George Bernard Shaws (1856-1950) Drama Mrs Warren’s Profession (1893-1894) gilt als sein erstes “full-length portrait of an Unwomanly Woman” und wurde aufgrund seines Inhaltes zum zeitgenössischen Skandalstück. Nicht nur, dass Shaw sich generell für die Emanzipation der Frau einsetzte, er ging hier sogar soweit, „one of the most revolting abuses of contemporary society“ auf die Bühne zu bringen: die Prostitution. Zwar war die Thematik der „gefallenen Frau“ nicht generell neu, doch Shaws Aspekt, die Prostitution als „inevitable […] part of society“ und als „normales“ Business anzusehen, sorgte für allgemeines Entsetzen. Das Drama wurde als „morally rotten“ verschrien und geriet unter den „Bannspruch des Zensors“, wogegen sich Shaw mit aller Kraft wehrte. Denn bei diesem „satirisch-zeitkritischen Drama[...]“ sollte die Bühne zur didaktischen Plattform werden, welche sowohl auf die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen in der Gesellschaft aufmerksam macht, als auch zeigt, dass „starvation, overwork, dirt, and disease are as anti-social as prostitution“.
Um diese Brisanz des Dramas verständlich zu machen, bietet es sich an, auf die einzelnen Themenbereiche näher einzugehen. Daher sollen im Folgenden zuerst die Lebensumstände der Hauptcharaktere Kitty und Vivie Warren in Bezug auf die zeitgenössische Situation erwerbstätiger Frauen erläutert werden, wobei dem Typus der „New Woman“ eine spezielle Bedeutung zukommt. Daraufhin werden anhand der historischen Problematik der Prostitution die divergierenden Lebensgeschichten und -einstellungen beider Frauen verdeutlicht, bevor schließlich der elementare Mutter-Tochter-Konflikt thematisiert wird. Von besonderem Interesse sind hierbei die figural explizite, sowie die auktorial explizite Figurencharakterisierung, anhand deren der Konflikt in seiner Zweiteilung rein textintern untersucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Die Rolle der Frau als arbeitender Teil der Gesellschaft
2.1 Generelle Problematik von arbeitenden Frauen
2.2 Der aufkommende Typ der „New Woman“
2.3 Zwei Frauen – Zwei Charaktere
2.3.1 Kitty Warren als Geschäftsfrau allein unter Männern
2.3.2 Vivie Warren als Shaws Typ der „New Woman“
3. Die Problematik der Prostitution
3.1 Die generelle Situation der Prostituierten und Shaws Einstellung dazu
3.2 Kitty Warrens Leben und ihre Beweggründe für die Prostitution
3.3 Vivies Einstellung zur Prostitution
4. Der Mutter-Tochter-Konflikt
4.1 Die Beziehung beider Frauen bis zum „Happy End“ nach dem 2. Akt
4.2 Die Entwicklung bis zum endgültigen Bruch
5. Fazit in Bezug auf die Charaktere und auf Shaws Anliegen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die divergierenden Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in George Bernard Shaws Drama "Mrs Warren's Profession". Ziel ist es, die gesellschaftliche Stellung der Frau im Viktorianischen Zeitalter zu beleuchten und den Mutter-Tochter-Konflikt vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Auslegung des "New Woman"-Typus zu analysieren.
- Die historische Rolle der Frau und der aufkommende Typus der „New Woman“
- Soziale und ökonomische Hintergründe der Prostitution im Viktorianischen Zeitalter
- Die Charakterisierung von Kitty und Vivie Warren als selbstbewusste Geschäftsfrauen
- Analyse des Mutter-Tochter-Konflikts und der Dynamik zwischen den Generationen
Auszug aus dem Buch
3.2 Kitty Warrens Leben und ihre Beweggründe für die Prostitution
Zwar ist ihre unmoralische Berufstätigkeit stets im Drama präsent und durchgehend Anlass von Anspielungen (u.a. „you know the reason“ MWP, 29; „you needn’t put on any moral airs“ MWP, 33), aber „the question of Mrs Warren’s profession comes to a head in the second act“65, wenn sie sich vor ihrer Tochter Vivie rechtfertigen muss. Doch Mrs. Warren entgegnet den Vorwürfen ihrer Tochter nicht mit dem Versuch, etwas zu verbergen oder gar ungeschehen zu machen. Sie erzählt ganz einfach die Geschichte ihres Lebens. Und dieses Leben als solches ist wahrer und überzeugender, als es jedes noch so scharfsinnig formulierte Argument sein könnte. Diese Szene stellt das ‘Herz’ des Dramas dar.66
Kitty Warren hatte in ihrem Leben nämlich – wie schon erwähnt – nur die Möglichkeit sich in die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen zu fügen oder sich gegen die Diskriminierung zu wehren, indem sie sich ihren eigenen Weg suchte. Daher ergriff sie auch ohne große Überlegungen, die einmalige Gelegenheit zu einem wohlhabenden, eigenständigen Leben, die ihr ihre Schwester Liz bot. Die Prostitution ist für Kitty demnach also „a business decision, not a lustful fall: she goes into it as an exercise of choice, not a consequence of seduction.“67 Dies wird vor allem auch in ihrem Gespräch mit Vivie deutlich, worin sie beteuert, dass sie all das nicht getan hat, weil sie es mochte oder für richtig hielt, sondern weil eine Frau in keinem anderen Geschäft die Möglichkeit hat, genug Geld zu verdienen, um ihrer Armut zu entfliehen (Vgl. MWP, 37-39).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Das Kapitel stellt das Drama als zeitgenössisches Skandalstück vor und erläutert die Absicht des Autors, die schlechten Lebensbedingungen von Frauen durch die Thematisierung der Prostitution aufzuzeigen.
2. Die Rolle der Frau als arbeitender Teil der Gesellschaft: Es werden die historischen Rollenbilder des Viktorianischen Zeitalters analysiert und die Entstehung des Frauentypus „New Woman“ als Reaktion auf diese Beschränkungen diskutiert.
3. Die Problematik der Prostitution: Dieses Kapitel untersucht die gesellschaftliche Tabuisierung der Prostitution und stellt Kitty Warrens berufliche Entscheidung als eine ökonomisch motivierte Notwendigkeit dar.
4. Der Mutter-Tochter-Konflikt: Hier wird die komplexe Beziehung zwischen Kitty und Vivie Warren analysiert, die nach einer kurzen Annäherung in einem endgültigen Bruch endet.
5. Fazit in Bezug auf die Charaktere und auf Shaws Anliegen: Das Fazit fasst zusammen, wie Shaw durch seine Protagonistinnen zeitgenössische Probleme der Frau thematisiert und das Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und ökonomischer Realität verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Mrs Warren’s Profession, George Bernard Shaw, New Woman, Prostitution, Mutter-Tochter-Konflikt, Viktorianisches Zeitalter, Emanzipation, Frauenbild, Arbeit, Geschlechterrollen, Unabhängigkeit, Gesellschaftskritik, Vivie Warren, Kitty Warren, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in Shaws Drama „Mrs Warren’s Profession“ und wie diese im Kontext des damaligen Frauenbildes stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Rolle der arbeitenden Frau im 19. Jahrhundert, das Konzept der „New Woman“, die historische Problematik der Prostitution und die Dynamik im Mutter-Tochter-Verhältnis.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Shaw durch seine Charaktere die gesellschaftlichen Probleme der Frau seiner Zeit auf die Bühne bringt und diese in einen kritischen Diskurs einbettet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Untersuchung, die sich auf Textanalysen der Dialoge und auf eine interdisziplinäre Einbettung in historische sowie soziologische Kontexte stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des „New Woman“-Typus, die Hintergründe der Prostitution im Drama und die schrittweise Eskalation des Konflikts zwischen den beiden Hauptfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem „New Woman“, „Prostitution“, „Emanzipation“, „Frauenbild“ und „Gesellschaftskritik“.
Warum wird Kitty Warren als „New Woman“ bezeichnet?
Obwohl ihre Tätigkeit im Prostitutionsgewerbe kontrovers ist, entspricht sie dem Typus durch ihre ökonomische Unabhängigkeit, ihre Entschlossenheit und ihren Bruch mit der traditionellen passiven Frauenrolle.
Warum kommt es am Ende des Dramas zum endgültigen Bruch zwischen Mutter und Tochter?
Der Bruch erfolgt, weil Vivie erkennt, dass ihre Mutter trotz finanzieller Sicherheit weiterhin freiwillig im Prostitutionsgewerbe tätig bleibt, was Vivie mit ihrem eigenen moralischen Anspruch an ein selbstbestimmtes Leben nicht vereinbaren kann.
- Arbeit zitieren
- Janine Gruschwitz (Autor:in), 2004, Die divergierenden Lebenseinstellungen von Mutter und Tochter in George Bernard Shaws "Mrs Warren’s Profession", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/85851