Novalis’ "Heinrich von Ofterdingen"


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1. Der Dichter als poetischer Kommunikator
2. Die Natur als Spiegel der Seele
2.1 Natur als weibliche Metaphorik
3. Die Moderne als Spannungsfeld der Poetisierung Heinrichs
4. Träume als Initiation einer poetischen Subjektivierung
5. Konstruktion einer poetischen Identität
5.1 Poetische Identitätsstiftung durch die Liebe

II. Schlussbetrachtung

III. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg wird bis heute in der Forschungsliteratur als der Dichter der (Früh-)Romantik angesehen. Viele seiner romantischen Theorien finden sich im Heinrich von Ofterdingen[1] wieder. Trotz der kurzen Entstehungszeit bleibt der Roman mit dem frühen Tod von Novalis[2] am 25. März 1801 im Alter von nur 29 Jahren Fragment. Ganz bewusst als Gegenentwurf zu Goethes Wilhelm Meister angelegt, fand Novalis – wie von Hardenberg sich nach einem Zweig seiner Vorfahren nannte – auf einer Reise in den Chroniken über „Heinrich von Afterdingen“ den passenden Stoff. Mit der Verlegung der Bildungsreise ins Innere des Protagonisten wollte Novalis die Erkenntnis seines Helden durch eine kritische Poesie transzendental werden lassen.

Immer wieder finden sich im Ofterdingen Kommunikationssituationen, die dem Protagonisten auf seiner Bildungsreise des inneren Ichs den Weg zur poetischen Subjektwerdung ermöglichen. Begleitet von geistigen Mentoren durchläuft Heinrich eine innere Reflexion, die sich mit einer zunehmend gefestigten poetisierten Identität nach außen kehrt. Die so gewonnene innere Reife dient ihm dazu, den für ihn vorherbestimmten Weg zum vollendeten Dichter zu beschreiten. Doch wie hat Novalis diese Poetisierung des Subjekts in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen ausgestaltet?

Die folgende Arbeit wird mit Fokus auf dem Primärtext die identitätsstiftende Poetisierung des Subjekts im Heinrich von Ofterdingen von Novalis untersuchen. Es soll dabei gezeigt werden, wie die vielschichtig angelegte Selbstreflexion des Protagonisten – mit Initiation von innen und außen – die mentale Reife auslöst, welche eine poetisierte Interaktion innerhalb des Geschehens als identitätsstiftende Selbstfindungsgrundlage etabliert.Dabei werden gezielt Textstellen herangezogen, die den kommunikativen Charakter verdeutlichen. Unterstützende Aspekte wie die Betrachtung von Natur und Technik, sowie die Betrachtung der Traumerfahrung des Protagonisten stellen zielorientierte Teilbereiche dar, die die Ausgestaltung eines kommunikativen Charakters zur poetischen Subjektwerdung Heinrichs deutlich beeinflussen. Denn gerade im Ofterdingen finden sich eigene philosophische Überlegungen wie auch zeitgenössische Theorien anderer im Roman eingewoben.

1. Der Dichter als poetischer Kommunikator

Die Literatur im 18. Jahrhundert wurde durch die Einflüsse und Gedanken der Französischen Revolution stark geprägt. Die gesellschaftspolitischen und sozialen Einschnitte der Revolution veränderten das damalige Gesellschaftsbild radikal. Mit der schweren Erschütterung der alteuropäischen Ordnung wurde der Optimismus auf eine „Aussöhnung der Welt“ verdrängt. Diesen Teil der Weltgeschichte empfanden gerade die Frühromantiker als fortschreitende Zerstörung der gesellschaftlichen Werte. Der Glaube, dass der Mensch stets auf eine höhere Vollkommenheit zustrebt, wird mit der Utopie einer solchen Vollkommenheit in unerreichbare Ferne gerückt. Aus der Gesellschaft lösen sich die Subjekte in ihre individuellen Identitäten auf. Historische Prozesse sind damit nicht länger mehr nur eine Emanzipation des Subjekts, sondern werden als die eigene Entfremdung empfunden. Ein Sinnverlust ist die Folge, dem sich die Frühromantiker radikal ausgeliefert sahen.

So versucht auch Novalis, der sich mit seinem Bildungsroman Heinrich von Ofterdingen an einer idealisierten Vergangenheit orientiert, eine Annäherung an das Ziel der idealen Zukunft zu schaffen. Die Triade der vollendeten Vergangenheit, der entfremdeten Gegenwart und der idealen Zukunft prägen also auch seine Gedankenwelt.

Mit der kriegerischen Zerstörung der Gegenwart wurden Ideal und Realität des „Goldenen Zeitalters“[3] gespalten.

In den Augen der Frühromantiker war mit der Französischen Revolution das goldene Zeitalter in weite Ferne gerückt. Die Götter hatten die Erde verlassen; die Welten waren entzweit. Heinrichs Vater sagt daher: „In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt.“ (S. 13, V. 4f.) Mit dieser Trennung herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Diesseits und Jenseits. Mit dem stetigen Streben nach einer erneuten Vereinigung dieser Splitter der „Weltenseele“ kann nur in einer idealisierten Zukunft die Einheit der Welt mit ihren Subjekten wieder hergestellt werden.

Mit Blick auf diese Erlösungshoffnung nimmt Novalis den Leser im Ofterdingen mit auf die Reise ins Innerste des Protagonisten, um dort die eschatologische Vollendung Heinrichs im Dichtertum zu zeigen. Das reflektierte Beobachten dieser Poetisierung des heinrich’schen Subjekts soll dabei auch als kommunikative Initiation auf den Rezipienten wirken. Statt aufgeklärter und klarer Erleuchtung stellt Novalis die Erkenntnis aber in eine romantische Dämmerung mit dem zarten Schleier des Zwielichtes:

„Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie geworden. Es dünkte mich, sie müssten befreundet mit den scharfen Geistern des Lichtes sein, die alle Naturen durchdringen und sondern, und einen eigentümlichen, zartgefärbten Schleier über jede verbreiten.“ (S. 85, V. 4-9)

Immer wieder haben einige Forscher Novalis als Fichteaner interpretiert, der die Transzendentalphilosophie weder magisch, noch mystisch-religiös, noch hegelianisch übersteigert. Manfred Frank vertritt dabei in seiner „Einführung in die frühromantische Ästhetik“ (1989) sogar die Ansicht, dass Novalis das „absolute Ich“ überwindet. Seiner Ansicht nach gehört damit „… die frühromantische Philosophie […] nicht in den Rahmen des deutschen Idealismus.“[4] Aus Franks Erläuterungen und Interpretationen zum Ordo inversus entwickelt schließlich Herbert Uerling in „Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis“ (1991) die brillante Kurzformel der hardenberg’schen Philosophie, die er als „… narrative Konstruktion immanenter Transzendenz …“[5] bezeichnet:

„Etwas Gesuchtes, Gewünschtes oder Vorauszusetzendes wird ’gesetzt’, ’als ob’ es gefunden, erreicht/erreichbar, wahr oder wirklich sei. […] Konstruiert wird nicht das transzendente Absolute, sondern Konstruktion ist die Bewegung, die ais dem unaufhebbaren ’Mangel an Sein’, aus der immer nur negativ möglichen Erkenntnis des Absoluten entsteht. […] Unternommen wird der Versuch einer sich selbst durchstreichenden Reflexion der Reflexion, die Darstellung der Wechselreaktion von Gedanke und Gefühl.“[6]

Und auch Uerling teilt mich Frank die Auffassung, dass „… Novalis mit der Fundierung des Selbstbewusstseins im transreflexiven Sein die Wissenschaftslehre verlasse …“[7] und heute niemand mehr behaupten könne, „… Hardenberg sei Fichteaner …“[8] gewesen.

2. Die Natur als Spiegel der Seele

Novalis’ fundierte Kenntnisse zum Stand der zeitgenössischen Technik und des Bergbaus machen sich im Heinrich von Ofterdingen eher unterschwellig bemerkbar. Dennoch fungieren darin immer wieder Naturwelten – insbesondere Höhlen und Bergwerke – als zentraler Schlüssel zur Seele des Helden. Detaillierte Schilderungen der Natur und romantische Bergwerksmotive durchziehen die Kernkapitel wie feine Erzadern einen Stollen. Vor allem im fünften Kapitel spielen Bergwerke in den Erzählungen des alten Bergmanns mit seiner kapitalismuskritischen Sichtweise eine bedeutsame Rolle. Dennoch beschreibt Novalis – entgegen der naheliegenden Vermutung durch seinen bürgerlichen Beruf – die Bergwerke keineswegs mit technischer Akribie. Er schildert dem Leser hier vielmehr einen Einblick in die „Bergwerke der Seele.“[9]

Anders als in Goethes Wilhelm Meister soll nun nicht mehr eine „Vermittlung“ zwischen Kunst und Wirklichkeit stattfinden, sondern vielmehr die Wirklichkeit in Kunst verwandelt werden. Denn die innere Reifeprüfung erfolgt – anders als bei Goethe nicht mehr von außen, sondern über die Innenwelt des Protagonisten. Seine Erfahrungen macht der Protagonist dabei bemerkenswert häufig im Inneren einer Höhle oder eines Berges, die in ihm innere Erfahrungen bzw. Selbst-Reflexionen der Situation und seines Wissenstandes auslösen.

Das Eintauchen bzw. der Abstieg in die Tiefen des Berges mit dem darin stattfindenden Aufstieg der inneren Reife legen die Assoziation einer tiefenpsychologischen und philosophischen Komponente nahe.[10] Immer wieder erscheint die Natur als nach außen gekehrtes Gemüt.[11] Es ist also gerade die intensive Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Gefühlswelt und der Möglichkeit des poetischen Philosophierens, die die „Kunst“ des Dichters bedingt.

Die Integration des eigenen Subjekts in den Allzusammenhang der Dinge interagiert mit dem Verstand, dem Gefühl und der Empfindung zur Natur, um daraus im Spiegel der inneren Seele die Lehren der eigenen Identität und des menschlichen Daseins zu ergründen.[12] Das Fundament auf dem dieser Weg aufbaut, wird die Liebe sein.

2.1 Natur als weibliche Metaphorik

Schon der alte Bergmann stellt immer wieder eine Verbindung zwischen Geliebter und der Natur her. Die blauen Augen der Bergmannstochter Werners[13], „… die so blau und offen, wie der Himmel waren, und wie die Kristalle glänzten …“ (S. 66, V. 34ff.) verzaubern den Bergmann bereits zu Beginn seiner Karriere. Mit der Verbindung des alten Bergmannes und der Weiblichkeit der Natur, werden tradierte Vorstellungen angedeutet, die die (Mutter) Natur als lebenden Organismus ansehen, in dessen Schoß der Bergmann seine Arbeit verrichtet. So wird die Natur zum vitalen Ort, in der ein Bergmann als „… Geburtshelfer …“[14] die Schätze der Erde lediglich vorzeitig aus dem Mutterleib hervorholt.

[...]


[1] Im Folgenden werden unter Angabe von Paginierung und Vers alle Textpassagen aus dem Primärtext nach dieser Ausgabe zitiert: Frühwald, Wolfgang (Hrsg.): Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Ein Roman. Reclam 8939. Stuttgart 1987.

[2] Novalis = lat. für „der Neuland Bestellende“.

[3] Novalis verwendet diesen Begriff erstmals um 1790 in seinen Schriften. Immer wieder durchzieht dieser Begriff seine Werke. Das berühmte Motiv des „Goldenen Zeitalters“ mit seinen fünf großen Traditionslinien hat vor allem Hans-Joachim Mähl mit seiner Forschungsarbeit „Über die Idee des Goldenen Zeitalters“ (1965) aufgezeigt. Mähl zeigt dabei, dass bei Novalis vor allem das Ineinander der mythisch-zeitlosen Erfahrung einer „höheren Welt“ seine geschichtsphilosophische Zukunftserwartung geprägt haben.

[4] Vgl. hierzu Manfred Frank: Einführung in die frühromantische Ästhetik. S. 222 und S. 259.

[5] Uerling, Herbert: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Werk und Forschung. Stuttgart 1991, S. 230.

[6] Ebd. S. 230.

[7] Vgl. Bernward Loheide: Fichte und Novalis. S. 174.

[8] Uerling, Herbert: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. S. 136.

[9] Ziolkowski, Theodore: German Romanticism and Its Institutions. Princeton 1990. S. 19.

[10] Gerade das platonische Höhlengleichnis entfaltet in diesem Kontext eine naheliegende Form der Erkenntnisstufe, da auch Heinrich seine Erkenntnisstufen in einer Höhle durchlaufen muss. Auch sagt Heinrich zu Mathilde: „Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten des Bildes.“ (S. 119, 22f.).

[11] Novalis nutzt den Begriff des Gemüths analog zum „Ich“. Eine inhaltliche Unterscheidung trifft er dabei nicht. Novalis versteht darunter das „… die gegebenen Vorstellungen zusammensetzende und die Einheit der empirischen Apperzeption bewirkende Vermögen“. Vgl. Novalis: Vorarbeiten zu verschiedenen Fragmentsammlungen (1798) In: Mähl, Hans-Joachim / Samuel, Robert (Hrsg.): Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. Band 2. Darmstadt 1999. Hier: Abschnitt 535, 46.

[12] Der Spiegel der Seele, also die Reflexion des Selbst, hat Novalis in seinen „Fichte-Studien“ beispielhaft im Selbstbildnis des Malers erläutert. Die spiegelverkehrte Wahrnehmung zeigt so nur ein falsches Bild der Realität. Der Bezug durch den Hinweis der „Kunst“ und der Interaktion zuwischen „Nachdenken und Betrachten“ erscheint in diesem Kontext als Anspielung auf diese Ausführungen.

[13] Mit „Werner“ spielt Novalis auf Abraham Gottlob Werner (1750-1817) an, der von 1797 bis 1799 sein Lehrer an der Bergakademie im sächsischen Freiberg war und mit beinahe infantiler Hingabe die Naturerscheinungen erforschte.

[14] Vgl. Helmut Gold: Erkenntnisse unter Tage. S. 213.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Novalis’ "Heinrich von Ofterdingen"
Hochschule
Universität Mannheim  (Neuere Germanistik II)
Veranstaltung
Friedrich von Hardenberg: Novalis
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V85762
ISBN (eBook)
9783638015981
ISBN (Buch)
9783640381340
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novalis’, Heinrich, Ofterdingen, Friedrich, Hardenberg, Novalis
Arbeit zitieren
Master of Arts Alexander Monagas (Autor), 2007, Novalis’ "Heinrich von Ofterdingen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85762

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