Heine von Göttingen - Heinrich Heines Goethe-Bild und sein Verhältnis zu Goethe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

38 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hintergründe zu Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe
2.1. Leben und Werk Heines im zeitlichen Überblick
2.2. Goethes Leben und Werk im Überblick
2.3. Zeitleiste (Visualisierung)

3. Das Verhältnis Heines zu Goethe
3.1. Heines Verhältnis zu Rahel und Karl August Varnhagen von Ense
3.1.1. Beschäftigung mit Goethe
3.1.2. Kurzzeitiger Bruch in der Beziehung zu Varnhagens
3.2. Andere Schnittstellen zwischen Heine und Goethe
3.3. Das Treffen zwischen Heine und Goethe
3.3.1. Bemühungen Heines um die Gunst Goethes
3.3.2. Goethe als Vorbild junger Dichter
3.3.3. Heines Goethe —Bild nach dem Besuch in Weimar
3.3.4. Zusammenfassung der Einstellungen Heines gegenüber Goethe im Laufe der Jahre
3.3.5. Das Treffen zwischen Heine und Goethe in Heines Harzreise
3.3.5.1. Entstehung der Harzreise
3.3.5.2. Der verschwiegene Besuch in der Harzreise
3.4. Goethe über Heine

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

„ Ich hätte hundert Gr ü nde, Ew. Excellenz meine Gedichte zu schicken. Ich will nur einen nennen: Ich liebe Sie. Ich glaube, das ist ein hinreichender Grund."1

Fragt man nach den großen deutschen Dichtern, so werden einem oft Jo- hann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Heinrich Heine ge- nannt. Zuweilen werden diese drei gar in dieser Reihenfolge genannt. Be- trachtet man auf der anderen Seite die Lebensdaten dieser Schriftsteller, fallen Parallelen auf: Johann Wolfgang von Goethe lebte von 1749 bis 1832, Friedrich Schiller von 1759 bis 1805, Heinrich Heine von 1797 bis 1856. Allein dadurch, dass sie etwa zur gleichen Zeit lebten, sollten sie ein Bild von dem jeweils Anderen haben. Derart produktive Schriftsteller wie die eben genannten, haben sicherlich etwas über ihre Konkurrenten ver- fasst. Dies gilt es hier herauszufinden: Die vorliegende Arbeit will sich mit dem Goethe-Bild Heinrich Heines beschäftigen.

Es sollen Aspekte der Sympathie Heines zu Goethe ebenso aufgezeigt werden, wie Aspekte der Antipathie beider. Ebenso will die Arbeit versu- chen darzustellen, welche Gesichtspunkte für ein bestimmtes Goethebild Heines dominieren und ob dabei ein Wandel festzustellen ist. Die Arbeit verfolgt einen literaturgeschichtlichen Ansatz. Auf die ver- schiedenen Lesarten des Deutschen in den Werken Heines und in denen Goethes soll nicht mehr als die Sache es erfordert eingegangen werden. Es werden für Goethes Texte die Weimarer Ausgabe und für Heines die Düs- seldorfer Ausgabe herangezogen; ferner wird die Heine Säkularausgabe für Briefwechsel und Ähnliches benutzt.

Zunächst sollen die Lebensdaten beider Autoren in einen zeitlichen Zu- sammenhang zueinander und gebracht werden. Im dritten Teil soll aufge- zeigt werden, wie die Schriftsteller zueinander standen. Dazu soll der Be- such Heines bei Goethe erläutert sowie gemeinsame Bekannte beleuchtet werden.

2. Die Hintergründe zu Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe

2.1. Leben und Werk Heines im zeitlichen Überblick

Heinrich Heine wird am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine geboren. Er ist der erste Sohn des jüdischen Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Betty van Geldern. Samson Heine ist ein ärmlicher Tuch- händler, der recht erfolglos später bankrot geht und von seinen Brüdern entmündigt wird. Er steht im Gegensatz zu seinem Bruder Salomon Heine, der sehr wohlhabend ist und seinem Neffen Heinrich schließlich nach missglückter Kaufmannslehre das Studium der Jura ermöglicht.

In die Tochter des Onkels, seine Cousine Amalie verliebt sich Heinrich bei einem Aufenthalt in deren Landhaus bei Hamburg 1816. Die Liebe wird allerdings nicht erwidert und Heine trägt Zeit seines Lebens schwer an dem sogenannten Amalien- Erlebnis2.

Heines „merkantilistische Seifenblase“3 war geplatzt, sein Geschäft, das der Onkel im eingerichtet hatte, wurde wegen bevorstehenden Bankrotts liquidiert. 1820 schreibt sich Heine an der jungen Universität Bonn ein, an der erst im Jahr zuvor die Lehre begonnen hatte. Obgleich er Recht studiert, hört er eine einzige Vorlesung zum römischen Recht und beschäftigt sich eingehend mit der Philosophie und Literatur. Es entstehen erste Publikationen, so etwa das Drama „Almansor“.

1819/1820 wechselt Heine an die traditionsreiche Universität Göttingen, die er aber im Folgejahr aufgrund eines Universitätsbeschlusses wegen eines Duellversuchs verlassen muss.4 Im April 1822 setzt Heine sein Jura- studium in Berlin fort. Er beschäftigt sich allerdings auch hier eher mit Literatur und lernt beispielsweise Rahel und Karl August Varnhagen von Ense kennen. Karl August vermittelt den Kontakt zur Maurerschen Buch- handlung in Berlin, bei der schließlich Gedichte (1821), Über Polen (1823), Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo (1823) oder auch William Ratcliff (1822) erschienen.

Der Onkel verlängert die Finanzierung des Studium nur unter der Voraussetzung, dass Heine sein Studium innerhalb von zwei Jahren in Göttingen beendet. 1824 kommt Heine zurück nach Göttingen und unternimmt im gleichen Jahr auch die Fußreise durch den Harz, bei der er in Weimar schließlich auf Johann Wolfgang von Goethe trifft.

Erst im Juni 1825 wird er in Heiligenstadt auf den Namen Heinrich protes- tantisch getauft. Nur so hätte er eine Anstellung im Staatsdienst annehmen können.5 Einen Monat später nimmt Heine seine Promotionsurkunde in Empfang. Anschließend reist Heine durch Norddeutschland, weilt einige Zeit bei den Eltern in Lüneburg. Durch die Bekanntschaft zu Julius Campe erscheinen viele Werke im Verlag Hoffmann und Campe. Fortan ist Heine Schriftsteller von Beruf und reist durch Europa. 1826 erscheint bei Campe der erste Teil der Reisebilder, 1827 schon Band zwei. 1828 reist Heine nach Italien, bis Ende November. Anfang Dezember stirb der Vater in Hamburg. Im Dezember des drauffolgenden Jahres erscheint der dritte Teil der Reisebilder.

Die Nachricht der französischen Julirevolution erreicht Heine auf der Insel Helgoland. Heine setzt große politische Hoffnungen auf die Revolution.6 Nachdem im Jahr 1831 die Nachträge zu den Reisebilder, Band IV, er- schienen war, siedelte Heine im Mai nach Paris über. Im Jahr darauf wird „Französische Zustände“ veröffentlicht, so wie „Der Salon“ Band I., der unter anderem „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ enthielt. Ein Jahr später erscheint „Zur Geschichte der Religion und Philo- sophie in Deutschland“. Seit diesem Jahr, 1834, lebt Heine mit Crescienta Eugenie Mirat zusammen, die er 1841 heiratet.

Durch das Bundestagsverbot vom 10. Dezember 1835 wird Heine unter- sagt, in den deutschen Ländern zu veröffentlichen. 1836 wird „Die Ro- mantische Schule“ herausgegeben., während in den Folgejahren 1837 und 1840 zwei Bände des „Salon“, III und IV, erscheinen. Diese enthalten un- ter anderem die „Florentinische Nächte“ und den „Rabbi von Bacherach“.

Ebenfalls 1840 schreibt Heine „Ludwig Börne. Eine Denkschrift.“ 1843 und 1844 reist Heine zweimal nach Hamburg. „Als literarisches Ergebnis der Deutschlandreise von 1843 entsteht ‚Deutschland. Ein Wintermär- chen’, das wichtigste Dokument von Heines Deutschlandkritik und seiner Gesellschaftsutopie.“7 Im Jahr 1847 erscheinen „Atta Troll“ und „Der Doktor Faustus“, zu dem Heine schon 1824 bei seinem Besuch bei Goethe Pläne haben soll.8

Ab 1848 fesselt eine schwere Krankheit ans Bett: Heine spricht von seiner Matratzengruft. Zuletzt verliebt sich Heine 1855 in die 27-jährige Schrift- stellerin Elise Krinitz, die er die „Mouche“ nennt, und die ihn zu seinen letzten großen Liebesgedichten inspiriert. Er verbringt acht Jahre unter bedauerlichen Umständen im Bett liegend, bis er schließlich 1856 stirbt.

2.2. Goethes Leben und Werk im Überblick

Johann Wolfgang Goethe wird am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und am folgenden Tag protestantisch getauft.

1765 beginnt Goethe als Sechzehnjähriger sein Jurastudium in Leipzig, das er aber noch im selben Jahr aufgrund einer Erkrankung abbrechen muss. Schon vor Studienbeginn versucht der Vater, das Interesse für die „juristi- schen Gegenstände“ zu wecken und arbeitet mit ihm zwei Grundlagen- werke durch.9 Seine juristischen Kenntnisse, so schreibt Bachmeier, erwei- tert Goethe in seiner Leipziger Studienzeit nur unwesentlich und scheint sich, ähnlich wie Heine, für die Jurisprudenz nie wirklich begeistern zu können.10 Während des Studiums beschäftigt sich Goethe ebenfalls lieber mit Poesie, klassischer Altertumswissenschaft und Fechten.11 1770 schließlich wechselt Goethe nach Straßburg, um dort sein Jurastudium zu beenden. Doch auch hier gilt sein Interesse den Medizin, Chirurgie, Che- mie, Geschichte und Staatswissenschaften. Im folgenden Jahr entstehen aus der Bekanntschaft mit Friederike Brion die Seesenheimer Lieder. Bri- on wird er nach seiner Promotion verlassen. Zuvor wurde seine Promotion über Kirchenrecht, De Legislatoribus, abgelehnt. Erst im August des Jah- res promoviert Goethe zum Lizentiaten der Rechte. Er wird den Titel Doc- tor iuris führen, da der deutsche Doktortitel dem Straßburger Lizentiatenti- tel entspricht. „Vermutlich einen Tag nach der Promotion ist Goethe in Seesenheim, um Abschied von Friederike zu nehmen (ohne ihr allerdings dessen Endgültigkeit zu gestehen).“12 Ende August stellt Goethe in Frank- furt den Antrag zur Zulassung als Rechtsanwalt. Zusammen mit dem Vater eröffnet er eine Kanzlei, deren ganze Arbeit bald der Vater übernimmt, da Goethes Interesse an der Jurisprudenz immer noch mäßig ist. Goethe wid- met sich den Straßburger Manuskripten. Gegen Ende des Jahres schreibt er die Urfassung des Götz.13 Während seiner Zeit als Rechtspraktikant beim Reichskammergericht in Wetzlar entsteht 1773 Götz von Berlichingen.

Fortan stützt sich Goethe mehr und mehr auf die Schriftstellerei denn auf die Jurisprudenz. 1774 erscheinen „Die Leiden des jungen Werther“, die in kürzester Zeit zum Kultbuch werden. „Eine Werther- Epidemie bricht aus: Werther- Mode, Werther- Feiern, Werther- Selbstmorde.“14 1775 verlobt sich Goethe schließlich mit Lili Schönemann. Im selben Jahr siedelt Goethe nach Weimar über, auf Einladung des Herzogs Carl August von Sachsen- Weimar- Eisenach. Dort lernt er auch Charlotte von Stein kennen, zu der er bis 1786 eine enge Beziehung hat.15 Im Winter 1777 reist Goethe durch den Harz.

1779 entsteht Iphigenie auf Tauris. Im gleichen Jahr wird Goethe auch zum Geheimen Rat ernannt. Der Jahre später bereits erhält er von Kaiser Joseph II. den erblichen Adelstitel.

Nach der Rückkehr von der Italienreise 1788 lebt er in Weimar mit Chris- tiane Vulpius zusammen, die er 1806 heiratet. Nur ein Sohn von fünf Kin- der erreicht das Erwachsenenalter, wird aber vom Vater überlebt. 1792 und 1793 nimmt Goethe an Feldzügen gegen Frankreich teil. Er kämpft gegen Frankreich und besetzt mit Revolutionstruppen Frankfurt und Mainz für Preußen.16

Nachdem Goethe 1794 Bekanntschaft mit Friedrich Schiller geschlossen hatte, arbeiteten sie teilweise zusammen und verfassten beispielsweise die Xenien. 1808 schließlich erscheint „Faust. Der Tragödie erster Teil“, ein Jahr später „Die Wahlverwandtschaften“, 1811 „Dichtung und Wahrheit“. Goethe beschäftigt sich ab 1816 auch als Herausgeber der Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“. In diesem Jahr stirbt seine Frau Christiane Vulpius. 1823 schließlich begegnet er in Karlsbad der 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Ihr stellt er einen Heiratsantrag, den sie jedoch ablehnt. Als Reaktion darauf entsteht die Marienbader Elegie.17 Darin entsagt Goethe endgültig der Jugend und Erneuerung. Als 1824 Heine, der etwa fünfzig Jahre jünger ist, Goethe besucht, wird er ihm als jungen Mann etwas res- sentimentgeladen gegenüberstehen.18

1831 schließlich wird Goethe „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“ abschließen. Weniger als ein Jahr später stirb Johann Wolfgang von Goethe am 22. März 1832 in Weimar.19

2.3. Zeitleiste (Visualisierung)

Um die zeitlichen Verhältnisse anschaulicher zu gestalten, wurden die Lebensdaten beider Autoren grafisch aufgearbeitet. Dabei sind zwei Bal- ken entstanden, die die jeweiligen Lebensdaten symbolisieren. Auf die Balken wurden wichtige Lebensdaten und Werke aufgetragen, so dass der Betrachter einen Eindruck über die zeitlichen Abläufe gewinnen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Zeitliche Zusammenhänge zwischen Goethe und Heine.20

3. Das Verhältnis Heines zu Goethe

Es ist allgemein bekannt, dass Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe sich ein einziges Mal trafen. Ein kurzer Besuch machte es Heine möglich, den „allgegenwärtigen Olympier“21 zu treffen. Nach einer kurzen Unterredung wies Goethe ihn kühl ab: „Haben Sie keine weiteren Geschäfte in Weimar, Herr Heine ?“ — „Mit meinem Fuße über die Schwelle Ew. Excellenz sind alle meine Geschäft ein Weimar beendet.“22

Ein scheinbar ungewöhnliches Treffen mit ungewöhnlichen Ausgang, wel- ches im späteren Teil dieses Abschnittes genauer betrachtet werden soll. Goethe genoss zur damaligen Zeit einen absoluten Kultstatus. Der Salon von Rahel Varnhagen war der einer unumstößlichen Goethe- Verehrerin. Einige Frauen, oft jüdischer Abstammung, betrieben derartige Ort des geistigen Feinsinns, in denen man sich als eine bedeutende Persönlichkei- ten mit Ebenbürtigen traf. Man trank zusammen etwas Tee und las aus mehr oder weniger neuen Werken vor, die man schließlich besprach. Diese Salons waren die Wirkungskreise jüdischer Frauen, die zweifach unter- drückt durch Religion und Geschlecht, in einer „privaten Öffentlichkeit“ hier die Möglichkeit hatten, etwas frei der gesellschaftlichen Normen zu unternehmen. In diesen Salons leben die „aufklärerischen Ideale von Gleichheit, Toleranz und Wahrheit in Beziehung und Gesprächen“.23 Sie sind ein Ersatz für die immer noch fehlende politische Öffentlichkeit. Ziegler vermutet in der Tatsache, dass diese Salons zudem ein Treffpunkt der Elite sind, die hohe Anziehungskraft auf Heine. Dieser war zwar poli- tisch und literarisch interessiert, jedoch gilt er auf Grund seiner Herkunft, seiner Religion und seines Studentenstatus zunächst als Außenseiter. Den- noch erfährt Heine Zutritt zu diesen Salons durch seine frühen literarischen Versuche. Er trifft hier die geistige Elite, und „lernt in Berlin alles kennen, was Rang und Namen hat.“24

3.1. Heines Verhältnis zu Rahel und Karl August Varn- hagen von Ense

3.1.1. Beschäftigung mit Goethe

Rahel Varnhagen wird zu einer kritischen Leserin Heines früher Werke. Durch Karl August Varnhagen von Ense, ihren Ehemann, wird es Heinrich Heine möglich, seine ersten Werke zu veröffentlichen und drucken zu lassen. Bei der Maurerschen Buchhandlung in Berlin erscheint der Band Gedichte im Dezember 1821.

Rahel Varnhagens Salon ist der vollkommenen und kritiklosen Goethever- ehrung geweiht. Das reizte Heine im Grunde zum Widerspruch. Dennoch: „Heines sehr kritisches Goethebild hat sich hier differenziert und ins Posi- tive gewandelt,“ schreibt Edda Ziegler.25 Heine blieb für sein schriftstelle- risches Überleben aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine andere Wahl:

Er musste sich der Goetheverehrung hingeben, wollte er sich es nicht über kurz oder lang mit Rahel Varnhagen verwirken. Ihr Mann stellte immerhin den Kontakt zur Maurerschen Buchhandlung her, in Rahels Salon lernte Heine alle weiteren wichtigen Persönlichkeiten kennen und sie beide konnte er schließlich in seiner Ankündigung bei Goethe erwähnen, die ihm eine gute Referenz erwiesen.

Rahel Varnhagen von Ense stellt ebenso wie ihr Mann Karl August eine Schnittstelle zwischen Goethe und Heine dar. Rahel Varnhagen lernt Johann Wolfgang von Goethe mehr oder weniger zufällig bei einem Kuraufenthalt in Karlsbad kennen.

Dabei war der Kontakt zu Goethe von Rahel seit langem erwünscht. Ihr Jugendfreund David Veit (1771- 1814) hatte Goethe schon einige Jahre zuvor getroffen und kannte den Dichterfürsten gut genug, um ihn für Rahel zu beschreiben. Sie erhielt von ihm eine Beschreibung bis in das kleinste Detail, so dass sie ihn sogar bei einer zufälligen Begegnung hätte erkennen können26.

Bereits vor ihrem Treffen hatte Rahel für Goethe große Bewunderung empfunden, was sich besonders in den Briefen an David Veit zeigt.27 Zu- sammen mit Friederike Unzelmann war Rahel nach Karlsbad gereist, nachdem Veit ihr in einem Brief im Sommer geschrieben hatte, dass sich Goethe zum einen dort aufhalten werde und zum anderen „ohne Zweifel begierig ist, die Unzelmann kennen zu lernen.“28 Neben diesen beiden soll- te auch noch die dänische Dichterin Friederike Brun dort weilen, schreibt David Veit an Rahel. Sie sei eine erfolgreiche Dichterin und Rahel hätte Gelegenheit, auch sie kennenzulernen. Für den 12. Juli 1795 vermerkt Friederike Brun, dass ein Treffen in geselliger Runde bei ihr stattgefunden habe, dem neben dem Geheimen Rat Goethe auch Rahel und Friederike Unzelmann beigewohnt hätten. Sie erwähnt Rahel noch als „die kleine

Levin“ unter ihrem Mädchennamen.29 Doch sowohl Goethe als auch Rahel hatten Vorinformationen über jeweils anderen gehabt. David Veit hatte schon bei seinem Treffen mit Goethe anno 1793 ihn über das Interesse Rahels an Goethes Werken informiert.30 Es scheint, als hätte Veit ein Treffen beider von langer Hand vorbereitet.

Sich der Goetheverehrung Rahels zunächst wahrscheinlich widerwillig hingebend schreibt Heine am 27. November 1824 „halb ironisch, halb bußfertig“31 an Rahels Bruder Robert32:

Sie können kaum glauben wie artig ich mich jetzt gegen Frau v. Varnhagen be- trage, — ich habe jetzt, bis auf eine Kleinigkeit, den ganzen Göthe gelesen !!! Ich bin jetzt kein blinder Heide mehr, sondern ein sehender. Göthe gefällt mir sehr gut.

Die Formulierung, er sei kein blinder Heide mehr, sondern ein sehender, mit der Auslassung des Wortes „Heide“ im Nebensatz, lässt erkennen, dass er sich wenigstens ein kleines Hintertürchen offenlässt. Ein Heide ist er demnach immer noch, nur ist er jetzt ein sehender. Heine scheint dem Goethekult nicht anhängen zu wollen, er will sich offenbar nicht der be- dingungslosen Anbetung des Dichterfürsten hingeben. Somit macht er also einen deutlichen Unterschied zwischen sich und Goethe und damit auch zwischen der jungen und der alten Generation. Immerhin ist er fast ein halbes Jahrhundert jünger als der alte Weimarer. Er befindet sich zwischen den Epochen: Einerseits ist die Zeit der durch Dramen geprägten Weima- rer Klassik vorüber, aus der sich die lyrische Romantik entwickelt. Ande- rerseits formen zunehmend kritische Autoren des jungen Deutschland ab etwa 1830 den Anspruch der Bürger auf politische Mitsprache in ihren Werken.

[...]


1 Heinrich Heine an J.W. v. Goethe am 29.12.1821. HSA XX, S. 46

2 Vgl.: Edda Ziegler: Heinrich Heine. Leben - Werk - Wirkung. Zürich 1993, S. 30

3 Vgl.: Ziegler: a.a.O., S. 26

4 Vgl.: Ziegler: a.a.O., S. 39f.

5 Vgl.: Ziegler, a.a.O., S. 53-58

6 Vgl.: Joseph A. Kruse (Hrsg.): Großer Mann im seidenen Rock. Heines Verhältnis zu Goethe. Stuttgart, Weimar 1999, S. 33

7 Kruse: a.a.O., S. 33

8 Vgl.: Maximilian Heine: Erinnerungen an Heinrich Heine und seine Familie. Berlin 1868, S. 123

9 Vgl.: Helmut Bachmeier: Goethe und seine Zeit. Salzburg 1982, S. 51

10 Vgl.: ebenda

11 Vgl.: Bachmeier: a.a.O., S.51

12 Bachmeier: a.a.O., S. 76

13 Vgl.: ebenda

14 Kruse: a.a.O., S. 25

15 Vgl.: ebenda

16 Vgl.: Kruse: a.a.O., S. 27

17 Vgl.: Kruse: a.a.O., S. 29

18 Jost Hermand: Von Mainz nach Weimar (1793- 1919). Stuttgart 1969, S. 132

19 Vgl.: Kruse: a.a.O., S. 29

20 Eigene Grafik. Siehe Anhang B.

21 Kruse: a.a.O., S. I

22 Maximilian Heine: a.a.O., S122f

23 Ziegler: a.a.O., S. 44

24 ebenda

25 Ziegler: a.a.O., S. 45

26 Vgl.: Konrad Feilchenfeldt: Goethe im Kreis seiner Berliner Verehrergemeinde. Frankfurt 1999, S. 202f.

27 Rahel Varnhagen: Gesammelte Werke. Bd. 7/2, München 1983, S. 163, Rahel an Veit am 9.8.1795.

28 ebenda, S.152 Anm. 7, Veit an Rahel , 5.6.1795

29 Vgl.: Feilchenfeldt: a.a.O., S. 203

30 ebenda

31 Walter Hinck: Der „große Jupiter“? Weimar 2001, S. 166f.

32 Heinrich Heine: Säkularausgabe: Werke, Briefe, Lebenszeugnisse. Berlin 1970-2001, Band XX, S. 123-126. (Künftig zitiert als HSA [Bd.-Nr.] )

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Heine von Göttingen - Heinrich Heines Goethe-Bild und sein Verhältnis zu Goethe
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Heinrich Heine
Note
1.5
Autor
Jahr
2002
Seiten
38
Katalognummer
V8577
ISBN (eBook)
9783638155120
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klüger, Goethe, Heine
Arbeit zitieren
Alexander Gehmlich (Autor), 2002, Heine von Göttingen - Heinrich Heines Goethe-Bild und sein Verhältnis zu Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8577

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Heine von Göttingen - Heinrich Heines Goethe-Bild und sein Verhältnis zu Goethe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden