Aber wozu?


Diplomarbeit, 2006

96 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A. Befähigung zum Menschsein
I. Grundlegendes
1. Individualisierung und Biographie
2. Die Problematik in der Berufswelt
3. Die Notwendigkeit der Sinnfindung
4. Gelegenheiten für ein Nachdenken über das eigene Leben
II. Biographische Kommunikation
1. Heilende Wirkung des Erzählens für den Erzähler
2. Übermittlung von Lebenserfahrung durch Erzählen
3. Aufzeigen von Lebensalternativen
4. Anforderungen an den Begleiter
III. Christliche Religion und Stiftung von Identität
1. Die Bedeutung der Religion für das Menschsein
2. Es gibt keine Patentrezepte
3. Scheitern und Neuanfang
4. Misslingen und Gelingen menschlicher Identität aus biblischer Sicht

B. Befähigung zum Christsein
I. Zwei verschiedene Sichtweisen von Berufung
1. Berufung verstanden im weiteren Sinne
1.1 Christsein als Erwählung
1.2 Wer ist berufen?
1.3 Wie ist Gottes Ruf erkennbar? – Der „Ruf ins Eigene“
2. Berufung verstanden im engeren Sinne
2.1 Kritik am „Ruf ins Eigene“
2.2 Wer ist berufen?
2.3 Wie ist Gottes Ruf erkennbar? – Der „Ruf ins Andere“
3. Zu den beiden Positionen
II. Den Boden bereiten für Berufungen
1. Der Auftrag der jungen Menschen
2. Die „Not der Stunde“
3. Drei Bereiche der Berufungspastoral
4. Gleichwertigkeit der Berufungen
5. Das Gebet
III. Berufung zum pastoralen Dienst
1. Das Miteinander der verschiedenen Berufsgruppen
2. Die Frage nach der Eignung
3. Die Anforderungen
IV. Weiterführende Überlegungen
1. Gott in allen Dingen finden
2. Hat Gott einen klaren Plan mit jedem Menschen?
3. Biblische Beispiele zur Berufung
4. Für Gott leben – mit „den Dingen“ leben
5. Gottes Stimme hat einen dreifachen Klang
6. Schritte auf dem Weg der Berufung
7. Im Vertrauen auf Gott leben
Schlusswort

C. Praxisteil
I. Pastoraltheologische Umsetzung
1. Anthropologische und soziale Voraussetzungen der Teilnehmer
1.1 Adressatenkreis
1.2 Soziale Voraussetzungen
1.3 Entwicklungspsychologische Situation
2. Relevanz des Themas für die Adressaten
II. Ziele der Veranstaltung
III. Begründung der verwendeten Methoden und Sozialformen
IV. Überlegungen zum Projekt
V. Verlaufsplanung
1. Übersicht über das gesamte Wochenende
2. Ausarbeitung der 2. Gesprächsrunde – Wie ist Gottes Ruf erkennbar?

Literaturverzeichnis

Literaturhinweise

Unkommentierte Literaturhinweise

Abbildungsverzeichnis

Anlagen
Anlage 1
Anlage 2
Anlage 3
Anlage 4

Sammlung von Texten und Zitaten

Einleitung

Es gab in der Geschichte der Menschheit auf unserem Kontinent wohl noch nie für so viele Menschen, so vielfältige Möglichkeiten, die eigene Biographie zu gestalten wie heutzutage.

In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten, wie ebenfalls immer mehr Menschen den Sinn ihres Lebens nicht mehr sehen und sich deshalb bewusst auf die Suche machen.

Kann die Ursache dafür im Wegfall von materieller Not und dem somit nicht mehr nötigen täglichen Kampf ums Dasein begründet liegen? Güter sind im Überfluss vorhanden, man bekommt sie ohne großen Aufwand. Die Menschen suchen nach einem anderen sinngebenden Lebensinhalt, der nicht mehr aus dem Willen zum Überleben erwächst. Was allerdings dem einzelnen Menschen nun zur Sinnfindung dient, welche Werte er für sich erwählt, ist sehr von der einzelnen Person, ihrer Aufgeschlossenheit und ihrem persönlichen Anspruch abhängig.[1]

Das Thema der Sinnsuche, die Frage: Was ist mein Lebensweg?, ist gerade in der Jugendphase eines Menschen von größter Bedeutung.

Nach persönlichen Erfahrungen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, verlagert sich dieses Thema aber zunehmend auch in die Zeit der jungen Erwachsenen hinein. Eine erste Ausbildung ist abgeschlossen, vielleicht stellte sich der erlernte Beruf oder das Studium als auf Dauer nicht erfüllend heraus, und es entwickelt sich der Wunsch, noch einmal etwas anderes anzufangen, etwas, was mehr ausfüllen, dem Leben mehr Sinn geben soll. In dieser Zeit fällt dann meist auch der Wehr- oder Zivildienst, ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr oder ein Auslandsaufenthalt. Es ist eine Zeit des Ausprobierens und Suchens nach Sinn und Werten. So ist es auch verständlich, dass sehr oft gerade in der zweiten Lebensphase (zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr) die Zuwendung zu einer umfassend neuen Werthaltung erfolgt.[2]

Auf Grund dieser Tatsachen und Erfahrungen ist meine Diplomarbeit hauptsächlich auf die Gruppe der jungen Erwachsenen hin ausgerichtet. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass Inhalte, besonders die des Theorieteils, auch für andere Altersgruppen Gültigkeit besitzen.

Im ersten Kapitel geht es um grundsätzliche Fragen und Antworten aus der Psychologie und Pädagogik. Ganz bewusst wird erst am Ende dieses Teils vom Beitrag der christlichen Religion zu Lebensgestaltung und Sinnfindung gesprochen. Dort auch nur insoweit wie sie, auch für Anders- und Nichtgläubige eine Hilfe sein kann und will.

Das zweite Kapitel ist ganz auf Sinnfindung und Lebensgestaltung im christlichen Sinne ausgerichtet. Es werden verschiedene Denkweisen, Ansätze und Ideen aufgezeigt, die allen, die sich als Suchende und Begleiter von Suchenden verstehen, behilflich sein wollen, ihre Sichtweise zu überdenken und neue Anregungen zu finden.

Der Praxisteil besteht aus der Planung eines Wochenendes für junge Erwachsene zum Thema: Berufen – aber wozu?, sowie den dazu notwendigen Vorüberlegungen. Er soll für eigene Angebote Anregungen geben und verschiedene Ideen vorstellen. Will jemand ein solches Wochenende in die Tat umsetzen, ist es äußerst wichtig, nicht alles eins zu eins zu übernehmen. Vielmehr müssen sich die konkreten Elemente an den Teilnehmern orientieren. Des Weiteren ist es notwendig, wahrzunehmen, wie sich der Gruppenprozess während des Angebotes entwickelt. Gegebenenfalls muss der Ablauf dann auch während des laufenden Treffens flexibel angepasst werden.

Ich bin mir bewusst, dass die zu diesem Thema verfassten Bücher sowie meine Diplomarbeit hilfreich sein wollen und auch können, doch ersetzen sie keine persönliche, professionelle Begleitung. Wo diese im kirchlichen Bereich angeboten wird, ist sehr unterschiedlich und hängt zudem mit den Fähigkeiten und Interessen der Priester und pastoralen Mitarbeiter vor Ort zusammen. An dieser Stelle möchte ich die kirchlichen Einrichtungen erwähnen, die nach meiner eigenen Erfahrung eine sehr gute Arbeit leisten. In der katholischen Kirche gibt es in jedem Bistum eine „Diözesanstelle Berufe der Kirche“ sowie auf deutscher Ebene das Zentrum für Berufungspastoral in Freiburg im Breisgau. Diese Stellen sind dann die richtigen Anlaufpunkte, wenn sich jemand bewusst und aus dem Glauben heraus auf die Suche nach seiner Berufung, nach seinem Lebensweg macht.

Um Missverständnisse auszuräumen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich aus stilistischen Gründen bei Begriffen wie „der Suchende“, „der Begleiter“, … nur die männliche Form verwende. Wenn nicht explizit von einer Gruppe (Frauen oder Männer) die Rede ist, sind selbstverständlich immer Frauen und Männer gemeint.

An manchen Stellen habe ich Anmerkungen eingefügt, um beispielsweise Begriffe konkret zu erklären oder um weitere Informationen zu geben. Diese persönlichen Einfügungen meinerseits stehen immer in eckigen Klammern [ ] und sind somit als solche gekennzeichnet.

A. Befähigung zum Menschsein

I. Grundlegendes

1. Individualisierung und Biographie

Die Möglichkeiten der Menschen, ihre persönliche Biographie mitzugestalten haben sich seit dem 2. Weltkrieg bedeutend vergrößert. Es wurde eine Loslösung von traditionellen Vorgaben, fremden Kontrollen und überregionalen Sittengesetzen immer mehr möglich. Die Anteile der Lebensmöglichkeiten, auf die nicht eingewirkt werden kann, nehmen ab und die entscheidungsoffenen Anteile nehmen zu. Die „Normalbiographie“ wandelt sich in eine „Wahlbiographie“.[3]

„In Szenen oder Milieus wird die Gestaltung des Arbeitslebens, des Geschlechterverhältnisses, des Sozialen Miteinanders und nicht zuletzt der Lebensentwürfe offener; es ergeben sich Bewegungs- und Freiheitsräume, ebenso aber Überforderung, Desorientierung und infolgedessen Rückzug und Flucht.“[4]

Der Strukturwandel, der seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in der Jugendphase immer mehr an Kontur gewinnt, wird vor allem auch von den Medien beeinflusst.

Es kommt zu einer Populärkultur, die einerseits eine weitgehend individualisierte Jugend hervorruft, andererseits aber auch normative Ansprüche und Erwartungen vorgibt, die erfüllt werden wollen. Die bestehenden Orientierungszusammenhänge werden in Frage gestellt und stattdessen neue, individuelle Formen zur Generierung des Welt- und Selbstbildes angeboten.[5]

Moderne Informationstechnologien verändern die Art des Zusammenlebens unter den Menschen, indem sie eine zweite, künstliche Realität aufbauen. „Seit der Moderne geraten durch die Massenmedien bisher bestehende Systeme wie religiöse Überzeugungen, Alltagserfahrungen der Menschen, meinungshomogene Milieus, Brauchtum, ... immer stärker unter Druck, bzw. werden zerstört. Dadurch stehen diese Handlungsräume nicht mehr (oder in verminderter Anzahl) zur Verfügung, in denen sich junge Menschen Basisregeln menschlichen Miteinanders, sowie religiöse und kulturelle Traditionen aneignen können, was durch Kommunikation mit anderen Jugendlichen oder Erwachsenen geschieht.“[6]

2. Die Problematik in der Berufswelt

„Haben Jugendliche vor Jahren ihr Selbstverständnis aus der Sicherheit ihres Berufes gezogen, den sie anstrebten, der gleichsam seine Schatten vorauswarf und so den jungen Menschen in gewissem Sinne vorausbestimmte, so stehen sie nun eine relativ lange Zeit da und wissen buchstäblich nicht, was aus ihnen werden soll.“[7]

Aber auch wenn sie sich für einen Beruf entschieden haben, bedeutet es noch lange nicht, in ihm einen Sinn und Erfüllung zu finden. Ein Arbeiter sagte einmal Folgendes: „Irgendeine innere Befriedigung oder so was gibt mir die Arbeit nicht. Nach der Schicht ist es nicht etwa so, daß man denkt: 'Nun habe ich wirklich etwas geschafft, darauf kann man stolz sein.' Alle denken nur eines: 'Gott sei Dank ist der Tag auch wieder rum!'“[8]

„Die Arbeit hat nicht Teil an zentralen Lebensinteressen, das „eigentliche Leben“, das sich zu leben lohnt, wird nach der Arbeitszeit außerhalb des Berufs gesucht, oft jedoch vergebens.“[9]

Es kann auch passieren, dass ein Mensch an seinem gesellschaftlichen Aufstieg scheitert, weil er nicht die notwendigen kulturellen Ressourcen besitzt, um die neue Position im sozialen Raum auch auszufüllen. Ein anderer spürt, dass ihm die Bedingungen, unter denen er sein Leben führen muss, beispielsweise Zeitdruck oder große Verantwortung im Beruf, viele Verpflichtungen in der Freizeit usw. keinen Spielraum mehr für sich selber lassen.[10]

3. Die Notwendigkeit der Sinnfindung

„Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen heute keine Instinkte und Triebe, was er muß. Im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagen ihm heute keine durch Traditionen tradierte Werte mehr, was er soll. Weder wissend, was er muß, noch was er soll, weiß er überhaupt nicht mehr, was er eigentlich will.“[11]

„Nach den Untersuchungen und Erfahrungen des Psychiaters Viktor Frankl [...] sind Gefühle der Sinnlosigkeit, Nutzlosigkeit und Interessenlosigkeit zum zentralen Problem Jugendlicher geworden. Sinnfrustrationen liegen vielen Jugendproblemen wie Schulabbruch, Alkoholsucht, Drogensucht, Horrorvideokonsum oder Vandalismus zugrunde. Frankl ist der Meinung, daß die Sinnproblematik nicht nur in jugendlichen Problemgruppen virulent ist, sondern inzwischen die Ausmaße eines massenneurotischen Syndroms erreicht hat. Er sieht die Hauptursache der Sinnkrise in einem zu raschen gesellschaftlichen Wandel, mit dem die psychische Evolution nicht Schritt halten kann.

Für Frankl gehört deshalb zu den Grundzielen der Jugendpädagogik die Bearbeitung der Sinnproblematik und die Förderung der Sinnfindung. Er hatte bereits zu Beginn der dreißiger Jahre in einem jugendtherapeutischen Projekt die Erfahrung gemacht, daß eine intensive Unterstützung des Sinnfindungsprozesses zu einer raschen Besserung depressiver Zustände führt. Schwerpunkt der sinntherapeutischen Arbeit war damals und ist auch heute noch, Jugendliche an Aufgaben und Aktivitäten heranzuführen, mit denen sie sich identifizieren können. Dadurch sollen zwei Hauptwirkungen der Sinntherapie erzielt werden: Dereflexion und Selbsttranszendenz. Dereflexion heißt, daß sich der Jugendliche von seiner krankmachenden Selbstbeobachtung und seinem Selbstmitleid löst. Selbsttranszendenz bedeutet, daß er sich in einer Aufgabe im positiven Sinne verliert, also quasi in ihr aufgeht.“[12]

Für Jugendliche ist das Finden von neuen Aufgaben und Interessen meist allerdings kein einfacher Prozess. Verschüttete Sinngehalte müssen freigelegt, Fehlwahrnehmungen erkannt, Denkfehler korrigiert und verdeckte Neigungen bewusst gemacht werden. Dazu werden verschiedenste Angebote, Gespräche und viel Zeit nötig sein, da viele Jugendliche aufgrund von Entmutigungen und Misserfolgserlebnissen wenig Motivation haben, von sich aus daran zu arbeiten.[13]

Peter Alheit behauptet, dass unser Leben mehr enthält, als wir von ihm erzählen können. Es enthält sozusagen einen Sinnüberschuss, was heißt, dass wir im Laufe unseres Lebens mehr Sinn erzeugen, als wir, wenn wir auf uns selbst blicken, erkennen. Er ist nicht von selbst erkennbar.

Er sagt, dass es eine moderne Schlüsselqualifikation ist, diese Ressourcen des Sinnüberschusses zu aktivieren. Dazu muss man das Wesentliche vom bloß Oberflächlichen unterscheiden und den Einfluss von Faktoren unserer Umwelt auf unser Leben überprüfen.[14]

Folgende Punkte können eine Hilfe sein, wenn zum Thema Sinnfindung gearbeitet werden soll:

- An Fragen wie diesen sollte gearbeitet werden: Welchen Sinn siehst du in deinem Leben? Welchen Sinn hat für dich die Schule? Was erwartest du von der Zukunft?
- Vor allem Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird es helfen, ihnen verständlich zu machen, dass die Sinnproblematik von jedem Menschen durchlaufen und durchgestanden werden muss und sich im Leben immer wieder neu stellen wird.
- Es kann von Bedeutung sein, zu fragen, in welchen Lebenssituationen und -phasen eine Sinnerfüllung vorhanden war.
- Wenn es möglich ist, sollten die Gründe des Sinnverlusts herausgearbeitet und Einstellungen geändert werden, die einer Sinnfindung im Wege stehen (z. B. „Eine Lehrstelle werde ich nie finden!“)
- Es ist zudem notwendig, nach Sinn suchende Menschen zur selbstständigen und aktiven Problembewältigung zu ermutigen und anzuleiten. Sie sollten sich von sich aus informieren, selbst Bewerbungen schreiben, Ämter aufsuchen, usw.[15]

4. Gelegenheiten für ein Nachdenken über das eigene Leben

Zum einen drängen überraschende, meist negative Situationen dazu, über den Sinn des eigenen Lebens nachzudenken. Andererseits können es auch Lebenswenden sein, auf die man sich einstellen kann. Beispiele dafür sind traditionelle Übergänge im Leben wie etwa der Schulabschluss, die Eheschließung, die Pensionierung und natürlich der 18., der 30., 40. usw. Geburtstag. Einschnitte im Kalender, wie Sylvester können ebenfalls Potenzial bieten, über die eigenen Pläne für die Zukunft nachzudenken oder sie umzustellen.[16]

Neben Situationen, die sich im Leben absehbar oder unabsehbar ergeben, können auch ganz bewusst gewählte ruhige Zeiten behilflich sein, sich bestimmte Dinge, Entscheidungen, Urteile aus der Vergangenheit noch einmal anzusehen, sie zu überdenken und evtl. zu korrigieren. Ein zeitlicher Abstand ermöglicht es, mit einer gewissen Abgeklärtheit und Distanz, die Dinge von einer anderen Perspektive aus zu sehen.

Dass der Rückblick auf vergangene Erfahrungen und Entscheidungen nicht unbedingt negativ verstanden wird, ist wichtig. Der Mensch kann sich, wenn er etwas Abstand vom Alltag bekommt und Ruhe findet, wie ein Wanderer zurückwenden, den zurückgelegten Weg überblicken und vieles entdecken, was durch Ermüdung, Anstrengung, Mühe und den „aufgewirbelten Staub“ vorher nicht wahrgenommen werden konnte.[17]

II. Biographische Kommunikation

Oftmals werden im Arbeitsleben der modernen Gesellschaft hohe Anforderungen gestellt, die sich oftmals negativ auf das Privatleben auswirken und somit die Sinnhaftigkeit des Lebens nur durch erhöhte biographische Reflexion hergestellt werden kann.

„Wenn das Arbeits- und das Privatleben immer hektischer und kurzlebiger werden, wie können dann langfristige Orientierungen, wie können Vertrauen und Loyalität aufgebaut werden? [...] Die Flüchtigkeit von Partnerschaft, Freundschaft und örtlicher Gemeinschaft im privaten Bereich tragen ihrerseits dazu bei, dass den Menschen ein höheres Maß an biographischer Arbeit abverlangt wird. [...] Wenn die Geschichten ihrer Arbeit und ihres Lebens nicht mehr erzählbar sind, haben Menschen ein Problem.“[18]

1. Heilende Wirkung des Erzählens für den Erzähler

Damit Menschen ihre Geschichten erzählen können, braucht es Orte und Personen, die dies ermöglichen. Passende Voraussetzungen sind wichtig, damit das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte eine heilende Wirkung haben kann, auch im therapeutischen Sinne. Begründet ist diese Wirkung des Erzählens in der Mehrdeutigkeit der erlebten Lebensgeschichte, die nur begrenzt interpretierbar ist. „Trotz dieser Begrenztheit bietet die erlebte Lebensgeschichte eine vom Autobiographen wohl kaum wahrnehmbare Vielfalt an Deutungen. Realisiert er auch nur einen Teil dieser Vielfalt, erlebt er, daß er sein Leben auch noch anders als bisher sehen kann, lernt er, sich als Autor seines Lebens und nicht als seinem Leben passiv Ausgelieferter zu verstehen.“[19]

2. Übermittlung von Lebenserfahrung durch Erzählen

Mit biographischer Kommunikation wird die Weitergabe von Lebenserfahrungen von der älteren zur jüngeren Generation, aber auch unter Gleichaltrigen bezeichnet.

Sie bietet die Möglichkeit des Vergleichens mit der Lebensführung und dem Lebensverständnis von anderen, also ein praktisches Lernen. Es kann einerseits dazu führen, dass die Frage aufkommt, warum man es denn eigentlich damals nicht auch so gemacht hat. Man kann aber auch eine Bestätigung für sich erfahren, da man sich bewusst wird, dass man etwas so nicht gemacht hätte, wie es der andere von sich erzählt.[20]

Zuhörende können aus Lebensgeschichten lernen, da der biographische Erzähler, wie ein Historiker, das Resultat einer Entwicklung schon kennt. Beide werden nun versuchen, das Gewordene überzeugend darzustellen und durch Vorhergegangenes zu erklären. Es werden Strukturen, die beispielsweise zu einer Entscheidung führten, sichtbar gemacht und neue Wissensbestände eröffnet.[21]

„Auf der Suche nach der Berufung und nach dem Sinn des eigenen Lebens begegnen uns viele Menschen, die ein Zeugnis von ihrem Weg und dem Sinn ihres Lebens geben. Dabei kommt es in ihrem Zeugnis gar nicht darauf an, dass ihr Weg auch ein Weg für uns selber sein muss. Vielmehr bietet der Weg eine Anregung zum Nachdenken und eine Möglichkeit zur Profilierung der eigenen Berufung, des eigenen Lebensweges, sowohl in der Nachahmung, aber auch in der Abgrenzung.“[22]

Das Erzählen, auch vom eigenen Lebensweg, war schon immer von großer Bedeutung. Im Alten Testament (Dtn 32,7) beispielsweise spricht Mose zum Volk Israel: Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! Frag deinen Vater, er wird es dir erzählen, frag die Alten, sie werden es dir sagen. Oder wie es in Psalm 78,3 f steht: Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten und die Stärke des Herrn, die Wunder, die er getan hat.

Die Tradition des Erzählens ist von Anfang an auch im Christentum beheimatet. Jesus hat in Geschichten von seiner Botschaft gesprochen und sie den Menschen dadurch verkündet.[23] „Erzählungen bergen das Potential, anzuregen und aufzuregen, zu beruhigen oder zu beunruhigen, zur Aktivität zu ermutigen, Hoffnung zu wecken, Solidarität zu schaffen.“[24]

3. Aufzeigen von Lebensalternativen

Indem der suchende Mensch von seinem Leben erzählt, kann sich eine bisher nicht mögliche Zukunft eröffnen, es kann zu einer neuen Ausrichtung des Lebens kommen. „Eine möglichst umfassende Thematisierung der Lebensgeschichte mit ihren ungelebten Alternativen und übergangenen Seitenstraßen kann mich in die Lage versetzen, mich zuerst reflexiv, dann auch lebenspraktisch aus der Bahn herauszulösen. Ich gewinne Distanz gegenüber den bisher aufgehäuften Pflichten und Bindungen, kann sehen, daß sie nicht die einzige Lösung waren und sind, daß andere hätten ergriffen werden und also jetzt ergriffen werden können.“[25]

Es kann zu einer Art Selbstbefreiung kommen. Der Zuhörer sieht das Erzählte aus einer anderen Perspektive, kann vielleicht eher einen Überblick gewinnen und wird so zu einem wichtigen „Berater“ und Hinweisgeber. Er kann darauf verweisen, dass es auch noch eine andere Interpretation gibt oder dass der Erzähler etwas falsch sieht.[26]

Zusammenfassend kann man sagen: „Das Wesentliche, was wir von den Menschen kennen, scheinen ihre Geschichten und die Geschichten um sie zu sein.“[27] Um jemand kennen zu lernen, muss man sich von ihm etwas über sich erzählen lassen. Es ist weiter ein zentraler Aspekt, um jemandem auf dem Weg der Suche nach dem Sinn des Lebens in aktiver oder passiver Form behilflich sein zu können.

4. Anforderungen an den Begleiter

Neben der gerade genannten Bereitschaft, sich aus dem Leben von anderen erzählen zu lassen, ist es für Personen, die sich im Bereich Berufung bzw. Sinnfindung engagieren und Menschen bei deren Problemen, deren Suche helfen wollen wichtig, folgende Aspekte zu beachten:

„Autobiographische Materialien aus dem Kontext der Erziehungshilfen wie aus dem der Drogenarbeit zeigen, dass die Professionellen für die AdressatInnen dann wichtig sind, wenn sie erfahren können, dass sie ernst genommen werden, dass sie Zeit für sie haben, dass sie auch in ihren Schwierigkeiten, und gerade in Schwierigkeiten, die sie mit den Professionellen haben, nicht verurteilt und aufgegeben werden, dass hinter allen professionell gekonnten und darin verlässlichen Attitüden der Professionalität die Pädagogen in ihrer Menschlichkeit, also auch eigenen Problemen und Optionen erkennbar werden.“[28]

Sinn und Orientierung wird dann am ehesten vermittelt werden können, wenn die suchenden Menschen glaubwürdigen Personen begegnen. Dazu gehört auch, dass die Begleiter selber Identität besitzen und veranschaulichen können, was ihrem Leben Sinn gibt.[29]

III. Christliche Religion und Stiftung von Identität

Die ganze Kirche hat den Auftrag jedem Menschen zu helfen, den Ruf Gottes, der mit den Gaben des Heiligen Geistes verbunden ist und zu unterschiedlichen Diensten und Lebensformen auffordert, zu hören und anzunehmen.[30]

Für Papst Johannes Paul II. besteht kein Zweifel daran, dass es eine der ernstesten und dringendsten Aufgaben der kirchlichen Gemeinschaft ist, jedem Getauften zu helfen, den Anruf Gottes an ihn zu vernehmen.[31] In einem Dokument der Glaubenskongregation wird der Auftrag der Kirche, beim Erkennen des Rufes Gottes behilflich zu sein, über die Getauften hinaus ausgeweitet auf alle Menschen.[32] Aufgabe der Seelsorge ist es also, jedem Menschen, ob Christ oder nicht, bei der Suche nach dem Sinn seines Lebens beizustehen und ihn nach Kräften zu unterstützen.

Wenn die kirchliche Gemeinschaft versucht, dahingehend zu wirken, steht sie schnell vor dem Problem, dass sie oftmals keinen Zugang zu jungen und suchenden Menschen hat. Deswegen muss Kirche vor allem in der Schule und im Freizeitsektor aktiv sein. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, einen offenen, kommunikativen, dialogischen und personalen Umgang mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu pflegen. Es braucht Räume, in denen es möglich ist, gelingendes (christliches) Leben erfahren, verstehen und gestalten zu lernen.[33] Im optimalsten Fall geschieht dies nicht ausschließlich in Gruppen Gleichaltriger sondern auch im Zusammensein mit älteren und jüngeren Menschen.

1. Die Bedeutung der Religion für das Menschsein

Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass ohne religiöse Identität Menschsein nicht gelingen kann. „Diese Annahme ist objektiv nicht begründbar; denn erstens gab und gibt es faktisch überzeugendes Menschsein mit und ohne religiöse Identität (z. B. die areligiösen Vaclav Havel oder Max Horkheimer ebenso wie die religiösen Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi) – aber auch das Gegenteil (z. B. der katholische General Pinochet wie der Atheist Stalin); zweitens läßt sich oft die Trennlinie zwischen religiösem und atheistischem Sinnsystem innerhalb der persönlichen Identität eines Menschen nicht exakt bestimmen (ist z. B. Erich Fromm ein religiöser Mensch oder nur ein Humanist?); und drittens ist die Beurteilung gelingenden Menschseins immer schon vom subjektiven Standpunkt und vom eigenen Menschenbild mitbedingt.“[34]

[...]


[1] vgl. Grom, Bernhard / Schmid, Josef: Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Freiburg – Basel – Wien 1982; S. 95 f

[2] vgl. Schneider, Michael: Lebensprojekt Berufung. Dimensionen – Kriterien – Anfragen, in: Krieger, Walter / Sieberer, Balthasar (Hrsg.): Alle sind Berufene. Christen in Kirche und Gesellschaft, Linz 2001; S. 62

[3] vgl. Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt am Main 1990; S. 12 f

[4] Thiersch, Hans: Biographieforschung und Sozialpädagogik, in: Kraul, Margret / Marotzki, Winfried (Hrsg.): Biographische Arbeit. Perspektiven erziehungwissenschaftlicher Biographieforschung, Opladen 2002; S. 144

[5] vgl. Brüdigam, Ulf: Bildung in medialen Fan-Gemeinschaften. Eine biographieanalytische Untersuchung von Strukturen moderner Bildungsprozesse, in: Kraul, Margret / Marotzki, Winfried (Hrsg.): Biographische Arbeit. Perspektiven erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung, Opladen 2002; S. 185 f

[6] vgl. Lechner, Martin: Identität – die zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter, in: Jugendpastoralinstitut Don Bosco, Benediktbeuern (Hrsg.): Identitätsfindung – die zentrale Aufgabe der Sozialisation im Jugendalter, Benediktbeuern 1993; S. 9 f

[7] Schmid, Franz: Kirchliche Jugendarbeit – ein Konzept zur Identitätsfindung?, in: Jugendpastoralinstitut Don Bosco, Benediktbeuern (Hrsg.): Identitätsfindung – die zentrale Aufgabe der Sozialisation im Jugendalter, Benediktbeuern 1993; S. 73

[8] Gremmels, Christian / Segbers, Franz (Hrsg.): Am Ort der Arbeit. Berichte und Interpretationen, München 1981; S. 13 f

[9] Mayer, Rainer: Berufung und Beruf. Zum Wandel des Berufsverständnisses, in: Diakonie, Sondernummer 8, März 1984; S. 105

[10] vgl. Alheit, Peter: Leben lernen? Bildungspolitische und bildungstheoretische Perspektiven biographischer Ansätze, Bremen 1992; S. 73

[11] Frankl, Viktor Emil, in: Keller, Gustav: Pädagogische Psychologie griffbereit. Ein schulpraktisches Handbuch, Donauwörth 1994; S. 139

[12] Keller, Gustav: Pädagogische Psychologie griffbereit. Ein schulpraktisches Handbuch, Donauwörth 1994; S. 139

[13] vgl.ebd.; S. 140 f

[14] vgl. Alheit, a.a.O.; S. 74 ff

[15] vgl. Keller, a.a.O.; S. 140 f

[16] vgl. Fuchs-Heinritz, Werner: Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden, Wiesbaden 2000; S. 69

[17] ebd.; S. 70

[18] Kraul, Margret / Marotzki, Winfried: Bildung und Biographische Arbeit – Eine Einleitung, in: Kraul, Margret /Marotzki, Winfried (Hrsg.): Biographische Arbeit. Perspektiven erziehungswissenschaftlicher Biographieforschung, Opladen 2002; S. 9

[19] Fuchs-Heinritz, a.a.O.; S. 70

[20] vgl. ebd.; S. 17

[21] vgl. Alheit, a.a.O.; S. 45

[22] Piwowarczyk, Bogdan: Das Mysterium der Berufung. „Die letzte Erfahrung des Menschen ist die Erfahrung des Mysteriums.“ in: Klerusverband e.V. (Hrsg.): Klerusblatt. Zeitschrift der katholischen Geistlichen in Bayern und der Pfalz, München 86 (2006) Nr. 1; S. 12

[23] vgl. Kreiner, Monika: „Dass ich blind war, fiel gar nicht auf.“ – Bausteine zur pastoraltheologischen Biographieforschung, Münster 2004; S. 20

[24] ebd.; S. 21

[25] Fuchs-Heinritz, a.a.O.; S. 69 f

[26] vgl. ebd.

[27] Schapp, Wilhelm: In Geschichten verstrickt. Zum Sein von Mensch und Ding, Wiesbaden 1953; S. 1953

[28] Thiersch, a.a.O.; S. 151

[29] vgl. Schmid, a.a.O.; S. 83

[30] vgl. Baumgartner, Konrad / Scheuchenpflug, Peter (Hrsg.): Lexikon der Pastoral. Lexikon für Theologie und Kirche kompakt, Freiburg 2002; S. 178

[31] vgl. Papst Johannes Paul II: Das Gebet um Berufungen bleibt unverzichtbar. Botschaft von Johannes Paul II. an die Teilnehmer des Europäischen Kongresses über die Berufungspastoral, in: Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs (Hrsg.):Ordensnachrichten, Amtsblatt und Informationsorgan der Österreichischen Superiorenkonferenz. Neue Berufungen für ein neues Europa. Kongreß über die Berufungen zum Priestertum und zum gottgeweihten Leben in Europa. Rom, 5. bis 10. Mai 1997, Heft 4, Wien 1997; S. 15

[32] vgl. Papst Johannes Paul II: Instruktion der Glaubenskongregation „Libertatis conscientia“, 22. März 1986, in: Denzinger, Heinrich: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg – Basel – Rom – Wien 1991; S. 1429

[33] vgl. Lechner, a.a.O.; S. 9 f

[34] Bopp, Karl: ???, in: Jugendpastoralinstitiut Don Bosco, Benediktbeuern (Hrsg.): Identitätsfindung – die zentrale Aufgabe der Sozialisation im Jugendalter, Benediktbeuern 1993; S. 67

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Details

Titel
Pastoraltheologische Reflexion zu Sinnfindung und Lebensgestaltung - Verdeutlicht an einem Praxisprojekt für junge Erwachsene
Untertitel
Berufen – Aber wozu?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
96
Katalognummer
V85730
ISBN (eBook)
9783638900577
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pastoraltheologische, Reflexion, Sinnfindung, Lebensgestaltung, Verdeutlicht, Praxisprojekt, Erwachsene
Arbeit zitieren
Simon Steger (Autor), 2006, Pastoraltheologische Reflexion zu Sinnfindung und Lebensgestaltung - Verdeutlicht an einem Praxisprojekt für junge Erwachsene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85730

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