Die divergierenden Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in George Bernard Shaws "Mrs Warren’s Profession"


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

2. Die Rolle der Frau als arbeitender Teil der Gesellschaft
2.1 Generelle Problematik von arbeitenden Frauen
2.2 Der aufkommende Typ der „New Woman“
2.3 Zwei Frauen – Zwei Charaktere
2.3.1 Kitty Warren als Geschäftsfrau allein unter Männern
2.3.2 Vivie Warren als Shaws Typ der „New Woman“

3. Die Problematik der Prostitution
3.1 Die generelle Situation der Prostituierten und Shaws Einstellung dazu
3.2 Kitty Warrens Leben und ihre Beweggründe für die Prostitution
3.3 Vivies Einstellung zur Prostitution

4. Der Mutter-Tochter-Konflikt
4.1 Die Beziehung beider Frauen bis zum „Happy End“ nach dem 2. Akt
4.2 Die Entwicklung bis zum endgültigen Bruch

5. Fazit in Bezug auf die Charaktere und auf Shaws Anliegen

Bibliographie

1. Einführung in die Thematik

George Bernard Shaws (1856-1950) Drama Mrs Warren’s Profession (1893-1894) gilt als sein erstes “full-length portrait of an Unwomanly Woman”[1] und wurde aufgrund seines Inhaltes zum zeitgenössischen Skandalstück. Nicht nur, dass Shaw sich generell für die Emanzipation der Frau einsetzte, er ging hier sogar soweit, „one of the most revolting abuses of contemporary society“[2] auf die Bühne zu bringen: die Prostitution. Zwar war die Thematik der „gefallenen Frau“ nicht generell neu, doch Shaws Aspekt, die Prostitution als „inevitable […] part of society“[3] und als „normales“ Business anzusehen, sorgte für allgemeines Entsetzen. Das Drama wurde als „morally rotten“[4] verschrien und geriet unter den „Bannspruch des Zensors“[5], wogegen sich Shaw mit aller Kraft wehrte. Denn bei diesem „satirisch-zeitkritischen Drama[]“[6] sollte die Bühne zur didaktischen Plattform werden, welche sowohl auf die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen in der Gesellschaft aufmerksam macht, als auch zeigt, dass „starvation, overwork, dirt, and disease are as anti-social as prostitution“[7].

Um diese Brisanz des Dramas verständlich zu machen, bietet es sich an, auf die einzelnen Themenbereiche näher einzugehen. Daher sollen im Folgenden zuerst die Lebensumstände der Hauptcharaktere Kitty und Vivie Warren in Bezug auf die zeitgenössische Situation erwerbstätiger Frauen erläutert werden, wobei dem Typus der „New Woman“ eine spezielle Bedeutung zukommt. Daraufhin werden anhand der historischen Problematik der Prostitution die divergierenden Lebensgeschichten und -einstellungen beider Frauen verdeutlicht, bevor schließlich der elementare Mutter-Tochter-Konflikt thematisiert wird. Von besonderem Interesse sind hierbei die figural explizite, sowie die auktorial explizite Figurencharakterisierung, anhand deren der Konflikt in seiner Zweiteilung rein textintern untersucht werden soll.

2. Die Rolle der Frau als arbeitender Teil der Gesellschaft

2.1 Generelle Problematik von arbeitenden Frauen

George Bernard Shaw erschuf mit Kitty und Vivie Warren zwei Charaktere, deren revolutionäre Bedeutung für das damalige Frauenbild erst vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Rollenverteilung verständlich wird. Denn bis zum Beginn der Industrialisierung (ca. 1770 in England, erst ab 1840 in Deutschland) wurde das Zusammenleben zwischen Mann und Frau noch durch klare Aufgabenverteilungen geregelt. Während der Mann als Versorger der Familie arbeiten ging, blieb der Frau nur die Rolle der Hausfrau und Mutter übrig, die sich zudem in allen Belangen ihrem Ehemann unterzuordnen hatte.

The inequality between the sexes was emphasized with regard to physical, intellectual and moral qualities. Woman was considered inferior to man in all these respects: she was lacking in strength of character, courage and perceptibility besides being physically weak and thus in need of man’s protection, and she was considered incapable of any high thinking.[8]

Der Frau wurde somit also nicht nur die Fähigkeit zu höherem Denken gänzlich abgesprochen, sondern ihr wurde auch jegliche Möglichkeit zu weiterführender Bildung genommen. Während man bei Jungen sehr auf „die Schulung von Verstand, Wissen und Willenskraft“[9] achtete, setzte man bei Mädchen „eher auf eine Heirat, auf Familiengründung, als auf eine kontinuierliche Erwerbstätigkeit“[10]. Anstatt also weiterführende Schulen zu besuchen, um später vielleicht einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf zu ergreifen, wurde „‘husband-hunting’, as Shaw named the activity“[11] für die Frauen zur einzig dringenden Notwendigkeit. Denn „they were forced to lead lives of idleness until they found husbands who could offer economic security and social position“[12], ganz nach der zeitgenössischen Überzeugung „die Frau gehöre in den Haushalt und nicht in den Betrieb“[13].

Diese klare Rollenverteilung beherrschte lange Zeit das gesellschaftliche Leben bis schließlich die Industrialisierung alle alt hergebrachten Einstellungen ins Wanken brachte und der Frau neue Perspektiven eröffnete. Allerdings bleibt festzuhalten, dass weibliche Erwerbstätigkeit trotz dieses Wandels nicht sofort bedingungslos in der Gesellschaft toleriert wurde. Eher das Gegenteil war der Fall, denn lange Zeit herrschten für Frauen „abominable working conditions“[14] und „society did not supply them“[15]. Daher waren es anfangs auch nur Frauen der, sozial gesehen, unteren Schichten, die als Bedienstete in den Häusern wohlhabender Leute oder in den Fabriken arbeiteten, weil sie auf den jeweiligen Hungerlohn angewiesen waren.[16] Doch immerhin bedeutete dies einen ersten Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die Frauen als gleichwertige Lebewesen ansieht und ihnen neue Rechte, wie eben die eigenständige Erwerbstätigkeit, einräumt.

Doch nicht nur im Bereich der Arbeit, auch in Bezug auf Erziehung und Bildung entstanden durch die industrielle Revolution neue Perspektiven für die Frau. „For girls of well-to-do families, who wanted higher education, conditions were more favourable at the end of the nineteenth century”[17], da sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass gebildete Frauen von größerem Nutzen für die Gesellschaft, in der sie leben, seien. Außerdem brachte die immer weiter fortschreitende Emanzipation der Frau auch die Überzeugung, dass „Woman’s duty to herself means development into an independent being by education“[18], denn nur wenn sie selbständig aus dem Schatten des Mannes heraustrat und ihr Leben selbst in die Hand nahm, konnte ein endgültiger Wandel einsetzten, der immer weiter weg führte „von einem Frauenbild, das von Männern bestimmt wird und den Mann als Maßstab für Gleichberechtigung nimmt.“[19]

Trotz aller positiven Veränderungen für das Privat- und Arbeitsleben der Frau bleibt allerdings festzuhalten, dass die Industrialisierung erst den Anfang gemacht hatte. Zur Lebzeit George Bernard Shaws waren zwar schon die ersten Grundsteine der Gleichberechtigung gelegt, doch den Frauen standen noch lange nicht alle Wege und Berufzweige offen, sondern sie waren weiterhin auf die ihrem Geschlecht zugeschrieben Fähigkeiten beschränkt. Dies galt auch für den Bereich der Bildung, da Frauen zwar mittlerweile auf weiterführenden Schulen zugelassen waren, dort aber noch eine gravierende Minderheit bildeten.

Zusammenfassend kann das Viktorianische Zeitalter (1837-1901) in England aber durchaus als Zeitalter des Wandels gesehen werden, das Frauen viele neue Perspektiven eröffnete, die es allerdings noch wahrzunehmen und durchzusetzen galt. Vor diesem Hintergrund lässt sich daher nun auch der revolutionäre Charakter von Shaws Frauenfiguren Kitty und Vivie Warren erklären, die beide einem Frauenbild entsprechen, welches gerade erst im Entstehen begriffen war.

2.2 Der aufkommende Typ der „New Woman“

Die bereits erwähnten Veränderungen in Bezug auf das Frauenbild seit dem Beginn der Industrialisierung verhalfen den Frauen allerdings nicht nur zu einem neuen Verständnis ihrer bisherigen Rolle, sondern schufen auch den Raum für einen komplett neuen Frauentypus, der in England vor allem unter dem Begriff der „New Woman“ für Furore sorgte. Zuvor wurden Frauen durchgehend auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert, doch gegen Ende des Jahrhunderts begann sich das weibliche Geschlecht zunehmend gegen diese Unterdrückung zu wehren. „The New Woman was christened in 1894“[20] und mit diesem Namen verbanden sich auch schnell die Forderungen nach „proper education and employment opportunities for women“[21].

Allerdings waren „widespread attacks on the New Woman“[22] vorerst die Folge. Einerseits waren die Männer nämlich nicht bereit, ihr Monopol als Versorger der Familie und arbeitender Teil der Gesellschaft freiwillig aufzugeben bzw. zu teilen, denn

if the New Woman was constructed as a threat to women’s role as the mothers of the British Empire, then she was also, more generally, regarded as a threat to the economic supremacy of bourgeois men in Britain, and this was certainly another factor which contributed to the spite with which she was condemned.[23]

Andererseits entstand auch relativ schnell die Sorge, dass dieser neue, selbstbewusste und eigenständige Frauentypus „a threat to the institution of marriage”[24] sein könnte, da “large numbers of unmarried women would threaten the image of women as dependent and protected”[25]. Wobei festzuhalten bleibt, dass diese Sorge durchaus berechtigten Ursprungs war, denn „the New Woman began to speak on her own behalf“[26] und konzentrierte sich fortan vor allem auf ihre eigene Karriere, durch den Glauben bestärkt, dass eine unverheiratete Frau, gleich einem Mann, durchaus in der Lage sei, ein erfülltes und vor allem selbständiges Leben zu führen.[27]

Selbstredend, dass mit dem Auftauchen des Typus der „New Woman“ daher auch die Diskussion über die Bildung von Frauen einen neuen Höhepunkt erreichte. Frauen forderten nicht mehr nur das generelle Recht auf Erwerbstätigkeit, sondern auch den Zugang zu weiterführender Bildung, um zunehmend auch besser bezahlte und höher angesehene Berufe ergreifen zu können. Diese Bemühungen fruchteten schließlich darin, dass „the principle of secondary education for girls had been firmly established by the last decade of the nineteenth century. The same was true of higher education.”[28]

[...]


[1] Sonja Lorichs. 1973. The unwomanly woman in Bernard Shaw’s drama and her social and political

background. Stockholm: Rotobeckman. 35.

[2] Sonja Lorichs. „The ‘unwomanly woman’ in Shaw’s drama.“ In: Rodelle Weintraub (Hg.). 1977. Fabian

Feminist. Bernard Shaw and woman. Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press. 101.

[3] Lorichs. 1973. 46.

[4] Anonymous. 1905. „Review of Mrs Warren’s Profession.“ In: Sandie Byrne (Hg.). 22002. George Bernard

Shaw’s plays. New York/London: W.W. Norton. 443.

[5] Horst Oppel. „George Bernard Shaw: Mrs. Warren’s Profession. “ In: Horst Oppel (Hg.). 1963. Das

moderne englische Drama. Interpretationen. Berlin: Erich Schmidt Verlag. 17.

[6] Ebd. 16.

[7] George Bernard Shaw. 1902. „The Author’s Apology.“ In: Sandie Byrne (Hg.). 22002. George Bernard

Shaw’s plays. New York/London: W.W. Norton. 9.

[8] Lorichs. 1973. 21.

[9] Herta Däubler-Gmelin. „Chancen-Gleichheit einst und jetzt. Erwerbstätigkeit und

Bildungsmöglichkeiten von Frauen.“ In: Willy Brandt (Hg.). 1978. Frauen heute. Jahrhundertthema

Gleichberechtigung. Köln / Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt. 122.

[10] Ebd. 127.

[11] Lorichs. 1973. 24.

[12] Lorichs. 1977. 99.

[13] Willy Brandt. „Hundert Jahre nach August Bebel. Ein Bestseller dient der Gleichberechtigung.“ In: Willy

Brandt (Hg.). 1978. Frauen heute. Jahrhundertthema Gleichberechtigung. Köln / Frankfurt am Main:

Europäische Verlagsanstalt. 32.

[14] Lorichs. 1973. 51.

[15] Ebd. 51.

[16] Vgl. Ebd. 24.

[17] Ebd. 52.

[18] Ebd. 31.

[19] Brandt. 1978. 12.

[20] Sally Ledger. 1997. The New Woman. Fiction and feminism at the fin de siècle. Manchester: University Press. 9.

[21] Ebd. 12.

[22] Ebd. 10.

[23] Ebd. 19.

[24] Ebd. 11.

[25] Ebd. 11.

[26] Ledger. 1997. 10.

[27] Vgl. Ebd. 12.

[28] Ebd. 17.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die divergierenden Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in George Bernard Shaws "Mrs Warren’s Profession"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
G.B. Shaw: Ausgewählte Dramen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V85851
ISBN (eBook)
9783638018487
ISBN (Buch)
9783656449225
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Klar strukturierte, inhaltlich überzeugende Arbeit, die geringfügige stilistische und formale Unsicherheiten aufweist
Schlagworte
Lebenseinstellungen, Mutter, Tochter, George, Bernard, Shaws, Warren’s, Profession, Shaw, Ausgewählte, Dramen
Arbeit zitieren
Janine Gruschwitz (Autor), 2004, Die divergierenden Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in George Bernard Shaws "Mrs Warren’s Profession", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85851

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